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Hans Maier {*}

"Es fehlt ein gemeinsames Europagefühl"

Ein Gespräch mit Hans Maier über Europa und das Christentum

 

Aus: Herder Korrespondenz, 2/2007, S. 70-75

 

    Ende März wird das fünfzigjährige Jubiläum der Römischen Verträge gefeiert. Auch die Kirchen werden sich dabei zu Wort melden. Aber was bedeutet das Christentum heute noch für das vereinte Europa? Darüber sprachen wir mit Hans Maier, zuletzt Inhaber des Münchner "Guardini-Lehrstuhls" für christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie. Die Fragen stellte Unrich Ruh.

 

HK: Herr Professor Maier, das bevorstehende Jubiläum der Römischen Verträge von 1957 lenkt den Blick auf die Anfänge des europäischen Einigungsprozesses und damit auch auf die ursprünglichen Antriebe für das europäische Projekt. Welche Rolle haben christliche Impulse dabei gespielt?

Maier: Es waren überwiegend katholische Politiker, die die europäische Integration ausgelöst haben: Alcide de Gasperi, Konrad Adenauer und Robert Schuman, der sicher als eigentlicher Vater des vereinten Europas zu betrachten ist. Dass sie katholisch waren, hat dazu beigetragen, dass sie eine gemeinsame Sprache fanden, dass sie gemeinsame politische Ziele hatten, dass sie in einer Zeit, in der fast allen Politikern das nationale Hemd näher war als der europäische Rock, auch eine gemeinsame Vorstellung von der Zukunft Europas hatten. Robert Schuman war nicht nur praktizierender Katholik, sondern

 


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ging sogar jeden Morgen zur Messe; de Gasperi war in ähnlicher Weise vom Glauben geprägt. Konrad Adenauer, vielleicht weniger "heilig" als seine beiden Mitstreiter, hatte doch klare Grundsätze und hielt am Naturrecht und an der christlich geprägten Soziallehre fest.

 

"Die Christdemokraten hatten eine Vision, wie Europa aussehen sollte"

HK: Die Protagonisten und ihre persönliche Bindung an das Christentum sind eine Sache. Aber wie steht es mit dem europäischen Projekt als solchem? War es nicht von Anfang an eine ausgesprochen profane Angelegenheit?

Maier: Sicher. Man begann ja mit der Montanunion, der Verschmelzung der französischen und deutschen Kohle- und Stahlproduktion. Aber diese Union traf damals einen Nerv: Selbst Rudolf Augstein, beileibe kein Freund der Christdemokraten, sprach im Spiegel von einem "Meistercoup" Robert Schumans. Indem man die zentrale Rivalität in den damals wirtschaftsbeherrschenden Bereichen beendete, wurden nach der Überzeugung von Adenauer und Schuman künftige Kriegsgründe ausgeräumt, wurde dem Frieden eine Bahn gebrochen. In den folgenden Jahren hat man versucht, der europäischen Integration ein paar politische Stäbe einzuziehen, was dann zu den Römischen Verträgen führte. Sie standen am Ende der hoffnungsvollen Gründungsphase der europäischen Integration.

HK: In ihr waren vor allem christdemokratische Parteien in den verschiedenen Ländern die treibenden Kräfte. Wäre das vereinigte Europa überhaupt in die Gänge gekommen ohne den Beitrag der Christdemokraten?

Maier: Das ist zu bezweifeln. Denn die sozialistischen und liberalen Kräfte konnten damals mit Europa wenig anfangen, die Sozialisten noch weniger als die Liberalen. Die christliche Demokratie, die seinerzeit nicht nur in Deutschland und Italien, sondern auch in Frankreich stark war, bildete eine Nova im europäischen Parteiensystem, nicht gebunden an die Vergangenheit, auch nicht in gleichem Maß an nationalstaatliche Rücksichten wie andere Parteien. So konnte diese neue Kraft Zeichen setzen. Die "Nouvelles Equipes Internationales", das erste europäische Parteibüro der christlichen Demokraten, befand sich in Brüssel. Man griff damals sogar nach Osteuropa aus. Die Europapolitik spielte in der Programmatik der christ-demokratischen Parteien also eine große Rolle.

HK: Warum war das eigentlich so? Gab es in den Nachkriegsjahren einen besonderen Kairos für europäisches Engagement, den die Christdemokraten genutzt haben?

Maier: Sie hatten eine Vision, wie Europa aussehen sollte. Man hatte gerade das von Hitler und den Nazis beherrschte Europa erlebt, man sah als Gegenentwurf im Osten das von Stalin beherrschte Reich. Es war seinerzeit ja fraglich, ob es zwischen dem Ostblock und den Vereinigten Staaten überhaupt noch ein handlungsfähiges Europa geben konnte. Angesichts dieser Situation setzten die Christdemokraten mit ihrer europäischen Vision auf die christlichen Traditionen Europas, verbunden mit denen des Humanismus und der Aufklärung. Robert Schuman sagte einmal, Europa suche sich und wisse dabei, dass seine Zukunft in seinen eigenen Händen liege. Es dürfe seine Schicksalsstunde nicht verpassen. Eine solche Äußerung macht deutlich, wie sehr seinerzeit das Politische und die religiöse Idee eines "christlichen Europa" zusammenwirkten.

HK: Das hat sich aber offensichtlich bald geändert. Wenn nicht alles täuscht, haben die Menschen das vereinte Europa vor allem deshalb akzeptiert, weil es wirtschaftliche Prosperität mit sich brachte, ohne sich über ideelle Fragen der europäischen Einigung viel Gedanken zu machen.

Maier: Die wirtschaftliche Einigung, die ursprünglich Mittel zum Zweck sein sollte, wurde in den siebziger und achtziger Jahren zum Selbstzweck. Aber dann kam der Zusammenbruch des Kommunismus, und damit stellte sich nach 1990 die Frage: Wohin soll es mit Europa eigentlich gehen? So gibt es seit den neunziger Jahren eine sich intensivierende Diskussion über die Grundlagen und Ziele Europas, die in die Arbeit des Europäischen Grundrechtskonvents und in den Verfassungsprozess mündete. Es war noch relativ einfach, sich über europäische Grundrechte zu verständigen. Dagegen ist man bis heute nicht mit der Frage zu Rande gekommen, wie das sich ständig erweiternde Europa noch handlungsfähig gehalten werden kann. Die Regelungen, die der Verfassungsvertrag dazu vorsieht, liegen auf Eis, solange nicht klar ist, was aus der europäischen Verfassung wird. Bislang arbeiten wir in Europa ja noch nach den Bestimmungen des Nizza-Vertrags.

HK: Das vereinte Europa ist jedenfalls nach wie vor ein ungemein kompliziertes Gebilde, das nicht zur Identifikation einlädt, sondern eher durch seine Bürokratie abschreckt. Sieht so eine Erfolgsgeschichte aus?

Maier: Die Situation ist bunt und vielfältig, wie ja auch die europäischen Staaten in ihrer Geschichte und Politik. Auf der einen Seite erlebt gerade die junge Generation, dass Europa offen ist, dass man auch mit Hilfe europäischer Programme überall arbeiten oder studieren kann. Die großen Erfolge der europäischen Integration sind wirklich der Binnenmarkt und

 


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der Euro, den man nur als ausgesprochenen Glücksfall bezeichnen kann. Möglicherweise wäre es heute gar nicht mehr möglich, ihn durchzusetzen! Allerdings entspricht diesen Errungenschaften noch kein gemeinsames Europagefühl. Es müsste ja zunächst einmal seinen Ausdruck finden in einer Solidarität, vor allem zwischen West- und Osteuropa. Leider ist der Osten auch fünfzehn Jahre nach der Wende noch nicht voll im Westen angekommen.

HK: Wie ließe sich das ändern? Wer hat hier vor allem eine Bringeschuld?

Maier Es käme in nächster Zeit darauf an, eine innereuropäische Diskussion über Grundlagen und Ziele Europas herbeizuführen. Dafür gibt es durchaus Ansatzpunkte. Als seinerzeit der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld versuchte, Europa in ein "altes" und ein "neues" Europa auseinander zu nehmen, haben es Jürgen Habermas und andere unternommen, gemeinsame europäische Grundsätze herauszuarbeiten. Auch die jüngst erschienene Geschichte Europas von Tony Judt ist ein Versuch, die Eigentümlichkeiten Europas zwischen dem untergegangenen Sowjetreich einerseits und dem amerikanischen Pragmatismus und Fundamentalismus andererseits genauer zu bestimmen. In diesem Zusammenhang müsste auch die Bedeutung des Faktors Religion für die europäische Identität zur Sprache kommen.

 

"Die Fundamente Europas liegen vor aller Augen"

HK: Aber gerade die Arbeit an der europäischen Verfassung hat gezeigt, dass es dabei um ein heißes Eisen geht.

Maier: Bei einigen Staaten gibt es erhebliche Aversionen gegen das Wort "christlich", gegen das Wort "Religion" überhaupt. Dabei liegen doch die Fundamente Europas vor aller Augen. Frankreich hat beantragt, alle seine Kathedralen in das Verzeichnis des Weltkulturerbes aufzunehmen, und das ist doch weiß Gott ein religiöses, ein christlich architektonisches Erbe! Aber gleichzeitig hat Frankreich bei der Diskussion über die Präambel der europäischen Verfassung sein Veto gegen die Erwähnung der christlichen Vergangenheit - und Gegenwart! Europas eingelegt. Das zeigt, dass in Teilen Europas fast eine Schizophrenie in dieser Frage herrscht, dass zumindest die Diskussion darüber nicht richtig in Gang kommt. Es gibt zwar von Politikern formulierte Positionen, gerade auch aus dem französischen Laizismus, aber keine intellektuelle Auseinandersetzung über die Vergangenheit und Zukunft Europas.

HK: Die USA verstehen sich als "nation under god", der öffentliche Diskurs ist selbstverständlich religiös gefärbt. Demgegenüber steht in Europa die Rede vom "christlichen Europa" schnell unter einem Ideologieverdacht. Warum haben sich die Dinge so sehr auseinander entwickelt?

Maier: In der Schrecksekunde nach dem Zusammenbruch von 1945 war in Europa plötzlich alles "christlich", fanden christliche Ideen in der Öffentlichkeit einen breiten Widerhall, auch die Idee des Naturrechts. Man kann das gerade an der Rechtsprechung unserer obersten Gerichte in der unmittelbaren Nachkriegszeit sehen. Das ist schwächer geworden, wie auch die Rede vom "Abendland" fast untergegangen ist. Als erratischer Block ist noch die Verleihung des Karlspreises in Aachen davon übrig geblieben, eine Erinnerung an das alte karolingische Europa. Heute spricht man allenfalls von religiösen, "Werten", die es zu bewahren gelte, wobei dieser Begriff problematisch ist, versucht er doch die geistige Sphäre mit einem wirtschaftlichen Begriff zu fassen.

HK: In kirchlichen Stellungnahmen zur gegenwärtigen Situation Europas wird immer wieder vor einem Laizismus gewarnt, der ein Europa ohne Gott anziele, die Religion aus dem öffentlichen Leben möglichst verdrängen wolle. Sind solche Warnungen und Befürchtungen nicht aufs Ganze gesehen stark übertrieben?

Maier Man muss auf jeden Fall genauer hinsehen. Es gibt auch Tendenzen, die in eine andere Richtung gehen. In Frankreich als dem Ursprungsland des Laizismus findet sich in der Verfassung die Bestimmung, dass der Staat keinen Kult "anerkennt, finanziell fördert und unterstützt". Aber dieses Postulat ist mehrfach durchbrochen worden. Das zeigen schon die Schulgesetze nach dem Zweiten Weltkrieg, die eine finanzielle Unterstützung der kirchlichen Schulen vorsehen, und von den Kandidaten für die bevorstehende Präsidentenwahl hat sich zumindest Nicolas Sarkozy dafür ausgesprochen, an den öffentlichen Schulen Grundkenntnisse über Religion zu vermitteln. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit französischen Freunden, dass in der intellektuellen Welt durchaus über die Grenzen des Laizismus diskutiert wird. Nur die Politik hält mit einer gewissen Starre an den alten Positionen fest, wie übrigens auch ein Teil der kirchlichen Führung.

HK: Nun gibt es ja in Europa nicht nur den Laizismus französicher Prägung, sondern auch andere Grundformen des Verhältnisses von Religion und öffentlicher Ordnung. Inwieweit erfordert ein vereintes Europa zumindest auf längere Sicht hier eine gewisse Konvergenz?

Maier: Es gibt in Europa zwei gegensätzlich Pole: den von Frankreich ausgehenden Laizismus einerseits und die enge Verbindung von Staat und Kirche vor allem in der Tradition der russischen Orthodoxie, die unter Präsident Putin heute wieder lebendig ist. Dazwischen liegen viele andere Formen, etwa die der deutschsprachigen Länder, Italien und Spanien. Sie verbinden die institutionelle Trennung von Kirche und Staat mit der Bereitschaft zur Kooperation. Der Staat mischt sich nicht ein in das, was die Kirche tut, aber er erkennt die Relevanz dieses Tuns an. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Zwischenformen in Europa mehr Zukunft haben als die

 


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Extreme, die aus dem alten Cäsaropapismus und dem alten Laizismus als seinem Gegenstück stammen.

 

"Die Argumente für den Gottesbezug sind so gewichtig, dass sie eine Wiedervorlage verdienen"

HK: Dann müsste eigentlich in der Frage des Gottesbezugs und der Erwähnung des christlichen Erbes in der europäischen Verfassung noch etwas zu machen sein, nachdem die Kirchen mit ihren entsprechenden Vorstößen bisher keinen Erfolg hatten.

Maier: Ich habe die Hoffnung, dass sich die harte französische Ablehnungsposition lockert, wenn auch nicht in unmittelbarer Zukunft. Gleichzeitig muss man sehen, dass auch die Kirchen Europas nicht in dem Zustand sind, der die Politik dazu genötigt hätte, sich auf diese Fragen intensiver einzulassen. Schon die Stellungnahmen aus den katholischen Ländern Europas waren sehr unterschiedlich; man kann es bei den Bischöfen, aber auch bei den katholischen Laienvertretern miterleben. Im europäischen Laienforum kamen zwar immer Mehrheiten für den Gottesbezug zustande, aber sie waren knapp. Die Franzosen, aber auch die Belgier und die Katholiken aus den skandinavischen Ländern stimmten immer dagegen. Immerhin ist in der Europäischen Union seit dem Vertrag von Amsterdam der Status der Kirchen und weltanschaulichen Gemeinschaften geschützt. Dort heißt es, die Union achte den Status, den Kirchen und weltanschauliche Gemeinschaften in ihren Mitgliedsländern nach deren Rechtsvorschriften genießen. Das ist zumindest eine Absage an eine vereinheitlichende europäische Religionspolitik.

HK: Die deutsche Ratspräsidentschaft will Wege aus der europäischen Verfassungskrise finden. Wird man sich dabei auch die Präambel noch einmal vornehmen?

Maier: Man wird sich bei der Wiederaufnahme der Debatte über die Verfassung auf das Machbare konzentrieren, also die Regierungsfähigkeit Europas in den Blick nehmen. Man wird vielleicht auch den Grundrechtsteil noch einmal bestätigen, der ja in seinen Grundzügen nicht strittig ist. Dass man die Präambel nochmals aufdröseln wird, halte ich für eher unwahrscheinlich. Es wäre den Versuch allerdings wert. Insofern ist es zu begrüßen, dass die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland in dieser Sache an einem Strang ziehen. Die Argumente für einen Gottesbezug sind so gewichtig, dass sie eine Wiedervorlage durchaus verdienen.

HK: Und welches sind die entscheidenden Argumente?

Maier Ich erinnere hier an das vor einigen Jahren erschienene sehr lesenswerte Buch von Joseph Weiler, einem amerikanischen Juden, über das christliche Europa. Weiler weist darauf hin, dass die Konstitution der europäischen Demokratie in der Französichen Revolution mit einer Abwehr der kirchlichen Ansprüche verbunden war. Das war historisch durchaus verständlich, aber - so Weiler - diese Zeiten sind lange vorbei. Und in der heutigen Welt der wiederkehrenden Religion auf allen Kontinenten sei das ein überholter Standpunkt. Zum anderen erinnert Weiler daran, dass jede Verfassung, die diesen Namen verdient und nicht nur eine vorübergehende Momentaufnahme der Beziehungen zwischen unterschiedlichen Partnern ist, einen zentralen Gedanken braucht. In der europäischen Verfassung wird aber das, was in Europa an religiöser Tradition, aber auch an aktiver, gelebter Religiosität vorhanden ist, bisher unangemessen ausgeblendet.

HK: Derzeit ist vom "christlichen Europa" vor allem dort die Rede, wo man den Islam in Europa als Bedrohung der europäischen Identität betrachtet. Auch Zeitgenossen, die bisher nicht als überzeugte Christen aufgefallen sind, holen plötzlich das christliche Abendland aus der Versenkung. Was ist davon zu halten?

Maier: Es handelt sich um ein merkwürdiges Phänomen. Ich betrachte mit einer Mischung von Staunen und Belustigung gewisse Kollegen, die kaum mehr wieder zu erkennen sind! Die verbreitete Unsicherheit in Bezug auf den Islam hat allerdings einen realen Hintergrund: Es gibt Länder in Europa, in denen der Islam kaum eine Rolle spielt, oder in denen er seit langem auf eine sehr souveräne Weise verfassungsmäßig eingegliedert ist, wie zum Beispiel in Österreich. Dagegen sind die Schwierigkeiten mit dem Islam dort am größten, wo ein aktiver Laizismus wie in Frankreich oder eine gewisse religiöse Gleichgültigkeit wie bei uns in Deutschland mit den religiösen Ansprüchen muslimischer Mitbürger zusammenstoßen. Es muss doch nicht nur auf militante, sondern auf ganz normale Muslime einen verheerenden Eindruck machen, wenn jede Woche eine christliche Kirche geschlossen oder verkauft wird, während gleichzeitig neue Moscheen gebaut werden. Da verfestigt sich dann der Eindruck, das Christentum sei hoffnungslos auf dem Rückzug.

 

"Dem Laizismus gehört die Zukunft nicht"

HK: Dagegen hilft eine Dialogverweigerung gegenüber den Muslimen ebenso wenig wie christlicher Defätismus

Maier: Wenn ich nach Vorträgen stereotyp gefragt werde, was dagegen zu tun wäre, dass das Christentum immer schwächer und der Islam immer stärker wird, antworte ich stets: Dann müsst ihr die Kirchen füllen und die christliche Botschaft von den Dächern rufen! Es braucht gleichzeitig das Gespräch mit dem Islam, allerdings auf einer ganz deutlich umrissenen Basis. Bekanntlich hat der türkische Ministerpräsident Erdogan der Europäischen Union vorgehalten, Europa sei nach wie vor ein "Christenclub". Man sollte ihn beim Wort nehmen:

 


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Das Gespräch mit dem Islam wäre leichter, wenn Europa wirklich ein "Christenclub" wäre. Man hätte dann im Gespräch eine Auseinandersetzung auf gleicher Augenhöhe. Ein wenig davon war jetzt beim Besuch Benedikts XVI. in der Türkei zu spüren. Auf so etwas müssten wir insgesamt hinsteuern, anstatt ängstliche Abwehr zu treiben oder den Rückzug in den Laizismus zu propagieren. Dem Laizismus gehört die Zukunft nicht.

HK: Halten Sie es für wahrscheinlich, dass in Europa einerseits die religionsrechtlichen Probleme mit dem Islam zurfrieden stellend gelöst werden und es andererseits zu einem gedeihlichen gesellschaftlichen und religiösen Miteinander kommt?

Maier: Das hängt nicht zuletzt von der Ausgangssituation in den verschiedenen europäischen Ländern ab. In Deutschland haben wir es mehrheitlich mit türkischstämmigen Muslimen zu tun: militante Strömungen spielen hier eine geringere Rolle. Insofern ist die Konstellation für Gespräche mit den muslimischen Gruppen, wie sie jetzt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble mit seiner "Islamkonferenz" angestoßen hat, wie sie aber auch die EKD und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken unternehmen, eher günstig. Die bestehenden Probleme sollten sich mit Mitteln des Rechts lösen lassen. Glücklicherweise gibt es in Deutschland keinen Krieg der Konfessionen und der Religionen wie in Nordirland oder im ehemaligen Jugoslawien, wo ja seinerzeit Kirchen angezündet und Moscheen gestürmt wurden.

 

"Jeder schließt sich in sein konfessionelles Haus ein"

HK: Der Islam ist für die meisten europäischen Länder eine neue Herausforderung. Demgegenüber ist die konfessionelle Vielfalt für das europäische Christentum seit langem kennzeichnend. Inwieweit macht sich diese Vielfalt im Prozess der europäischen Einigung noch bemerkbar?

Maier: Der Protestantismus greift weit nach Norden und nach Westen aus, und dieser geographische Schwerpunkt wird auch bleiben. Deshalb wird es sich mit dem europäischen Einigungsprozess auch weiterhin schwerer tun als der Katholizismus. Dieser, ohnehin in den Gründerstaaten des vereinten Europa die führende Konfession, ist durch die Erweiterung Europas nach Osten und die damit verbundenen neuen Handlungsmöglichkeiten für die Katholiken als europäischer Faktor nochmals gestärkt worden. Die Orthodoxen wiederum müssen ihre Position zu Europa erst noch finden; sie sind häufig noch in einer traditionellen Abwehrhaltung gegenüber dem Westen befangen. Man muss allerdings sagen, dass in den orthodoxen Kirchen der beiden neuen Beitrittsländer Rumänien und Bulgarien diese Haltung wesentlich weniger ausgeprägt ist als in der serbischen oder in der russischen Orthodoxie.

HK: Was wäre dann zu tun, dass das Christentum gerade in seiner Vielgestaltigkeit im vereinten Europa als religiöse Kraft neu ins Spiel kommt?

Maier: Dazu muss der Lernprozess zum einen innerhalb der einzelnen Konfessionen weitergehen, die ja jeweils ihren spezifischen Blick auf Europa haben, von dem her sie ihren Beitrag für das europäische Projekt leisten können. Zum andern braucht es einen entsprechenden Prozess zwischen den Konfessionen, zur gegenseitigen Bereicherung wie Korrektur. Das ist sicher noch ein langer Weg. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. war ein Prophet, als er von den beiden Lungenflügeln sprach, mit denen Europa atmen müsse, und als er Kyrill und Methodius einerseits und Edith Stein anderseits zu neuen Patronen Europas erhob. Wichtig wäre, dass auch die europäischen Intellektuellen diese Thematik aufgreifen. Manche sind dafür durchaus offen, aber im Ganzen bewegt Europa die Menschen noch zu wenig; jeder schließt sich in sein nationales, aber auch in sein konfessionelles Haus ein, und aus diesen verschiedenen Häusern wird nicht so schnell ein Haus Europa werden.

HK: So wenig wie eine christliche Politik überhaupt gibt es auch eine christliche Europapolitik. Aber christliche Impulse haben das vereinte Europa mitgeprägt und könnten dies auch weiterhin. Auf welchen Feldern wäre das besonders sinnvoll?

Maier: In erstaunlichem Maß hat sich beispielsweise das Subsidiaritätsprinzip als europäisches Gestaltungselement durchgesetzt. Es ist ja auch lebenswichtig für ein Europa, das nicht ein Superstaat werden soll, aber gleichzeitig handlungsfähig werden will. Das Subsidiaritätsprinzip galt früher einmal als katholisches Reservat; heute steht es in allen europäischen Verträgen. Man hat hier erkannt, dass die Katholiken etwas bewahrt haben, was sinnvoll ist und der Zentralisierung durch den Nationalstaat die Spitze nimmt auch der Zentralisierung durch ein geeintes Europa. Ein weiterer Punkt ist das Soziale: Wenn in Europa noch einmal etwas kommen soll wie die Renaissance einer sozialen Marktwirtschaft, dann bedarf es der fördernden und unterstützenden Mitwirkung der Christen und der Kirchen. Denn auch die andere Grundposition einer Marktwirtschaft "ohne Adjektive" hat in Europa ihre Befürworter. Schließlich könnte die europäische Politik von der Kirche lernen, wie man unterschiedliche kulturelle Profile erhalten und gleichzeitig eine übergreifende politische Einheit schaffen kann.

HK: Sollte man überhaupt noch vom christlichen Europa sprechen? Ist das mehr als eine Wunschvorstellung, die mit der Realität nicht viel zu tun hat?

Maier: Wenn man Kurzformeln sucht, wird man Europa gewiss nicht ohne seine christliche Vergangenheit und Gegenwart definieren können. Insofern mag man vom christlichen

 


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Europa sprechen, aber man sollte es in Anführungszeichen setzen. Denn als Traditionsbegriff allein wäre es nicht stark genug, in der gegenwärtigen Welt allen Anforderungen standzuhalten. Wenn es allerdings von innen her mit neuem Leben erfüllt werden könnte, wenn es wirklich so etwas geben könnte wie eine Neuevangelisierung, würde ich mich darüber freuen. Dann käme man wieder auf das Gesetz der Anfänge zurück, denn entstanden wäre das vereinte Europa nicht ohne seine Väter, und die waren fest im christlichen Glauben verwurzelt.

 

    {*}Hans Maier (geb. 1931), von 1962 bis 1987 Professor für politische Wissenschaft in München; von 1970 bis 1986 bayrischer Kultusminister; 1988 bis 1999 Inhaber des Münchner "Guardini-Lehrstuhls" für christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie.

 

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