Martin Maier SJInkulturation
Aus: Stimmen der Zeit, 8/2007, S. 505f
Aus verschiedenen Richtungen ist in jüngster Zeit die Frage der Inkulturation, der Einwurzelung der christlichen Botschaft in die unterschiedlichen Kulturen ins Blickfeld getreten. Papst Benedikt XVI. vertrat in seiner Eröffnungsrede der Fünften Vollversammlung des lateinamerikanischen Episkopats am 13. Mai 2007 in Aparecida die Auffassung, den Ureinwohnern sei durch die Christianisierung keine fremde Kultur aufgezwungen worden. Dem wurde vor allem seitens indigener Vereinigungen Lateinamerikas heftig widersprochen. Der Papst differenzierte dann in einem Rückblick auf seine Brasilienreise, daß es bei der Evangelisierung Lateinamerikas Licht und Schatten gegeben habe. Jetzt erwähnte er die Leiden, Ungerechtigkeiten, Menschenrechtsverletzungen und die "durch nichts zu rechtfertigenden Verbrechen", die mit der Eroberung Lateinamerikas einhergegangen waren. In der am 15. März 2007 veröffentlichten Notifikation der Glaubenskongregation zur Christologie von Jon Sobrino SJ ist eine wesentliche Frage die der Kontextualisierung und der Inkulturation der Theologie. Sobrinos zentrales Anliegen ist es, eine Christologie von der Wirklichkeit Lateinamerikas her und aus der Perspektive der Opfer zu entwerfen. Dies ist vergleichbar mit dem Prozeß in der frühen Kirche, die biblische Botschaft im Kontext der hellenistischen Kultur und Fragestellung neu auszusagen. Schließlich war die Liturgiereform im Anschluß an das Zweite Vatikanische Konzil auch eine Form der Inkulturation. Das Konzil gestand den Ortskirchen ihre "eigene Disziplin", einen "eigenen liturgischen Brauch" und ein "eigenes theologisches Erbe" zu (LG 23). Ausdrücklich wurde festgestellt, daß die Kirche, " an keine besondere Form der menschlichen Kultur ... gebunden ist", sondern daß sie vielmehr einen "lebhaften Austausch" mit "den verschiedenen nationalen Kulturen" sucht (GS 42; 44). Es war Pedro Arrupe SJ (1907-1991), der frühere Generalobere der Gesellschaft Jesu, der in die katholische Kirche den Begriff der Inkulturation eingeführt hat: "Inkulturation ist die Inkarnation des christlichen Lebens und der christlichen Botschaft in eine bestimmte Kultur hinein, und zwar in der Weise, daß diese Erfahrung sich nicht nur in Formen ausdrückt, die der betreffenden Kultur eigen sind (das wäre nur eine oberflächliche Anpassung), sondern so, daß sie zum Prinzip einer neuen Inspiration wird, zur Richtschnur und zur einigenden Kraft zugleich, die diese Kultur umwandelt und neu schafft. Die Inkulturation steht so am Beginn einer Neuschöpfung." Der theologische Schlüssel für das Verständnis von Inkulturation ist die Inkarnation: Gott läßt sich auf diese Welt, auf ihre Geschichte und auf eine ganz bestimmte
506Kultur ein. So ist letztlich Jesus Christus selbst das Modell für die Inkulturation. Wirkliche Inkulturation des christlichen Glaubens bedeutet, daß dieser die Kultur beseelt, verwandelt und erneuert. Damit werden weder die christliche Botschaft noch die betreffende Kultur unverändert bleiben: Etwas Neues entsteht. Bildlich läßt sich dies mit einem Samenkorn vergleichen. Normalerweise ist das Keimen eines Samenkorns an bestimmte klimatische Bedingungen und Bodenverhältnisse gebunden. Doch das Samenkorn des Evangeliums kann in den unterschiedlichsten Kulturen keimen und wachsen, und es wird jeweils eine andere Pflanze und andere Früchte hervorbringen. Ein anderes Bild für ein inkulturiertes Christentum ist für Arrupe das "in vielen Farben leuchtende Kleid der kulturellen Wirklichkeit des einen Pilgervolkes Gottes". Einen schönen Ausdruck hat die Synthese zwischen der christlichen Botschaft und der indigenen Kultur Lateinamerikas in der braunen Madonna von Tepeyac in Mexiko gefunden. Der Überlieferung zufolge soll im 16. Jahrhundert Juan Diego, einem christlich gewordenen Indio, eine Frau erschienen sein, die die Sprache der Eingeborenen sprach und die Gesichtszüge der Mestizen hatte. Dies ist der Ursprung des großen Marienheiligtums von Guadalupe, in dem der Konflikt zwischen Spanien und den indigenen Kulturen symbolisch zu einem Ausgleich gekommen ist. Inkulturation setzt voraus, daß Gottes Geist in allen Kulturen wirkt und daß jede Kultur das Evangelium annehmen und aufnehmen kann. Eine weitere Voraussetzung ist, daß keine Kultur einer anderen von vornherein als überlegen angesehen und daß das Christentum in seiner westlich-abendländischen Gestalt nicht als normativ für andere Kulturräume vertreten wird. Schließlich darf keine bestimmte Kultur als perfekt angesehen und keine Gestalt des christlichen Glaubens absolut gesetzt werden - auch nicht die römische. Damit steht das Thema der Inkulturation im größeren Zusammenhang des Verhältnisses von Universalkirche und Ortskirchen, von päpstlichem Primat und bischöflicher Kollegialität. Diese Frage hat noch immer keine zufriedenstellende Lösung gefunden und war vor einigen Jahren sogar Gegenstand einer "freundschaftlichen Auseinandersetzung" zwischen den Kardinälen Joseph Ratzinger und Walter Kasper. Eine größere Selbständigkeit der Ortskirchen war vom Konzil ausdrücklich gewollt. Doch der römische Zentralismus hat nach dem Zweiten Vatikanum wieder zugenommen. Die katholische Kirche steht seit jeher in der Spannung von kultureller Pluralität und Bewahrung der Einheit. Diese Spannung einseitig aufzulösen, würde den Lebensnerv der Kirche treffen. Das Verständnis der Kirche als Einheit in Vielfalt ist vom Pfingstereignis inspiriert. Menschen aus allen Völkern hören die Apostel das Evangelium in ihren jeweiligen Muttersprachen verkünden. Hier ereignet sich zum ersten Mal die Inkulturation der Frohen Botschaft in unterschiedliche Sprachen und Kulturen - vom Heiligen Geist gewollt und geleitet. Damit bleibt die Kirche jung und lebendig. Eine Rückkehr in die alte Uniformität wäre ein Rückschritt.
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