Martin Maier SJFünfte Generalversammlung des CELAM
Aus: Stimmen der Zeit, 5/2007, S. 289f.
Vom 13. bis 31. Mai 2007 wird im brasilianischen Marienwallfahrtsort Aparecida die Fünfte Generalversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) stattfinden. Sie steht unter dem etwas umständlich formulierten Thema "Jünger und Missionare Jesu Christi - damit unsere Völker in Ihm das Leben haben. 'Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.' (Joh 14,6)". Zu dem Kirchentreffen werden mehr als 270 Delegierte erwartet, darunter 170 Kardinäle und Bischöfe aus 22 lateinamerikanischen Bischofskonferenzen. Eröffnet wird die Vollversammlung von Papst Benedikt XVI., der ausdrücklich gewünscht hatte, daß diese in Brasilien stattfindet. Wie in den früheren Generalversammlungen dürften in Aparecida wichtige Weichenstellungen für die Kirche auf dem Subkontinent vorgenommen werden, die mehr als die Hälfte der Katholiken weltweit umfaßt. Entsprechend groß sind die Erwartungen. Aparecida schreibt sich in den größeren Zusammenhang der vier vorausgehenden Generalversammlungen ein. Das wichtigste Ergebnis von Rio de Janeiro 1955 war die Gründung der CELAM, mit dem die Grundlage für eine größere Eigenständigkeit der lateinamerikanischen Kirche geschaffen wurde. Von historischer Bedeutung war 1968 die Versammlung in Medellín, die in kreativer Weise das Zweite Vatikanum auf die Situation Lateinamerikas umsetzte. Die Bischöfe brachten die unmenschliche Situation der Armut der Mehrheit der Menschen auf dem Subkontinent mit dem Befreiungswillen Gottes in Verbindung. Aus dem Glauben und auf der Grundlage der Bibel zogen sie daraus die Konsequenz der Option für die Armen. Die Bischofsversammlung und die zu dieser Zeit entstandene Theologie der Befreiung befruchteten sich wechselseitig. Entscheidend für diesen kirchlichen Neuaufbruch waren auch die vor allem in Brasilien in großer Zahl entstandenen kirchlichen Basisgemeinden. Der Standortwechsel, der sich mit der Option für die Armen verband, führte zu Spannungen und Konflikten mit den herrschenden Oligarchien, die bislang die Kirche auf ihrer Seite wußten. Auch die USA betrachteten die Beschlüsse von Medellín als eine Bedrohung ihrer Interessen in Lateinamerika. Die Folge war, daß seither Hunderttausende wegen ihres im christlichen Glauben begründeten Einsatzes für die Gerechtigkeit ermordet wurden. Auch innerkirchlich kam es zu einer Spannung zwischen Gegnern und Befürwortern von Medellín. Diese Spaltung prägte die Folgekonferenzen in Puebla (1979) und Santo Domingo (1992). In der Vorbereitung von Puebla gab es eine Gruppe von Bischöfen um den damaligen Generalsekretär des Lateinamerikanischen Bischofsrates und heutigen Kurienkardinal Alfonso Lopéz Trujillo, die eine Verurteilung der Theologie der Befreiung, eine zentralistische Kontrolle der Basisgemeinden und
290eine Abschwächung der Option für die Armen erreichen wollte. Die Befreiungstheologen waren zwar offiziell von einer Mitarbeit in Puebla ausgeschlossen, doch sie konnten trotzdem ihren Einfluß auf die Redaktion des Schlußdokumentes geltend machen. Schließlich bestätigte Puebla die Grundentscheidungen von Medellín. Die Spannung zwischen römischen Zentralismus und ortskirchlicher Autonomie bestimmte die Vorbereitung und den gesamten Ablauf der Versammlung von Santo Domingo im Jahr 1992. Zwar enthielt auch das Schlußdokument dieser Konferenz eine klare Bestätigung der Option für die Armen und betonte die Kontinuität mit Medellín und Puebla. Doch statt der bewährten Methode nach dem Dreischritt "Sehen - urteilen - handeln" wurde eine deduktive Methode angewandt, die von einem abstrakten theologischen Grundschema ausging, in das dann die lateinamerikanischen Problem eingefügt wurden. Heute steht die katholische Kirche in Lateinamerika unter dem Druck der sogenannten evangelikalen Sekten. Dabei handelt es sich um aggressiv missionarische, neoprotestantische Bewegungen charismatischer und pfingstlerischer Prägung, die häufig aus den USA finanziert werden. Der frühere Erzbischof von São Paulo und heutige Kurienkardinal Claudio Hummes OFM hat vor kurzem darauf hingewiesen, daß in Brasilien jährlich ein Prozent der Katholiken zu Sekten überläuft. Hätten die Katholiken im größten katholischen Land der Erde 1991 noch 83 Prozent der Bevölkerung gestellt, so sei ihr Anteil mittlerweile auf 67 Prozent gesunken. So soll von Aparecida ein kontinentweiter Missionsplan organisiert werden. Doch unter welchen theologischen und pastoralen Vorzeichen? Das erste Vorbereitungsdokument für die Versammlung wurde von verschiedenen Seiten scharf kritisiert. Darin kommen nämlich die vielen Märtyrer der vergangenen Jahrzehnte, die Basisgemeinden, die zentrale Stellung des Reiches Gottes und die Theologie der Befreiung überhaupt nicht vor. Für den bolivianischen Bischof Nicolás Castellanos Franco bedeutet das einen Bruch mit der prophetischen Tradition der früheren Vollversammlungen. Ein denkbar schlechtes Signal im Vorfeld von Aparecida ging von der am 15. März 2007 von der Glaubenskongregation veröffentlichten Notifikation zur Christologie von Jon Sobrino SJ aus. Abgesehen von der theologischen Fragwürdigkeit der gegen Sobrino erhobenen Vorwürfe fühlten sich in Lateinamerika all diejenigen mitbetroffen, die in ihrem häufig lebensgefährlichen Einsatz für die Armen von den Schriften Sobrinos inspiriert sind. Eigentlich wurde die Theologie der Befreiung ja schon lange totgesagt. Doch so lange in Lateinamerika 209 Millionen Menschen in Armut und 81 Millionen im Elend leben, so lange die 500 reichsten Menschen über ein höheres Einkommen verfügen als die Hälfte der Gesamtbevölkerung, so lange wird und muß es auch eine Theologie der Befreiung geben. Die Versammlung von Aparecida hätte die Chance, den Eindruck zu zerstreuen, daß diejenigen, die sich in Lateinamerika theologisch und pastoral für die Armen einsetzen, unter vatikanische Kuratel gestellt werden.
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