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Ulrich Ruh

Ist Gott im Kommen?

 

Aus: Herder-Korrespondenz, 11/2007, S. 541-43

 

"Der Kampf um Gott" - so überschrieb der "Spiegel" einen Artikel zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Auch andere Medien registrierten, wie sehr in diesem Jahr die deutschen Bestsellerlisten von Titeln geprägt sind, die im weitesten Sinn religiöse Themen ansprechen oder sogar die Gottesfrage anpacken, vom Jesusbuch des Papstes über Hape Kerkelings Pilgertagebuch und die Klostererlebnisse von Veronika Peters bis zu "Gott" von Manfred Lütz einerseits und dem "Gotteswahn" von Richard Dawkins, andererseits. Dazu kommen noch weitere einschlägige Neuerscheinungen, die es nicht in die literarischen Charts schaffen, aber den Eindruck verstärken, hier gebe es so etwas wie einen - sei es überraschenden, sei es erwartbaren - Trend.

Die gegenwärtigen Probleme Europas könnten nicht gelöst werden, wenn nicht Gott wieder seinen Platz im Leben des Kontinents finde. Das betonte Kardinal Giovanni Battista Re, Präfekt der vatikanischen Bischofskongregation, bei der Vollversammlung des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) Anfang Oktober im portugiesischen Marienwallfahrtsort Fatima. Damit hat er ein Deutungsschema aufgegriffen, das sich auch sonst bei manchen europäischen Kirchenvertretern großer Beliebtheit erfreut. Das grundlegende Übel unserer Zeit besteht diesem Schema zufolge darin, dass man Gott aus Staat, Gesellschaft und Öffentlichkeit verbannt hat oder sogar aktiv verbannen möchte. Frei nach einem neuen geistlichen Lied, das mit dem Satz beginnt: "Es geht ohne Gott in die Dunkelheit".

Gott kommt also offensichtlich wieder ins Gespräch und gleichzeitig wird sein Fehlen mehr oder weniger heftig beklagt. Heißt das, dass sich die geistige Situation Europas zunehmend zuspitzt zu einer Auseinandersetzung für und wider Gott? Oder sind die heute zu beobachtenden Phänomene letztlich nur oberflächliches Gekräusel, rhetorische Schaukämpfe in einem Umfeld, in dem die Gottesfrage für viele, wenn nicht sogar für die meisten Zeitgenossen nicht zu den wirklich bedrängenden Problemen gehört?

 

Verstärkte Aufmerksamkeit für die Gottesfrage

Auch in früheren Zeitabschnitten der Moderne gab es sehr unterschiedliche Schattierungen in der Einschätzung und Behandlung der Gottesfrage. Das zeigt beispielsweise der Blick auf die europäische Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In den großen Romanen von Dostojewskij wird immer wieder in dramatischen Dialogen um Gott gerungen, werden Grundfragen von Glauben und Unglauben sehr direkt thematisiert. Im etwa gleichzeitigen Romanwerk von Theodor Fontane dagegen ist von einem solchen Ernst wenig zu spüren, begegnet Religiöses eher beiläufig - unauffällig als Teil der subtil abgebildeten und besprochenen Lebenswirklichkeit von Adligen wie kleinen Leuten.

Heute ist von der Leidenschaft Dostojewskijs im Umgang mit der Gottesfrage in öffentlichen Debatten wie privaten Diskussionen wenig zu spüren, aber auch die anspielungsreiche, nuancierte Diskretion, mit der Fontane - oder auf seine Weise auch Thomas Mann - das Thema angehen, ist für die unsere Zeit nicht charakteristisch. Typisch ist vielmehr eine Mischung aus kurzlebigem medialem Hype und verbreiteter Unsicherheit, die sich nicht zuletzt aus der mangelnden Vertrautheit mit traditionellem Sprachmaterial in Form etwa von Gebeten

 


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und Kirchenliedern, aber auch theologisch-philosophischer Begrifflichkeit speist.

Die Rahmenbedingungen für eine verstärkte Aufmerksamkeit für die Gottesfrage sind im Europa der Gegenwart in mancher Hinsicht günstig. So können überall die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften ihre Botschaft von Gott und seiner Bedeutung für das menschliche Leben ungehindert verkünden und aktiv für sie werben, sowohl im gemeindlichen Binnenraum wie in der allgemeinen Öffentlichkeit. Das war vor wenigen Jahrzehnten noch nicht in allen Teilen Europas so; in den kommunistischen Ländern konnten sich die Kirchen im öffentlichen Raum gar nicht oder nur sehr eingeschränkt artikulieren. Es wurde vom herrschenden System eine Weltanschauung propagiert, für die die Gottesfrage ein Relikt aus vergangenen Zeiten und Kirche höchstens noch als Bewahrerin des nationalen Erbes interessant war.

Heute gibt es in Europa nicht nur keinen staatlich verordneten oder zumindest geförderten Atheismus mehr. Eine bewusst atheistische Weltanschauung pflegen quer durch den Kontinent nur Minderheiten, die überdies ohne großen öffentlichen Einfluss sind. Es ist, überspitzt gesagt, in Europa nicht chic, bekennender Atheist zu sein; der selbstverständliche "Volksatheismus" in der ehemaligen DDR und Teilen der Tschechischen Republik kommt normalerweise nicht aggressiv-missionarisch daher.

Das ist für diejenigen, die die Frage nach Gott wach halten wollen, allerdings nur begrenzt Grund zur Beruhigung. Denn das Schwächerwerden atheistischer Ideologien lässt einen Grundzug der modernen Welt wieder stärker ins Bewusstsein treten, der nicht nur ihre Strukturen prägt, sondern auch das allgemeine Bewusstsein: Die großen Wirklichkeitsbereiche begründen sich längst nicht mehr religiös - oder staatsideologisch -, sondern aus ihren eigenen Gesetzlichkeiten und der daraus folgenden Dynamik.

Das gilt für den Staat insofern, als er nicht auf eine bestimmte Religion als weltanschauliches Fundament verpflichtet ist, sondern im Rahmen seiner Verfassungsordnung den verschiedenen Religionen freies Spiel lässt. Das ist so in Republiken wie in Monarchien, ungeachtet traditioneller staatskirchlicher Reste in England oder Skandinavien. Es gilt auch für die Wirtschaft, die inzwischen überall in Europa - unter staatlich gesetzten Rahmenbedingungen - im freien Spiel der Kräfte funktioniert. Dass es immer wieder Streit darüber gibt, welches Maß an einzelstaatlichen oder europäischen Regeln sinnvoll ist und wo man besser den Marktgesetzen freien Raum lässt, ist eine notwendige Begleiterscheinung dieser grundsätzlichen Autonomie wirtschaftlichen Handelns.

Auch das komplexe System Wissenschaft ist zwar keinesfalls frei von staatlichen und noch mehr von wirtschaftlichen Einflüssen und Eingriffen. Aber nach ihrem Selbstverständnis gehorcht Wissenschaft keinen anderen Direktiven als ihrer eigenen Logik der Forschung, geschehe diese im naturwissenschaftlichen oder geisteswissenschaftlichen Bereich. Sie gewinnt ihre öffentliche Reputation daraus, dass sie für ihre Einsichten als Ergebnis einer nur der Sache verpflichteten Forschung gerade stehen kann, frei von ideologischen Einflüssen jedwelcher Art.

 

Die großen Lebensbereiche funktionieren ohne Gott

Und schließlich die Kunst: Regisseure, Schriftsteller, Musiker, bildende Künstler lassen ihrer Kreativität freien Lauf - und ecken gelegentlich auch an oder werden von der Kritik bestraft. Kein staatlicher und noch weniger kirchlich-religiöser Kulturkommissar entscheidet darüber, mit welchen Romanen oder Theaterstücken Künstler sich der Öffentlichkeit präsentieren. Trends können sich bilden und wieder verschwinden, künstlerische Vorlieben wechseln, Feuilletons versuchen für das Publikum einen Überblick zu verschaffen.

Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur funktionieren strukturell heute "ohne Gott", auch wenn einzelne oder sogar viele Akteure aus religiösen Antriebskräften heraus ans Werk gehen. Diese von religiösen Vorgaben strukturell losgelöste Eigenlogik der großen Wirklichkeitsbereiche ist eine zum Teil mühsam durchgesetzte Errungenschaft der Moderne, ist ein Stück Säkularisierung im guten Sinn, auch wenn sie ihrerseits wieder Fragen und Probleme aufwirft.

Auf solche Probleme möchten auch kirchliche Stimmen aufmerksam machen, die vor einer Loslösung der Kunst von der Transzendenz, vor einem "Staat ohne Gott" oder vor einer Wissenschaft warnen, die die Offenheit für letzte Fragen verloren habe beziehungsweise zu verlieren drohe. Aber sie tun das oft mit einem unzureichenden Problembewusstsein. Sie stellen sich vor allem nicht genügend der Frage, wie denn unter den Bedingungen der Moderne ein "Staat mit Gott" oder eine "Gesellschaft mit Gott" aussehen könnte, der kein Zwangssystem wäre oder die bürgerlichen Freiheiten beschränken müsste. Nur hartgesottene katholische Traditionalisten sehnen sich ja nach einem christlichen Staat oder einer kirchlich zensurierten Kultur zurück - Francospanien oder der kurzlebige "Êtat français im unbesetzten Frankreich unter Marschall Pétain lassen grüßen.

Dagegen hilft nur, von kirchlicher beziehungsweise christlicher Seite noch einmal über die Bücher zu gehen und sich die heutige Situation für die Gottesfrage mit all ihren Ambivalenzen klar vor Augen zu stellen. Statt nostalgischen Träumen nachzuhängen oder in blinde Ressentiments zu flüchten, wäre es notwendig, die Chancen entschlossen und konzentriert zu ergreifen, die sich daraus ergeben.

Hier ist einmal die Theologie gefordert. Sie hütet wie auch die Philosophie einen reichen Schatz von Denkfiguren und Ansät-

 


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zen aus ihrer langen Geschichte, aus dem sich auch heute Argumente für Gott und gegen seine Bestreiter gewinnen lassen. Sie muss das Gespräch mit heutiger Philosophie und ihren Ansätzen des Gottdenkens suchen. Sie muss dieses Geschäft immer in dem Bewusstsein betreiben, dass der "Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" nicht mit dem Gott der Philosophen gleichgesetzt werden kann, dass die beiden Zugänge zu Gott aber auch nicht auseinandergerissen werden dürfen, was beiden ohne Zweifel zum Nachteil gereichen würde.

 

Die Kirche darf ihrer Gottesbotschaft nicht im Weg stehen

Theologie wird auch dort gebraucht, wo es um die Begegnung der Religionen mit ihren spezifischen Gottesbildern und um die gedankliche Auseinandersetzung zwischen ihnen geht - eine Aufgabe, die im zukünftigen, in einem neuen Sinn multireligiösen Europa noch wichtiger werden dürfte. Es geht dabei um die Auseinandersetzung mit dem Gottesbild des Islam, aber auch mit den Gottesvorstellungen in den großen Religionen Asiens, die in Europa durchaus ihre Sympathisanten haben.

Die christliche Gottesrede ist - im Guten und im weniger Guten - nie ganz von den real existierenden Kirchen und ihrer Geschichte zu lösen. Ihre Gegner beziehen ihr Arsenal schon immer und gerade auch heute aus vermeintlichen oder wirklichen Verfehlungen in der langen Geschichte der Kirchen, halten ihnen vor, durch Intoleranz, Scheinheiligkeit und eklatantes Versagen ihre Botschaft von Gott unglaubwürdig gemacht, sich als ernst zu nehmende Gesprächspartner selbst disqualifiziert zu haben.

Aber auch der wohlmeinende Betrachter der Szene kommt nicht um die Einsicht herum, dass in der heutigen Gesellschaft sich die Blicke schnell auf die Kirche(n) richten, wo es um Zugänge zum Gott des Christentums geht. Zwar kann sich der Glaube an den Gott Jesu Christi durchaus auch außerhalb der sichtbaren Kirche Bahn brechen, aber das ist sicher nicht der Normalfall. Schließlich braucht gelebter Glaube seinen Rückhalt im Gottesdienst, in der geprägten Frömmigkeit und im kirchlichen Bekenntnis, auch wenn er sich mit diesen Größen nicht einfach kritiklos identifizieren muss.

Die Kirche muss gerade unter den gegenwärtigen Bedingungen alles dafür tun, damit sie ihrer Gottesbotschaft möglich wenig im Weg steht. Dazu gehört, ihre Verkündigungs- und Verlautbarungssprache immer wieder darauf zu überprüfen, ob sie dem Geheimnis Gottes und der Unverfügbarkeit seiner Offenbarung in Jesus Christus genügend Rechnung trägt. Das bedeutet in jedem Fall den Verzicht auf oberflächliches Geschwätz und frommen Jargon, das Bemühen um gedankliche Klarheit und die Sensibilität für den jeweiligen Adressaten. Wo es um den "einzigen Trost im Leben und im Sterben" (Frage 1 des Heidelberger Katechismus) geht, verbietet sich jede gedankliche wie sprachliche Nachlässigkeit.

Das um so mehr, als in Teilen unserer Gesellschaft tatsächlich so etwas wie eine neue Offenheit für Religiöses im allgemeinen und auch - wenn auch bisher weniger ausgeprägt - für den christlichen Glauben im besonderen zu beobachten ist. Möglicherweise hängt die Aufmerksamkeit für den "neuen Atheismus" damit zusammen: Man möchte sozusagen der Religion nicht kampflos das Feld überlassen. Dazu kommt als weiterer, nicht zu unterschätzender Faktor die zunehmende öffentliche Präsenz des Islam in Europa, die den - leider oft einseitigen oder sogar verzerrten - Blick auf das Christentum als die europäische Geschichte und Kultur prägende religiöse Kraft lenkt. Es wäre aber ausgesprochen schade, würden in diesem Zusammenhang Bedrohungsängste im "christlichen Abendland" weiter an Boden gewinnen. Der Gott des Christentums will um seiner selbst willen angenommen und verehrt werden, nicht aus Trotz angesichts der vermeintlichen Stärke anderer Religionen.

 

Christen haben gute Karten

Niemand kann verlässliche Prognosen darüber abgeben, wie sich die Dinge religiös in Europa in den nächsten Jahren oder gar Jahrzehnten entwickeln. Sicher ist allerdings: Letztlich kommt es beim gegenwärtigen "Kampf um Gott" in der Öffentlichkeit wie im Privaten hierzulande und in ganz Europa auf den Einzelnen an, und das wird auch so bleiben.

Am glaubwürdigen Zeugnis des Einzelnen hängt die Glaubwürdigkeit der Kirche und ihrer Gottesbotschaft in der Öffentlichkeit, nur über den Einzelnen ist die sehr zu wünschende produktive Einwirkung des christlichen Glaubens auf die verschiedenen, strukturell säkularen Lebensbereiche vorstellbar, von der Politik bis zur Kultur. Dass es nötig sein wird, diese Einzelnen zu vernetzen, steht auf einem anderen Blatt. Zur Glaubwürdigkeit gehören dabei jedenfalls Artikulations- und Ausdrucksfähigkeit, auch wenn es damit nicht getan ist, damit wirklich der Funke überspringen und der immer kritisch angefragte christliche Gottesglaube seine helfende und befreiende Wirkung tun kann.

Der mühsam zustande gekommene neue Vertrag, mit dem sich die Europäische Union größere Handlungsfähigkeit sichern will, wird wie der gescheiterte Verfassungsvertrag keinen Gottesbezug enthalten und auch nicht das christliche Erbe Europas ausdrücklich nennen. Die Auseinandersetzungen über diese beiden Punkte in den letzten Jahren haben ein realistisches Bild von den Stärken und Schwächen des Christentums in Europa ergeben, haben auch deutlich gezeigt, dass der christliche Glaube ganz und gar nicht selbstverständlich und unumstritten ist. Das sollte Christen aber nicht schrecken. Sie haben in der Auseinandersetzung um Sinn und Auswirkungen des Glaubens an Gott auf jeden Fall gute Karten.

 

Link to 'Public Con-Spiration for the Poor'