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Alexander Foitzik /Josef Sayer {*}

"Nicht von den Armen separieren"

Ein Gespräch mit dem Hauptgeschäftsführer von Misereor

 

Aus: Herder-Korrespondenz, 11/2007, S. 557-561

 

    Als vor fast fünfzig Jahren das Bischöfliche Hilfswerk Misereor gegründet wurde, war das Pionierarbeit. Was der strikte Ansatz bei der Hilfe zur Selbsthilfe konkret bedeutet und wie die Partner in den Kirchen der Südkontinente Profil und Arbeit des Werkes geprägt haben, darüber sprachen wir mit Misereor-Hauptgeschäftsführer Josef Sayer. Die Fragen stellte Alexander Foitzik.

 

HK: Herr Professor Sayer, im letzten Jahr hat Misereor seinen Partnern im Süden einen Betrag von 147 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, für den 1419 Projekte in über 80 Ländern bewilligt werden konnten. Als Misereor vor jetzt fast fünfzig Jahren gegründet wurde, konnte niemand wissen, was aus dem mit der Armutsbekämpfung betrauten bischöflichen Hilfswerk einmal werden würde. Wurden damals wegweisende Entscheidungen getroffen?

Sayer: Der Beginn war extrem schwierig, weil es keine Modelle gab. Niemand wusste, wie man Entwicklungshilfe leisten soll; Misereor musste Pionierarbeit leisten. Umso bemerkenswerter ist es, dass Kardinal Josef Frings und der erste Chef von Misereor, Gottfried Dossing, die Aufgabe des neuen Hilfswerkes in der Formel von der Hilfe zur Selbsthilfe fassten. Die Kirche vor Ort, die Kirche in den Südkontinenten sollte genutzt werden für den Kampf gegen Hunger und Krankheit in der Welt. Das theologische Fundament dieser beginnenden Zusammenarbeit von Partnern wurde in der Communio-Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums gelegt: Alle Ortskirchen sind verantwortlich füreinander; jede trägt ihren Teil für ein gelingendes Leben bei. Die andere maßgebliche Entscheidung an der Wiege von Misereor war, dass die Hilfe allein aufgrund von Armut geleistet werden sollte. So bestimmten es Kardinal Frings und die Bischofskonferenz. Also, nicht katholisches Geld nur für Katholiken, Hilfe nur für Christen. Das Armutskriterium sollte das einzige Kriterium sein und ist es bis heute. Mit seiner Art der Armutsbekämpfung ist Misereor zum Vorbild für andere kirchliche und nichtkirchliche Institutionen der Entwicklungshilfe in Deutschland, Europa und in Nordamerika geworden.

HK: Wäre in dieser Gründungsphase auch ein anderes Profil von Misereor denkbar gewesen?

Sayer: Es gab natürlich auch die Vorstellung, rein karitativ anzusetzen, und insofern ist es sehr bemerkenswert, dass Frings und Dossing eben nicht auf Hungerhilfe gesetzt haben im Sinne von Getreide kaufen, Schiffe anmieten und das Getreide an die Hungernden verteilen.

HK: Die Gründung von Misereor vor fünfzig Jahren steht auch für das Erwachen weltweiter Verantwortlichkeit in der deutschen Ortskirche wie in der deutschen Gesellschaft insgesamt...

Sayer: Natürlich haben politische Überlegungen eine Rolle gespielt, ging es doch auch darum, das deutsche Volk nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu integrieren in die Völkergemeinschaft, seine Isolierung zu durchbrechen - mit einem ehrlichen Blick auf die Schuld Deutschlands und das Leid, das es während des Dritten Reiches über die Welt gebracht hatte. Etwas von der Solidarität der ehemaligen Kriegsgegner, die die

 


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Deutschen trotz dieser Kriegsschuld in der Nachkriegszeit erfahren haben, sollte nun an andere weitergereicht werden. Diese Solidarität war ja nicht nur auf die CARE-Pakete vor allem aus den USA beschränkt. Deutschland hat auch strukturelle Hilfe zum Wiederaufbau erhalten, beispielsweise durch den Marshallplan. Und die seinerzeit vorgenommene äußerst großzügige Entschuldung Deutschlands würde ich mir heute für die Entschuldung der armen Länder in den Südkontinenten herzlich wünschen.

 

"Misereor ist nicht am grünen Tisch in Deutschland ausgedacht und dann umgesetzt worden

HK: Ist im Vergleich mit der Pionierphase die Arbeit von Misereor heute einfacher oder komplizierter geworden?

Sayer: Die Arbeit ist einerseits leichter geworden, weil wir heute beispielsweise auf gewachsene Strukturen der Entwicklungszusammenarbeit zurückgreifen können. Außerdem verfügen wir über eine theologische Absicherung durch das Zweite Vatikanische Konzil und die verschiedenen Generalversammlungen der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen, Medellín, Puebla, Santo Domingo und jüngst Aparecida. Die Abschlussdokumente gerade dieser Generalversammlungen stellen für uns ganz entscheidende Hilfestellungen dar. Sie haben uns vor allem die Option für die Armen geschenkt, die schließlich die Basis der Arbeit von Misereor geworden ist. Leichter ist die Arbeit für uns aber auch geworden, weil unsere Partner sich in der Zwischenzeit strukturiert, organisiert und zu einem verlässlichen Partnernetz verbunden haben. Das reicht vom Nahbereich bis hin zur nationalen Ebene. Diözesen, Bischofskonferenzen und kontinentale Zusammenschlüsse, aber auch nichtkirchliche Partner haben sich vernetzt - vor allem in Asien, wo die Kirche in einer Minderheitssituation ist. Inzwischen ist ein wirklich partnerschaftlicher Austausch möglich. Die einzelne Spenderin, der einzelne Spender, die deutschen Diözesen und die Bischofskonferenzen wirken durch das Werk Misereor zusammen mit den durchstrukturierten Ortskirchen und Nichtregierungsorganisationen. Schwerer hingegen ist die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit geworden aufgrund der komplizierten Verquickungen in einer globalisierten Welt.

HK: Inwiefern hat sich auch Misereor in Profil, Struktur und Arbeitsweise gemeinsam mit seinen Partnern verändert?

Sayer: So wie Misereor heute dasteht, ist es nicht am grünen Tisch in Deutschland ausgedacht und dann umgesetzt worden. All das, was unsere Partner in den Südkontinenten in den vergangenen Jahren geleistet haben, ist in unsere Arbeit eingeflossen: Beispielsweise ihre Erfahrungen in der Landwirtschaft, im Gesundheitswesen oder in der Menschenrechtsarbeit in der Auseinandersetzung mit den Diktaturen in Lateinamerika, ihre Erfahrungen während der Befreiungskriege in Afrika, oder auch in der Arbeit mit städtischen Armen in den Ballungsräumen Asiens. Für uns als Kirche in Deutschland und unsere entwicklungspolitischen Überlegungen und Vorgehensweisen ist zudem von ganz entscheidender Bedeutung, zu erfahren und zu erkennen, mit welchen Problemstellungen unsere Partner konfrontiert werden oder ihre Analysen der Armutsursachen zu erhalten.

HK: Was bedeutet diese strikte Partnerorientierung konkret für die Projektarbeit von Misereor heute?

Sayer: Wir haben beispielsweise gerade eben mit Blick auf die Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas in Aparecida Vorbereitungskonferenzen zur Demokratieförderung in Lateinamerika unterstützt, ein Treffen junger Politiker, deren Erfahrungen so in die Generalversammlung eingebracht werden konnten. Oder, weil erfahrungsgemäß Frauen auf den Generalversammlungen viel zu wenig repräsentiert sind, hat das CELAM-Präsidium eine eigene Frauenkonferenz vorgeschlagen, die wir gefördert haben; Gendergerechtigkeit war ohnehin 2006 das Misereor-Thema. Und nachdem die ganze Globalisierungs-Problematik im Vorbereitungsdokument von Aparecida unzureichend behandelt worden war, haben wir bei einem Treffen mit dem CELAM-Präsidium eine Sonderkonferenz zu diesem Thema vorgeschlagen: in Rom, mit hochrangigen Fachleuten aus der ganzen Welt, der CELAM-Spitze und einer weiteren Reihe von Kardinälen und Bischöfen aus Lateinamerika. Die Diskussionen und das Dokument, das dort erarbeitet wurde, sind dann in die Generalkonferenz und ihr Schlussdokument eingeflossen. Nach der Generalversammlung fördern wir jetzt die Umsetzung der in Aparecida entfalteten Sozialpastoral in Lateinamerika.

 

"Wir müssen partnerschaftlich in Nord und Süd zusammenarbeiten"

HK: Im Jubiläumsjahr 2008 wollen Sie die jährliche Misereor-Fastenaktion bewusst nicht wie sonst in einer Diözese in Deutschland eröffnen, sondern ganz entschieden auf einem Südkontinent, konkret in Südafrika...

Sayer: Ohne unsere Partner in Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika kann Misereor nicht Misereor sein. Dies wollen wir damit zum Ausdruck bringen. Wenn wir Gottes Erbarmen, das heißt seine Gerechtigkeit in Liebe in der heutigen Welt mit ihrer Kluft zwischen Arm und Reich sichtbar machen wollen, dann müssen wir partnerschaftlich in Nord und Süd zusammenarbeiten. Repräsentanten des Zusammenschlusses der asiatischen Bischofskonferenzen (FABC) und des CELAM sind nach Johannesburg eingela-

 


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den. Außerdem ist für Misereor die Förderung des Süd-Süd-Dialogs ein wichtiger Schwerpunkt. Die Repräsentanten der Südkontinente werden sich zu einer zweitägigen Konferenz treffen, und der Gottesdienst wird aus Soweto nach Deutschland übertragen.

HK: Partnerschaft ist in entwicklungspolitischen Kontexten insgesamt ein fast schon inflationär gebrauchter Modebegriff. Was ist das Spezifische der Partnerorientierung von Misereor?

Sayer: Zu dem bereits Ausgeführten ist die Partnerqualifizierung in Misereor-Projekten ein wichtiges Element. Es reicht nicht zu sagen, in dem oder jenem Land gibt es eine Bischofskonferenz, mit der können wir zusammenarbeiten. Bischöfe, kirchliche Gruppen und NGOS müssen sich schulen, damit sie beispielsweise im Sinne von Joseph Cardijns Methode des Sehens, Urteilens und Handelns, die auch von den Generalversammlungen von Medellín und Puebla angewandt wurde, ihre Lage analysieren und die Antworten auf ihre Probleme im Lichte des Glaubens verwirklichen können. Was beispielsweise unsere Partner heute in Afrika leisten, ist überhaupt nicht mehr zu vergleichen mit den Anfängen von Misereor. Dazu vermitteln wir beispielsweise Erfahrungen unserer lateinamerikanischen Partner an die afrikanischen und umgekehrt. Und wir im Norden haben lernen müssen, dass Entwicklungshilfe mit den Rahmenbedingungen zu tun hat, die wiederum durch die Industrienationen entscheidend bestimmt wurden. Entwicklungszusammenarbeit wird in ihrer Wirksamkeit gefährdet, wenn sie beispielsweise in einem nicht funktionierenden oder korrupten Staat erfolgt. Die "Good Governance" ist deshalb zu einem wichtigen Feld der Entwicklungszusammenarbeit Misereors geworden.

HK: Mit welchen konkreten Projekten lassen sich die Partner in den jeweiligen Ortskirchen unterstützend qualifizieren?

Sayer: Mit der Bischofskonferenz in Ghana beispielsweise haben wir im Dialog über 18 Monate ein Projekt entwickelt, um Demokratie und Good Governance zu fördern. Dies geschieht durch politische Bildung auf Grundlage der Soziallehre der Kirche für die Mitarbeiter, Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen auf allen Ebenen der Kirche, angefangen von den Pfarreien über die Dekanate, Diözesen bis zur nationalen Ebene. Die so Geschulten sollen befähigt werden, die politisch Verantwortlichen in ihren Dörfern, Kommunen, Provinzen ebenso wie in der Staatsregierung auf die Finger zu schauen und beispielsweise eine gewisse Kontrollfunktion für die jeweiligen Budgets auszuüben. Ohne dieses Mitwirken der Zivilgesellschaft gibt es keine partizipative Demokratie. Korrupte Eliten werden sich nicht am Gemeinwohl orientieren. Denn alles, was wir gemeinsam an Entwicklungsprojekten im Gesundheitswesen, in der Armutsbekämpfung, in der Landwirtschaft oder in der Bildung auf den Weg bringen, kann nur richtig Erfolg haben, wenn die Regierenden ihre Verantwortung wahrnehmen. Daher hatten wir 2000 und 2004 ein Projekt der Bischofskonferenz in Ghana zur Ausbildung von Wahlhelfern gefördert. Ähnlich war es im Kongo, einem 'zerfallenden Staat' nach der Diktatur und ohne Wahlerfahrung seit den sechziger Jahren. Die Bischofskonferenz bildete - gefördert durch Misereor - rund 50.000 Wahlhelfer durch die 47 Diözesen aus. Ohne die katholische Kirche, die noch die einzige landesweite funktionierende Struktur darstellt, hätte auch das Referendum über die neu erarbeitete Verfassung im Jahr 2005 nicht abgehalten werden können. Die Umschreibung der Wahlbezirke für die Parlamentswahlen erfolgte durch ein Institut der Kirche, der Wahlleiter war ein Priester. Kirche hat das Vertrauen des Volkes, und in ihrem Bemühen um Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit für die Menschen unterstützen wir sie.

 

"Kirchliche Entwicklungszusammenarbeit gelangt meist bis in die hintersten Winkel eines Landes"

HK: Im letzten Jahr hat Misereor über die "Katholische Zentralstelle für Entwicklungshilfe" 86 Millionen Euro für seine Projekte erhalten. Von staatlicher Seite wird stets betont, wie sehr man die kirchliche Entwicklungshilfe, konkret die Arbeit von Misereor schätzt...

Sayer: Wir bekommen nicht nur Geld vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Wir stehen beispielsweise über Arbeitsgruppen im engen - aber auch kritischen - Austausch mit dem BMZ über die Situation in einzelnen Ländern und über die Ausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit. Genauso finden Gespräche mit verschiedenen Ministerien, mit vielen Parlamentariern statt. Im Vergabegremium der Katholischen Zentralstelle, in dem die uns vom Staat treuhänderisch anvertrauten Mittel vergeben werden, sitzen Vertreter der Parteien. Mit den Haushältern des Bundestages sprechen wir regelmäßig über den Kirchentitel und über die Mittel des BMZ.

HK: War das von Anfang an so? Kardinal Frings hat Misereor ja im Pathos der damaligen Zeit ins Stammbuch geschrieben, den Mächtigen ins Gewissen zu reden...

Sayer: Aufgrund des hervorragenden Verhältnisses zwischen dem damaligen Kanzler Konrad Adenauer und Kardinal Frings hatte Misereor schon von Beginn an gute Möglichkeiten, seine Sichtweisen und Positionen in die Politik einzubringen. Als sich das BMZ 1962 konstituierte, wurde durch die Gründung der Katholischen Zentralstelle die Arbeit formalisiert. Die Zentralstelle bildet die Grundlage für den intensiven Dialog zwischen Misereor, dem BMZ und Parlamentariern. In diesem kontinuierlichen Dialog können wir auch bestimmte Dinge aus der Sicht unserer Partner einklagen, vor allem die für uns unverzichtbare Frage, ob die Ent-

 


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wicklungshilfe wirklich auf die Bekämpfung der Armut ausgerichtet ist.

HK: Warum schätzt man denn staatlicherseits die kirchliche Entwicklungsarbeit in so hohem Maße?

Sayer: Besonders, weil die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit meist bis in die hintersten Winkel eines Landes gelangt, auch dorthin, wo beispielsweise Krieg herrscht, wo Staaten am Zerfallen sind, wo die staatliche Entwicklungshilfe eben nicht mehr hinkommt. Denn in Krisensituationen geht Kirche nicht einfach weg. Sie ist bei den Menschen. Und hier bewährt sich das Partnerprinzip, wir arbeiten ja mit einheimischen Kräften. Die Kirche begleitet auch die Armen auf der Flucht. So konnte ich jüngst der Bundeskanzlerin im Vieraugengespräch vor ihrer Afrikareise unter anderem erläutern, was die Kirche in Liberia geleistet hat. Der Friedens- und Redemokratisierungsprozess in Liberia wäre ohne die Kirche nicht so positiv verlaufen.

 

"Sehen, was wir von den Ortskirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika lernen können

HK: Sie haben gerade im Kontext des G8-Gipfels in Heiligendamm im Sommer dieses Jahres über eine modisch gewordene Kritik an der Wirksamkeit von Entwicklungshilfe überhaupt geklagt, vor allem das Unverhältnis zwischen steigenden Rüstungsausgaben und den Mitteln bei der Entwicklungshilfe angeprangert...

Sayer: Was mich treibt und ärgerlich macht ist der so genannte Krieg gegen den Terror. Er hat durch die Definition in der Bush-Administration zu einer völligen Verzerrung der Weltsicht geführt. Die Sicherheit des reichen Nordens steht plötzlich über allem. Dabei war und ist die Sicherheit der Armen weltweit weitaus mehr gefährdet durch Hunger, Ungerechtigkeit, schlechte Regierungsführung, durch Korruption oder durch eine Ausbeutung der Rohstoffe, die nicht der armen Bevölkerung nützt. Wenn beispielsweise in Westafrika jede achte Mutter bei der Geburt oder während der Schwangerschaft stirbt, ist das akute Gefährdung der Sicherheit im höchsten Grad. Dagegen ließe sich mit relativ wenigen und einfachen Mitteln etwas tun. Der ganze entwicklungspolitische Sicherheits-Diskurs ist durch die Terrordebatte in eine falsche Richtung gelenkt worden. Wenn die irrsinnig hohen Mittel, die dieser "Krieg gegen den Terror" und vor allem der unsägliche Krieg im Irak verschlingen, in der Entwicklungszusammenarbeit eingesetzt würden, würde das der ganzen Welt viel mehr Sicherheit bringen. Mit Paulus gesprochen gilt es, das Böse durch Gutes zu überwinden. Wenn die armen Völker sehen könnten, wie entschieden sich die USA und andere reiche Staaten für die Verwirklichung der Millenniums-Entwicklungsziele einsetzten, würde der Sumpf des Terrors ausgetrocknet und die Sicherheit des Nordens und zugleich der Armen verbessert.

HK: Wenn die Gründung von Misereor für das Wiedererwachen weltweiter Verantwortlichkeit in der deutschen Ortskirche stand - wie steht es heute um dieses Verantwortungsbewusstsein aus Ihrer Sicht?

Sayer: Im Vergleich mit anderen Ländern gibt es in der katholischen Kirche und Bevölkerung Deutschlands eine sehr hohe Bereitschaft zu spenden und sich zu engagieren. Viele lassen sich anrühren von Katastrophen, Hunger, Krankheit, Krieg in Afrika, Asien oder Lateinamerika, aber auch von der Ungerechtigkeit in der Welt. Ich bin hierfür sehr dankbar und dies gibt mir Mut. Für die Spender ist es wichtig, dass wir ihnen zurückmelden, was die Spenden bewirken. Das leisten wir durch unsere Rechenschaftsberichte, Informations- und Bildungsmaterialien und viele Veranstaltungen mit Partnern aus den Südkontinenten, die sich zum Beispiel während der Fastenaktion in Deutschland selbst zur Sprache bringen. Eine Sorge allerdings bewegt mich in letzter Zeit sehr: Durch die finanzielle Krise, die es in bundesrepublikanischen Diözesen gibt und gegeben hat, richtet sich das Augenmerk zu sehr auf uns selbst.

HK: Wenn Pfarreien beispielsweise um zu sparen, ihre Kindergärten schließen müssen, kann dann nicht schon mal das Hemd näher als die Jacke sein?

Sayer: Das verstehe ich sehr. Misereor will ja nicht die Not der einen gegen jene der anderen ausspielen. Eine Gefahr sehe ich jedoch für die Intensität des weltkirchlichen Bewusstseins. Und hier sind vor allem die Hauptamtlichen und die Bischöfe gefragt. Wir müssen doch bedenken, dass die Situation in den Jahren 1958, 1959 oder 1960 ganz gewiss unvergleichlich schwieriger war in den einzelnen Diözesen, Gemeinden und Familien. Wie sehr aber haben sich die Gemeinden, Hauptamtliche und Bischöfe gleichwohl für die Armen weltweit eingesetzt! Zudem wird in dieser Rück-Krümmung auf die eigenen Probleme viel zu wenig gesehen, was wir von den Ortskirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika lernen können für unsere eigenen pastoralen Umstrukturierungsprozesse. Dies habe ich auch in Gesprächen mit Bischöfen angemahnt. Wenn bei uns mehrere Pfarreien zusammengelegt werden und riesige Einheiten entstehen, die den Seelsorgern eine echte nachgehende Seelsorge schwerlich möglich macht und bei den Hauptamtlichen so manche Frustration erzeugen wird - warum schauen wir dann beispielsweise nicht nach Lateinamerika. Wie ist die Kirche dort mit den Problemen der großen Gemeinden umgegangen? Ich selbst war Priester mit drei Kollegen in einer Pfarrei von 500.000 Katholiken und weiß, wovon ich spreche. Dort hat man mit den Basisgemeinden eine Unterstruktur eingezogen, damit die Nähe der Kirche zu den Nöten des einzelnen gewahrt, eine Seelsorge im eigentlichen Sinne noch möglich bleibt. Oder warum setzen sich un-

 


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sere Bischöfe beispielsweise nicht für die viri probati ein? Diesen steht doch theologisch nichts im Wege. Und damit könnte nicht nur die Kirche im Dorf, das heißt in überschaubaren Gemeinden bleiben und den Gläubigen Beheimatung vermittelt werden. Es würde zugleich den Ortskirchen in Lateinamerika und Afrika geholfen.

 

"Unsere Kirche kann nicht Kirche sein ohne die Ortskirchen in Lateinamerika, Asien oder Afrika"

HK: Gehört es zur Aufgabe der weltkirchlichen Werke, die Erfahrungen ihrer Partner in die deutsche Ortskirche zurückzuvermitteln?

Sayer: Natürlich! Im Januar nächsten Jahres beispielsweise wird Misereor zusammen mit Adveniat eine Konferenz veranstalten, wo wir gemeinsam überlegen wollen, welche Botschaft die Generalversammlung von Aparecida für unsere Pastoral und Sozialpastoral für unsere Gesellschaft bringen. Wir haben aber auch unsere Misereor-Fastenkampagne immer so verstanden, beziehungsweise den Auftrag zur Fastenpastoral, den Kardinal Frings in seiner Gründungsrede Misereor mit auf den Weg gegeben hat.

HK: Was bedeutet Fasten in diesem Sinne? Fasten ist heute ja auch beim säkularen Zeitgenossen wieder en vogue.

Sayer: Fasten meint nicht einfach Gewicht abnehmen. Es geht vielmehr um ein Innehalten im normalen Alltagsgetriebe, schauen wo stehe ich, wo stehen wir, was gibt Sinn und was ist Mitte meines Lebens. Es meint sich besinnen auf eine bessere Lebensqualität für alle, auf gerechtere Lebensbezüge - im Persönlichen wie Gesellschaftlichen, im Politischen und Wirtschaftlichen, in Nord und Süd. Ist unser Lebens- und Wirtschaftsstil nachhaltig? Wenn wir solche Fragen nicht nur einzeln, sondern in Gruppen nachgehen, werden wir merken, wie das unser Leben bereichert und wir einander Halt geben.

HK: Die verschiedenen weltkirchlichen Akteure in Deutschland haben sich in einen umfassenden Klärungs- und Reformprozess begeben - eine Reaktion auf die in vielerlei Hinsicht schwieriger gewordenen Rahmenbedingungen, vom zurückgehenden Spendenaufkommen bis zur schärfer gewordenen Konkurrenz durch nichtkirchliche Organisationen. Was ist das Ziel dieses zunächst auf zwei Jahre angelegten Prozesses "Zur Zukunft der weltwirklichen Arbeit in Deutschland"?

Sayer: Wir als Werke machen uns gemeinsam Sorge um das weltkirchliche Bewusstsein und die Ausgestaltung der weltkirchlichen Verantwortung in der Kirche in Deutschland. Gemeinsam mit den Diözesanverantwortlichen für die Weltkirche und der Weltkirchen-Kommission der Bischofskonferenz suchen wir nach Möglichkeiten und Methoden, dieses Bewusstsein in den Gemeinden und Diözesen zu verstärken. Dabei schauen wir, wie Synergieeffekte erzeugt, wie die Zusammenarbeit mit den Diözesen verbessert werden kann. Als bischöfliche Werke verstehen wir uns als Dienstleister für die Diözesen im Hinblick auf die weltkirchliche Verantwortung.

HK: Ist diese Dienstleistungs-Funktion der weltkirchlichen Werke auf den verschiedenen Ebenen der Kirche in Deutschland noch ausreichend im Blick?

Sayer: Hier sehe ich Defizite und es ist dringend erforderlich, dass in der Theologenausbildung und in der kirchlichen Fortbildung die weltkirchliche Dimension systematisch verstärkt wird. Die nachwachsende Generation, die in der Kirche Verantwortung übernehmen soll, müsste ein feineres Sensorium dafür entwickeln, was es heißt, Kirche zu sein in der Einen Welt. Hier sind die Bischöfe in ihrer besonderen Verantwortlichkeit für die Gesamtkirche herausgefordert. Unsere jeweilige Ortskirche kann nicht Kirche sein ohne die Ortskirchen in Lateinamerika, Asien oder Afrika. Wir tragen, begründet in der Communio-Ekklesiologie, wechselseitig füreinander Verantwortung. Dies muss tatsächlich stärker hineingebracht werden in die Ausbildung der Hauptamtlichen und über sie in die Gemeinden.

 

"Das Erbarmen Gottes auch in unserer Zeit sichtbar machen"

HK: Wie lässt sich demnach das Ziel dieses Weltkirchen-Prozesses fassen?

Sayer: Dass die einzelne Gemeinde, jeder Christ und jede Christin in Nord und Süd erkennen, was Jesu Leben und Botschaft für die heutige Zeit bedeuten, dass er für alle gestorben ist und sein Leidensantlitz heute in besonderer Weise in den Gesichtern der Armen und Ausgeschlossenen sichtbar wird. Denn er inkarnierte sich unter den Armen, und deshalb kann ich mich nicht von den Armen separieren. Wir müssen wieder von neuem sehen lernen und erkennen, wie bereichernd es ist, dass wir in diesem Verbund mit ihm und untereinander leben. Eine solche lebendige Gemeinschaft wird die Welt menschenwürdiger und lebenswerter gestalten, angefangen vom persönlichen Bereich bis zum internationalen. Das heißt beispielsweise ganz konkret in Afrika Freiwillige auszubilden und zu unterstützen, die für Aidskranke da sind, sie waschen, ihnen zu Essen geben, sorgen, dass sie ihre Tabletten dreimal am Tag nehmen. Und es heißt auch strukturell auf nationaler und internationaler Ebene diese Geisel der Menschheit anzugehen, die vor allem die Armen trifft. Analog gilt das für die anderen Bereiche der Entwicklungszusammenarbeit. Damit helfe ich mit, dass das Erbarmen Gottes auch in unserer Zeit sichtbar wird, und ich selbst gewinne daraus Halt und Sinn. Gutes tun, tut selbst gut.

 

    {*} Josef Sayer (geb. 1941) ist seit 1997 Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor. Von 1981 bis 1988 lebte und arbeitete der in der Erzdiözese Cuzco inkardinierte Priester in Peru. Von 1988 bis 1998 war er Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg.

 

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