Alexander Foitzik / Werner Schönig {*}"Ein ethisches, kein politisches Problem"Ein Gespräch über Arm und Reich mit dem Sozialwissenschaftler Werner Schönig
Aus: Herder Korrespondenz, 12/2007, S. 610-615
HK: Herr Professor Schönig, in politischen Sonntagsreden wird immer häufiger geklagt, dass die soziale Ungleichheit in Deutschland weiter zunimmt, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. Zum richtigen Aufreger reicht diese Beobachtung zur Zeit aber selten, obwohl das Nachkriegsdeutschland doch einmal so stolz war auf eine Gesellschaft, in der - Stichwort: nivellierte Mittelstandsgesellschaft - Unten und Oben nicht so weit auseinander lagen ... Schönig: Dass die soziale Ungleichheit zunimmt, ist zuerst einmal ein normaler Prozess, weil sich eine moderne Gesellschaft eben ausdifferenziert; es bildet sich der Typus des leitenden Angestellten und des freien Personalberaters aus, ebenso Stieffamilien und Alleinerziehende. Die Menschen werden ungleicher. Und ein Subphänomen dessen stellt die zunehmende Differenzierung von Oben und Unten dar, eine Polarisierung des armen und des reichen Teils der Gesellschaft. Das kann man auch als eine wachsende Spaltung der Gesellschaft benennen. Diesen Prozess beobachten wir insbesondere in städtischen Sozialräumen. HK: Ist das auch ein klassisches Phänomen? Schönig: Die Städte galten den Soziologen immer als Labor der Moderne. Neue Entwicklungen zeigen sich in den Städten zu-
611erst, das Auseinanderbrechen von Familienformen beispielsweise, die Migrantenproblematik. So bemerken wir in der Stadt aufgrund verschiedener Effekte in der Tat eine Verfestigung von Armutsgebieten; deutlich stärker als auf dem Land. Armutsgebiete in Städten, Armensiedlungen, Sozialhäuser - das hat es zwar selbstverständlich in den fünfziger, sechziger oder siebziger Jahren auch schon gegeben. Die Caritas oder der Sozialdienst katholischer Männer waren in den Städten immer aktiv. Sie beschränkten sich aber auf eine sehr begrenzte Klientel, Wohnungslose etwa, Sinti und Roma, Randgruppen im weitesten Sinne. Heute aber gibt es ganze Stadtteile und Straßenzüge, in denen soziale Deprivation vorherrscht. Eigentlich ist dies ein Begriff aus der Psychologie, der aber heute vermehrt auf die soziale Ungleichheit übertragen wird. Prägend sind hier die Entbehrung, der Mangel, das Gefühl nicht erwünscht zu sein. Bei der sozialen Deprivation denken und fühlen die Bewohner, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein, nicht dazuzugehören, grundsätzlich zu kurz zu kommen. HK: Wird damit die Spaltung der Gesellschaft zunehmen? Wird die "Unterschicht" gar auf ein Drittel anwachsen, wie es Ende der neunziger Jahre beispielsweise Peter Glotz befürchtet hat, und vor der Herausbildung einer Zweidrittelgesellschaft in Deutschland warnte? Schönig: Ich gehe nicht davon aus, dass diese Spaltung zunimmt. Wenn wir jetzt einen entspannteren Arbeitsmarkt haben, wird dies beispielsweise bei Arbeitgebern und anderen, die eine Lehrstelle besetzen wollen, zu einem gewissen Pragmatismus bei der Auswahl der Auszubildenden führen. Hier liegt eine sehr große Chance gerade für junge Leute. Ich glaube auch nicht, dass das Phänomen neuer städtischer Armutsgebiete insgesamt zunimmt. Es ist aber in den letzten Jahren gewachsen und hat eine neue Qualität erreicht. Vermutlich wird dies jetzt so bleiben. Keine Gesellschaft jedoch hat eine ständig wachsende Unterschicht - das passt überhaupt nicht zu einer modernen, entwickelten Gesellschaft. HK: Die Diskussion über die Armen und die neue Armut in Deutschland ist schwierig. Die einen wollen gar nichts von Armut in Deutschland wissen, weil hier niemand verhungert und es in Bangladesch immer viel schlimmer ist. Andere warnen vor einem Armutsrisiko, das weit in die Mittelschicht hineinreicht. Schönig: Die Diskussion um die neue Armut in den achtziger Jahren setzte bei der Feststellung an, dass es ein neues Armutsphänomen gibt etwa bei Alleinerziehenden und Arbeitslosen. Das war neu, das waren nicht die klassischen Randgruppen. Insofern war es sinnvoll, von den neuen Armen zu sprechen. Zugleich begann damit auch eine neue Armutsforschung, die mit hohem empirischen Aufwand betrieben wurde. Es entstanden die Armutsstudien im Auftrag des Deutschen Caritasverbandes, des Gewerkschaftsbundes und anderer. Dabei schälte sich der Begriff der "relativen Armut" als Kernbegriff heraus. Das Problem ist nur, dass wir auch in der wissenschaftlichen Diskussion eine relativ hoch gesetzte Armutsgrenze haben, nämlich bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens, die eine relativ große Population erfasst, rund zehn Prozent der Bevölkerung.
"Formen extremer Armut geraten aus dem Blick"HK: Ist man mit 60 Prozent des Durchschnittseinkommens nicht arm genug, um als arm zu gelten? Schönig: Nein, problematisch ist, dass damit die Formen extremer Armut und dies sowohl im materiellen Sinne wie auch im Sinne der oben erwähnten sozialen Deprivation, aus dem Blick geraten. Wir haben somit einerseits zu Recht eine Skandalisierung der moderaten Formen von Armut, die aber eigentlich nur das Risiko der Mittelschicht thematisiert, in eine solche Armutslage zu geraten. Dadurch aber, dass dieses moderate Armutsrisiko so im Focus steht, bleiben die verhärteten, mehrdimensionalen Formen langfristiger Armutslagen ausgeblendet. Sie werden mit der einfachen 60-Prozentgrenze quasi zugedeckt. HK: In der durch eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgelösten so genannten "Unterschichts-Debatte" geriet eine Gruppe unserer Gesellschaft in den Blick, die irgendwie die Regie über das eigene Leben verloren hat. Für sich wie für ihre Kinder scheint diese Gruppe eine wirkliche Verbesserung ihrer Lebenslage nicht mehr zu erwarten. Kann der Wille zum sozialen Aufstieg verloren gehen? Oder ist die soziale Durchlässigkeit in unserer Gesellschaft geringer geworden? Schönig: Der Armutsforscher Ernst-Ulrich Huster hat einmal vom Reichtum als 'Leitbild' gegenüber dem Reichtum als 'Leidbild' gesprochen. Wenn der Reichtum für mich Leitbild ist, bietet er mir Ansporn, ich möchte dann auch reich sein. Wenn sich diese Chance für mich aber als unrealistisch darstellt, damit wird mir der Reichtum zum Leidbild. Ich leide unter dem Reichtum anderer, weil er für mich selbst unerreichbar bleibt. Das ist eine sehr gute Beschreibung dieses Lebensgefühls, das ich oben als soziale Deprivation bezeichnet habe. Eigentlich möchte jeder seinen sozialen Aufstieg bewerkstelligen. Aber die Hürden, die mittlerweile für einen richtigen sozialen Aufstieg existieren, sind in der Tat erschreckend. Die
612Differenzierung geht sehr weit. Also stimmt beides: Es gibt den Reichtum als Ansporn, man kann aber auch am Nichterreichten verzweifeln. Beides beobachten wir schon bei Kindern und Jugendlichen. Schon die 7- bis 11-Jährigen nehmen sehr genau wahr, in welcher Schicht sie sich befinden und dass sie eben höchstwahrscheinlich kein Abitur machen werden, nie studieren können. Das können sie aber nur von ihren Eltern wissen.
"Der gesamte Armutsbereich wird nur noch verwaltet"HK: Was brauchen diese Perspektiv- oder Chancenlosen und die neuen Armen in den städtischen Ballungsgebieten wirklich als Unterstützung und was hilft ihnen gerade nicht? Schönig: Was wirklich hilft ist eine intensive Unterstützung. Von Seiten der Kommunen aber wird vieles nur sehr halbherzig finanziert. Es gibt zwar Familienzentren, aber das entsprechende Personal, das man bräuchte, um die Kinder in ihren jeweiligen Potenzialen zu fördern, fehlt. Hier zu helfen geht nicht ohne Geld! Der ganze Armutsbereich aber wird nur verwaltet und es wird lange nicht so viel getan, wie getan werden müsste. Die Träger der Einrichtungen, die Politik - alle wollen das nicht mehr hören und schon gar nicht von Hochschullehrern, aber es geht um Geld. Wir können nicht mehr innerhalb des Systems optimieren, wie es von Seiten der Politik immer gefordert wird. Da ist vieles ausgereizt. Schauen Sie nur wie viel im sozialen Bereich mit Ehrenamtlichen, Jahrespraktikanten gearbeitet wird. Diese extreme psychische Belastung der Arbeit in solchen Armutshaushalten hält man aber nicht lange aus. HK: Wie steht es um die Integrationschancen auf dem Arbeitsmarkt? Gibt es nicht eine Fülle von Integrationsangeboten, die sich unsere Gesellschaft auch einiges kosten lässt? Schönig: Ja, aber selbst eine Integration in den Arbeitsmarkt bedeutet immer eine Integration in sehr einfache Tätigkeiten des Arbeitsmarktes. Das wissen die Leute doch. Wenn sie in den Arbeitsmarkt integriert werden, dann auf unterster Stufe. Das motiviert kaum. Es wird von Menschen, die ohnehin keinen Bezug zum Arbeitsleben haben, ein Einstieg auf unterstem Niveau gefordert, ein Niveau, auf dem eigentlich niemand freiwillig arbeiten will. Da bestehen mentale Sperren, man kann zu wenig gewinnen. Oder denken Sie an die Diskussion um Altersarmut: In dem Niedriglohnsektor, der sich mehr und mehr herausbildet, wird man der eigenen Altersarmut auch nicht durch eine vierzigjährige Berufstätigkeit entkommen können. Wo bleibt da der Anreizeffekt? HK: In der aktuellen, insgesamt stark von den Problemen der Mittelschicht geprägten familienpolitischen Debatte ist - Stichwort: Betreuungsgeld - auch heftig diskutiert worden, wie viel Autonomie und Selbstbestimmung den Unterschichts-Familien zugetraut und zugemutet werden kann, wie sehr sich der Staat gerade zum Wohl der Kinder engagieren muss ... Schönig: Es ist in der Tat so, dass die Familien mit einer angemessenen Erziehung ihrer Kinder oft überfordert sind. Diese von außen unmittelbar erkennbare und den Betroffenen auch selbst bewusste Überforderung ist geradezu ein Merkmal ihrer Lebenslage. Letztlich besteht diese Überforderung darin, dass Lebenschancen, auf die das Kind angewiesen ist, nicht gewährt werden können. Das merkt man in der Art der Anreize, die zu Hause gesetzt werden: Es wird wenig vorgelesen, dafür viel ferngesehen. Die Kinder werden nicht nur nicht gefördert, sondern sie wachsen mit dem Gefühl, in dem Bewusstsein auf, dass sie - wie an den Eltern sichtbar - eine Randexistenz in der Gesellschaft führen werden. Und dieses Gefühl wird zusätzlich räumlich vermittelt, weil alle problematischen Familien sozusagen aufeinander wohnen. Das heißt natürlich umgekehrt auch, dass man bei den Kindern gut ansetzen kann. Alle Eltern dieser Welt wollen natürlich, dass es ihren Kindern gut geht, manche, dass es ihnen besser geht. Wenn man die Eltern an diesem Punkt anspricht, wird man sie auch für eine Förderung ihrer Kinder gewinnen können. Das sagen Ihnen alle Sozialarbeiter. Hier liegt der entscheidende Zugang zum Kindswohl. Sie müssen nur plausibel machen, dass Ihr Bemühen ernsthaft ist, nachhaltig, Erfolg versprechend - dann machen die Eltern auch mit.
"Alle Eltern dieser Welt wollen, dass es ihren Kindern gut oder besser geht"HK: Eines der großen Ziele deutscher Bildungspolitik war und ist, soziale Ungleichheit zu beseitigen. Zahlreiche Studien haben nun belegt, dass dieses Ziel kaum erreicht wird, dass Bildungskarrieren in Deutschland wie in kaum einem anderen Land durch die soziale Herkunft bestimmt werden. Müssen wir uns von dem hehren Ziel des sozialen Aufstiegs durch Bildung trennen? Schönig: Die schulische Karriere von Kindern hängt von zwei Faktoren ab: Vom primären Bildungseffekt, der besagt, wie gut die Kinder, ganz neutral betrachtet, in der Schule sind. Kinder aus der Mittelschicht schneiden da natürlich besser ab; sie sind auch im konventionellen Sinne intelligenter. Selbst wenn sie das aber nicht sind, werden die Eltern aus der Mittelschicht sie auf eine weiterführende Schule schicken - das ist der sekundäre Herkunftseffekt. Dieser sekundäre Herkunftseffekt wirkt umso stärker, je mehr Übergänge es in einem Bildungssystem gibt und je früher diese Übergänge angesetzt werden. Wir haben in Deutschland ein System, das sehr viele Übergänge hat und in dem diese Übergänge schon früh anstehen. Diese Kombination ist hoch selektiv, da unter
113hoher Unsicherheit entschieden werden muss. Diese Unsicherheit wiederum führt dazu, dass sich die Eltern tendenziell an den eigenen Bildungserfahrungen orientieren und ihren Bildungsstatus auf die Kinder übertragen. Umgekehrt verhält sich das System weniger selektiv, wenn man weniger Schwellen hat und diese später anstehen, ein integrierteres Schulsystem also.
"Ganztagsangebote könnten sehr gut nivellierend wirken"HK: Wie verlaufen klassische Bildungskarrieren in der Unterschicht? Schönig:Das wird mit dem Begriff der zweiten Chance besonders plastisch. Wenn bildungsorientierte Mittelschichts-Eltern Kinder haben, die beispielsweise auf dem Gymnasium scheitern, dann gibt es eben immer eine zweite Chance, sie erhalten Nachhilfe, bleiben einfach einmal sitzen. Die Eltern tragen dabei das tiefe Vertrauen, dass es ihr Kind schon schaffen wird. Mit gleicher Begabung wird es Kindern aus der Unterschicht zwar gelingen, sich hochzukämpfen ins Gymnasium. Wenn sie dort aber einmal scheitern, werden die Eltern sofort sagen, siehst Du, das hat keinen Zweck. Die Gefahr des Abbruchs ist also deutlich höher. HK: Welche bildungspolitischen Maßnahmen könnten unmittelbar Abhilfe schaffen? Was ist politisch überhaupt erwartbar? Schönig: Im Augenblick scheint alles möglich, auch dass vor dem Hintergrund eines zunehmenden internationalen Erfahrungsaustauschs das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland aufgeweicht wird. Der Ausbau der Ganztagsbetreuung, den wir momentan beobachten, hat zumindest das Potenzial, nivellierend zu wirken - vorausgesetzt er bleibt nicht nur auf die Mittelschicht bezogen. Bislang sind die Kinder aus problematischen, sozial schwachen Verhältnissen im Ganztagsbereich oftmals unterrepräsentiert, vor allem dann, wenn man dem nicht gezielt entgegensteuert. Die Ganztagsangebote könnten sehr gut nivellierend wirken, aber man muss die Kinder aus sozial schwachen Familien erst einmal für die Angebote gewinnen. Beim typischen Kind in der Ganztagsbetreuung sind beide Eltern erwerbstätig, das ist jedoch gerade nicht die Situation der Unterschicht. HK: Wie ließen sich deren Eltern zur Nutzung von Ganztagseinrichtungen gewinnen? Schönig: Da spielt beispielsweise die Kostenbeteiligung eine große Rolle. Einige Familien sind mit ihren Eigenmitteln gerade so an der Grenze, dass sie den Elternbeitrag nicht erstattet bekommen und müssen dann, subjektiv erlebt, hohe Beiträge bezahlen. Für andere ist das Angebot insgesamt nicht plausibel: Warum sollte die türkische Familie mit einer nicht erwerbstätigen Mutter auch noch zahlen, um ihr Kind extern betreuen zu lassen? Vielleicht würde sie das Kind aber schicken, wenn das Angebot umsonst wäre. So jedoch, wie die Ganztagsangebote im Großen und Ganzen momentan gestrickt sind, erreicht man die problematischen Familien oftmals nicht. HK: Wie steht es gegenwärtig überhaupt um den politischen Willen, soziale Ungleichheit zu überwinden? Wie mehrheitsfähig sind beispielsweise weit reichende Unterstützungsleistungen für die Unterschicht, die neuen Armen? Schönig: Nehmen Sie das Beispiel eines Kommunalpolitikers. Für ihn ist es außerordentlich schwer, diesen Armutsgebieten besonders zu helfen; ganz einfach deswegen, weil in den Armutsgebieten viele nicht wahlberechtigt sind, meist aufgrund ihres Ausländer-Status. Zudem geht die deutsche Armutsbevölkerung ebenfalls kaum wählen. Diejenigen also, die der Kommunalpolitiker besonders stützen will, werfen politisch keine Stimmen ab. Es gibt da eindrucksvolle Präzedenzfälle, wo in bestimmte Stadtteile massiv investiert wurde und Kommunalpolitiker die Quittung bekamen: Einerseits von der Mittelschicht, den Stammwählern, die sich vernachlässigt fühlten; das Geld muss ja irgendwo abgezogen werden. Dort aber, wo man hilft, wird man dennoch nicht gewählt. Der Kommunalpolitiker muss sich natürlich fragen, lohnt mein politisches Engagement oder lohnt es sich nicht. Das ist eine gewisse kommunalpolitische Tragik unseres Systems, die in abgeschwächter Form auch auf der Landes- und Bundesebene erkennbar ist.
"Die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt kommt unten kaum an"HK: Nimmt das Abgrenzungsbedürfnis zwischen den Schichten in jüngster Zeit eher ab? In welcher Beziehung stehen Oben und Unten zueinander? Schönig: Die Abgrenzung erfolgt von oben nach unten, das war aber immer schon so. Man blickt angstvoll nach unten und besonders in der unteren Mittelschicht verfügt man über einen besonderen Code, um sich von der Unterschicht abzugrenzen. Dieser angstvolle Blick prägt ja gegenwärtig auch die Armutsforschung, nicht zufällig dreht sich momentan alles um die Armutsrisikoquote. HK: Und wie blickt man von unten nach oben - neidvoll, kämpferisch? Schönig: In der Unterschicht besteht immer schon der dringende Wunsch, so zu sein wie die Mittelschicht. Das führt
614dazu, dass beispielsweise die Eltern den Kindern sehr viele Geschenke machen. Materielle Defizite werden nach außen demonstrativ überspielt. Wenn im Kindergarten "Spielzeugtag" ist, die Kinder von zu Hause ein Spielzeug mitbringen dürfen, werden von den Kindern besonders große Spielzeuge mitgebracht, von denen man genau weiß, dass die Eltern sich das nicht leisten können und die im Übrigen nicht so recht zur Situation passen. Das Gefühl, dabei sein zu wollen, mitzumachen, anerkannt zu werden oder zumindest nicht aufzufallen, kommt eher von der Unterschicht, und das war immer schon so. Heute sehen wir es über demonstrativen Konsum und bewussten Lebensstil sehr deutlich.
"Die anwaltschaftliche Funktion der Wohlfahrtsverbände ist unverzichtbar"HK: Befördert der angstvolle Blick nach unten das "Mitgefühl" der Mittelschicht mit den unteren und untersten Lebenslagen? Sind die oberen Schichten (noch) bereit, die Unterschicht, ihre Kinder zu fördern? Ist diese Unterstützung politisch mehrheitsfähig? Schönig: Gegenwärtig stagniert diese Bereitschaft bestenfalls. Wenn wir aber tatsächlich über einen längeren Zeitraum einen entspannteren Arbeitsmarkt haben werden, wird sich dies ändern. Das Problem liegt darin, dass sich die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in der Unterschicht weit weniger niederschlägt als bei den Hochqualifizierten. Unten kommen die Effekte kaum an; bei den langzeitarbeitslosen, jungen Analphabeten tut sich natürlich nichts. Dennoch wird der Rechtfertigungsdruck gegenüber Arbeitslosen zunehmen. Innerhalb der Mittelschicht wird es dann erst recht heißen, wer jetzt noch keine Anstellung hat, ist wirklich selbst schuld. Massenarbeitslosigkeit bedeutet, alle können arbeitslos sein, Akademiker, Männer und Frauen, Ausländer und Deutsche, breit gestreut. Wenn sich der Arbeitsmarkt aber entspannt, sind nur diejenigen arbeitslos, die wirklich ein Problem haben. Dann wird der Status der Arbeitslosigkeit zunehmend stigmatisierend. HK: Wie politisch gefährlich ist eine solche Entwicklung - dass eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe sich abgehängt fühlt, gesellschaftlich abgehängt ist und auch abgehängt bleiben wird? Schönig: Das ist ein ethisches, ein sozialethisches Problem, aber keine politische Gefahr. Weil die Gruppe in sich so heterogen ist, dass sie sich nicht einfach organisieren kann. Nehmen Sie die französischen Jugendlichen in den Vorstädten: Sie haben viel gemeinsam, besonders eben ihren Migranten-Status. Diesen gemeinsamen Status hat die deutsche Unterschicht nicht. Wir haben hier eine eher amerikanische Situation: Einige Migranten sind außerordentlich gut integriert, leistungsbereit und planen einen entsprechenden Aufstieg. Sie sind enorm bildungsorientiert. Die Gruppe derer aber, die sozial abgehängt ist, ist so unterschiedlich in ihrer ethnischen Zugehörigkeit und den individuellen Geschichten, dass ich nicht sehe, wie die sich gemeinsam organisieren sollten. Im Gegenteil läuft das eher auf interne Konflikte hinaus: Die Russisch-Stämmigen prügeln sich mit den Türkisch-Stämmigen, typischerweise aber nicht mit den Deutschen. Sie würden auch nicht gegen die deutsche Mittelschicht demonstrieren. HK: Wenn also kein politischer Druck entsteht - wie und von wem kann dann das ethische Problem angegangen werden? Ist überhaupt noch plausibel zu vermitteln, dass die Lebenslagen der Unterschicht verbessert werden müssen? Schönig: Mit der massiven Förderung sozialer Brennpunkte sind sicherlich keine Wahlen zu gewinnen. Die Politik ist mit dieser Aufgabe sozusagen von sich heraus überfordert, sie lohnt politisch gesehen nicht. Aus der Unterschicht selbst sind keine Impulse zu erwarten, aus der Mittelschicht auch nicht. Deshalb ist die anwaltschaftliche Funkton umso wichtiger, wie sie die Wohlfahrtsverbände ausüben.
"Langfristig und mit guter Personalausstattung in den Stadtteilen präsent sein"HK: Haben Sie da besondere Erwartungen an die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände? Schönig: Schade ist, wie wenig in der Öffentlichkeit bekannt ist, mit welchen hohen Eigenmitteln die Kirchen in den sozialen Brennpunkten tätig sind. Das wird nach außen zu wenig vermittelt. Es herrscht das Bild vor, dass der Staat seine Mittel an die Wohlfahrtsverbände verteilt - der hohe Anteil der Eigenmittel aber wird nicht gesehen. Die Kirchen müssten dies in der Öffentlichkeit sehr viel deutlicher darstellen, was sie aus eigenem Engagement heraus in diesem Bereich leisten - gerade wenn sie zugleich vom Staat höheres Engagement fordern. HK: Was zeichnet die Arbeit der kirchlichen Wohlfahrtsverbände besonders aus? Schönig: Dass die langfristige Perspektive immer gewahrt ist. Das Schlimmste, was man in dem Unterschichts- oder Armutsbereich machen kann, ist hier und da mal ein Projekt: für zwei Jahre Hausaufgabenhilfe für junge Türken beispielsweise oder ähnliches. Diese befristeten Projekte, bei denen es am Ende dann auch noch einen ausführlichen Evaluierungsprozess gibt, sind kontraproduktiv. Von Seiten der Politik ist häufig die Rede von Anschubeffekten - das ist Unsinn. Sie können keine Hausaufgabenhilfe anschieben und nach einem Jahr
615wieder gehen. Die kirchlichen Einrichtungen dagegen reagieren langfristig. Deswegen machen sie auch sehr gute Arbeit. Sie basiert auf Kontinuität und Vertrauen. Eltern müssen den Eindruck gewinnen, dass der, der ihnen empfiehlt das Kind in eine offene Ganztagsbetreuung zu geben, dass der auch wirklich das Beste für das Kind will. Das läuft aber nur über persönliche Begegnung, gespürte Empathie. Deshalb muss man langfristig und mit guter Personalausstattung in diesen Stadtteilen präsent sein. Das machen die kirchlichen Wohlfahrtsverbände besser als die anderen.
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