Michael SchromGelenkte Demokratie und wilder GlaubeEine Reise nach Moskau
Aus: Christ in der Gegenwart, 45/2007, S. 375f
Tadeusz Kondrusiewicz kämpft mit den Tränen. Immer wieder versagt dem katholischen Erzbischof in Moskau bei seiner Predigt die Stimme. Schließlich bricht es aus ihm heraus: "Ich werde versetzt - nach Minsk." In der Kathedrale ist es mucksmäuschenstill, und die Journalisten, die unter der Regie der österreichischen Nachrichtenagentur "kathpress" in Rußland unterwegs sind, um sich ein Bild über die Lage der Kirchen zu machen, fragen sich, ob sie gerade Zeugen eines päpstlichen Kurswechsels geworden sind, und wenn ja, wie dieser einzuordnen ist. Sechzehn Jahre lang war Kondrusiewicz, ein Weißrusse mit polnischen Wurzeln, Erzbischof in Moskau, ernannt und gefördert von dem Polen auf dem Stuhl Petri, Karol Wojtyla. In dieser Zeit wurden die "provisorischen" apostolischen Administraturen in Rußland zu Bistümern aufgewertet, unter heftigem Protest der Orthodoxie. Die Zahl der Kirchenbauten vermehrte sich sprunghaft. 230 Pfarreien, ein Seminar, ein theologisches Institut, zwei Radioprogramme und 270 Priester, davon neunzig Prozent Nicht-Russen, die meisten aus Polen. Die Bilanz des Erzbischofs klingt eindrucksvoll - und auch als Person wirkt der bullige Kirchenmann eher wie ein Macher als ein Diplomat. Zehn Messen werden jeden Sonntag in der Mariä-Empfängnis-Kathedrale gefeiert, und 1999 gab es sogar eine katholische Priesterweihe, die erste in Rußland nach 81 Jahren. "Waren Sie vielleicht zu erfolgreich?" will einer aus der Journalistengruppe wissen, die der scheidende Erzbischof im Anschluß an die Sonntagsmesse empfängt. Da muß Kondrusiewicz kurz lachen, und seine politisch korrekte Antwort in der Sprache der Kirchendiplomatie hört sich etwas gequält an. Die Kirche in Weißrußland stehe vor großen Problemen, und Papst Benedikt XVI. habe ihn gebeten, den vakanten Bischofssitz von Minsk zu übernehmen. Daher gehe er im Gehorsam, auch wenn ihm der Abschied schwerfalle. Schließlich sei die Moskauer Diözese so etwas "wie sein Baby". Nur eines will Erzbischof Kondrusiewicz noch einmal deutlich unterstreichen: "Wir haben weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart russisch-orthodoxe Gläubige abgeworben, und wir werden das auch in der Zukunft nicht tun." Wenn jemand um die Taufe bitte, frage er ihn immer zuerst, warum er sich nicht orthodox taufen lassen möchte. Außerdem müsse man ein Jahr lang Katechismus-Unterricht nehmen. Daß mittlerweile schon sechzig Prozent der jährlich 600 Täuflinge Kleinkinder sind, sei ein weiteres Indiz dafür, daß sich der Nachwuchs der katholischen Kirche in Rußland nicht von Übertritten aus der Ostkirche speist, sondern von katholischen Familien, hauptsächlich von Bessergebildeten. Da ist es wieder: Das innerkirchliche Reizwort "Proselytismus".
Orthodoxie - Symphonie - HarmonieIn westlichen Augen wirkt der Dauerstreit darüber, ob die katholische Kirche der orthodoxen Kirche Gläubige abspenstig macht oder nicht, bizarr. Gibt es denn nicht genügend Menschen, die in dem Riesenreich nach einer fast achtzig Jahre dauernden atheistischen Staatsdoktrin überhaupt noch nie etwas vom Christentum gehört haben? und sind diese Sinnsuchenden wirklich potentielle orthodoxe Gläubige, wie es die russisch-orthodoxe Kirche sieht, die sich als deren einzig legitimer Ansprechpartner versteht? Überhaupt: Kann man sich nicht zu der Kirche bekennen, zu der man sich hingezogen fühlt? So denkt der Westler - und verkennt dabei, wie tief die bis in die byzantinische Epoche zurückreichende Idee der symphonia, des harmonischen Zusammenspiels zwischen Staat, Nation und orthodoxer Kirche im russischen Denken und Fühlen der Gegenwart verwurzelt ist. Und welch große Bedeutung das territoriale Bewußtsein heute noch innehat - politisch wie religiös. Im Sommer 2000 hat die russisch-orthodoxe Kirche zum vorerst letzten Mal ihr "kanonisches Territorium" markiert. Es umfaßt alle Republiken der früheren UdSSR mit Ausnahme von Armenien und Georgien, wo es eigene orthodoxe Kirchen gibt. In Weißrußland gibt es ein "Exarchat", und in der Ukraine verwalten sich die Bistümer der russischen Kirche in gewisser Weise selbst, ohne jedoch kirchenrechtlich autonom zu sein (vgl. CiG Nr. 42). In diesem kanonischen Territorium, so die orthodoxe Sichtweise, komme der römisch-katholischen Kirche nur die Seelsorge an jenen Katholiken zu, die von Stalin einst in irgendwelche Ecken des Riesenreiches deportiert wurden.
Der slawische Gegenentwurf"Die russische Orthodoxie hat über lange Jahrhunderte grundsätzlich die Staatsideen vertreten, die auch den jeweiligen russischen Staat prägten. Dies impliziert, daß sie die imperiale Entwicklung Rußlands mitvollzogen hat und somit die Kirche der Orthodoxen im Russischen Reich war", schreibt der Münsteraner Ostkirchenexperte Thomas Bremer in seinem Buch "Kreuz und Kreml". Zu der historisch gewachsenen engen Verflechtung von Staat und Kirche, die schon das Zarenreich kennzeichnete und unter den Bedingungen des modernen Rußlands wieder neu aufblüht, kommt ein theologischer Gedanke aus der antiwestlich ausgerichteten russischen Religionsphilosophie des 19. Jahrhunderts hinzu. Demnach habe die westliche Kultur alte und wichtige christliche Grundsätze aufgegeben zugunsten einer Überbetonung des Individuums. Der moderne Freiheitsbegriff in einer rationalistischen und humanistischen Weltsicht ist in dieser Sichtweise verdächtig, wenn nicht sogar in Widerspruch zum Glauben. "Der orthodoxe Gegenentwurf", so Thomas Bremer, "besteht danach in der Gemeinschaft, die als kirchliche Gemeinschaft in der Orthodoxie verwirklicht sei. Der Slawe kenne den Individualismus nicht, er sei ein Wesen in Gemeinschaft, das durch das Eingehen in diese Gemeinschaft seine wahre Bestimmung nicht aufgebe, sondern erst finde... Die kirchliche Gemein-
376schaft ist danach kein Aufgeben der Identität des Einzelnen, sondern deren Erfüllung. Zentrale Kategorie dieser Vorstellung ist das später entwickelte Wort 'sobornost'... Es bedeutet im kirchlichen Bereich die Überzeugung, daß die gesamte Kirche an wichtigen Entscheidungen und auch an der Wahrheitsfindung mitwirken muß." Wie aktuell diese stark von der Romantik und dem Idealismus geprägte Haltung ist, kann man an einer Aussage von Metropolit Kyrill, dem Leiter des kirchlichen Außenamtes im Moskauer Patriarchat, ermessen. In einer Grundsatzrede erklärte er vor zwei Jahren, daß "Einheit und Übereinstimmung" die Grundlagen der russischen Demokratie seien. Deutlicher kann man die Abgrenzung zu westlichen Vorstellungen, für die "Pluralismus" und "Wettbewerb der Ideen" die entscheidenden Schlagworte sind, kaum formulieren. Und allmählich beginnt man zu ahnen, was Staatspräsident Wladimir Putin wohl gemeint haben könnte mit seinem vielzitierten rätselhaften Wort von der "gelenkten Demokratie".
Was Moskau an Benedikt schätztKyrills Stellvertreter im Moskauer Außenamt, Erzpriester Wsewolod Tschaplin, weist dann auch mit deutlichen Worten auf die nach wie vor angespannten orthodox-katholischen Beziehungen hin: "Es ist für uns nur schwer nachzuvollziehen, daß uns Rom die eine Hand zum Dialog reicht und uns mit der anderen Hand schlägt." Was Tschaplin als Schläge empfindet, sind die Missionsbemühungen der römischen Kirche in Gebieten, in denen sie historisch noch nie tätig war, sowie die Existenz und das Wachstum der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, die, "nationalistisch unterwandert", in einem "Kernland der orthodoxen Spiritualität" eine Los-von-Rußland-Politik betreibe. Aber Tschaplin sagt auch deutlich: "Wir sind nicht die Kirche der russischen Föderation." Man möchte sich nicht zum Erfüllungsgehilfen des Staates machen, sondern neu für das Christentum werben. Aufmerksam verfolgt man in Moskau die Politik von Papst Benedikt XVI. Man schätzt seine Liebe zur Liturgie, seine philosophischen Auseinandersetzungen zu Vernunft und Glaube, die allegorische Schriftauslegung, die sich an den Kirchenvätern orientiert, und seine Sensibilität für die Anliegen der Orthodoxen. Den katholischen Bischofswechsel in Moskau mochte Tschaplin nicht kommentieren - "eine innere Angelegenheit der katholischen Kirche". Aber man muß kein Psychologe sein, um zu erkennen, daß diese Personalentscheidung ebenfalls positiv gewertet wird. Daß Benedikt XVI. allerdings den Titel "Patriarch des Abendlands" abgelegt hat, wurde in Moskau nicht - wie im Westen oft fehlgedeutet - als eine Geste an die Orthodoxie verstanden, sondern als Aufhebung des Territorialprinzips, also als ein Akt der Entgrenzung, der Ausweitung von päpstlichen Machtansprüchen. Dennoch sei ein Treffen zwischen dem Papst und dem Moskauer Patriarchen "nicht unmöglich", zumal man in Benedikt einen Verbündeten erkennt im geistigen Kampf gegen allerlei Fehlentwicklungen der Moderne: gegen Liberalismus, Individualismus und Subjektivismus. Doch ob und zu welchem Preis dieser Kampf zu gewinnen ist, bleibt fraglich. Denn auch der Glaube sucht sich seine neuen Wege in der neuen Welt des alten Rußland, bisweilen wild, anarchisch und sehr subjektiv.
688 neue Klöster in 20 JahrenDer Presseattaché des österreichischen Botschafters in Moskau, Hannes Schreiber, hat seine Wohnung leergeräumt und gibt im zwölften Stock eines Hochhauses im sogenannten "Deutschen Eck" der Stadt ein Abendessen, zu dem auch viele kirchlichen Persönlichkeiten geladen sind. Unter den jüngeren orthodoxen Geistlichen haben viele im Ausland studiert. Sie wissen, daß der Prozeß der Säkularisierung irgendwann Rußland erreichen wird, auch wenn derzeit überall im Land neue Kirchen gebaut werden und es einen großen Hunger nach geistiger Orientierung gibt. Viele sprechen fließend Englisch oder sogar Deutsch, so zum Beispiel Erzpriester Vassian, der Vize-Rektor und Geschäftsführer des theologischen Seminars von Sergiev Posad, der bedeutendsten Ausbildungsstätte für Geistliche in ganz Rußland. Die wunderschöne Klosteranlage am Grab des heiligen Sergius trägt den Ehrentitel "Lawra" und ist ein beliebter Wallfahrtsort, der von 1946 bis 1988 auch als Sitz des Patriarchen diente. Hier malte Andrej Rubljew seine berühmten Ikonen, hier verfaßte der Priester, Naturwissenschaftler und Regimekritiker Pawel Florenskij, der heute als einer der einflußreichsten russischen Theologen überhaupt gilt, seine orthodoxe Trinitätslehre und Abhandlungen zur Theodizee, bevor er 1937 in einem sowjetischen Lager erschossen wurde. Heute beherbergt Sergiev Posad über 800 Seminaristen, die sich auf das geistliche Amt vorbereiten. Nachwuchsmangel ist ein Fremdwort. Es gibt mehr Bewerber als Plätze. Auf dem weitreichenden Areal findet sich auch eine Hauswirtschaftsschule, in der die angehenden Priester ihre Ehefrauen finden sollen, denn zölibatär lebende Weltpriester sind in der russisch-orthodoxen Kirche nicht üblich und auch nicht gewollt. Nur Mönche und Nonnen leben ehelos. Aber auch die Klöster erleben eine Aufbruchsstimmung. Gab es 1987 nur sieben Männer- und dreizehn Frauenklöster in ganz Rußland, so zählt man heute, zwanzig Jahre später, 335 Männer- und 373 Frauenklöster. Erzpriester Vassian, der in Erlangen studiert hat, achtet darauf, daß seine Seminaristen auch die Entwicklung der westlichen Kirchen studieren, wobei das ökumenische Verständnis für die katholische Kirche im allgemeinen erheblich größer ist als für die Anliegen der Evangelischen. Ein großes Problem sei nach wie vor, daß viele orthodoxe Gläubige nichts wüßten vom Katholizismus, außer den ständig wiederholten historischen Feindbildern. Dazu komme, daß man in den letzten 25 Jahren den Katholizismus nur in seiner polnischen Ausprägung erlebt habe, was die Ressentiments noch verstärkt habe, sagt der Chefredakteur der renommierten orthodoxen Zeitung "Tserkovny vestnik", Sergei Chapnin. "Was sind die großen theologischen Debatten und Probleme, die in Ihrer Zeitschrift behandelt werden?" Chapnin überlegt einen Augenblick, dann sagt er: "Wieweit dringt das Sozialwort der orthodoxen Kirchen bis an die Basis durch? Und: Wie läßt sich die eucharistische Frömmigkeit, insbesondere ein häufiger Kommunionempfang, im Bewußtsein der Gläubigen verankern?"
"Nur bei Euch kommt Putin schlecht weg"Wenn man die unterschiedlichsten kirchlichen Persönlichkeiten in der bunt gemischten Runde fragt, ob sie nach der langen Zeit der Verfolgung wieder Vertrauen in den Staat hätten, hört man fast ausnahmslos einen Namen: Wladimir Putin. Er sei ehrlich, er sei ein Christ, er besuche die Gottesdienste nicht nur zur Schau. Dem politischen Apparat dagegen traut man nicht so recht. Das sieht man schon an dem verbissenen Kampf um den Religionsunterricht, den die orthodoxe Kirche gerne als Pflichtfach "Einführung in die orthodoxe Kultur" gestaltet sähe. Auch der kleine Mann auf der Straße, der Taxifahrer oder der Andenkenverkäufer vor dem Kaufhaus Gum am Roten Platz, lobt Putin. Nicht unbedingt, weil er ein Christ sei, sondern weil er das Land zusammenhalte, das Selbstwertgefühl stärke - und weil "die Kleinen" auch etwas von dem Aufschwung abbekommen, ganz im Gegensatz zu der Zeit des mafiösen Wildwest-Kapitalismus unter Präsident Jelzin. "Nur bei euch im Westen kommt Putin immer so schlecht weg." Das westliche Unbehagen im Blick auf Rußland, schreibt Sonja Zekri in der "Süddeutschen Zeitung", "hat ja nicht nur damit zu tun, daß der Westen plötzlich erkannt hat, wie sehr er von russischen Bodenschätzen abhängt und der Kreml keine Gelegenheit ausläßt, ihn daran zu erinnern. Dieses Frösteln ist nur die Gegenreaktion zu den romantischen Illusionen nach dem Ende der Sowjetzeit. Daß die Russen die neunziger Jahre eben nicht oder nicht nur als Aufbruch zu demokratischen Ufern wahrgenommen haben, sondern als eine traumatische Zeit der Armut und der Schande, daß sich die meisten heute weniger als Unterdrückte, denn als Überlebende begreifen, daß man Pressefreiheit weder im Westen noch im Osten essen kann, das hat in der Genugtuung über das Ende des Bolschewismus und über die deutsche Wiedervereinigung kaum jemand bemerkt". Man muß das System Putin nicht gutheißen, man sollte auch die Gefahren für Regimegegner nicht kleinreden oder gar den Tschetschenienkrieg totschweigen - aber zu einem realistischen Blick auf das moderne Rußland gehört eben auch, anzuerkennen, daß die überwältigende Mehrheit der Bürger das lang vermißte Gefühl der (relativen) politischen und wirtschaftlichen Stabilität höher schätzt als eine "lupenreine" Parteiendemokratie nach westlich-liberalem Vorbild. Deswegen ist Moskau noch keine finstere Stadt. Im Gegenteil: Es ist eine lebensfrohe, freundliche, selbstbewußte und an vielen Ecken auch sehr schöne Metropole.
Ikone für die Märtyrer der SowjetzeitNirgends kommt dies besser zum Ausdruck als rund um den Roten Platz. Vor dem Grabmal des unbekannten Soldaten im Alexandergarten vor der Kreml-Mauer spielt eine russische Militärkapelle einen entspannten amerikanischen Dixie, während Familien ihre Picknickkörbe auspacken. Wenige Schritte weiter kann man sich wahlweise mit Putin, Lenin oder Stalin fotografieren lassen, die als Laienschauspieler für Erinnerungsfotos posieren. Am Nordende des Roten Platzes wurde 1996 das Auferstehungstor detailgetreu wiedererrichtet. Es bildet zusammen mit der ebenfalls rekonstruierten angrenzenden Iwerskaja-Kapelle, die 1931 einer öffentlichen Latrinenanlage Platz machen mußte, einen würdigen Abschluß des Platzes. Heute verehren zahlreiche Gläubige in dem stets gut besuchten Gotteshaus eine Kopie der Muttergottes-Ikone von Kazan, während hundert Meter weiter Passanten und überzeugte Alt-Kommunisten Lenin in seinem Mausoleum die Referenz erweisen. In den Buchläden findet man die kritischen Werke von Anna Politkowskaja. Aber wer sie war oder gar wo die mutige Journalistin wohnte, weiß kaum einer der Passanten. Es ist ein buntes, faszinierendes Nebeneinander, eine eigenartige Gleichzeitigkeit zu beobachten, selbst in den Kirchen. Als Beispiel mag die Christerlöser-Kathedrale dienen, der größte russisch-orthodoxe Kirchenbau der Welt, der sich westlich vom Kreml, direkt am Ufer der Moskwa, erhebt. Auch dieses Gotteshaus wurde 1931, in der Hoch-Zeit der Kirchenverfolgung, auf Veranlassung Stalins gesprengt. Doch der Palast der Sowjets, der an ihrer Stelle entstehen sollte, wurde nie gebaut. Es reichte nur zu einem maroden Schwimmbad, welches wiederum 1992 dem Neubau der Kathedrale weichen mußte, für den unzählige Gläubige mehr als 200 Millionen Dollar gespendet haben. In dieser Kathedrale, die vor sieben Jahren eingeweiht wurde, ist den Märtyrern der Sowjetzeit eine eigene dramatische Ikone gewidmet: Eine große Zahl von Gläubigen tritt den Erschießungskommandos entgegen. Strenggenommen ist dies ein Widerspruch zu den ikonentheologischen Grundsätzen, wonach nur Motive der biblischen Heilsgeschichte in einer Ikone dargestellt werden dürfen. Andererseits ist dies eine sehr anschauliche Fortschreibung der Glaubensgeschichte, in der göttliches und menschliches Handeln ineinander greifen. Und noch etwas fällt dem Betrachter ins Auge: Schräg gegenüber der Ikonostase wurde der Zarenthron originalgetreu wiedererrichtet. Wir möchten wissen, warum man ihn wieder aufbaute, ob die russische Kirche auf die Rückkehr des Zaren wartet - oder wer hier einmal Platz nehmen soll. Das wisse er nicht, sagt unser Führer, ein junger Mönch, und lächelt vielsagend. "Das weiß nur Gott alleine."
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