Link zum Mandala von Bruder Klaus
Dieter Senghaas

Den interkulturellen Dialog neu ausrichten

English Version

 

    Rede aus Anlaß der Verleihung des Kultur- und Friedenspreises der Villa Ichon am 17.11.2006 im Rathaus der Freien Hansestadt Bremen.

 

Den interkulturellen Dialog neu ausrichten meint im Zusammenhang der nachfolgenden Überlegungen: diesen Dialog inhaltlich zu reorientieren und ihn dann auf solcher Grundlage zu betreiben – also eine Neuausrichtung im doppelten Sinne des Begriffes. Interkulturelle Dialoge finden auf verschiedenen Ebenen statt: ganz hautnah im kommunalen Bereich, auch auf nationaler und natürlich auf globaler Ebene. Auf letzteren Kontext beziehen sich die nachfolgenden Überlegungen, wohl wissend, daß zwischen den zitierten Ebenen, allein schon in der Folge von Migration und in Zukunft in der Folge von politischen Machtverlagerungen auf Weltebene, enge Wechselwirkungen bestehen, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach in absehbarer Zukunft vertiefen und ggf. an politischer Brisanz zunehmen werden.

In den nachfolgenden Überlegungen beginne ich mit einer kurzen Beobachtung über die Struktur der Weltwirtschaft, was überraschen mag. Doch der Grund hierfür ist naheliegend: Die derzeitigen kulturellen Konfliktfronten auf Weltebene strukturieren sich geradezu analog zu den Fronten und Konfrontationen auf weltwirtschaftlicher und weltgesellschaftlicher Ebene, überdies unter Bedingungen des gesellschaftlichen Wandels und Umbruchs, auch der Identitätskrisen, die in vieler Hinsicht den Umbruchsituationen in der neuzeitlichen Geschichte Europas vergleichbar sind. Auch dieser Sachverhalt findet in den gängigen interkulturellen Dialogen in aller Regel kaum Beachtung.

Beide hier kurz avisierten Sachverhalte sind also für die Inszenierung eines fruchtbaren interkulturellen Dialogs von Bedeutung: die Einbettung der Konfliktfronten in weltwirtschaftlich definierte Strukturlagen sowie die politische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Umbruchsituationen, worüber Kulturen gewissermaßen selbst in einen schmerzhaften, meist konvulsiven Prozeß des Umbruchs hineinmanövriert werden – und dies aus dem Zwang der Verhältnisse heraus und folglich meist wider Willen.

 

I

An der Spitze der Weltgesellschaft sind zwischen den fortgeschrittenen Industriegesellschaften (OECD-Welt) Entgrenzungsprozesse, die in allen Dimensionen (Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kultur) komplexe Interdependenzen entstehen lassen, zu beobachten. Im ökonomischen Bereich ist dieser Vorgang am weitesten fortgeschritten. Beispielhaft ist hierfür die forcierte Entwicklung des europäischen Binnenmarktes, der heute durch eine freihändlerisch motivierte Mobilität der entscheidenden ökonomischen Faktoren gekennzeichnet wird. Die hier inzwischen entstandenen Interdependenzen zeichnen sich durch Symmetrie aus. D.h. alle beteiligten Ökonomien, ob klein oder groß, produzieren tendenziell kapital-, wissens- und technologieintensiv; sie sind in allen Sektoren vergleichbar wettbewerbsfähig, und sie exportieren ein und denselben Typ von Gütern hoher Wertschöpfung über die Grenzen hinweg. Das führt zu einem erheblichen Wettbewerb und doch gleichzeitig zu grenzüberschreitenden integrierten Märkten. Da der Wettbewerb auf gleichem Kompetenzniveau stattfindet, kommt es zu dem, was man als Globalisierung de luxe bezeichnen könnte: einer symmetrisch gelagerten Durchdringung der Märkte mit vergleichbaren Gütern.

Ein solcher Sachverhalt läßt sich aber weltweit, d.h. jenseits der EU- bzw. OECD-Ökonomien, nur in Ansätzen und punktuell beobachten. Denn weltweit existiert weiterhin, wie schon in den vergangenen Jahrzehnten, wenn nicht gar Jahrhunderten, ein erhebliches Produktivitäts- und Kompetenzgefälle zwischen den hochproduktiven Ökonomien und den weniger produktiven. Die weniger produktiven Ökonomien sind dabei einem dramatischen Verdrängungswettbewerb ausgesetzt; sie befinden sich unter Peripherisierungsdruck, d.h. in der Gefahr, innerhalb der Weltwirtschaft an den Rand gedrängt, also peripherisiert oder gar marginalisiert zu werden.

Natürlich sind das Produktivitäts- und Kompetenzgefälle und der daraus resultierende asymmetrisch gelagerte Verdrängungswettbewerb nicht überall gleich ausgeprägt. Und natürlich gibt es unterschiedliche Reaktionsweisen einer weniger produktiven Ökonomie gegenüber der überragend produktiven économie dominante: Abbau und Verfall, also Regression, ist eine der möglichen Reaktionen, und sie ist keineswegs die seltenste (siehe heute Schwarz-Afrika). Teilweise Abschottung bei gleichzeitigem Versuch des Überlebens unter selbst gewählten Bedingungen ("Importsubstitutionsindustrialisierung") ist eine weitere denkbare und empirisch beobachtbare Reaktion (siehe bis vor kurzem Lateinamerika). Den dritten, eher seltenen Typ von Reaktion könnte man als innovative Antwort auf die genannte Herausforderung bezeichnen: Hier werden alle Kräfte mobilisiert, um dem Verdrängungswettbewerb standzuhalten und ihm gegebenenfalls erfolgreich entgegenzuwirken. Inszeniert wird dann ein Verdrängungswettbewerb gegen die höher produktive Ökonomie: Man schlägt den Herausforderer mit qualitativ vorzüglichen einfachen und später komplexen Produkten, die mit zunächst niedrigen Lohnkosten erzeugt werden, was zu einem Verdrängungswettbewerb in umgekehrter Richtung führt, also von den Nachzüglern der Entwicklung zu den Altindustrieländern (z.B. von Ostasien in den vergangenen Jahrzehnten und dem von dort ausgehenden Verdrängungswettbewerb, der in Bremen zur Strukturkrise einst glänzend wirtschaftender Industriezweige führte).

Doch anders als in diesem exzeptionellen Fall führt Globalisierung in den weniger produktiven Gesellschaften und Ökonomien allermeist zu jener Erscheinung, die Entwicklungsforscher seit Jahrzehnten korrekt als strukturelle Zerklüftung ("strukturelle Heterogenität") bezeichnet haben. Mit diesem Begriff wird eine Gesellschafts- und Wirtschaftsstruktur gekennzeichnet, in der sich unterschiedliche Produktivitätsniveaus und Produktionsweisen, hierarchisch-abgeschichtet gelagert, miteinander verschränken – gewissermaßen im Spektrum von den hochproduktiven Tochterfirmen multinationaler Konzerne einerseits und einer kärglichen Selbstversorgungswirtschaft andererseits, dazwischen findet sich eine lokale Industrie und meist ein aufgeblähter Dienstleistungssektor. Die bekannte Folge dieser Struktur, in die ein Gefälle an Kapital- und Technologieausstattung, an Organisationsfähigkeit und Kompetenzen sowie ein Macht- und Einkommensgefälle eingebaut sind, besteht in aller Regel in einer Akzentuierung der Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen Privilegierung und Marginalität in ein und derselben Gesellschaft. Wirtschaftswachstum führt dann dazu, daß die strukturelle Zerklüftung meist nicht ab-, sondern zunimmt. Ökonomen sprechen von "Verelendungswachstum". Darüber akzentuieren sich die bekannten Sozialkatastrophen von Entwicklungsländern, um die seit den 1960er Jahren die entwicklungspolitische Diskussion kreist.

Vor mehreren Jahrzehnten schon hatte eine fulminante lateinamerikanische Entwicklungsdiskussion diesen Sachverhalt als "transnationale kapitalistische Integration bei gleichzeitiger nationaler Desintegration" diagnostiziert. Die Globalisierungsproblematik ("transnationale kapitalistische Integration"), wie sie heute den größten Teil der Welt erfaßt, ist also eine nicht unvertraute Erscheinung, und so auch ihre vielerorts unerbittliche Folge: "nationale Desintegration" als Konsequenz eines asymmetrischen Verdrängungswettbewerbs von den Zentren der Weltwirtschaft bis hin zu deren Subperipherien. Für die Entwicklungsgesellschaften der Welt existierte sie, lange ehe Globalisierung als Begriff in Umlauf kam. Am Rande bemerkt: Es gibt durchaus Anzeichen, daß dieser Vorgang: gesellschaftliche Zerklüftung bzw. Desintegration als Folge von Globalisierung, in den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten, wenngleich nicht im selben Ausmaße, auch die Altindustrieländer erfassen wird.

 

II

Nun zeigt sich, vom ökonomischen Bereich her gesehen, eine bemerkenswerte Strukturanalogie im Hinblick auf kulturelle Globalisierung. Auch hier ist ein abgeschichtetes Bild erforderlich. Entgrenzung findet statt, aber diese hat wiederum ganz unterschiedliche Ausprägungen, ob wir uns im Bereich der OECD-Welt bewegen oder in den übrigen Teilen der Welt.

Innerhalb der OECD-Welt wird der zunehmende kulturelle Austausch als qualitative Bereicherung empfunden, gleichgültig, ob er in anderen, vergleichbar entwickelten Gesellschaften oder in der übrigen Welt seinen Ursprung hat. Denn mit ihm verstärkt sich die Vielfalt der kulturellen Impulse, sei es in der bildenden Kunst, im Film, in der Musik ("Weltmusik") oder in der Literatur. Diese Vielfalt vermehrt das ohnehin reichliche kulturelle Angebot, was ein weltläufiges postmodernes Flair dieser Gesellschaften noch einmal akzentuiert. Stilmischungen kommen zustande, sei es in Form einer Hybridisierung, von cross-overs oder ähnlichen Durchmengungen. In der breitenwirksamen Popularkultur sind Vorgänge solcher Art interessant, oft kulturell aufregend, aber politisch weitgehend belanglos. Denn offensichtlich lassen sich diese vielfältigen Impulse absorbieren, ohne daß die betroffenen Gesellschaften in Identitätskrisen zu verfallen drohen. Vor allem: eine sich dergestalt pluralisierende, bunter werdende Kulturszene bedroht nicht, zumindest nicht bis heute, den Kernbestand der politischen Kultur, d.h. die inzwischen routinisierte Akzeptanz von Pluralität und die erprobte Fähigkeit, diese mit Hilfe bewährter institutionalisierter Vorkehrungen abzufedern und konstruktiv zu bearbeiten. Hier also haben wir es, von der räumlich eingrenzbaren Problematik der Integration von Migranten abgesehen, mit einer Art von kultureller Globalisierung de luxe zu tun.

Gegenüber dieser ist die Lage in den Entwicklungsgesellschaften der Welt in aller Regel eine ganz andere. Dort wird allermeist der kulturelle Außeneinfluß, der aus der ökonomisch, technologisch und medienwirksam überlegeneren OECD-Welt stammt, als ein direkter Angriff auf die eigene (meist ohnehin schon brüchig gewordene) Identität begriffen. Die fremde, sich von außen aufdrängende Kultur wird dann unter den Vorzeichen eines aggressiven, wiederum asymmetrisch gelagerten kulturellen Verdrängungswettbewerbs betrachtet. Und wiederum gibt es, wie im ökonomischen Bereich, vier grundsätzliche Reaktionsweisen: die Regression in der Folge von Überforderung; ein sich aufbäumender Widerstand als Ausdruck von Gegenwehr; gelegentlich kommt es zu innovativer Reaktion: Dann entsteht Neues in der Folge einer zunächst als überwältigend empfundenen Herausforderung.

Doch in der Regel führt der Verdrängungswettbewerb, nicht anders als in der Ökonomie, zur Herausbildung von strukturellen Zerklüftungen (struktureller Heterogenität) nunmehr in kultureller Hinsicht: Dann zergliedern sich Gesellschaften in der Folge von kultureller Globalisierung in Schichtungen unterschiedlicher mentaler und kultureller Orientierung: Da gibt es die "Westler", die mit westlicher Kultur (Pluralität von Interessen und Identitäten, Individualismus, Gleichheit der Geschlechter, Selbstbestimmung usf.) keinerlei Schwierigkeiten haben. Im Gegenteil wollen sie, daß die eigenen Gesellschaften möglichst schnell ein vergleichbares Kulturmuster ausprägen, was als Ausdruck von zivilisatorischem Fortschritt empfunden wird und aus struktureller Abhängigkeit heraus führen soll. Beispielhaft auf einen kurzen Nenner gebracht: "Konfuzius" figuriert hier als Problem, nicht als Lösung!

Dann gibt es jene, die gewissermaßen ein Mischprogramm anstreben, also eine Synthese aus Moderne und überkommenen Kulturmustern: Es sind jene Vertreter, die die eigene Kultur retten, aber doch die Segnungen der fremden Technologie nicht entbehren wollen. Als "halbierte Modernisten" wurden sie bezeichnet, weil sie nur Wissenschaft und Technologie modernisieren, nicht aber die Kultur unter Veränderungsdruck gesetzt sehen wollen. Auch gibt es die Traditionalisten, die in der Vergangenheit oft nur das sehen, was sie in diese hineinprojizieren und die damit zu Repräsentanten jenes Vorgangs werden, den man als "Erfindung von Tradition" bezeichnet hat. Schließlich gibt es die fundamentalistische Reaktionsweise, die vor Ort, aber auch international mit aggressiver Reaktion auf die Herausforderung westlicher Kultur ("den Teufel", "den Satan") reagiert, im Grenzfall sogar mit lokal oder international inszeniertem Terrorismus. Ein Kulturgehalt der letztgenannten Reaktion ist nicht erkennbar: Denn terroristisch motivierte Gewalt will Schrecken verbreiten, darüber bei Gleichgesinnten zusätzliche Sympathien mobilisieren. Vor allem aber wird Terror als Instrument der Machterringung begriffen. Dabei wird Kultur, insonderheit Religion, allermeist auf ganz vordergründige Weise machtopportunistisch instrumentalisiert, woraus Unkultur, im Grenzfall kulturell bzw. religiös verbrämte Makrokriminalität erwächst.

Nun hängt die jeweils beobachtbare Mischung einer politisch-kulturell motivierten Reaktion in erheblichem Maße vom Erfolg bzw. Mißerfolg sozio-ökonomischer und politischer Transformationsprozesse ab. Sind, wie beispielsweise in Ostasien, die Transformationsprozesse (langfristig betrachtet) relativ erfolgreich – man beobachtet dann ein "upgrading" –, so sind kulturelle Veränderungsprozesse zwar schmerzhaft, aber von Anpassungsfähigkeit und Lernoffenheit gekennzeichnet. Befinden sich demgegenüber Gesellschaften in einer tiefen, überdies einer sich chronifizierenden Entwicklungskrise, also einer Krise ohne Aussicht auf ihr Ende, so akzentuieren sich, parallel zur sich zuspitzenden strukturellen Zerklüftung in der Ökonomie und in der Sozialschichtung, die kulturellen Verwerfungen, wobei ein Nährboden für ein breites Spektrum von meist gleichzeitig beobachtbaren Reaktionsweisen entsteht. Unter dem Vorzeichen einer chronischen Entwicklungskrise wird der Kulturkonflikt vor Ort unausweichlich zu einer anhaltenden, meist militant werdenden Auseinandersetzung über die Ausrichtung der öffentlichen Ordnung, also zu einem durchweg öffentlichen und hochpolitischen Ereignis. Es kommt zu einem Kulturkampf im ernsten Sinne des Begriffes: zu einer Auseinandersetzung über unterschiedliche Optionen in der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten. Kulturkonflikte gleichen dann Machtkämpfen, die ihrerseits Verfassungskämpfe sind, weil es in ihnen um grundlegende Fragen künftiger Gesellschaftsordnung geht. So beispielsweise, vor allem in islamisch geprägten Gesellschaften, um die Frage von theokratischer oder säkularer Orientierung bzw. entsprechenden Mischformen ("Gottes Staat als Republik"), wie seit einigen Jahren und derzeit intensiviert beispielhaft im Iran beobachtbar.

Kulturkämpfe dieser Art offenbaren in Gestalt von Machtkonflikten existentielle Identitätskrisen. Kulturelle und bewußtseinsmäßige Zerklüftung ist dann nicht nur auf gesamtgesellschaftlicher Ebene oder in einzelnen Sozialschichten, sondern, wie in künstlerischen Selbstzeugnissen vielfach belegt, gerade auch in den Einzelpersonen selbst zu beobachten. Mit den Folgewirkungen einer kulturellen Globalisierung de luxe, einer sich immer selbst bereichernden Kulturszene, einer spielerisch-postmodernen Beliebigkeit hat dieser Sachverhalt nichts zu tun. Denn in den extremen Fällen sind Konflikte der genannten Art (Algerien, Iran u.a.) Auseinandersetzungen auf Leben und Tod.

 

III

Welche Folgerungen für den heute vielfach für unausweichlich erklärten interkulturellen Dialog ergeben sich aus den vorangegangenen kompakten Beobachtungen?

Was in den Entwicklungsgesellschaften der Welt heute unter den Vorzeichen ökonomischer und kultureller Globalisierung und angesichts eines tiefgreifenden sozialen Wandels zu beobachten ist, ruft, wenngleich nicht in jedem Detail, so doch in den Grundzügen, Erinnerungen an weithin heute im öffentlichen Bewußtsein verdrängte europäische Erfahrungen wach. Denn Europa, d.h. präziser: Nord- und Westeuropa, ist jener Kontinent, der seit der frühen Neuzeit, insbesondere aber seit ca. 1750 zum erstenmal in der Weltgeschichte in der Folge sozialer Mobilisierung zur Geburtsstätte dramatischer Modernisierungsschübe und entsprechender mentaler Umbruchserfahrungen wurde. Ihre Begleiterscheinung waren tiefgreifende ordnungs- bzw. gesellschaftspolitische Konflikte, auch Kulturkämpfe der vorgenannten Art, in den jeweiligen Gesellschaften.

Die derzeitigen politischen, sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Veränderungen in den Entwicklungsgesellschaften der Welt sind somit dem geschichtsbewußten Beobachter europäischer Entwicklungsgeschichte nicht unvertraut: Denn wie einst in Europa, so ist heute weltweit eine dramatische soziale Mobilisierung, d.h. eine Entbäuerlichung bzw. Verstädterung von Gesellschaften, eine breitenwirksame Alphabetisierung sowie die Politisierung von herkömmlicherweise eher apolitischen, nunmehr organisierbar werdenden Bevölkerungen zu beobachten. Darüber kommt es, säkular betrachtet, zu einer Pluralisierung von zunehmend politisierten klassen- und schichtspezifischen Interessen und Identitäten. So werden aus traditionalen Gesellschaften politisierbare und faktisch politisierte Gesellschaften, in denen "Wahrheiten" sich nicht mehr zweifelsfrei definieren lassen. Denn Gerechtigkeitsvorstellungen vervielfältigen sich, ebenso wie die Lebensentwürfe. Es entstehen konfliktträchtige, ggf. gewaltträchtige Gebilde. Und da die Pluralität nicht überwindbar ist, die Politisierung von Identitäten, Wahrheiten, Gerechtigkeitsvorstellungen und Interessen unumkehrbar ist, sind auch Diktaturen und Despotien, die in solcher Umbruchszeit oft entstehen, über kurz oder lang zum Scheitern verurteilt. Denn unter den genannten Bedingungen des sozialen Wandels und des Umbruchs sind inzwischen in jeder Ecke der Welt letztendlich unabweisbare Forderungen nach politischer Teilhabe vernehmbar.

In solcher Lage entsteht die moderne Koexistenzfrage, die zur grundlegenden Verfassungsfrage wird: Welche verbindlichen institutionellen Vorkehrungen werden in einer sich pluralisierenden Gesellschaft für die friedliche Bearbeitung von unausweichlichen, durchweg politisierten Konflikten gefunden und als legitim akzeptiert? Genau diese Problematik trieb die neuzeitliche Geschichte Europas um, und eben diese Problematik kennzeichnet heute die politischen Konflikte in weiten Teilen der außereuropäischen Welt.

Nun läßt sich die politisch virulente kulturelle Identitätskrise vieler gegenwärtiger Entwicklungsgesellschaften quer durch die Welt (einschließlich dem ehemaligen Bereich des Realsozialismus) nicht durch exklusive Rückgriffe auf die eigene Tradition oder die pure Übernahme fremder Angebote bewältigen, obgleich beides gelegentlich beobachtbar ist. Der Ausweg kann, nicht anders als seinerzeit in Europa, nur das Ergebnis von Kompromissen sein, die aus politischen Konflikten resultieren. Solche machtlagenbedingten Kompromisse müssen den jeweiligen überkommenen Status quo-Mächten abgerungen werden, denn es handelt sich bei ihnen allermeist um Weichenstellungen wider Willen. Das war in Europa nicht anders: Keine der zivilisatorischen Errungenschaften, die heute in Europa und in der westlichen Welt insgesamt als grundlegend für die Struktur und den Aufbau einer modernen öffentlichen Ordnung erachtet werden, waren tragende Prinzipien in der vormodernen alteuropäisch-traditionalen politischen Ordnung: Die Vorstellung, alle Menschen seien frei und gleich an Würde und Rechten geboren mit der Konsequenz eines Schutzes individueller Grundrechte und der Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichheit der Geschlechter, Gewaltenteilung, Religionsfreiheit, Minderheitenrechte – diese und andere Prinzipien, die wir heute für grundlegend erachten, sind, nicht anders als die regulative Idee der Toleranz, ein sehr spätes Produkt zivilisatorischer Entwicklung in unseren eigenen westlichen Breitenkreisen.

Im Hinblick auf Europa sollte also nicht vergessen werden: Die Zivilisierung des modernen sozialen Konfliktes, wie sie in den Kernländern Europas zu beobachten ist, war zu keinem Zeitpunkt gewissermaßen in die Kulturgene Alteuropas eingeprägt. Sie ist das Ergebnis einer jahrzehnte- bzw. jahrhundertelangen Konfliktgeschichte: von antifeudal-bürgerlichen und später von antibürgerlich-proletarischen Bewegungen, die immer auch jeweils reaktionäre Gegenbewegungen provozierten, also eine abwehrende Kritik am Individualismus, Liberalismus und Säkularismus, an dem in dieser Kritik unterstellten Sitten- und Kulturverfall, an Pluralität im allgemeinen und Toleranz gegenüber vielfältigen Wertehaltungen im besonderen als den Geburtsstätten gesellschaftlichen Werteverlustes sowie moralischer Orientierungslosigkeit und Verderbtheit. Was diese reaktionäre Kritik nie begreifen oder nie akzeptieren wollte, war die Tatsache, daß die Prinzipien moderner Rechtsstaatlichkeit und Demokratie darauf ausgerichtet sind, in einer unumkehrbar pluralistisch gewordenen politisierten Gesellschaft friedliche Koexistenz nachhaltig zu ermöglichen und auf eine dauerhafte Grundlage mit institutionellen Sicherungen gegen den Bürgerkrieg zu stellen.

Wer nun die eigene europäische Kultur, gerade auch die inzwischen allseits wertgeschätzte, auf Pluralität ausgerichtete politische Kultur, als das historische Ergebnis eines konfliktreichen, oft konvulsiven kollektiven Lernprozesses begreift, wird angesichts andernorts zugespitzter gesellschaftspolitischer Konfliktlagen dort kaum unverrückbare homogene Kulturprofile ("asiatische/ islamische Werte") unterstellen. Im Gegenteil: Seit langem ist zu beobachten, wie außereuropäische Kulturen als Reflex eines sich akzentuierenden sozio-ökonomischen Wandels und Umbruchs sowie daraus resultierender politischer Konflikte mit sich selbst in Konflikt geraten, d.h. sich schichtmäßig und folglich auch mental ausdifferenzieren und darüber selbstreflexiv werden. Vernünftig inszeniert erleichtert dieser in den Entwicklunggesellschaften unübersehbare Sachverhalt, der "clash within civilizations", den interkulturellen Dialog, vor allem wenn gleichzeitig europäischerseits (westlicherseits) die reale Konfliktgeschichte Europas erinnert wird und damit von einem wirklichkeitsgetreuen Selbstbild ausgegangen wird.

 

IV

Lassen Sie mich ein Fazit ziehen: Europäer (und Westler) sollten sich an einem interkulturellen Dialog mit dem Wissen um ihre eigene reale Vorgeschichte – die Wege, Umwege und Abwege (s. die Geschichte Deutschlands!) – beteiligen. Sie sollten zuvor verstanden haben, daß viele heute in der weiten Welt sich abspielenden, politisch motivierten Kulturdebatten ihre vergleichbaren Vorläufer in Europa hatten und daß die heute weltweit beobachtbaren Kulturkämpfe nicht unvertraut sind, insofern man sich der eigenen europäischen Geschichte erinnert. Ein solcher Einstieg in den Dialog kann diskursive "Wunder" bewirken: Man vermeidet dabei die falsche Unterstellung, daß das, was wir heute in Europa und in der westlichen Welt wertschätzen, immer schon in der Geschichte Europas Inbegriff politischer Kultur gewesen sei – eine völlig abwegige Unterstellung! Und über ein historisch realitätsgerechtes Selbstbild vermittelt sich auch die erforderliche Sensibilität für die kulturellen Konfliktlagen und Konvulsionen samt der ihnen zugrunde liegenden politischen Umbruchsituationen in der heutigen außereuropäischen Welt.

Was nun die außereuropäischen Partner eines solchen Dialogs angeht, so wäre wichtig, daß auch diese sich nicht zu Repräsentanten von vermeintlich unverrückbaren, widerspruchsfreien und in sich geschlossenen Kulturen und Religionen hochstilisieren oder in eine solche Position drängen lassen, denn angesichts tiefgreifender akuter Kulturkonflikte innerhalb aller Kulturen gibt es solche "repräsentativen Repräsentanten" der jeweiligen Kultur im Grunde genommen nicht oder vielmehr nicht mehr und immer weniger. Was zu beobachten ist, das sind repräsentative Vertreter der unterschiedlichsten Strömungen, die sich seit langem, wenngleich im Einzelfall quantitativ unterschiedlich präsent, in allen von struktureller Zerklüftung geprägten Kulturen finden und befehden: die Traditionalisten und Modernisten, die Theokraten und Säkularisten, die Wertekonservativen und Postmodernisten, die Aufklärer und Gegenaufklärer, die Progressiven und Reaktionäre, die Universalisten und Kommunitaristen, die Ungläubigen und Fundamentalisten, die Status quo-Anhänger und die Dissidenten. Deren Differenzen sind oft weniger in spezifischen, für nicht austauschbar bzw. nicht verhandelbar gehaltenen Kulturinhalten begründet; vielmehr spiegeln diese kontroversen, oft antagonistischen Positionen modernisierungsbedingte, die einzelnen Kulturkreise übergreifende analoge sozio-ökonomische und sozio-politische Problemlagen sowie auch analoge Handlungsperspektiven zu deren Bearbeitung und Bewältigung wider – und dies heute außerhalb Europas nicht anders als einst in Europa selbst.

Positionen der genannten Art sind also in erster Linie entwicklungsgeschichtlich-kontextbedingt und keineswegs exklusiv-kulturspezifisch geprägt, anders wären die über geschichtliche Etappen und einzelne Kulturkreise hinweg bestehenden gleichläufigen Konfliktkonstellationen samt Kulturkampfpositionen kaum erklärbar. So finden sich beispielsweise heute in den Argumenten des militanten Islamismus theokratischer Prägung – interessanterweise ohne vorgängige Kenntnisnahme – genau die Argumente der theokratischen Konterrevolution wieder, die nach 1789 in Reaktion auf den laizistischen Staat à la française vorgebracht wurden. In der skripturalistischen Orientierung ist sich die Orthodoxie jeglicher Provenienz weltweit einig. Und wie einst in Europa, so folgen auch heute unter den Vorzeichen eines politisierten Kulturkonfliktes vor allem in islamischen Ländern auf den Versuch einer Dekonstruktion "heiliger Texte" der Entzug der Lehrerlaubnis, ggf. ein Anschlag auf Leib und Leben und oft genug die Flucht in das Exil als einzige Möglichkeit, das eigene Leben zu retten. Argumente gegen das Wahlrecht von Frauen bzw. die Wählbarkeit von Frauen sind heute so einfallslos-verschroben wie einst.

Diese und weitere Beispiele dokumentieren, daß sich die Geschichte mehr wiederholt, als es uns in einer schnellebigen geschichtsvergessenen Zeit eigentlich bewußt ist. Im übrigen: Haben wir in Deutschland vergessen, was noch im frühen 20. Jahrhundert über den "Gegensatz Deutschland und der Westen", heute völlig anachronistisch anmutend, aber seinerzeit repräsentativ für den Zeitgeist, von hervorragenden Intellektuellen, sogar einem Literaturnobelpreisträger wie Thomas Mann wie folgt formuliert wurde (1918): "Ich bekenne mich tief überzeugt, daß das deutsche Volk die politische Demokratie niemals wird lieben können, und daß der vielverschrieene ‚Obrigkeitsstaat’ die dem deutschen Volk angemessene, zukömmliche und von ihm im Grunde gewollte Staatsform ist und bleibt." Und weiterhin: "Wessen Bestreben es wäre, aus Deutschland einfach eine bürgerliche Demokratie im römisch-westlichen Sinn und Geiste zu machen, der würde ihm sein Bestes und Schwerstes, seine Problematik nehmen wollen, in der seine Nationalität ganz eigentlich besteht; der würde es langweilig, klar, dumm und undeutsch machen wollen und also ein Anti-Nationalist sein, der darauf bestünde, daß Deutschland eine Nation in fremdem Sinne und Geiste würde…" Ersetzt man in diesem Zitat Deutschland durch beispielsweise Singapur oder andere Namen, so wird man verblüffende Parallelitäten in den Aussagen von einst und heute feststellen können!

Wer immer sich also heute anschickt, interkulturelle Dialoge zu inszenieren, sollte die real existierenden Kulturwelten, nicht also die Fiktion von in sich geschlossenen, abgerundeten Kulturen zum Ausgangspunkt nehmen. Und er sollte sich, geschichtsbewußt, der Wiederkehr von analogen Konfliktkonstellationen bewußt werden und diesen Sachverhalt selbst zum Thema des Dialogs machen. Das erfordert zunächst einmal die Auflösung von selbstverschuldeten klischeehaften Denkblockaden: vor allem die Erweiterung des intellektuellen Horizonts im Hinblick auf Geschichte und eine weltweit ausgerichtete vergleichende Analyse. Dieser Vergleich würde sich nicht nur auf den westlichen und islamischen Kulturbereich beziehen, sondern selbstverständlich auch auf alle übrigen Kulturbereiche, in denen dem islamischen Kulturbereich vergleichbare Herausforderungen, die sich allerdings oft in anderen Ausdrucksformen manifestieren, zu beobachten sind. Durch solche Erweiterungen des Horizonts würden einer kontraproduktiv werdenden Routine, dem beobachtbaren Leerlauf vieler heute gängiger wohlmeinender interkultureller Dialoge, die oft nur abstrakte Metadialoge oder diplomatisch motivierte Umarmungsdialoge sind, entgegengewirkt. Dergestalt neu ausgerichtet, würden interkulturelle Dialoge zu wichtigen Beiträgen für eine sich allmählich herausbildende, durch vielfältige Kreuz- und Querbezüge geprägte kulturelle Globalität, folglich neben anderem zu Bausteinen einer politischen Kultur, in der in einer Welt unabweisbarer Pluralität eben diese produktiv verarbeitet würde. In den Wissenschaften, Künsten und in politischer Praxis sollte ein solches Bemühen als eine eminente zeitgemäße und überdies überfällige Friedensaufgabe begriffen werden.

 

Link to 'Public Con-Spiration for the Poor'