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Hilfreiche Texte
Jürgen Springer
Ausgefranstes Puzzle
Der Sudan und die internationale Gemeinschaft im ungelösten Darfur-Konflikt
Aus: Christ in der Gegenwart, 6/2007, S.43f.
"Afrika, mon amour", Afrika meine Liebe. Deutlicher und offenherziger läßt sich ein Bekenntnis zu einem Kontinent wohl nicht ablegen. Den gleichnamigen Dreiteiler im ZDF mit Starbesetzung (unter anderem mit Iris Berben und Robert Atzorn) - ein historisches Melodrama aus der Kolonialzeit des deutschen Kaiserreichs, das in der Region um das heutige Tansania am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielt - wollten zum Jahresanfang fast zehn Millionen Zuschauer sehen. Ein Fernseh-Rekord. Der Film besteht aus einer Mischung aus Krimi, Kriegsereignissen, Romanze und Emanzipationsdrama. Er schwimmt auf einer Afrika-Welle, die mit ähnlich aufmerksamkeitsheischenden Traum- und Sehnsuchtsbildern Menschen bewegt. Ob "Die weiße Massai", "Afrika, wohin mein Herz mich trägt" oder "Traum von Afrika" (so die Namen weiterer TV-Produktionen der letzten Wochen): Am Fuße des Kilimandscharo oder im äquatorialen Dschungel finden anscheinend die größten Herausforderungen, die phantasievollsten Szenerien, die exotischsten Liebesgeschichten statt.
Auch das jüngste Projekt des österreichischen Künstlers André Heller "Afrika! Afrika!" (mit zwei Ausrufezeichen) will uns den "faszinierenden Kontinent" zwischen Algier und Johannesburg, zwischen Accra und Antananarivo (Madagaskar) nahebringen mit einem Großaufgebot an marokkanischen Jongleuren, kenianischen Illusionisten und südafrikanischen Artisten unter einer Zirkus-Kuppel. Es ist ein gigantisches Spektakel, bei dem fast 170 Mitarbeiter und deren Show-Zubehör in 28 Sattelschleppern durch ganz Europa gekarrt werden. Heller, so berichtete die FAZ in einem süffisanten Beitrag, "wolle mit seinem Afrika-Zelt die Besucher dazu anregen, über Afrika anders nachzudenken". Nicht so viele Kriege, Armut, Hunger und andere Katastrophen; statt dessen Freude an Tanz, Körperkunst und Akrobatik. Die Vereinten Nationen sowie das Goethe-Institut unterstützen das Vorhaben. Man wolle entgegen einer weitverbreiteten Resignation, die im Blick auf das arme Afrika unter den reichen Nationen verbreitet ist, eine "Stimmung des Aufbruchs" vermitteln.
Aber läßt sich so wirklich das andere Afrika darstellen? Was ist mit den realen Bildern der Gegenwart, die uns in den Wohnzimmern erreichen? Etwa jenen von den Kriegszuständen in Somalia, vom Giftmüllskandal an der Elfenbeinküste, vom Kampf um sogenannte Blutdiamanten im Kongo oder von den traurigen Entscheidungen in Simbabwe, wo der einstige Vorzeige-"Befreier" Robert Mugabe ein ganzes Land in Elend, Korruption, Arbeitslosigkeit und Chaos geführt hat?
Unter all den afrikanischen Konflikten sticht der Sudan besonders brutal heraus. Nicht allein, weil es der größte Flächenstaat des Kontinents mit 2,5 Millionen Quadratkilometern ist - siebenmal so groß wie Deutschland. Nicht allein, weil der Sudan immer eine Art Verbindungsglied darstellte zwischen den arabischen Völkern im Norden und Schwarzafrika weiter südlich (Kenia, Uganda, Kongo). Es ist das alte Nubien, das einst im Orient als "Goldland" (altägyptisch nub = Gold) bekannt war und dessen Nordregionen bis zum 14. Jahrhundert christlich - koptisch - geprägt waren.
Land der Hölle, Traum der Weißen
Heute ist das Image ein anderes. Der ehemalige Uno-Generalsekretär, der Ghanaer Kofi Annan, sprach von dem "Land der Hölle". Und der Sonderbeauftragte für humanitäre Hilfe, Jan Egeland, brachte es auf den Punkt: Die weltweit schlimmste humanitäre Katastrophe findet derzeit in Darfur statt. Dort sind bis zu drei Millionen Flüchtlinge in Elends-Quartieren untergebracht und bis zu 300.000 Menschen gestorben.
Freilich erlebte das Land einen - kurzen - Lichtblick. Der mehr als zwanzigjährige Krieg, den die islamistische Zentralregierung gegen den christlich und naturreligiös geprägten Süden führte, konnte 2005 durch einen Friedensschluß beendet werden. Schätzungen gehen von zwei Millionen Toten aus. Ungezählt sind die Verstümmelten, Behinderten, seelisch Traumatisierten.
Der Afrika-Korrespondent Thilo Thielke nennt (in "Spiegel-online") den aktuellen Darfur-Konflikt im Westen des Landes einen unglaublichen Massenmord, "von dem die ganze Welt weiß". Es sei ein "Ruanda in Zeitlupe", wie der angesehene amerikanische Krisenforscher John Prendergast einmal sagte. Gemeint ist der Völkermord, der 1994 ein tragisches Versagen des Westens wie der afrikanischen Nachbarn kennzeichnet.
Die Situation im Sudan ist vergleichsweise vertrackt. Die Uno, die eine Beobachtermission im Süden hat und eine weitere für Darfur vorbereitet, hat keine praktikablen Lösungen parat. Das Islamisten-Regime in Khartum wiederum droht regelmäßig mit dem "Heiligen Krieg". Über die Soldaten der Afrikanischen Union, die jetzt in Darfur ein - schwaches - Überwachungsmandat ausüben und in welcher der libysche Ex-Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi die Fäden zieht, urteilt Thielke wenig hoffnungsvoll: Dieses Bündnis habe es lediglich auf das Geld des reichen Westens abgesehen und nicht auf wirkliches Friedenstiften dort. "Deshalb erzählen ihre Vertreter stets, was die Minister in den 'Geberländern' hören und wofür sie gerne bezahlen wollen."
Öl, Al Quaida und Stammesdenken
Dies sind nur einige Puzzleteile, die zum derzeitigen ausgefransten Gesamtbild des Sudan gehören. Das Land gleicht einem wilden Haufen solcher Versatzstücke, die sich kaum zusammenfügen lassen. Das politische, wirtschaftliche, militärische und religiöse Gesicht des Landes ist zersplittert vieldeutig. Bisweilen fehlt es an genauen Informationen, tun sich große Widersprüche auf, klaffen auch Lücken. Die Gewalt dort hat viele, oft voneinander abhängige Ursachen und Dynamiken: Landstreitigkeiten, Banditentum, ethni-
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sche Spannungen, mangelnde Entwicklung, politische Machtkämpfe, Islamismen verschiedener Prägung bis hin zu Al-Quaida-Trainings- und Rückzugsquartieren. Zudem verwirren die verschiedenen islamischen Chefideologen des Sudan das Meinungsbild mit immer wieder überraschendem Allianzwechsel, Meinungswechsel und Intrigenspielen gegeneinander.
Ein Blick in die jüngere Geschichte macht die Komplexität dieses gelenkten-ungelenkten Chaos' deutlich. Bald nach der Unabhängigkeit 1956 begann der arabisierte muslimische Norden einen erbitterten Kampf gegen den christlich und naturreligiös geprägten Süden, der nach Autonomie strebte. Ein Hintergrund waren - und sind es immer noch - wirtschaftliche Interessen. Denn die Region verfügt über reiche Ölquellen und andere Bodenschätze. Zudem bestehen seit Jahrhunderten kulturell-ethnische Konflikte zwischen dem eher zur arabischen Kultur geneigten Norden und dem eher nach Schwarzafrika orientierten Süden. Die Ausrufung des Sudan zur "Islamischen Republik" 1983 sowie die Einführung der Scharia, der islamischen Rechtssprechung, verschärften die Spaltung. Vor fast genau zwei Jahren einigten sich Regierung und Rebellen auf einen Friedensvertrag. Hoffnung keimte auf. Die Absprache sieht vor, daß der Süden unter Leitung der Rebellenbewegung steht bis zu einer Wahl, die voraussichtlich 2009 stattfinden soll. Innerstaatlich wurde eine Gewaltenteilung zwischen Rebellen und Khartum vereinbart. Eine Uno-Beobachtermission überwacht die Einhaltung des Friedens. Aber die einstigen Gegner mißtrauen und belauern sich bei jeder Gelegenheit.
Paradoxerweise hat die geräuschlose UN-Friedensmission im Süden, die von Fachleuten als konstruktiv bezeichnet wird, den Konflikt im West-Sudan, in der anderen Krisenregion Darfur, verschärft. Denn Khartum zog in dieser "Kampfpause" seine Militärmacht aus dem Süden ab und konzentrierte sie neu. Zugleich läßt Präsident Omar al-Bashir keine Gelegenheit aus, dem "ungläubigen Westen" vorzuwerfen, er greife in die Souveränität eines islamischen Landes ein. Jede fremde Einmischung wird von ihm als neokolonialer Akt gegeißelt.
Darfur: Kain und Abel im Sudan
Wieviel Taktiererei und Brutalität hinter dem Khartumer Regime stecken, offenbaren andere Ereignisse. Während man offiziell dem Drängen der Uno nachgab und der Blauhelm-Mission mit Soldaten aus Afrika und Asien in Darfur zustimmte, überzogen zwei Tage später Mig-Jagdbomber die Westregion des Sudans mit schweren Bomben-Angriffen. Nicht vergessen ist, daß der Sudan dem Terroristen Osama Bin Laden in den neunziger Jahren Unterschlupf gewährte. Zugleich bombardierten die USA 1998 eine Arzneimittelfabrik in Asch-Shifa, in der die Amerikaner eine geheime Giftgas-Produktion im Auftrag der Al-Quaida vermuteten. Der Verdacht, daß der Sudan in die Bombenanschläge auf afrikanische US-Botschaften verstrickt sei, konnte nicht bewiesen werden.
Bisher gelang es nicht, auf Uno-Ebene den Sudan zu verurteilen und allgemeine Sanktionen zu verhängen. Denn die Vetomächte Rußland und China verweigerten in vielen Anläufen im Sicherheitsrat ihre Zustimmung. Nicht von ungefähr. China, dessen Präsident Hu Jintao gegenwärtig acht Länder Afrikas besucht, darunter auch der Sudan, ist der wichtigste Handelspartner Khartums im Ölgeschäft. Und Rußland verdient Millionen, indem es Waffen und Militärflugzeuge an den Sudan verkauft.
Im Darfur-Konflikt wiederum kämpft die Khartumer Regierung gegen dortige Separatisten-Bewegungen, die ihre Machtkämpfe genauso auf dem Rücken des Volkes austragen wie die Zentralregierung. Diese hat sich mit den regionalen sogenannten Dschandschawid-Rebellen verbündet. Das sind nomadisierende Reiterbanden arabischer Herkunft, denen Khartum freie Hand läßt beim Plündern, Brandschatzen, Vertreiben, Vergewaltigen, Morden. Sie terrorisieren die schwarz-afrikanische Bevölkerung. Moslems gegen Moslems. Die "Zeit" nannte den Brudermord zwischen den arabischstämmigen Viehzüchtern und den schwarzafrikanischen seßhaften Bauern eine "alttestamentarische Unabänderlichkeit", vergleichbar mit der Rivalität von Kain und Abel. "Die Bewohner der kargen, glutheißen Wüsten und Halbwüsten ... konkurrieren seit Menschengedenken um knappe Nahrungsgüter, um Wasser, Weiden und Ackerboden, um Brennholz, Baumaterial und Wild ... Das hohe Bevölkerungswachstum, die beschleunigte Versteppung und periodische Dürren haben die Verteilungskonflikte verschärft, und weil sie unterdessen mit massenhaft verbreiteten Schnellfeuerwaffen ausgetragen werden, ist der Blutzoll so hoch, daß traditionelle Schlichtungsinstrumente nicht mehr wirken." Hinzu kommt, daß die Machthaber jahrzehntelang die Randregionen kulturell und wirtschaftlich vernachlässigt haben. Armut und Zorn der benachteiligten schwarzafrikanischen Stämme in Darfur wuchsen und haben entsprechend den separatistischen Gruppierungen die ähnlich wie die im Süden des Landes handeln, Auftrieb gegeben. Der Krieg hat sich inzwischen auf das arme Nachbarland Tschad ausgeweitet, wohin viele flüchteten und in Lagern unter menschenunwürdigen Bedingungen auf Hilfe warten. Zwar wurde im Mai letzten Jahres für Darfur ein Friedensabkommen zwischen der Zentralregierung und der größten Rebellengruppe ausgehandelt. Doch ist die Gewalt nicht geringer geworden. Obwohl vereinbart, gab es bis heute keine Entwaffnung der Reitermilizen. Auf beiden Seiten rekrutieren die Anführer zudem Kinder und zerstören so die Zukunft der Menschen auf bestialische Weise.
In den Medien wenig Erwähnung findet die Tatsache, daß bis zum Friedensschluß im vorherigen nord-süd-sudanesischen Konflikt vor allem die Christen Opfer des Terrors der islamistischen Regierung wurden. Hilfsorganisationen schätzen, daß mindestens 100.000 Christen allein wegen ihres Glaubens Opfer von Folter, Vertreibung, Versklavung durch Moslems wurden. In Darfur sind es nun Moslems gegen Moslems.
Der Vatikan und die evangelischen Kirchen haben sich wiederholt entschieden für die gequälten Menschen gleich welcher Religion, eingesetzt. Die Uno solle dem Völkermord in Darfur endlich Einhalt gebieten. Erst neulich besuchte eine hochrangige Delegation des Lutherischen Weltbundes unter Generalsekretär Ishmael Noko Khartum ...
Auch die Ordensleute im Sudan äußerten sich im letzten Jahr zur trotz aller Friedensschlüsse weiterhin "schwierigen" Situation im Süden. Die Bevölkerung sei tief traumatisiert, und eine erschreckende Kultur der Gewalt habe sich ausgebreitet. Auch einfache Leute besitzen schwere Waffen. Rund 20.000 Kindersoldaten gebe es in den verschiedenen Armeen. Zudem fehlt es an Hygiene-Einrichtungen. Islam-Mission, die offensiv durch den Bau von Islam-Schulen und Krankenhäusern um Anhänger wirbt und von Khartum bezahlt wird, treibe die Islamisierung und Arabisierung unter den getauften Schwarzafrikanern voran. Was völlig fehlt, ist ein Geist der Versöhnung. Die Ordensleute betonen auch, daß es gegenwärtig in der Politik an Führungspersönlichkeiten mangelt, die in diesem dialogischen, verantwortungsvoll-umsichtigen Sinn handeln.
Wer hört auf die Stimme der Stimmlosen?
Heftige Beunruhigung hat zuletzt auch ein Überfall während des Jahresschluß-Gottesdienstes in der Allerheiligenkathedrale in der Hauptstadt ausgelöst, wo viele Christen aus dem Süd-Sudan eine neue Heimat gefunden haben. Polizisten behaupteten, angeblich einen flüchtigen Messerstecher verfolgt zu haben. Sie warfen dabei Tränengas-Granaten in den vollen Kirchenraum. Zahlreiche Gläubige, die das Gotteshaus verlassen wollten, wurden daraufhin mit Schlagstöcken traktiert. Aus Furcht vor Nachteilen in der Seelsorge halten sich die Katholiken im Norden mit kritischen Stellungnahmen gegen die Regierung zurück. Immerhin hat ein Priester Anzeige wegen des Vorfalls gegen die Polizei erstattet und sich beim Innenministerium beschwert.
Nach jüngsten Berichten gibt es positive Hinweise, daß in der Provinz Darfur zumindest ein zweimonatiger Waffenstillstand geplant werden könnte. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag meldete unterdessen, es gebe genügend Beweise für Anklageerhebungen gegen die Khartumer Regierung.
Die Wissenschaftlerin Kirstin Platt vom Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Universität Bochum nimmt das Zögern der internationalen Gemeinschaft zum Anlaß, "den Umgang mit der Erinnerung" zu hinterfragen. In der "Frankfurter Rundschau" sagt sie: Trotz aller Erfahrungen des 20. Jahrhunderts seien Politiker und Fachleute nicht "zu Experten im Erkennen von Völkermord" geworden, schon gar nicht zu einer Stimme für die heute Stimmlosen.
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