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Jürgen Springer

Der Chinesische Brief

Die Katholiken der Volksrepublik und die vatikanischen Dialogversuche mit Peking

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 28/2007, S. 230

 

In seinem seit Monaten angekündigten, nun veröffentlichten Brief an die chinesischen Katholiken hat Papst Benedikt XVI. dazu aufgerufen, die politisch verursachte Spaltung der dortigen Kirche durch beharrlichen Dialog und Verständigung zu überwinden. Etwa die Hälfte der rund dreizehn Millionen Katholiken der Volksrepublik - von 1,3 Milliarden Einwohnern - wird zur sogenannten offiziellen Kirche gezählt, die von Peking durch die "Patriotische Vereinigung der chinesischen katholischen Kirche" gelenkt wird und eine Oberaufsicht durch den Papst ablehnt. Daneben gibt es die nicht-offizielle, oft verkürzt als "Untergrundkirche" bezeichnete Gemeinschaft, deren Mitglieder den Papst in seiner ganzen, auch rechtlichen Vollmacht anerkennen. Viele Gläubige, Priester, Bischöfe haben schwere Verfolgung durch die kommunistischen atheistischen Kader und Behörden erlebt - jedoch eben nicht nur in diesem "Untergrund"-Zweig der trotz allem einen Kirche. Auch sind die "Grenzen" ja durchaus immer wieder "fließend". Es gibt zum Beispiel viele vom Staat bestimmte Bischöfe der offiziellen Kirche, die nachträglich auch vom Papst anerkannt wurden. Und es gibt Gläubige, die sich da wie dort beheimatet fühlen.

Papst Benedikt XVI. schreibt nun: "Als oberster Hirte der universalen Kirche möchte ich meinen innigsten Dank an den Herrn für das Zeugnis der Treue zeigen, das die katholische Gemeinde in China unter wirklich schwierigen Umständen im Leiden gegeben hat. Zugleich verspüre ich als meine innerste und unverzichtbare Pflicht und als Ausdruck meiner Vaterliebe die Dringlichkeit, die chinesischen Katholiken im Glauben zu bestärken und ihre Einheit mit den der Kirche eigenen Mitteln zu fördern."

Der Papst würdigt in dem 58seitigen Dokument die Kultur des chinesischen Volkes, "demgegenüber ich große Wertschätzung hege und für das ich Freundschaft empfinde". Er lobt den "Glanz seiner jahrtausendealten Kultur mit all ihrer Weisheit und philosophischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Erfahrung".

Der Brief besteht aus zwei Teilen. Im ersten geht Benedikt XVI. verständnisvoll auf die schwierige Situation der chinesischen Christen ein. Er kritisiert die staatliche Kontrolle kirchlicher Angelegenheiten, fordert "echte Religionsfreiheit" und spricht von den Christenverfolgungen. Zugleich erwähnt er in biblisch-theologischer Argumentation die umstrittene Frage der durch ein Zusammenwirken von staatlicher Religionsbehörde und "Patriotischer Vereinigung" angeordneten, vom Vatikan jedoch nicht genehmigten Bischofsweihen. Diese widersprächen dem Grundsatz kirchlicher Einheit.

 

Ritenstreit einst und Reinigung des Gedächtnisses heute

Mehrfach bekräftigt der Papst, daß die kirchliche Gemeinschaft und die Einheit mit dem Vatikan "wesentliche und integrale Elemente" des katholischen Glaubensverständnisses sind. Deshalb sei der Vorschlag einer Kirche, die sich "unabhängig" vom päpstlichen Leitungsamt betätigt, "im religiösen Bereich unvereinbar mit der katholischen Lehre". Ebenfalls nach innen richtet sich die Mahnung des Papstes, daß die Bischöfe, Priester und Gläubigen als Einheit Ausdruck des einen mystischen Leibes Jesu Christi sind. Mit Blick auf die innerkirchlichen Konflikte zwischen "offizieller" und "Untergrundkirche" erinnert Benedikt XVI. an seinen Vorgänger Johannes Paul II.: Echte Gemeinschaft sei nicht ohne "mühseliges Ringen um Versöhnung" möglich. Indirekt wird auch der sogenannte Ritenstreit angesprochen, der von 1610 bis 1744 dauerte: ein innerkirchlicher Konflikt über die Frage, ob die zum Christentum bekehrten Chinesen (und Inder) ihre Riten und Zeremonien der tradierten Religionen, insbesondere der Ahnenverehrung, beibehalten dürften, wobei sich Rom gegen die offene Haltung der Jesuiten durchsetzte. Der Papst erinnert an das Schuldbekenntnis der Kirche im Jahr 2000 und betont, daß Vergebung und Verzeihung Voraussetzungen sind für eine "Reinigung des Gedächtnisses".

Im zweiten Teil befaßt sich der Papst ausführlich mit "Richtlinien für das pastorale Leben", geht auf Sakramentenspendung, Priesterausbildung, Bischofskonferenz, die Hinführung von Erwachsenen zum Glauben ein. Zum Schluß äußert Benedikt XVI. den Wunsch, im Rahmen eines respektvollen und offenen Dialogs zwischen Bischöfen und Vatikan auf der einen und staatlichen Stellen auf der anderen Seite Wege einer "gewinnbringenden Einigung" zu finden, die der Kirche und dem gesellschaftlichen Zusammenleben "zum Nutzen gereichen". Der Brief ist auch als Angebot gedacht, einem Kompromiß zwischen Staatsführung und Vatikan den Weg zu bereiten.

Schon vor dem Erscheinen des Papstbriefes hatte die politische Führung der Volksrepublik China ihre Reaktion abgestimmt. Wie die Nachrichtenagentur "Asia News" berichtet, wurden die im Bereich der "Patriotischen Vereinigung" organisierten Bischöfe einberufen, um "Gegenmaßnahmen" zu beraten. "Asia News" verglich die Strategie mit dem Vorgehen bei der Heiligsprechung von 120 chinesischen Märtyrern durch den Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000. Damals habe die politische Führung diese Gruppe von Bischöfen zu einem öffentlichen Protest gezwungen. Das macht deutlich, daß die chinesische Führung, die Partei, weiterhin einen universalkirchlichen Anspruch des Vatikans und Einmischung in - wie sie es sieht - innere Angelegenheiten und chinesische Selbstbestimmung ablehnt. Hauptgründe für die ablehnende Haltung der Volksrepublik sind die Vatikan-Botschaft in Taiwan - die Rom aber bereit wäre, nach Peking zu verlegen - sowie die Ernennung der Bischöfe durch den Papst. Ein für die Kirche bedrängendes Problem, weil sechzig der rund hundert Bischöfe mittlerweile über achtzig Jahre sind.

Neue Chancen für Diplomatie?

Regierungssprecher Qin Gang wiederholte die Ablehnung. Zugleich vermied er in der Wortwahl eine zugespitzte Schärfe. Ein verstecktes diplomatisches Signal? Jedenfalls sagte er: China sei weiterhin bereit, sein Verhältnis zum Vatikan zu verbessern und zu normalisieren. Erstaunlich wohlwollend reagierte diesmal in einer ersten Stellungnahme die "Patriotische Vereinigung", die sonst gegenüber dem Vatikan nicht mit scharfer Kritik spart. Der stellvertretende Vorsitzende Liu Bainian begrüßte sogar ausdrücklich das Schreiben. Es mache die positive Haltung des Papstes gegenüber der Kirche Chinas deutlich und unterscheide sich erfreulich von der bisherigen Haltung des Vatikan. Dagegen scheinen die staatlichen Behörden die Verbreitung des Briefes im chinesischen Internet unterbunden zu haben. Die Homepage des Vatikan war in China nicht mehr erreichbar. Betreiber katholischer Websites in China, die den Brief auf ihre Homepages gestellt hatten, erhielten Besuch von Behördenvertretern und löschten sofort die entsprechenden Hinweise.

Kardinal Joseph Zen Ze-kiun von Hongkong bezeichnete den Brief als "historisch bedeutsam". Er hoffe, daß Peking nun Verständnis für die "unwandelbare Natur der katholischen Kirche" gewinne. Zudem setze er darauf, daß Chinas Bischöfe und Priester mit Hilfe dieses Dokuments einen gemeinsamen Standpunkt für den Dialog mit dem Staat finden können.

Bischof Julius Jia Zhi-guo von Zhengding, der zur "Untergrundkirche" gehört und bis 22. Juni dieses Jahres in Haft saß, äußerte sich eher skeptisch. Er befürchtet, daß die Behörden weiterhin die Taktik anwenden, kirchliche Spaltungen zu provozieren. Seit den fünfziger Jahren gebe es diese Versuche. Auch im Hinblick auf eine Annäherung mit den Bischöfen der "offiziellen" Kirche blieb Jia zurückhaltend. Die "Patriotische Vereinigung" sei ein "Instrument der Regierung". Etliche "offizielle" Bischöfe hätten Angst, mit den romtreuen Bischöfen in Kontakt zu treten. Es fehle ihnen der Mut, weil auch sie ständig unter Kontrolle seien.

Erzabt Jeremias Schröder von der Benediktinerabtei Sankt Ottilien, die seit Jahren gute Kontakte nach China pflegt, berichtete davon, daß viele chinesische Christen mit Bangen dem Brief entgegengesehen hätten: "Wird da vielleicht aus der Ferne unser Leben noch schwieriger gemacht?", haben sich die Menschen gefragt. Der positive Grundton lasse hoffen, daß Chinas Regierung die ausgestreckte Hand des Papstes ergreifen werde.

Der Steyler Missionar Anton Weber und Fachmann vom angesehenen China-Zentrum in Sankt Augustin schätzt den Papst-Brief sehr hoch ein. Es werde deutlich, daß es der Kirche um das Wohl der Gläubigen geht. Ob das Schreiben allerdings die "Angst" der rotchinesischen Behörden vor allen Anzeichen eines religiösen Aufbruchs im Land überwinden könne, werde sich erst zeigen müssen.

 

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