Hilfreiche Texte

Link zum Mandala von Bruder Klaus
Veit Straßner {*}

Die Nerven liegen blank

Spannungen in der katholischen Kirche von Peru

 

Aus: Herder Korrespondenz, 5/2007, S. 256-261

 

    Peru ist immer noch mit der Aufarbeitung der dunklen Jahre von Terrorismus und Terrorismusbekämpfung beschäftigt. Gleichzeitig nehmen die Spannungen in der katholischen Kirche zu. Es wächst der Einfluss konservativer Strömungen, die sich gegen die Praxis einer inkulturierten Evangelisierung und Sozialpastoral wenden, was vor allem im andinen Süden Perus für Konfliktstoff sorgt.

 

Peru durchlebt schwierige Zeiten: Armut, Marginalisierung großer Teile der Bevölkerung, Gewalt und Unsicherheit in den Großstädten der Küstenregion, Drogenproblematik und Coca-Anbau. Auch wenn das Land politisch weitgehend stabil ist, so scheinen viele Peruaner doch von der Politik nicht überzeugt. Bei den Stichwahlen zur Präsidentschaft im Mai vergangenen Jahres trat der linksnationale Populist Ollanta Humala gegen Expräsident Alan García an, während dessen erster Regierungszeit (1985-1990) massive Menschenrechtsverletzungen begangen worden waren und die Inflation Spitzenwerte von bis zu 7000 Prozent erreicht hatte; ebenso wurden ihm Machtmissbrauch und persönliche Bereicherung vorgeworfen.

Dennoch konnte der brillante Redner García die Wahl für sich entscheiden. "Más vale ladrón conocido que ladrón por conocer" - so der schicksalsergebene Kommentar vieler Peruaner zum Wahlausgang. Ein Dieb, den man schon kennt, ist besser als einer, den man erst noch kennen lernen muss. Doch Peru hat schon schlimmere Zeiten erlebt - und dieser Erfahrungen anzunehmen und in das nationale Selbstkonzept zu integrieren ist derzeit eine große Herausforderung für Gesellschaft, Politik und Kirche.

Peru war im Mai 1980 im Begriff, eine 17-jährige Militärdiktatur hinter sich zu lassen, als bei den ersten demokratischen Wahlen der Partido Communista del Perú - Sendero Luminoso durch die öffentliche Verbrennung der Wahlurnen in einem kleinen Andendorf im Departamento Ayacucho den bewaffneten Kampf aufnahm und so die dunkelsten Jahre der Nation begannen. Die maoistische Guerillagruppe "Leuchtender

 


257

Pfad" - kurz "Sendero" genannt - ging mit Fanatismus und menschenverachtender Grausamkeit gegen die Zivilbevölkerung vor. Ihr Ziel war es, alle bestehenden Organisationsformen zu zerschlagen, damit sich die Bevölkerung dem bewaffneten Kampf anschließe. Der Sendero unterschied sich von anderen lateinamerikanischen Guerillas durch seine Brutalität; am ehesten ist er mit dem Terrorregime Pol Pots und der Roten Khmer in Kambodscha zu vergleichen.

 

Die Arbeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission

Nach knapp einem Jahrzehnt kontrollierte Sendero ein Viertel des nationalen Territoriums und war nahe daran, die Hauptstadt Lima von der Versorgung abzuschneiden. Weite Teile des Landes wurden unter Ausnahmezustand gestellt, das Militär mit dem Antisubversionskampf beauftragt und die Campesinos bewaffnet, um sie so in den Kampf gegen Sendero einzubinden. Die Situation wurde ab 1984 noch komplizierter, als mit dem Movimiento Revolucionario Tupac Amaru eine weitere Guerillagruppe aktiv wurde. Nach der Verhaftung der Führungsriege des Leuchtenden Pfads (1992) sollte es noch acht Jahre dauern, bis diese politische Gewalt beendet werden konnte. Die peruanische Gesellschaft erwachte aus einem Alptraum, ohne genaue Vorstellungen davon zu haben, was in den vergangenen zwei Jahrzehnten passiert war.

Deshalb setzte der demokratische Übergangspräsident Valentín Paniaguas im Juni 2001 mit der Comisión de la Verdad y Reconciliación (CVR) eine Wahrheits- und Versöhnungskommission ein, um die Zeit der Violencia zu analysieren, die Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren und zu deren Aufklärung beizutragen. Den Vorsitz hatte der Philosophieprofessor Salomón Lerner, Rektor der Universidad Católica; daneben fanden sich unter den zwölf Kommissionsmitgliedern ein Bischof, ein Priester sowie zwei weitere Professoren der Katholischen Universität - ein Vertrauensbeweis für die moralische Kompetenz der Kirche. Ein weiterer Bischof nahm als Beobachter an der Arbeit der Kommission teil.

Nach rund 26-monatiger Arbeit überreichte die CVR einen elfbändigen Abschlussbericht, der den Tod beziehungsweise das Verschwinden von 69.280 Menschen während der Jahre der Violencia bestätigte; für 54 Prozent der Opfer war Sendero verantwortlich, rund ein Drittel kam durch die Hände des Militärs oder der Geheimdienste ums Leben. Drei Viertel der Todesopfer gehörten der indigenen, häufig marginalisierten Hochlandbevölkerung an.

Der Bericht der CVR befasst sich auf fast 50 Seiten sehr sachlich und differenziert mit der Rolle der katholischen Kirche während der Violencia. Die Ergebnisse fasst der Bericht klar zusammen: "Dort, wo sich die Kirche im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Bischofsversammlungen von Medellín und Puebla erneuert hatte, gab es viel mehr Widerstand gegen die Propaganda der subversiven Gruppen, da die Kirche dort eine Sozialpastoral entwickelt hatte, die sie mit der Bevölkerung verband und die auf deren Sorgen mit einem gewaltablehnenden Diskurs vom Wandel und der Forderung nach Gerechtigkeit reagierte."

Eine dieser Regionen war der Sur Andino, der südliche Andenraum, wo die Arbeit der Kirche, wie die CVR konstatiert, "nicht nur einer der wichtigsten Faktoren dafür war, dass sich in der Region der Leuchtende Pfad nicht ausbreiten konnte, sondern auch dafür, dass es keine Massaker oder systematische Menschenrechtsverletzungen durch die Subversiven oder die Ordnungskräfte gab." Andererseits aber fiel die Propaganda der Terroristen in jenen Regionen auf fruchtbaren Boden, wo die Kirche die konziliare Öffnung nicht mitvollzogen hatte so beispielsweise im Departamento Ayacucho, in dem 45 Prozent der Opfer ums Leben kamen. Von 1979 bis 1991 wurde die Diözese Ayacucho von Erzbischof Federico Richer geleitet, der den lokalen Eliten und dem Militär sehr nahe stand. Er vermied es stets, die Menschenrechtsverletzungen offen zu kritisieren.

 

Die Kirche verhält sich nicht einheitlich

Von 1991 an stand Juan Luis Cipriani, der heutigen Erzbischof von Lima, der Diözese vor. Er ist für seine offene Ambivalenz gegenüber Menschenrechtsfragen und seine Nähe zu den politischen und militärischen Machthabern bekannt. Während seine Mitbrüder im Bischofsamt immer wieder Menschenrechtsverletzungen anklagten, bestritt der dem Opus Dei angehörende Cipriani die Existenz solcher Verbrechen in Peru. Während sich die Bischofskonferenz gegen die Todesstrafe aussprach, begrüßte Cipriani diese und forderte sie sogar. Wie der Bericht der CVR bestätigt, war am Bischofshaus in Ayacucho eine Tafel mit der Aufschrift angebracht "Es werden keine Beschwerden in Menschenrechtsfragen entgegengenommen".

Besonders störte sich Cipriani an der Arbeit der Menschenrechtsgruppen, denen er politische, also marxistische und maoistische Motive unterstellte. Diese Rhetorik ist nicht neu: In den siebziger und achtziger Jahren gebrauchten sie von Guatemala bis Feuerland alle lateinamerikanischen Militärdiktatoren. Cipriani und andere Bischöfe, die seiner Linie folgten, stellten zwar

 


258

eine Minderheit dar, hatten jedoch bedeutenden Einfluss innerhalb der peruanischen Kirche, der sich im Laufe der Jahre mit der Ernennung weiterer konservativer Bischöfe noch verstärkte.

Heute, nach dem Ende der Violencia und nach der Veröffentlichung des Berichts der Wahrheitskommission, wiederholt sich das Verhalten der beiden Strömungen innerhalb der katholischen Kirche: Entgegen der ambivalenten Haltung der Regierung setzt sich die Bischofskonferenz mit ihren Kommissionen und Organen sehr für die nationale Einheit und die Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit ein. Zahlreiche kirchliche Einrichtungen führen seither auf Pfarr- und Regionalebene Seminare für Multiplikatoren und Tagungen zu Fragen der Versöhnung durch. Die Konferenz der Ordensleute beschriftete über 20.000 Kieselsteine mit den Namen von Opfern der Gewalt, die in das auf private Initiative hin geschaffene Mahnmal "Das weinende Auge" eingelassen wurden.

Die Universidad Católica gründete das "Zentrum für Demokratie und Menschenrechte", um so die intellektuelle Auseinandersetzung mit diesen Themen zu fördern. Ebenso richtete sie einen Master-Studiengang in forensischer Anthropologie ein und reagierte so darauf, dass in Peru Spezialisten fehlen, um die in mehr als 6000 Massengräbern verscharrten Leichen aus der Zeit der Gewalt fachgemäß zu exhumieren und zu identifizieren und so den Angehörigen endlich Gewissheit zu verschaffen. Viele Bischöfe, Priester und Ordensleute versuchen in ihren Bereichen das Anliegen und die Ergebnisse der CVR publik zu machen, die Gesellschaft für die der Gewalt zugrunde liegenden Ursachen zu sensibilisieren und so zur Bewusstseinsbildung beizutragen. Die Opfer sollen nicht ein zweites Mal zum Opfer werden, indem ihr Leid vergessen wird.

 

Die Restauration ist auf dem Vormarsch

Aber auch die andere Seite der peruanischen Kirche meldet sich immer wieder zu Wort - häufig mit der Aufforderung, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Eine Auseinandersetzung mit dem Geschehenen sei der Versöhnung abträglich, da sie nur alte Wunden wieder aufreißen. Seit der Veröffentlichung des Berichts der Wahrheitskommission ließe Juan Luis Cipriani, 1999 zum Erzbischof von Lima ernannt und seit 2001 der erste Kardinal aus den Reihen des Opus Dei in Peru, kaum eine Gelegenheit aus, um gegen die Kommission zu polemisieren. So stellte er in der Predigt zum Nationalfeiertag 2006, drei Jahre nach der Vorstellung des Berichtes der CVR, im Beisein gesellschaftlicher und politischer Würdenträger sowie der Presse dessen Ergebnisse erneut in Frage und sprach von der Kanzel aus von einer Hetzkampagne der Kommission gegen die Kirche und gegen die Streit- und Sicherheitskräfte.

Andere Bischöfe bemühten sich, in den Medien deutlich zu machen, dass diese Sichtweise Ciprianis nicht die Position der peruanischen Kirche insgesamt widerspiegele. Selbst der besonnene und kirchlich loyale Salomon Lerner konnte die permanenten Anfeindungen des Kardinals nicht mehr hinnehmen und äußerte in einem Presseinterview spitz, dass es nicht ausreiche, das menschliche Leben im Moment der Empfängnis zu schützen; er spielte damit auf den Eifer an, den der Kardinal in Fragen der Empfängnisverhütung und der Abtreibung entwickelt.

Die CVR ist nur ein Punkt, an dem die Spannungen deutlich werden, und Kardinal Cipriani ist sicherlich der exponierteste und umstrittenste Vertreter der konservativen Strömungen innerhalb der peruanischen Kirche, aber er steht nicht alleine: Von derzeit 49 Mitgliedern der peruanischen Bischofskonferenz gehören elf dem Opus Dei und zwei dem Sodalitium Christianae Vitae an.

Das Sodalitium hatte 1971 der peruanische Laientheologe Luis Fernando Figari als Reaktion auf die entstehende Befreiungstheologie gegründet; es wurde 1997 von Johannes Paul II. als Gesellschaft Apostolischen Lebens für Laien und Priester approbiert. Es wird oft als peruanische Parallele zum Opus Dei gesehen und spricht vor allem Katholiken der Mittel- und Oberschicht an. Das mittlerweile in neun Ländern vertretene Sodalitium ist in Peru besonders stark. Es unterhält die kirchliche Nachrichtenagentur ACI Prensa, durch die es versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen; es trägt so zur weiteren Polarisierung bei. So versäumt es ACI Prensa beispielsweise selten, von der "Teología Marxista de la Liberación" zu sprechen, wenn von der Befreiungstheologie die Rede ist.

Wachsenden Einfluss hat in Peru auch der 1964 in Spanien gegründete Neokatechumenale Weg, der häufig wegen seiner wenig offenen Strukturen und seiner Exklusivität kritisiert wird. Das Neokatechumenat, das in der Hafenstadt Callao ein Seminar für den Priesternachwuchs der Bewegung unterhält, hat darüber hinaus auch Leitungsverantwortung in diözesanen Priesterseminaren und kann so die kommenden Priestergenerationen prägen. In Peru zeigt sich sehr deutlich, dass die traditionellen Orden wie die Jesuiten, Franziskaner und Dominikaner, die in der Nachkonzilszeit einen bedeutenden Teil der Bischöfe stellten, an Einfluss verlieren - zugunsten junger und überwiegend konservativer Strömungen innerhalb des Katholizismus.

 

Dramatische Zuspitzung in den Südanden

Die innerkirchlichen Spannungen, die diese Konstellation hervorruft, treten immer deutlicher zu Tage: So liegt beispielsweise eine im 16. Jahrhundert gegründete Bruderschaft mit Cipriani im Rechtsstreit - Bruderschaften sind in Lateinamerika so etwas wie ein "historischer Laienkatholizismus" und darin dem deut-

 


259

schen kirchlichen Vereinswesen vergleichbar. Der Erzbischof hatte einen Opus Dei-Priester als Kaplan für die Bruderschaft eingesetzt. Diese lehnte die Ernennung ab, da sie befürchtete, dass Cipriani so stärkere Kontrolle über die Bruderschaft erlangen will. Darauf verbot die Bistumsleitung die liturgischen Handlungen in der der Bruderschaft gehörenden Basilika. Diese wandte sich nach Rom und feiert bis zur endgültigen Klärung auch weiterhin Gottesdienste in der Basilika.

Rechtsstreitigkeiten bestehen auch zwischen dem Kardinal und der Katholischen Universität, deren großer Grad an Autonomie ihm ein Dorn im Auge scheint. De jure ist der Erzbischof von Lima zwar Großkanzler der Universität, hat aber aufgrund historischer Sonderentwicklungen nur wenige Mitbestimmungsrechte bei der Ernennung der Hochschulleitung. Auch kommt es jedes Jahr zu Spannungen im Zusammenhang mit der Theologischen Woche des von den Ordensgemeinschaften getragenen Instituto Superior de Estudios Teológicos Juan XXIII, da sich der Kardinal die Letztentscheidung vorbehält, welche Theologen dort Vorträge halten dürfen. Im vergangenen Jahr untersagte Cipriani, dass der Dominikaner Gustavo Gutiérrez dort sprach.

Dramatisch zugespitzt hat sich die Situation in jüngster Zeit in den peruanischen Südanden. Es handelt sich nicht nur um eine Region, die sich während der Violencia besonders um den Schutz der Menschenrechte und die integrale Seelsorge verdient gemacht hat. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich die Kirche in dieser von extremer Armut und pastoraler Vernachlässigung geprägten Region um eine der Situation und den kulturellen Gegebenheiten angemessene Evangelisierung bemüht.

Ende der fünfziger Jahre wurden in den Südanden Prälaturen gegründet, die Ordensgemeinschaften wie den Maryknoll-Missionaren, den Picpus-Patres oder den US-amerikanischen Karmeliten anvertraut wurden. Die Seelsorger versuchten, sich auf die Quechua- und Aymara-Kulturen einzulassen. Luciano Metzinger, der erste Bischof von Ayaviri, fragte sich: "Wie kann man Hirte von Menschen sein, deren Leben, Kultur und Geschichte man nicht kennt?" Aus diesem Grund gründeten die Bischöfe des Südens 1969 das Instituto de Pastoral Andina, das sich mit großem Respekt vor den andinen Kulturen um ein tieferes Verständnis dieser den Missionaren so fremden Welt bemühte.

Aus ähnlichen Überlegungen heraus wurde 1974 in der Prälatur Juli das Institut für Aymara-Studien eingerichtet. Mit vielen Anstrengungen gelang im Sur Andino schließlich eine inkulturierte Evangelisierung, der Aufbau basisnaher kirchlicher Strukturen, eine aktive Laienarbeit und eine Einwurzelung des Glaubens sowohl in seiner spirituellen als auch in seiner sozialen Dimension. Der Pastoralverbund des Sur Andino, der heute die Diözese Puno sowie die Prälaturen Juli, Ayaviri und Sicuani umfasst, galt und gilt weithin als Beispiel einer offenen und sozial wie kulturell sensiblen Kirche, was schon früher Anlass zu innerkirchlichen Differenzen gab.

 


260

Im Jahr 2006 nahm die Entwicklung eine dramatische Wende: In den Prälaturen Juli und Ayaviri wurden Bischöfe des Opus Dei beziehungsweise des Sodalitium eingesetzt. Beide sind davon überzeugt, dass sich die Kirche in dieser Region in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr um soziale Belange gekümmert und darüber die Evangelisierung vernachlässigt habe. Der Inkulturation kritisch gegenüberstehend, bezeichnen sie die indigene Bevölkerung der Südanden mit ihren ihr eigenen, traditionellen Frömmigkeitsformen als "heidnisch", "götzendienerisch" und "sündig" und deshalb einer neuen, wahrhaftigen Evangelisierung bedürftig.

 

Neue Bischöfe greifen durch

Konkrete Maßnahmen, "um den Niedergang von Glauben und Moral rückgängig zu machen", ließen nicht lange auf sich warten: So wurden der Rektor des gemeinsamen Priesterseminars des Sur Andino ausgetauscht, weibliche Dozenten entlassen und Ordensfrauen, die ebenfalls am Seminar studierten, ausgeschlossen. Die Spannungen im Priesterseminar führten dazu, dass vier Professoren ihre Lehrtätigkeit niederlegten und diesen Schritt in einem offenen Brief mit der "ausschließenden und angreifenden Art" begründeten, mit der mit Unterschieden umgegangen wird. Deutlich wird dieser Kurswechsel auch im Instituto des Pastoral Andina, das sich statt der bisherigen ethnologischen, religionswissenschaftlichen und theologischen Studien nun stärker auf formale und sakramentale Katechese konzentrieren muss.

Aber auch im Kirchenvolk zeigen sich offene Widerstände: So besetzten Gläubige im Januar 2007 die Dorfkirche von Macusani und forderten den Abzug des Pfarrers und der Schwestern des Lumen Dei, einer konservativen, aus Cuzco stammenden Gruppierung, die der neue Bischof von Ayaviri in die Pfarrei geholt hatte. Wie die Presse berichtet, befragten die Schwestern des Lumen Dei die Gläubigen vor dem Kommunionempfang, ob sie das Bußsakrament empfangen hätten und ob sie kirchlich verheiratet seien. Konnten die Gläubigen diese Fragen nicht bejahen, wurden sie von den Schwestern wieder zurück in die Kirchenbänke geschickt.

Die Pfarrangehörigen wehrten sich mit der Besetzung der Kirche gegen diese Behandlung und gegen die Missachtung ihrer Kultur und Bräuche. Ebenso tauchen an unterschiedlichen Orten der Prälaturen Flugblätter und Aushänge gegen die Maßnahmen der neuen Bischöfe auf. Der betroffene Opus Dei-Bischof José María Ortega sagte in einem Interwiew, dass ihn diese Vorfälle nicht beunruhigten. Er äußerte den Verdacht, dass Ordensleute oder Priester hinter diesen Initiativen stecken. Vom "vertrauensvollen und brüderlichen Verhältnis" zu den Ordensleuten, von dem er noch in seiner Antrittspredigt sprach, ist keine Spur mehr zu erkennen.

Ein Aufschrei ging durch die peruanische Kirche, als die Wochenzeitschrift Caretas im Januar 2007 davon berichtete, dass Bischof Ortega einen Seminaristen aus dem Priesterseminar wegen eines körperlichen Defektes - er hat einen Buckel - ausgeschlossen hatte. Als im März Pater Valencia, der neue Rektor des Seminars, in der Zeitschrift Somos klarstellen wollte, dass die Aussagen des Bischofs unvollständig wiedergegeben worden seien und die eigentlichen Gründe des Ausschlusses im Forum internum begründet lägen, wollte dies in der (kirchlichen) Öffentlichkeit niemand mehr glauben.

Die Nerven liegen blank. Dies zeigte auch die sicherlich wenig opportune Äußerung des seit 33 Jahren im Sur Andino tätigen französischen Fidei Donum-Priesters Francisco Fritsch bei der Amtseinführung des neuen Bischofs von Ayaviri: Im Namen mehrerer Priester sagte er, dass das Quechua-Volk nach 500 Jahren Evangelisierung nun eigentlich einen Quechua-Bischof verdient hätte. Der neue Leiter der Prälatur, der den nicht gerade nach Quechua klingenden Namen Kay Martin Schmalhausen trägt, nahm dieser Äußerung zum Anlass, den altgedienten Priester, der sich mit seiner engagierten Pastoralarbeit große Verdienste erworben hatte, der Prälatur zu verweisen - eine Entscheidung, welche die peruanische Kirche weiter polarisierte.

Es scheint, dass zwei gänzlich unterschiedliche Konzepte von Evangelisierung aufeinandertreffen. Die Katholische Internationale Presseagentur (Schweiz) zitiert Schwester Lucrecia Aliaga, die Vorsitzende der Konferenz peruanischer Ordensleute, mit den Worten "Ich sehe eine neue restaurative Welle in der peruanischen Kirche, wo die Kultur nicht mehr wichtig ist, sondern nur noch die Doktrin zählt."

Die seit Jahren schwelenden Konflikte innerhalb der peruanischen Kirche treten immer deutlicher zu Tage: Auch wenn das Kirchenvolk - der lateinamerikanischen Weisheit folgend, dass das Gesetz zwar geachtet, nicht aber beachtet wird - sich wenig um die Weisungen der Bischöfe schert, kommt es immer wieder zum offenen Widerstand, wie beispielsweise bei der Kirchenbesetzung in Macusani. In Internetforen tauschen sich Katholiken über die Zustände in der peruanischen Kirche aus. Auch in der öffentlichen Auseinandersetzung wurden die Grenzen zur öffentlichen Polemik und zum offenen Konflikt schon mehrmals überschritten.

 

Offene Polemik in der Kirche

So schrieb beispielsweise Hugo Cárceres, Provinzial der Christlichen Schulbrüder, in einem in der Zeitschrift Reflexión y Liberación veröffentlichten Artikel über die Notwendigkeit des Dialogs in der Kirche. Er nahm dabei auf die in der peruanischen Kirche erteilten Redeverbote Bezug, tat dies aber in mitunter polemischer Form, wenn er von Kardinal Cipriani als einem "Hirten mit wenig Verdiensten und schlechtem öffentlichen Ansehen" sprach und auf den von der Universität Navarra, der spanischen Kaderschmiede des Opus Dei, ver-

 


261

liehenen Doktorgrad anspielte, der in der akademischen Welt wenig Ansehen genieße.

Solche wenig sachlichen und polemischen Äußerungen zeigen, dass die Konflikte einen Punkt erreicht zu haben scheinen, an dem der Schritt zum "innerkirchlichen Märtyrertum" nicht mehr weit ist. Es ist offen, wie lange die peruanische Kirche dieser Spannungen noch aushalten kann. Die latenten Konflikte innerhalb der Bischofskonferenz sind in Peru kein Geheimnis. Von brüderlichem Miteinander - so sagt man - kann schon lange keine Rede mehr sein.

"Das, was momentan in der peruanischen Kirche passiert" so eine Ordensschwester "ist schlimm und Besorgnis erregend. Aber was noch viel schlimmer ist, ist, dass offensichtlich kirchliche Kontrollmechanismen versagen, wenn Leute wie Cipriani, Schmalhausen oder Ortega Bischof werden. Die aktuellen Konflikte werfen Fragen über das Verfahren und die Kriterien auf, nach denen Kandidaten für das Bischofsamt ausgewählt werden." Die Ordensfrau bat darum - wie nahezu alle Gesprächspartner des Autors in Peru -, nicht namentlich genannt zu werden, da sie sonst Probleme und Sanktionen fürchten müsse. Die Kirche in Peru durchlebt wahrhaft schwierige Zeiten.

 

    {*} Veit Straßner (geb. 1975) ist Sozialwissenschaftler und Theologe. Er promovierte in Politikwissenschaft über Vergangenheitsbewältigung und Menschenrechtspolitik in Lateinamerika. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beschäftigte er sich vor allem mit weltkirchlichen Fragen und kirchlicher Zeitgeschichte.

 

Link to 'Public Con-Spiration for the Poor'