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Hilfreiche Texte
Gerd Stricker {*}
Ein abstruses Programm
Ist die Russische Orthodoxie auf dem Weg in die antiwestliche Isolation?
Aus: Herder Korrespondenz, 12/2007, S. 624-629
Im Vorfeld der Parlaments- und Präsidentenwahlen sind in Russland heiße ideologische Diskussionen geführt worden. Es geht um den Stellenwert tradierter, auf der Orthodoxie basierender Werte. Eine so genannte "Russische Doktrin" entwirft quasi mit dem Segen des Moskauer Patriarchats das Szenario eines gewaltigen russischen Weltimperiums.
Russland befindet sich seit Monaten im Wahlkampf. Ein neues Parlament - die Staatsduma - wurde am 2. Dezember gewählt; um die Nachfolge des bisherigen Präsidenten, Vladimir Putin, geht es im März 2008. Dieser selbst hat sich als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten in Position gebracht, nachdem er nicht mehr zum Präsidenten gewählt werden kann. An Wahlveranstaltungen heißt es immer: "Das ist jetzt keine gewöhnliche Wahl, sondern ein Referendum über unseren nationalen Führer!" Von der "Schwelle zu einer neuen Etappe der Geschichte Russlands" ist die Rede. Mit Putin gehe Russland weiter auf dem Wege zur weltweiten Führungsmacht. Angesichts des Endes der Ära Putin werden systematisch Ängste geschürt: Ohne Putin - den "nationalen Führer" - drohe Fremdherrschaft; ohne den "charismatischen politischen Leader" werde das Land wieder im Chaos versinken, in eine nationale Katastrophe schliddern. "Putin wählen - Russland retten", lautet ein Wahlslogan.
Die Abneigung gegen den westlichen Lebensstil eint weite Kreise des Landes
Im Vorfeld der Wahlen ist eine vor allem von konservativen Kreisen angestoßene Wertediskussion entbrannt, die in Russland allerdings schon eine ganze Weile geführt wird. Auch die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) meldet sich zu Wort. Eine pauschale Kulturkritik, die sich gegen die westliche Zivilisation und den dekadenten - den Menschen angeblich seiner Würde beraubenden - westlichen "way of life" richtet, eint breite Kreise das Landes, zwischen politischer Mitte und äußerstem rechten Spektrum. Es sei von höchster Dringlichkeit, einen Kanon von Grundwerten und Denkmustern zu erarbeiten, die dem Wesen Russlands, seiner Geschichte, Spiritualität und Kultur wirklich entsprechen, heißt es immer wieder.
Hinter diesen oft bombastischen Zukunftsprogrammen für Russland stehen häufig noch nicht überwundene Frustrationen über den Zusammenbruch der Sowjetunion und der kommunistischen Ideologie. Nicht, dass noch viele Bürger der kommunistischen Ideologie nachtrauerten. Was viele Bürger Russlands aber in ihrem Stolz verletzt, ist der Umstand, dass sich mit dem Zerfall der Sowjetunion der Nimbus des Russischen Reiches, des - wie in der Sowjetunion fast 75 Jahre lang verkündet worden war - wichtigsten, größten, bedeutendsten ... Landes der Welt, gleichsam in Luft aufgelöst hat.
Bürger dieses stolzen Reiches zu sein, war Bestandteil der Identität eines Sowjetbürgers geworden. Wenn nach dem Zerfall der Sowjetunion orthodoxe Hierarchen manchmal erklärten,
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es habe sie mit Stolz erfüllt, wenn sie die hohe Ehre hatten, im Ausland die Sowjetunion zu repräsentieren, erwies sich der Nationalstolz stärker als die Ablehnung der atheistischen Ideologie.
Die geistig-moralischen Werte Russlands sollen zentraler Bestandteil der Erziehung sein
Der Kollaps der Sowjetunion Ende 1991 stellte für viele einstige Sowjetbürger eine unglaubliche Demütigung dar. Im Ausland wurden sie nun häufig als Menschen zweiter Klasse behandelt; protzig auftretende "Neu-Russen" verstärkten dort die Ablehnung; ein sogar im Ausland alkoholisiert auftretender Präsident Jelzin erfüllte Russen mit Scham; und Russland als Bittsteller im Westen verletzte den Nationalstolz. Hyper-Inflation, Massenarbeitslosigkeit und Verarmung der Mittelschicht (Akademiker, Ärzte, Lehrer) waren dramatische Folge der Verschleuderung von Staatsvermögen und Schlüsselindustrie an Private.
Präsident Vladimir Putin war es dann, der mit seinem Kurs der "knallharten" Wieder-Verstaatlichung der privatisierten Wirtschaftszweige eine Konsolidierung der Staatsfinanzen eingeleitet und das Land mit Hilfe der nunmehr reichlich in die Staatskasse fließenden Petro-Dollars wieder solvent gemacht hat. Russland ist wieder auf dem Wege zur Weltmacht - dank Putin. "Wir müssen uns nicht mehr schämen, Russen zu sein, wir sind wieder stolz auf unser Vaterland." Eines aber erhoffen sich russische Nationalisten vom "nationalen Leader", dass er westliche, dem Russentum fremde Phänomene wie Globalisierung, Liberalismus (gemeint: Libertinismus) und sonstige dekadente Erscheinungen (Menschenrechte, Ökologie, Pressefreiheit, echte demokratische Strukturen) entschieden zurückdrängt.
Die Russische Orthodoxe Kirche bleibt vom Wahlkampf nicht unberührt, obwohl sie immer wieder ihre apolitische Haltung betont und Geistlichen nicht gestattet, bei politischen Wahlen zu kandidieren. Der nach dem Patriarchen wichtigste Hierarch, der "Außenminister" des Patriarchats und vermutlich nächste Patriarch, Metropolit Kirill (Gundjajev) von Smolensk, sprach am Anfang November im Großen Konferenzsaal der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale das aus, was viele Russen denken und was die Putin-nahe Presse den Bürgern suggeriert: "Russland braucht eine starke Führung"; auch der Metropolit bezeichnete Putin als Garanten der Stabilität Russlands. "Der Wahlkampf zeigt es doch klar: Bei uns gibt es nur einen Faktor, der Kontinuität garantiert: Das ist das Charisma unseres politischen Leaders."
Auch im Moskauer Patriarchat ist die "nationale Idee" ein brisantes Thema: die Idee des Russentums, die Rolle der Kirche. In seinem Vortrag erklärte Metropolit Kirill: Solange das Land kein gesundes ideologisches Fundament besitze, bringe jeder Machtwechsel Russland in die Nähe eines Absturzes. "Ich bin zutiefst überzeugt: Politische Stabilität und Kontinuität gibt es nur in einem Staat und einer Gesellschaft, worin Einvernehmen über bestimmte Grundwerte besteht." Konsensfähig dürften dabei nur jene tradierten Grundwerte sein, die vor der Revolution in Russland allgemeine Geltung gehabt haben. Es sei wichtig, der Jugend im schulischen Rahmen diese traditionellen Werte zu vermitteln. "Wir sollten die zentrale Frage nach dem Platz unseres Wertekatalogs im russischen Bildungssystem klären. Für mich steht fest: Die geistig-moralischen Werte Russlands müssen zentraler Bestandteil der allgemeinen Erziehung sein", meinte Metropolit Kirill.
Überlegungen zur allgemeinen Erziehung erhitzen seit Jahren die Gemüter im postsowjetischen Russland. Den Ausgangspunkt dieser Diskussionen bildet die Behauptung, das Land befinde sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einer tiefen Krise der russischen Gesellschaft und ihrer Kultur. Sichtbar werde das unter anderem am zunehmenden Verfall jeglicher Moral: Kriminalität, Prostitution, sexuelle Zügellosigkeit, Pornographie, Drogenkonsum; dazu geselle sich eine beängstigend sinkende Arbeitsmoral.
Darüber hinaus habe das geistlose Nachahmen des Westens, namentlich amerikanischer Vorbilder, bei vielen Russen zum Verlust der Selbstachtung, der russischen Identität, zum Verlust des natürlichen Patriotismus geführt. "In diesem Zusammenhang werden Krisenphänomene oft (...) in einen verbreiteten antiwestlichen Diskurs eingeordnet und mit westlichem Liberalismus und Massenmedien in Verbindung gebracht" (Joachim Willems, Religionsunterricht: Grundlagen orthodoxer Kultur. In: G2W 9/2007, 13). In diesem Zusammenhang ist auch das Reizwort "Globalisierung" zu nennen, gegen das russische "Kulturologen" besonders grimmig polemisieren.
Auch die nicht-orthodoxe Jugend muss die Kultur des Staatsvolkes kennenlernen
In Russland wird auch lange schon eine erbitterte Diskussion über den konfessionellen, eigentlich orthodoxen, Schulunterricht geführt, zu dem bereits verschiedene Konzepte vorliegen. Eine Reihe von Büchern ist auf dem russischen Markt, die sich als Lehrmittel für einen orthodoxen oder orthodox gefärbten Kultur-Unterricht empfehlen. Das bekannteste und wohl auch umstrittenste Lehrbuch ist "Grundlagen der orthodoxen Kul-
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tur" von Alla V. Borodina (Lehrbuch für die Grund- und die Mittelstufe allgemeinbildender Schulen, Moskau, verschiedene Auflagen).
Die orthodoxe Ausrichtung eines solchen Kulturunterrichts sei unabdingbar, denn die Orthodoxie habe die russische Kultur 1000 Jahre geprägt und gestaltet, die Orthodoxie sei nun einmal die "kultur- und staatsbildende Religion" in Russland. Die Jugend müsse wieder lernen, sich mit Russland und seiner Kultur zu identifizieren. Nur durch solchen Unterricht könnten die nachwachsenden Generationen wieder zu richtigen russischen Patrioten werden.
Metropolit Kirill präsentiert die "Russische Doktrin"
Dabei ist strittig, inwieweit ein solcher orthodoxer Religionsunterricht obligatorisch in ganz Russland erteilt werden darf, schließlich sind längst nicht alle Bürger Russlands orthodox. Von orthodoxer Seite wird dagegengehalten, dass auch die nicht-orthodoxe Jugend die Grundlagen der Kultur des Staatsvolkes kennenlernen müsse, das immerhin 80 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmache. Mittlerweile hat sich das Moskauer Patriarchat offiziell von der Forderung eines obligatorischen Unterrichts auf die eines fakultativen Unterrichtsfaches "Grundlagen der orthodoxen Kultur" zurückgezogen.
In einem Offenen Brief an Präsident Putin hatten am 22. Juli 2007 zehn Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften (darunter zwei Nobelpreisträger) gegen orthodoxen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen protestiert. Sie warnten vor eine "Klerikalisierung der russischen Gesellschaft" und erinnerten daran, dass in der russischen Verfassung Russland als säkularer Staat definiert ist, in dem Staat und Kirche getrennt sind. Zwar bezeichnete Patriarch Alexij II. diesen Offenen Brief als einen "Widerhall der atheistischen Propaganda von einst", doch sah sich Putin nun gezwungen, endlich Stellung zu beziehen: Am 13. September erklärte er: "Unsere Verfassung schreibt fest, dass die Kirche vom Staat getrennt ist. Wie ich zur Russischen Orthodoxen Kirche stehe, wissen Sie. Trotzdem ist völlig klar: Wenn wir (in Sachen Religionsunterricht, G.S.) anders handeln wollten (als nach dem Prinzip der Trennung von Staat und Kirche, G.S.), dann müssten wir die Verfassung ändern. Ich glaube aber, das ist jetzt nicht nötig."
Die heiße Diskussion um das Schulfach "Grundlagen der Orthodoxen Kultur", das übrigens in einigen administrativen "Objekten" (etwa: Bundesländer) bereits als fakultatives Fach eingeführt ist, wurde jäh zurückgedrängt durch eine Auseinandersetzung um die so genannte "Russische Doktrin" ("russkaja doktrina"), die seit diesem Herbst die ideologischen Erörterungen um die Zukunft Russlands und seine moralischen Werte beherrscht.
Diese Doktrin nimmt für sich in Anspruch, ein "strategisches Konzept für Russland zu sein, wie es sein soll und sein muss". Sie wurde von etwa 70 Autoren, die allerdings als Experten für solche Fragen bisher nicht hervorgetreten waren, zusammengestellt. Die Autoren haben das ganze Opus im Jahr 2005 in wenigen Monaten erarbeitet; bei einem Umfang von 800-900 Seiten stellt sich die Frage, wie seriös ein solches Werk überhaupt sein kann.
Zur Begründung für ihr Schaffen an der "Doktrin" nennen die Autoren eine sich im konservativen Sinne verändernde Bewusstseinslage in Russland, die ein wesentlich vergrößertes Interesse der Öffentlichkeit an einem Werk über die Grundlagen eines künftigen Russlands verspreche.
Im Lande kursieren ähnliche Studien, in denen Ideen über den notwendigen Weg Russlands in die Zukunft dargelegt werden. Doch verhindert ihr inflationäres Erscheinen, dass die einzelnen überregional Bedeutung gewinnen. So werden zum Glück die meisten dieser Pamphlete, die von einem oft pubertär wirkenden russischen Hyper-Nationalismus geprägt sind, gar nicht erst bekannt.
Anders verhält es sich jetzt mit der "Russischen Doktrin". Dem Sponsoren- und Autorenteam war es gelungen, Metropolit Kirill von Smolensk, den zweiten Mann im Moskauer Patriarchat, dafür zu interessieren. Am 20. August dieses Jahres stellte er persönlich die "Russische Doktrin" der Öffentlichkeit vor. Auch der Ort der Repräsentation hatte starke Signalwirkung: Metropolit Kirill hatte das Moskauer Daniil-Kloster gewählt, Sitz der Leitung des Moskauer Patriarchats, konkret das "Amt für kirchliche Außenbeziehungen", dessen Vorsteher er bekanntlich ist. Wenn der aussichtsreichste Kandidat für das Patriarchenamt sich an diesem Ort so dezidiert für das Opus einsetzt, ist davon auszugehen, dass die ROK dahinter steht, sich zumindest führende Kreise der Kirche mit diesem Dokument identifizieren.
Das "Weltkonzil des russischen Volkes" ist zu einer bedeutenden politischen Plattform geworden
Die "Doktrin" ist nicht im luftleeren Raum entstanden. Autoren und Sponsoren sind im engeren Umfeld des so genannten "Weltkonzils des russischen Volkes" anzusiedeln. Dieses "Weltkonzil" wurde Mitte der neunziger Jahre von Nationalkonservativen unter Beteiligung der Russischen Kirche gegründet. Aus bescheidenen Anfängen entwickelte es sich zur maßgeblichen staatsnahen konservativ-patriotischen Plattform. Mittlerweile benutzen Repräsentanten des Staates, der Parteien, der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Kultur einerseits sowie der "traditionellen" Religionsgemeinschaften Russlands (Orthodoxie, Islam, Judentum, Buddhismus) andererseits das "Weltkonzil" als sehr praktische, willkommene Plattform: Zum scheinbar zwanglosen Gespräch, aber auch zu verbindlichen Absprachen, ohne deswegen Vorwürfe der Vermischung von Religion und Politik gewärtigen zu müssen.
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Präsident des "Weltkonzils" ist derzeit Patriarch Alexij II.; als einer seiner Stellvertreter und eigentlicher Motor des "Weltkonzils" figuriert wiederum "Außenminister" Metropolit Kirill. Dies zeigt, welch hohen Stellenwert das Patriarchat dem "Weltkonzil" beimisst. Dessen Jahreskongress wird jeweils mit Nationalhymne und Gebet eingeleitet; im Dezember 2001 hatten ihn Präsident Vladimir Putin und Patriarch Alexij II. persönlich mit pompösen Zeremoniell eröffnet. Alle, die in diesem Umfeld agitieren, sind eindeutig Parteigänger Putins. Und die treibende Kraft des "Weltkonzils" ist das Moskauer Patriarchat mit seinem agilen "Außenminister".
Eine eurasische Abwehrfront gegen den Westen
In der "Russischen Doktrin" geht es sehr wesentlich um die Frage, wie Russland "aus einem säkularen in einen konfessionellen Staat überführt werden" könnte; gemeint ist selbstredend ein orthodox geprägtes Staatswesen. Diese vom Moskauer Patriarchat so demonstrativ unterstützte "Russische Doktrin" bietet neuen Anlass zu fragen, ob letztlich doch eine Klerikalisierung Russlands im orthodoxen Sinne angestrebt werde. Das Opus richtet sich vehement gegen westliche Einflüsse, gegen "internationalistische und kosmopolitische Tendenzen", gegen Demokratisierung und jede Form von Globalisierung und spricht sich für eine Isolierung beziehungsweise "Veröstlichung" Russlands aus, im Rahmen Asiens.
Das Stichwort "Eurasismus" fällt (nicht nur) im wirtschaftlichen Kontext; auch mit Blick auf die Abwehr des Westens wird Zusammenarbeit mit dem Islam propagiert. Man unterstellt der "Russischen Doktrin" auch eine antisemitische Tendenz, weil unter den in Russland "traditionellen" Religionen nur Orthodoxie, Islam und Buddhismus genannt werden, nie aber das Judentum. So bedrängen einen bei der Lektüre dieses Opus zuweilen unerquickliche Assoziationen zu Blut- und Boden-Phantasien nationalsozialistischer und stalinistischer Ideologen.
Diese Doktrin stelle kein Wahlkampf- oder Parteiprogramm dar, sondern wolle ein "Projekt zur Weiterentwicklung Russlands" sein, das all jene eint, denen das Vaterland am Herzen liegt", heißt es im Eingangskapitel. Russland gebe der Weltarchitektur die nötige Stabilität, sei das Zentrum des Gleichgewichts der Welt. Breche Russland aus der Weltkonstruktion heraus, dann gerate diese, wie man schon gesehen habe, ins
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Wanken. Der Erhalt eines starken Russlands diene also der ganzen Welt.
Die Doktrin bilde ein Forum für die breite Koalition patriotischer Kräfte. "Wenn das Schicksal gewollt hätte, dass liberale Paradigmen und eine liberale Weltordnung global triumphieren, dann hätte dies das Ende der Geschichte bedeutet - die Degradierung der Menschheit." Ständig ist von der "geistigen Souveränität" der Russen die Rede; dabei schwingt in dem das Dokument beherrschenden russischen Terminus "duchovnyj"/"geistig" immer auch eine geistliche, spirituelle Dimension mit. "Angesichts der Herausforderungen der Zeit können wir auf der Grundlage unserer geistigen Souveränität und unserer Traditionen unser zivilisatorisches Programm kreativ umgestalten und unser 'Russisches Globales Projekt' formulieren. (...) Die Krise des angelsächsischen Projekts wirft die Frage nach einem neuen Weltführer auf. Erneut verlangt die Geschichte nach dem integrierenden Potenzial der russischen Zivilisation." Um dieses Potenzial zu gewährleisten, müsse "ein großangelegtes Programm konservativer Veränderungen" erarbeitet werden; weiter ist von "dynamischem Konservatismus" die Rede. Überhaupt ist "Konservatismus", wie "geistig/spirituell", ein Stichwort, das den gesamten Text durchzieht.
Zusammenarbeit mit der islamischen Welt, Indien, China und Japan
In einem weiteren Kapitel zur "spirituellen Nation" heißt es einleitend: "Die Nation ist das Kraftfeld der Geschichte." Dabei sei "der russische Nationalismus von ganz besonderer Qualität - nicht die 'Nation' als solche ist kostbar, sondern die nationale Tradition in ihr. (...) Russland erschuf die von der Geschichte lang ersehnte Synthese von spirituell-politischem Imperium und interkonfessionellem Über-Staat. (...) Diese unvergleichbaren Eigenschaften Russlands - des Dritten Roms - sind ein inspirierendes Vorbild angesichts des bevorstehenden Konflikts der traditionellen Werte (Hochkultur und Zivilisation) mit dem 'neuen Heidentum' des Westens und der neuen 'Barbarei' des Südens."
Die "russische Nation" verschmelze andere Stämme und Völker zu einer russischen Über-Nation, Russland werde zu einem über-nationalen Staat. Die "Duldsamkeit" der Russen, die dieses Verschmelzen ermögliche, wird verächtlich der "vom aufklärerischen Westen gepredigten 'Toleranz' gegenübergestellt.
Im Abschnitt zum "russischen Geist" steht die Orthodoxie im Mittelpunkt. Hier heißt es unumwunden: "Grundbedingung für Wiedergeburt und künftige Stärke Russlands ist das Bündnis des Staates mit der Kirche und eine möglichst enge Verbindung der Kirche mit der Gesellschaft." Die Kirche soll "soziale, politische und kulturelle Aufgaben übernehmen". Notwendig sei eine landesweite Kampagne mit dem Ziel, "die Orthodoxie zur Quelle des höchsten Potenzials der gesamten Nation" zu erklären, wobei es um die Weitergabe der traditionellen, nicht aber irgendwelcher abstrakter Werte gehe. "Die Orthodoxie ist mit der gesamten national-staatlichen Tradition Russlands identisch." Sie bildet einen "Grundpfeiler nationaler Identität". "Treue zur Orthodoxie ist Treue zur (russischen, G.S.) Nation."
Vor diesem Hintergrund "muss die russische Nation das Recht auf Umwandlung der säkularen in eine konfessionelle Staatsform besitzen." Religionsunterricht müsse Pflichtfach, offizielle Feiertage nach dem orthodoxen (julianischen) Kalender gefeiert werden. Dabei sollen die traditionellen Religionen in Russland - Orthodoxie, Islam und Buddhismus - als Körperschaften des öffentlichen Rechts bevorzugte Partner des Staates werden. Überhaupt gehe es um eine Neuorientierung Russlands vom Westen zum Osten hin im Sinne einer Zusammenarbeit mit der islamischen Welt, mit Indien, China und Japan. An anderer Stelle heißt es: "Russland muss ein geopolitisches Projekt in Eurasien initiieren: die Allianz Peking - Delhi - Teheran."
Im Abschnitt "Der russische Staat" wird das Ideal der westlichen Demokratie zurückgewiesen, in Russland sei sie "absurd". Demokratische Prozesse sollten nur auf der untersten strategischen Ebene zugelassen werden. Das staatliche Netz und die kirchlichen Strukturen müssten zusammenarbeiten. Den russischen Staat gelte es zum "Imperium" weiterzuentwickeln, eine "nationale Autokratie" werde die "geistige Souveränität" Russlands, seine internationale Unabhängigkeit sicherstellen. "Die jetzige russische Elite ist feige und frech und grundsätzlich unfähig, die Funktionen der Führungsschicht eines souveränen Imperiums wahrzunehmen." Der Begriff "Russe" müsse wieder ein Privileg in der Welt werden.
Zur Frage der künftigen "russischen Wirtschaft" wird unter anderem das "eurasische Modell" weiterentwickelt: Im 21. Jahrhundert werde der Stille Ozean als Zentrum der Weltwirtschaft abgelöst von Eurasien, mit Russland als treibender Kraft. "Russland wird zum Weltzentrum der kommenden kognitiven Epoche."
Abschied von der neueuropäischen und nordamerikanischen Rechtskultur
Ein Kapitel "Russisches Sozium" handelt unter anderem davon, wie nach der katastrophalen, chaotischen Phase seit dem Zerfall der Sowjetunion, die eine geopolitische Herabstufung Russland mit sich gebracht und ungeheure Migrantenströme ausgelöst habe, nach 15 bis 20 Jahren unbedingt eine Konsolidierung und Stärkung des großrussischen Ethnos notwendig werde. Aus dieser Position müsse die Lösung der sozialen, namentlich der Migrationsprobleme angegangen werden.
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In einem letzten Abschnitt werden die "Wege der Reform" gewiesen. Das anzustrebende Rechtssystem "muss sich lösen von der neu-europäischen und der nordamerikanischen Rechtskultur mit ihrem Prinzip der Gewaltenteilung und dem Übergewicht der Menschenrechte. (...) Das Prinzip des 'Selbstbestimmungsrechts der Völker' wird gestrichen". Das neue Russland sei Rechtsnachfolgerin des Russischen Reiches und der Sowjetunion, die nie zu bestehen aufgehört hätten.
"Als die optimale Staatsform erscheint uns die Republik mit einem mit größtmöglicher Machtbefugnis ausgestatteten gewählten Staatsoberhaupt." Ein "Rat für Nationale Sicherheit" solle die "Reinigung und Heilung des staatlich-nationalen Organismus" beaufsichtigen. "In einem letzten Schritt im Kampf gegen die parasitären Schichten erfolgt der Umbau des Regierungssystems." Konservative Strukturen werden sich allmählich verdichten zu einem "Proto-Staat".
"Die russische Intelligenz" (hier wörtlich: smyslokratija, etwa: Gedankenkratie im Sinne von think tank) muss sämtliche Mittel zur Manipulierung der öffentlichen Meinung in die Hand bekommen. "Die modernen Mythen wie 'internationaler Terrorismus', 'Klimaerwärmung', 'Verstöße gegen Menschenrechte' (...) werden von unserer Intelligenz entlarvt und zerstört, um eine Alternative zur 'neuen Weltordnung' zu ermöglichen." Diese mache auch die Schaffung einer "russischen ökologischen Norm, die Zerschlagung des Netzes der 'Grünen" sowie der Befürworter des Kyoto-Protokolls erforderlich."
Beunruhigt fragt man sich, ob sich die Russische Orthodoxe Kirche tatsächlich mit einem so abstrusen, ja bedenklichen Programm identifizieren wird. Geschieht das jetzt nur, um die Kräfte zur Unterstützung Putins zu bündeln oder aber ist nun der Weg der Russischen Kirche in die antiwestliche Isolierung programmiert?
{*} Gerd Stricker (geb. 1941) ist Mitarbeiter des Instituts "Glaube in der 2. Welt/G2W" in Zürich mit dem Tätigkeitsbereich: Kirchen und Judentum im Russischen Reich, der Sowjetunion und der Rußländischen Föderation; russisch-orthodoxe, griechisch-katholische, römisch-katholische, evangelisch-lutherische und reformierte Kirchen, Mennoniten sowie Baptisten und andere Freikirchen. Zahlreiche Monographien und sonstige Publikationen zu diesen Fragen.
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