Rita Süssmuth {*}Perspektivwechsel mit Folgen
Aus: Neue Stadt, 9/2007, S. 4-6
NEUE STADT: Frau Bundestagspräsidentin, das Thema Migration löst immer wieder heftige Diskussionen aus. Sie sprechen von einem Testfall für unsere Gesellschaft. SÜSSMUTH: Richtig! Für mich ist es die entscheidende Frage, ob es uns im 21. Jahrhundert gelingt, mit Angehörigen verschiedener Kulturen, Religionen und Sprachen friedlich zusammen zu leben - nicht nur nebeneinander sondern miteinander. Das bedeutet: versuchen, gemeinsam die anstehenden Aufgaben, Chancen aber auch Probleme wahrzunehmen und zu lösen. Das ist der Testfall! Inwiefern In Deutschland haben wir seit den späten 70er Jahren nur noch von der Belastung durch Migranten gesprochen. Wir haben nicht mehr gesehen, was sie uns "bringen" - und das nicht nur finanziell oder für die Sozialversicherung, sondern auch in kultureller und sozialer Hinsicht. Dafür öffnet sich erst langsam der Blick. Wie kann das gefördert werden? Für mich ist einer der wichtigsten Ansätze: mehr gemeinsame Erfahrung. Wir müssen Migrantinnen und Migranten durch Bildung und Arbeit mehr in unsere Gesellschaft hineinholen, sie an den anstehenden gesellschaftlichen Aufgaben beteiligen. Und was heißt das? Die Migranten müssen beteiligt sein, Aufgaben und Verantwortung übernehmen, gebraucht werden, in ihren Kompetenzen anerkannt und geschätzt werden. Das sind die entscheidenden Voraussetzungen für Integration. Der Spracherwerb ist zwar eine Schlüsselqualifikation, aber losgelöst von allem anderen wird er nicht zur Integration führen; es braucht mehr gesellschaftliche Integration und Beteiligung. Haben wir uns zu sehr mit dem Nebeneinander begnügt? Leider ja! Abgesehen von Initiativen wie Nachbarschafts- und Hausaufgabenhilfe dominierte über Jahrzehnte das Nebeneinander. Die gesamte Politik war darauf ausgerichtet.
5Es war uns wichtiger, dass ihnen ihre Muttersprache nicht verloren ging. Auch haben wir jahreland bestimmte Religionsfragen ausgeklammert und eher Koranschulen für Muslime bestehen lassen, als den Religionsunterricht für Muslime in deutschen Schulen zu fördern. Wie meinen Sie das? Natürlich müssen Menschen, die hier leben, die Gesetze dieses Landes einhalten. Das können und sollen wir ihnen abverlangen. Aber wir können nicht erwarten, dass sie ihre Werte aufgeben. Wir sind kein Staat, der nach den Gesinnungen des anderen fragt, sondern nach der Praxis. Welche Rolle spielt dabei der Faktor Zeit? Eine sehr zentrale! Wir wollen immer sofort wissen, ob eine Integrationsmaßnahme gelingt oder nicht. Aber das geht nicht von heute auf morgen, vor allem, wenn vorher eine ganz andere Politik maßgeblich war. Ist das ein Plädoyer für einen langen Atem? Ja, aber langer Atem heißt nicht: Es wird schon werden. Es ist unbedingt notwendig, dass wir an der Integration arbeiten, vor allem weil wir eine beträchtliche Zahl von arbeitslosen Migranten haben. Und trotzdem sollte niemand auf die Idee kommen, Arbeit und Bildung allein würden genügen, und gesellschaftliche Beteiligung könne dann klein geschrieben werden. Wie sollen wir Migranten, die seit 40 Jahren hier leben, klar machen, warum die Mitglieder der EU nach drei Wochen kommunales Wahlrecht haben und sie auch nach 40 Jahren noch nicht? Da braucht es schon einen sehr langen Atem, und es muss noch viel getan werden. Migration ist auch international ein Thema. Natürlich, aber immer noch viel zu wenig. Migration ist Teil der Globalisierung und immer auch Ausdruck des globalen Wettbewerbs um Humanvermögen. Damit sind Probleme wie "brain drain" und "brain gain", der Verlust und Zugewinn von Humanpotenzial und Humankapital, verbunden.
6All diese Entwicklungen müssen im Zusammenhang der Staatengemeinschaft betrachtet werden, und deshalb kam das Thema auf die Agenda der Vereinten Nationen. Eine internationale Expertenkommission sollte einen Bericht über die aktuelle Situation erstellen. Sie waren Mitglied dieser Kommission. Was war das Ziel? Wir gingen davon aus, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, damit Migration für Aufnahmeländer, Herkunftsländer und Migranten eine Win-Win-Situation bringt, das heißt Vorteile für alle Beteiligten. Das scheint ein völlig neuer Blickwinkel zu sein. Ja, denn er führt weg davon, nur die eigene Situation, das eigene Land oder das eigene System zu betrachten. Die von der Migration betroffenen Menschen rücken ins Zentrum des internationalen Interesses. Was führte zu dieser Neuausrichtung? Das waren knallharte Zahlen! Eine Untersuchung von Weltbank und OECD hat gezeigt, dass Migranten sehr viel mehr Entwicklungshilfe leisten als die staatliche Entwicklungshilfe. Die offiziellen Rücküberweisungen der Zuwanderer in ihre Herkunftsländer lagen 2006 bei 325 Milliarden Dollar. Das ist das zweieinhalb- bis dreifache der staatlichen Entwicklungshilfe. Damit müssen wir Entwicklungspolitik neu überdenken. Bisher hatte sie das Ziel, Migration zu verhindern. Natürlich muss erzwungene Migration, das heißt Auswanderung aufgrund von Armut, Epidemien, politischer Gewalt und Verfolgung, auch zukünftig verhindert werden. Aber diese Zahlen sagen, dass Migranten erheblich dazu beitragen, die Verhältnisse in ihrem Herkunftsland zu stabilisieren. Zum Beispiel? Kommunikation und Verkehr in der globalisierten Welt ermöglichen, dass Menschen weltweit wandern. Aber im Augenblick ist es noch sehr viel leichter, Kapital wandern zu lassen als Menschen. Nach wie vor können Menschen zwar auswandern, aber sie haben kein Recht darauf, dass ein anderes Land sie aufnimmt. Jeder Nationalstaat reguliert seine Aufnahmebedingungen. Welche Zukunftsträume haben Sie in Bezug auf Migration? Dass wir zu einer anderen Wertschätzung der Zugewanderten kommen, dass das Miteinander gelingt, und dass die Impulse dazu von beiden, der Aufnahmegesellschaft wie den Zugewanderten ausgehen. Herzlichen Dank für das Gespräch. Gabi Ballweg
Süssmuth war Mitglied der 20-köpfigen "Global Commission on International Migration", der Weltkommission für internationale Migration. Die von der UNO eingesetzte Kommission legte einen Bericht über aktuelle Aspekte der weltweiten Migration vor. Zur Zeit leitet sie eine Kommission der Europäischen Union: Integration von Minderheiten in den Staaten der Europäischen Union.
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