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Ernst Ulz

Unsere Botschaft sind die Menschen

 

Aus: Neue Stadt, 4/2007, S. 4-6

 

    Vertreter der Kirchen Europas haben sich auf den Weg einer dichten ökumenischen Erfahrung gemacht: die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (EÖV). Den Höhepunkt und Abschluss der Veranstaltungsserie bildet eine Begegnung im September im rumänischen Sibiu. Aldo Giordano, der von katholischer Seite die Organisation des Treffens leitet, erwartet sich, dass von den Teilnehmern wertvolle Impulse für die Einheitsbestrebungen der Christen ausgehen.

 

NEUE STADT: Herr Giordano, befinden wir uns wirklich in einer ökumenischen Eiszeit?

Giordano: Eine "Eiszeit" kann ich nicht ausmachen. Richtig ist allerdings, dass sich die Beziehungen zwischen den Kirchen seit der politischen Wende von 1989 stark verändert haben. Denn plötzlich können sich die Kirchen des Ostens viel freier ausdrücken. Das bereichert die Ökumene, weil neue Themen ins Blickfeld treten, zum Beispiel Tradition, Spiritualität oder Liturgie. Aber es macht das Gespräch auch schwieriger. Denn mit West- und Osteuropa treffen zwei unterschiedliche Kulturräume mit ihrem jeweiligen geschichtlichen Hintergrund aufeinander. Sie müssen lernen, einander zu verstehen und sich so von Gleichgültigkeit und gegenseitigem Misstrauen zu befreien. Die Ostkirchen stehen normalerweise der modernen und säkularisierten westlichen Welt kritisch gegenüber. Deshalb müssen wir uns auseinandersetzen mit der Sicht der jeweils anderen von dieser Säkularisation.

Dazu kommt, dass Christen aller Konfessionen einander viel besser kennengelernt haben. Deswegen treten nach und nach die eigentlichen Probleme in den Vordergrund: die unterschiedliche Schriftauslegung, das Verständnis von Amt und apostolischer Sukzession, und besonders ethische Fragen, die das menschliche Leben und die Familie betreffen. Das offene Gespräch darüber fällt manchem noch schwer, aber es ist nichts Negatives, denn es verlangt, dass wir mit großer Demut versuchen, zum Wesentlichen des Christentums vorzustoßen. Denn nur dann können wir voran gehen. Andererseits führt dieses Kennenlernen zu echten Freundschaften unter Angehörigen verschiedener Kirchen.

 

Was bringt Sie zu dieser Einschätzung?

Nur ein Beispiel: Im Februar 2006 habe ich im brasilianischen Porto Alegre an der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, dem größten ökumenischen Netzwerk der Welt, teilgenommen. Ich war beeindruckt, wie festlich die Atmosphäre dort von Anfang war. Man freute sich, einander wiederzusehen! Solche Beobachtungen konnte ich in den letzten Jahren immer wieder machen. Die ökumenische Freundschaft wächst weltweit.

 

Sie arbeiten Feder führend an der Organisation der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung (EÖV) mit. Können solche Veranstaltungen tatsächlich neue Impulse für die Einheitssuche der Christen geben?

Wir haben lange darüber diskutiert, ob wir nach Basel 1989 und Graz 1997 eine dritte EÖV machen sollten. Doch dann sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass sie wichtige Signale setzen kann. Durch sie können wir Christen erstens zeigen, dass wir uns immer wieder auf den Weg der Einheit machen. Zweitens signalisieren wir, dass uns Europa am Herzen liegt. Und drittens glauben wir, dass Europa eine besondere Berufung zur Ökumene hat. Wo sonst kommen Christen aller Glaubensrichtungen so zusammen wie in Europa?

 

Sind das nicht ziemlich bescheidene Ziele für eine so aufwändige Großveranstaltung? Was wird letztlich davon übrig bleiben?

Die Dritte EÖV will einen Weg ermöglichen, eine Art ökumenischer Wallfahrt. Deshalb ist sie auch kein einzelnes Großereignis, sondern besteht aus vier Etappen (siehe Kasten). Natürlich ist es schwer zu sagen, was am Ende übrig bleiben wird; da müssen wir uns letztlich überraschen lassen. Aber schon die erste Etappe in Rom war sehr wichtig. Für viele der 150 Delegierten war dies die erste Begegnung mit dem Zentrum der katholischen Welt und mit dem Papst. Sie haben erahnt, was den Katholiken das Papsttum bedeutet. Viele Vorurteile gegenüber Rom sind dort verblasst. Ähnlich war es bei der Begegnung mit der evangelischen Welt in Wittenberg.

 


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Lexikon

Die Europäischen Ökumenischen Versammlungen (EÖV) sind Begegnungen, die von der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) gemeinsam durchgeführt werden.
Die KEK ist eine Gemeinschaft von 126 orthodoxen, protestantischen und alt-katholischen Kirchen sowie 43 assoziierten Organisationen in allen Ländern des europäischen Kontinents. Der CCEE ist ein Zusammenschluss aller Europäischen Bischofskonferenzen.
Ziel der EÖV ist es, die Einheit und die ökumenische Zusammenarbeit der Kirchen unterschiedlicher Tradition zu fördern, sich über ihre gemeinsamen Aufgaben in Europa zu verständigen und ein Zeichen der Versöhnung für die Christen, die Menschen in Europa und die Welt zu setzen.
Die erste EÖV fand 1989 unter dem Titel "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" in Basel statt. Die zweite EÖV 1997 in Graz trug den Titel "Versöhnung - Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens". Dort beschlossen die Delegierten, eine "Charta Oecumenica" zu verfassen, in der sich die Christen Europas zum gemeinsamen Zeugnis der versöhnenden Kraft Christi und zu einer glaubwürdigen Zusammenarbeit verpflichten. Diese wurde 2001 veröffentlicht.
Die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung hingegen ist keine Einzelveranstaltung, sondern besteht aus vier Stationen:

  1. einer Begegnung von 150 Delegierten aller Kirchen in Rom, dem Mittelpunkt der katholischen Weltkirche, vom 24. bis 27. Januar 2006;
  2. Tagungen und Begegnungen auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene in den Jahren 2006 und 2007;
  3. einer Delegiertenversammlung vom 15. bis 18. Februar 2007 in der Lutherstadt Wittenberg an einem Geburtsort der Reformation;
  4. einem Höhepunkt und Abschluss mit 2500 Delegierten im September 2007 in Sibiu (Hermannstadt), im orthodox geprägten Rumänien.

Mehr Information im Internet: www.oekumene3.eu; www.eea3.org; www.ccee.ch; www.cec-kek.org

 

150 Delegierte sind nicht gerade viele. Selbst die Abschlussveranstaltung in Sibiu soll eine reine Delegiertenveranstaltung werden. Die ersten beiden EÖV in Basel und Graz hingegen waren regelrechte Volksereignisse. Viele kritisieren deshalb, dass dieses mal die Basis außen vor bliebe ...

Da müssen wir realistisch bleiben. Eine kleine Stadt wie Sibiu könnte eine Großveranstaltung mit 10.000 Teilnehmern im Stile von Graz nicht stemmen. Innerhalb dieser Grenzen haben wir alles unternommen, damit ein möglichst breites Spektrum von Europas Christen vertreten sein kann. So haben wir die Zahl der Delegierten und Gäste auf 2500 erhöht. So viele gab es noch bei keiner ökumenischen Versammlung. Sie werden nicht nur Diözesen vertreten, sondern auch Verbände, Bewegungen, Orden, Universitäten.

 

Wieso hat man dann einen solchen Ort für die Abschlussveranstaltung gewählt?

Nachdem die Baseler Begegnung 1989 in einem reformierten Umfeld und die EÖV von 1997 im katholischen Graz stattgefunden hatte, wollten wir sie in einem orthodox geprägten Land machen. In dieser Wahl spiegelt sich auch die neue ökumenische Lage wider, also das Erstarken der Ostkirchen. Es wäre schön, wenn uns das dazu brächte, deren Sicht auf die gesellschaftlichen und kirchlichen Fragen einzunehmen und zu verstehen.

Rumänien haben wir gewählt, weil das Land aufgrund seiner Geschichte eine Brückenfunktion zwischen Ost- und Westeuropa einnimmt. Sibiu hat sich angeboten, weil es europäische Kulturhauptstadt 2007 ist und sich deswegen gerade auf Gäste eingestellt hat.

 


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Haben Sie nicht die Sorge, dass die EÖV an Bodenhaftung verliert, wenn die Basis fehlt?

Ich glaube, wir müssen diese leidige Gegenüberstellung von Basis und Kirchenleitungen überwinden. Wir sind ein einziges Volk von Glaubenden mit verschiedenen Diensten. In Sibiu wird es auch einen beträchtlichen Prozentsatz von jugendlichen Delegierten geben.

Dass der Akzent möglicherweise auf den Verantwortlichen liegt, würde ich nicht von vornherein negativ sehen. Wenn die Kirchen so beschaffen sind, dass darin die Hierarchie, die Bischöfe, die Pfarrer eine Schlüsselrolle einnehmen, dann müssen wir auch auf sie setzen, wenn wir in der Ökumene etwas weiterbringen wollen. Deswegen möchten wir, dass auf der Dritten EÖV gerade jene eine intensive ökumenische Erfahrung machen, die dann Multiplikatoren sein werden und ihre jeweiligen Gemeinschaften mit dieser Erfahrung anstecken werden. In diesem Sinne betrachten wir die Delegierten von Sibiu als die eigentliche "Botschaft", die von der Dritten EÖV ausgehen wird, auch wenn wir natürlich ein schriftliches Abschlussdokument verabschieden werden.

Die Veranstalter der EÖV - die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE, siehe Kasten) - haben die Verantwortung, einen besonderen Beitrag zur Ökumene von heute zu geben. Heutzutage gibt es zahlreiche wichtige ökumenische Begegnungen, aber CCEE und KEK haben eine Eigenheit: Sie können eine Plattform bilden, die alle Nationen Europas und alle christlichen Gemeinschaften des Kontinents einbeziehen kann. Das ist die Originalität und Chance unserer Versammlungen.

Dass die Basis ganz außen vor bliebe, ist auch nicht ganz richtig. Gerade die zweite Phase mit den regionalen oder nationalen Veranstaltungen sollte besonders die Basis einbeziehen.

 

Ist das gelungen?

Wir sind sehr zufrieden. In ganz Europa haben über 100 Treffen zu den Themen der EÖV stattgefunden! Nur ein Beispiel: So haben sich in Bulgarien - das fürwahr kein Vorbild in Sachen Ökumene ist - im letzten September Vertreter der verschiedenen Kirchen, der Universitäten und der Regierung getroffen und sich der Frage gestellt, welche Rolle das Christentum im Einigungsprozess Europas spielt. Kurz davor hatten in Serbien die orthodoxe, die katholische, die evangelische und die reformierte Kirche zu einer "Wallfahrt der Kirchen" eingeladen, einer Art Bußweg des Gebets, des Dialogs und des Studiums, der sehr viele Personen einbezogen hat.

So etwas ist nur möglich, wenn dahinter ein vielfältiges ökumenisches Leben - auch an der Basis - steht. Und dieses Leben ist viel reicher, als man gemeinhin annimmt. Es reicht von unzähligen Initiativen auf Gemeindeebene über etablierte ökumenische Organisationen bis zu regelrechten interkonfessionellen Ordensgemeinschaften.

Darüber hinaus haben wir eingeladen, in jeder Stadt Europas zeitgleich mit der Versammlung von Sibiu ökumenische Treffen abzuhalten.

 

Gibt es noch den Gedanken der "Ökumene des Volkes", der nach der Grazer Versammlung 1997 in aller Munde war?

Ja. Es ist längst allgemeine Überzeugung, dass die Suche nach der Einheit der Kirche eine Angelegenheit aller Christen ist und nicht nur der Job der Kirchenleitungen. Nicht von ungefähr ist eines unserer größten organisatorischen Probleme, den vielen Gläubigen, die unbedingt nach Sibiu kommen wollen, zu erklären, dass die Begegnung dort eine geschlossene Delegiertenversammlung ist.

 

Unter den Themen der drei EÖV tauchen theologische Streitpunkte gar nicht auf. Weicht man da nicht den wirklichen Problemen aus?

Ich beobachte, dass die Christen heute keine Lust mehr haben, ständig aufeinander einzureden und sich nur miteinander zu beschäftigen - vielmehr auch wegen der Schwierigkeiten, die das mit sich bringt. Was sie aber schon wollen, ist, gemeinsam zur Lösung der Probleme der Welt beizutragen.

Auch haben die EÖV schlichtweg nicht das Mandat, über Fragen der Lehre zu verhandeln. Dazu gibt es in den einzelnen Kirchen zuständige Einrichtungen und Verfahrensweisen.

Dennoch leisten diese Treffen einen wichtigen Beitrag zum theologischen Dialog. Denn oft bremsen nicht die Fragen der Lehre den Dialog, sondern vielmehr kulturelle, juridische oder psychologische Hindernisse, die wir aus der Geschichte geerbt haben. Unsere Versammlungen ermöglichen uns, dass wir einander begegnen und kennenlernen, gemeinsam das Evangelium leben, beten, einander vergeben, uns fragen, wie wir auf die Herausforderungen unserer Zeit antworten können, und Wege der Zusammenarbeit suchen.

Diese so genannte "geistliche Ökumene" oder "Ökumene des Lebens" kann die Beziehungen zwischen den Kirchen von Ängsten und Vorbehalten befreien. Denn wenn Konfessionen einander schätzen und miteinander arbeiten, haben sie keine Angst mehr vor dem Proselytismus, also dem gegenseitigen Abwerben der Gläubigen, weil sie sich gegenseitig helfen, das Evangelium zu verkünden. Nur wer die Erfahrung macht, dass man in der Einheit seine Identität nicht verliert, kann auch wirklich einen unbefangenen theologischen Dialog führen. Wo die gegenseitige Liebe, die Christus auf die Erde gebracht hat, gelebt wird, wird auch der theologische Dialog voran gehen.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

 

    {*} Aldo Giordano, Jahrgang 1954, studierte Theologie und Philosophie und ist seit 1979 katholischer Priester. Er lehrte von 1982 bis 1996 in Piemont (Italien) als Philosophieprofessor. Seit 1995 ist er Generalsekretär des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen.

 

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