Ernst UlzEine mächtige Revolution
Aus: Neue Stadt, 4/2007, S. 13-15
Auch vor einer gewaltsamen Revolution hätte Francis Ganzon nicht zurückgeschreckt. Wie oft musste er mitansehen, wie die Zuckerbarone mit den neuesten Limousinen durch seine Heimatprovinz Negro Occidental, den "Zuckernapf" der Philippinen, kutschierten. Und dann gab es die Masse derer, die für sie um einen Hungerlohn schufteten. Der junge Philipino sah das nicht ein. Im Sog der 68er-Proteste entschloss er sich, für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen - an vorderster Front bei den Jungkommunisten. Gewalt lag Teresa Madrano aus der nordphilippinischen Provinz Batangas fern. Die Unternehmerstochter wohnte in einem großen Haus und wurde vom Chauffeur zur Schule gebracht. Ihr Vater stammte aus einer Arbeiterfamilie und hatte ein Herz für die Armen. So gründete er unter anderem 1957 eine kleine Genossenschaftsbank eigens für die Landbevölkerung. Teresa betete täglich den Rosenkranz und ging sonntags zur Messe. Dennoch suchte sie nach mehr im Leben. Nachdem ihr die Augen aufgingen für die Ungerechtigkeit im Inselstaat, fand sie sich Anfang der Siebzigerjahre bald auf - wenn auch gemäßigten - Protestmärschen wieder. Heute sind die beiden 68er ein Ehepaar und Hauptaktionäre und Präsidenten einer Bank mit zehn Filialen und 50.000 Kunden. An Märschen nehmen sie schon lange nicht mehr teil. Die soziale Lage im Land ist indes nicht viel besser: Jeder dritte der rund 90 Millionen Filipinos lebt unter der Armutsgrenze, drei Prozent sind superreich und besitzen 85 Prozent des Vermögens.
Ins Bankengeschäft sind Ganzons nach ihrer Hochzeit hineingestolpert. Teresas Vater hatte den Junganwalt und die Journalistin gebeten, in seiner Bank mitzuarbeiten. Sie sagten zu, denn - so Francis - "wir sahen darin die Möglichkeit, unsere Ideale in die Praxis umzusetzen." In der Zwischenzeit hatte sich nämlich in ihrer Lebenseinstellung etwas verändert, zunächst bei Teresa: "Ich bin Christen über den Weg gelaufen, die mich beeindruckt haben mit ihrer fröhlichen Art, Worte des Evangeliums im Alltag umzusetzen", erzählt sie. "Ihre Lieder spiegelten den Wunsch nach Veränderung wider. Aber statt
14von Gewalt sangen sie von Einheit, Liebe, Frieden, und dass sie bereit wären, ihr Leben für andere zu geben." Ihr Freund Francis, damals noch bekennender Atheist, erinnert sich an "lange Gespräche, wo wir die soziale Gerechtigkeit als unser gemeinsames Lebensziel entdeckten." Nach und nach verstand er die "Weisheit des Lebensstils" von Teresa und machte ihn sich zu Eigen: Das junge Paar war in die "Gen-Bewegung" hineingewachsen, die damals gerade entstandene Jugendbewegung der Fokolare. Die "Ibaan Rural Bank" stand kurz vor der Pleite, als Ganzons einstiegen. "Wir berieten mit den Angestellten, wie wir das Vertrauen der Kunden wieder gewinnen konnten", berichtet Teresa Ganzon. "Dabei erklärten wir offen, dass für uns als Christen jeder Kunde ein 'Nächster' ist, dem wir dienen möchten, und nicht bloß einer, an dem wir Geld verdienen." Als Ganzons zwölf Jahre später die Mehrheitsanteile erwarben, war das Geldinstitut ein gesundes Unternehmen. Doch ehe der Gedanke aufkam, es sich gemütlich einzurichten, ließ 1991 eine neue Idee Francis und Teresa Ganzon aufhorchen: das Modell einer "Wirtschaft in Gemeinschaft". Der Anstoß dazu kam von Chiara Lubich, der Gründerin der Fokolar-Bewegung. Sie war in Brasilien auf ein ähnliches soziales Ungleichgewicht gestoßen, wie es auf den Philippinen herrschte. Sie schlug vor, dass Unternehmer ihre Tätigkeit bewusst in den Dienst des Gemeinwohls stellen, Profite erwirtschaften um damit Bedürftige zu unterstützen und eine "Kultur des Gebens" zu fördern.
Expandieren, um möglichst vielen Armen helfen zu können - so wollten Ganzons auf diese neue Herausforderung antworten. Die Firma eröffnete acht Zweigstellen in der ganzen Provinz Batangas. "Das ging nur gut", meint Francis Ganzon, "weil die Mitarbeiter hart dafür arbeiteten." Sie spürten wohl, dass auch sie und ihre Familien davon profitieren konnten. Denn die Bank hatte sich angewöhnt, alle Mitarbeiter am Erfolg zu beteiligen. Auch im Kundenservice gingen Ganzons über das Branchenübliche hinaus. "Wir halfen beispielsweise Analphabeten, Kontos zu eröffnen und zu verwalten", betont Francis Ganzon, "denn ohne Konto kämen sie nie auf eigene Beine." Vor allem aber wollten sie den Managern, Mitarbeitern, Konkurrenten, Kunden, Nachbarn und Freunden durch ihr Beispiel zeigen, "dass der Einsatz für die Armen keine Sache einiger besonders guter Menschen sein muss." Konsequenterweise gab sich die Bank 1997 den Namen "Bangko Kabayan". "Ein Kabayan", erklärt Teresa Ganzon, "ist ein mir vertrauter Filipino, der mich versteht und da ist, wenn ich ihn brauche."
Heute ist die Bangko Kabayan eines von rund 700 Unternehmen weltweit, die sich den Grundsätzen der "Wirtschaft in Gemeinschaft" verpflichtet fühlen. Über eine eigens gegründete Stiftung fließen Teile des Unternehmensgewinns in regionale Programme: zinslose Darlehen für Studienförderung, Programme zur Landschaftspflege, landwirtschaftliche Schulungskurse oder kleine Bildungs- und Erholungsausflüge für Landfrauen. Fast naiv wirken die "zentralen Werte" der Bank, die sie auf ihrer Internetseite www.bangkokabayan.com veröffentlicht hat: "1. Hervorragender Service; 2. Rechtschaffenheit; 3. Einheit; 4. Glauben an das Eingreifen Gottes; 5. Engagement für die Entwicklung des Gemeinwesens." Doch die Unternehmer meinen das ernst. "Das Eingreifen Gottes haben wir oft erlebt", sagt Teresa Ganzon mit Nachdruck.
Zum Beispiel während der asiatischen Finanzkrise 1997: Viele hoben damals panikartig ihr Geld ab. Zahlreiche Banken trieb das in den Ruin, weil sie nicht so viel Geld flüssig hatten. Als eines Tages die benachbarte Bank ohne Vorwarnung aufgab, verlangten innerhalb weniger Stunden auch viele verunsicherte Bangko Kabayan-Kunden ihr Geld bar auf die Hand. Am Abend hatte die betroffene Geschäftsstelle vier Millionen Pesos (rund 60.000 Euro) ausbezahlt. "Bei einer Krisensitzung vertrauten wir miteinander alles Gott an", erinnert sich Frau Ganzon. Noch am selben Abend - es war schon nach Geschäftsschluss - zahlte ein Unternehmer fünf Millionen ein. "Für uns war das ein starkes Zeichen, dass Gott uns nicht im Stich lässt", sagt Ganzon. "Weil unsere Zuversicht wohl auf die Kunden ausstrahlte, normalisierte sich die Lage bald." "Ja, und da war noch die Sache mit dem Kidnapping", fügt ihr Mann hinzu. Im Mai 2001 kamen Ganzons für drei Wochen in die Gewalt islamischer Fundamentalisten. Bei aller Angst versuchten sie, ihre Kidnapper ernst zu nehmen und ihre Beweggründe zu verstehen. Die Rache war - im Wortsinn - süß: Das Ehepaar antwortete nach seiner Freilassung mit handfester Hilfe. "Die Zeit hatte unsere Augen geöffnet für das Leid unserer muslimischen Geschwister im Süden", erklärt der Bangko Kabayan-Präsident. "Und so suchten wir Kontakt zu drei Landesbanken auf der Insel Mindanao im Süden, um ihnen unsere Erfahrungen der regionalen Entwicklungsförderung weiterzugeben." Nach der Asienkrise erfuhren Francis und Teresa Ganzon vom Mikrofinanzierungssystem der Grameen-Bank in Bangladesh, entwickelt von Mahammad Yunus, dem Träger des Friedensnobelpreises 2006. Diese Bank gewährt gerade denen kleine Kredite, die als
15"unbankables" gelten: Arme, die keine Gegenwerte als Bürgschaften aufbieten können und so kleine Beträge bräuchten, für die sich die Verwaltung eines Kontos nicht lohnt. "Da ist uns klar geworden: Wir hatten der bedürftigsten sozialen Schicht noch nicht gedient!", erklärt Francis Ganzon. Im Jahr 2000 startete die Bangko Kabayan deshalb mit verschiedenen Mikrokredit-Programmen, unter anderem jenem im Grameen-Stil. Zentrales Element sind Frauengruppen, die sich regelmäßig treffen. Zunächst lernen die Frauen, die bisher von der Hand in den Mund gelebt hatten, zu sparen. Später leiht die Bank ihnen kleine Beträge von höchstens 60 Euro - allerdings nur, wenn sie damit wirtschaften, zum Beispiel selbstgemachte Süßigkeiten oder Gemüse und Fisch verkaufen. Viele können mit dem Verdienst aus diesen "Mikrounternehmen" ihre Kinder in die Schule schicken, ihre Häuser instandhalten, die wichtigste Medizin besorgen. Erfreulicher Nebeneffekt: Diese Frauen werden von ihren Männern mehr respektiert, weil sie einen wichtigen Beitrag zum Auskommen der Familien leisten. Bei ihren Zusammenkünften legen die Frauen dann Teile ihres Verdienstes zusammen und können sich so kleine Ausflüge leisten, auf denen sie zusammenwachsen und Erfahrungen sammeln. Langsam entdecken sie, dass sie gemeinsam auch größere Unternehmungen aufbauen können, etwa ein Sitzmöbel-Mietservice für Hochzeiten. Zugleich ist die Gruppe eine Art "Kontrollinstanz".
Die Geschäftszahlen der Bangko Kabayan sprechen für sich: Sie ist eigenen Angaben zufolge eine der drei größten unter mehreren hundert philippinischen Landesbanken. Von den umgerechnet 9 Millionen Euro Kreditvolumen gingen 1,3 Millionen Euro an rund 8000 Kleinstunternehmer. Die Bank hat 50 junge Leute eingestellt, die Frauen vor Ort betreuen. Das Überraschende: Die Rückzahlungsquote der Mikrokredite liegt bei 99 Prozent, wohingegen gewöhnliche, große Kredite nur zu 93 Prozent zurückgezahlt werden. Die "unbankables" sind also kreditwürdiger als der Durchschnitt. "Heute wissen wir, dass die Mikrofinanzierung das Hilfsmittel schlechthin für Entwicklung ist", sagt Teresa Ganzon. "Wegen unseres großen Verwaltungsaufwandes wachsen wir vielleicht langsamer als unsere Konkurrenz. Aber andererseits erleben wir, dass Leute, die früher um Almosen baten, heute als selbstständige Kleinunternehmer die Bank betreten." "Man sagt, ein erfolgreicher Banker müsse sein Herz zu Hause lassen, wenn er in die Arbeit geht", schreibt der bekannte philippinische Medienunternehmer und Politikberater William Esposo der NEUEN STADT. "Die Inhaber der Bangko Kabayan hingegen geben ihr Kapital dorthin, wohin ihr Herz sie drängt: zu den Letzten unter den Bankkunden. Was andere als zu riskant betrachten, ist für die Bangko Kabayan zum Wachstumssektor geworden."
"Es ist viel Zeit vergangen, seit ich mir geschworen hatte, mein Leben für die Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit einzusetzen", sagt Francis Ganzon. "Die letzten Jahre haben mir gezeigt, dass das gelebte Evangelium die mächtigste soziale Revolution ist, die es ja gab."
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