Diananga Cingoma {*}Der Konflikt im OstkongoAnalyse und Bewertung der Folgen
Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern 'zur debatte', 3/2008, S. 9-11
Seit 1996 tobt in der Demokratischen Republik Kongo ein grausamer Krieg, der von Ruanda, Burundi und Uganda ausging und den Staat geschwächt hat. Dieser Krieg, der zunächst als Aufstand der "Banyamulenge", einer ethnischen Minderheit ruandischen Ursprungs, gegen die Provokationen der örtlichen Ethnien bezeichnet wurde, hat sich sehr schnell zu einem Freiheitskampf entwickelt. Schon wenige Tage nach Ausbruch des Aufstands ging es Laurent Kabila an der Spitze der Allianz der demokratischen Kräfte zur Befreiung des Kongo (Alliance des Forces Démocratiques pour la Libération du Congo - AFDL) nicht mehr darum, die Rechte der "Banyamulenge" zu verteidigen, sondern vielmehr darum, mit Waffengewalt die Kontrolle über den Zentralstaat zu erlangen. Nach acht Monaten militärischer Offensive gelang es ihm, Präsident Mobutu am 17. Mai 1997 aus seinem Amt zu jagen. Der Erfolg dieser militärischen Aktion hat viele Beobachter zweifeln lassen und sie haben sofort die Verwicklung westlicher Mächte in diese Operation vermutet. So fragte sich z.B. F. Ryntjens, welche Unterstützung Laurent Kabila möglicherweise erhalten hat. Er hält folgendes fest: "Die bemerkenswerte Koordinationsfähigkeit und Wirksamkeit einer so jungen Aufstandsbewegung, der es eigentlich an der militärischen Kapazität fehlte und die aus einem eher spontanen Zusammenschluss verschiedener Gruppen hervorging, lässt die Frage nach der Unterstützung in der Region durch externe Kräfte aufkommen. Selbst angesichts einer wenig leistungsfähigen Staatsarmee konnte das schnelle Vordringen der Allianz der Aufständischen an mehreren Fronten und unter Überbrückung gewaltiger Entfernungen nur dank einer exzellenten logistischen Leistung hinsichtlich Aufklärung, Kommunikation und Nachschub bewältigt werden. Dies erscheint umso notwendiger, wenn man bedenkt, dass der Aufstand von einer sehr heterogenen Allianz aus unterschiedlichen kongolesischen und ausländischen Truppen geführt wurde". Herman Cohen bringt Licht in das Dunkel der externen Unterstützung des Aufstands von Laurent Kabila und bezeichnet den Aufstand der AFDL als Auftragskrieg: "Ein Auftragskrieg ist ein Krieg, der von außerhalb in ein Land hineingetragen wird und sich dabei als Bürgerkrieg tarnt". 1998 kam es aufgrund der Anfechtung von Verträgen in Zusammenhang mit Minen zum Bruch zwischen dem nunmehrigen Präsidenten Laurent Kabila und seinen alten ruandischen Verbündeten. Die führenden Köpfe der Banyamulenge gründeten daraufhin, angestiftet von Ruanda, eine neue Bewegung des Freiheitskampfs namens der kongolesischen Versammlung für Demokratie (Rassemblement Congolais pour la Démocratie - RCD). Man beachte die Ähnlichkeit der beiden Aufstände. Beide gingen von Ruanda aus, um "die Banyamulenge zu verteidigen und die sich im Kongo niedergelassenen Hutu-Milizen in Schach zu halten". In beiden Aufständen haben wir es außerdem mit denselben Akteuren zu tun: die Regierung der DRK und bewaffnete Hutu-Milizen gegen die Regierung von Ruanda und die Gemeinschaft der Banyamulenge. Außer diesen Hauptakteuren auf dem Gebiet selbst gibt es noch einige afrikanische Staaten, insbesondere Uganda, Burundi, Angola und Simbabwe, die in den Konflikt verwickelt sind. Darüber hinaus gibt es aber noch unsichtbare Akteure, die nicht leicht auszumachen sind, die jedoch in unterschiedlichen Bereichen eine wichtige Rolle spielen, z.B. bei der Planung des Krieges, der Lieferung von Waffen, der Ausbeutung der einträglichen / ertragreichen Minen, und die sicherlich einen Einfluss auf die Position der internationalen Gemeinschaft in diesem Krieg haben. In meinem Vortrag möchte ich versuchen, die explosive Gemengelage in der Provinz Kivu zu beschreiben, um die Gründe für die Konflikte darzulegen und die Chancen auf ein Ende dieses Krieges einzuschätzen. Zunächst möchte ich darauf eingehen, wie die unterschiedlichen internen und externen Akteure von dem Konflikt profitieren. Der aktuelle Konflikt im Ostkongo ist bei weitem kein ethnischer Konflikt. Er richtet sich meiner Meinung nach vielmehr gegen die Staatsordnung selbst. Die Ursprünge dieses Prozesses liegen außerhalb des Kongos. Eine Reihe von geplanten und nicht geplanten Ereignissen konsolidiert diesen Prozess. Dazu gehören die Folgen der Kolonisation im Kongo, die Patrimonialherrschaft Mobututs, der Umbruch in der Weltordnung, die ethnischen Konflikte in Ruanda, die Ermordung des ruandischen Präsidenten Habyarimana, der Völkermord in Ruanda 1994 und vor allem die großen Erzvorkommen in der Provinz Kivu, wohin sich die ruandischen Hutu-Milizen geflüchtet haben. Die Anwesenheit dieser Hutu-Milizen ist der Grund für sämtliche kriegerischen Konflikte, die die Demokratische Republik Kongo seit 1996 heimsuchen, einschließlich des letzten, seit 2004 andauernden Krieges, den der Nationalkongress für die Verteidigung des Volkes (Congrès national pour la defense des peuples - CNDP) von Laurent Nkunda zur "Verteidigung der Banyamulenge" führt. Die Herren des Krieges und die politischen Rahmenbedingungen mögen sich ändern, mit Blick auf die Ambitionen der Akteure ist eines jedoch sicher: Der Krieg im Ostkongo ist noch lange nicht zu Ende.
Ursachen des Konflikts in Kivu und beteiligte Akteure1. Kolonialgeschichte des KongosWenn man die Konflikte im Ostkongo verstehen will, muss man bis zur Gründung des kongolesischen Staates zurückgehen, denn hier lassen sich bereits einige Hinweise auf diese Konflikte finden. Der kongolesische Staat ist ein Erbe der Kolonialmächte. Er wurde auf der Berliner Konferenz 1885 geschaffen. Er ist nicht aus dem Willen des kongolesischen Volkes entstanden. An seinem Anfang standen Verträge zwischen der Kolonialmacht, vertreten vor allem durch die "Association internationale africaine" (AIA), und den örtlichen Oberhäuptern. Man muss sich bewusst machen, dass die A.I.A. die Verträge mit jedem örtlichen Stamm einzeln abschloss. Zwischen den Stämmen selbst gab es keine Vereinbarungen. Die örtlichen Stämme wurden also unter ausländischer Regie und durch den individuellen Willen eines externen Akteurs, nämlich des belgischen Königs Leopold II., zusammengefügt. Auch wenn die unterschiedlichen Ethnien durch Gewalt in den Kolonialstaat integriert wurden, so hatten sie doch kein Bewusstsein dafür entwickelt, einem Staat anzugehören, der über die ethnischen Grenzen hinausging. Dieses fehlende Bewusstsein geht ohne Zweifel auch darauf zurück, dass ein derartiges Bewusstsein nie gefördert wurde. Oder um es mit P. Anyang Nyongo zu sagen: Der Staat ist im Kongo vom Himmel gefallen. Der sogenannte Freistaat Kongo, der von westlichen Kolonialmächten für westliche Kolonialmächte geschaffen wurde, schuf eine völlig neue Territorialordnung in einer Region, die von mehreren Völkern bewohnt wurde. Es sei hier betont, dass die von den Kolonialmächten gezogene Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ruanda nicht nur zwei Länder geschaffen, sondern auch das "Volk der Banyaruanda" geteilt hat. Ein solches Schicksal ist natürlich nicht nur der Gemeinschaft der Banyaruanda widerfahren. In der Demokratischen Republik Kongo wie in anderen Ländern Afrikas erging es anderen ethnischen Gemeinschaften ähnlich. Für jene Banyaruanda, die nunmehr zum Kongo gehörten, hatte sich nach der Berliner Konferenz nichts geändert. Sie sprachen weiterhin ihre Sprache, sie besuchten sich weiterhin gegenseitig, sie hielten weiterhin zusammen und vor allem blieben sie wie seit jeher ihren traditionellen Anführern durch Treue verbunden. 1920, in Folge des Versailler Vertrags, wurden Ruanda und Burundi unter das Mandat Belgiens gestellt. Diese beiden Länder bildeten folglich mit dem Kongo ein zusammenhängendes Gebiet unter der Herrschaft der Kolonialmacht Belgien. Viele Ruander wurden aus verschiedenen Gründen, wie z.B. Hungersnot und Arbeitskräftemangel, von den Belgiern in den Kongo umgesiedelt. Neben dieser von der Kolonialverwaltung durchgeführten Umsiedlung wanderten die Banyaruanda auch aus anderen Gründen in den Kongo ein, z.B. politisches Exil und die Suche nach fruchtbarem Boden für den Ackerbau oder die Viehzucht. Daneben gab es auch noch das Phänomen der illegalen Einwanderung. Der große Zustrom von Ruandern (Umgesiedelte, Einwanderer, Flüchtlinge) nach Kivu während des 20. Jahrhunderts hat die bereits bestehenden Probleme bei der Landverteilung weiter verschärft und zu Spannungen zwischen "Ausländern" und "Einheimischen" sowie zwischen Viehzüchtern und Ackerbauern geführt.
2. Ungeklärte IdentitätZu diesen Gebietskonflikten kommt noch die ungeklärte Identität der Bevölkerung ruandischen Ursprungs hinzu, die sich seit vorkolonialen Zeiten im Kongo niedergelassen hat und über verschiedene Phasen in der Geschichte des Landes die kongolesische Staatsbürgerschaft immer wieder erhalten und verloren hat. Diese Unsicherheit in Bezug auf die eigene Identität hat zum Frust der Banyaruanda beigetragen und hat ihre Position gegenüber anderen, einheimischen Ethnien, mit denen sie in sozialer und wirtschaftlicher Konkurrenz stehen, weiter geschwächt. 3. Die Frustration der Einheimischen im Hinblick auf die BanyaruandaEine weitere Quelle für die Konflikte in Kivu ist der Neid der Einheimischen auf die Banyaruanda. Wir können drei Gruppen von Banyaruanda im Kongo unterscheiden. Die erste Gruppe hat sich bereits in der vorkolonialen Zeit im Kongo niedergelassen. Die zweite Gruppe ist aufgrund der belgischen Kolonialpolitik der Ansiedlung in den Kongo gekommen, und die dritte Gruppe besteht aus Flüchtlingen. Außer den Banyaruanda, die bereits vor der Kolonialisierung im Kongo lebten, besaßen die anderen Banyaruanda kein Land und waren gezwungen, gegen Bezahlung in Naturalien oder Geld auf dem Land der Einheimischen zu arbeiten. Seit vorkolonialer Zeit bis 1973 befand sich das Land in Kollektivbesitz, das heißt, es gehörte der Ethnie und wurde von den Stammesführern verwaltet. Deshalb besaßen die später aus Ruanda kommenden Banyaruanda kein Land im Kongo, obwohl sie von der Kolonialmacht dort angesiedelt worden waren. 1973 veränderten zwei Ereignisse diese Situation. Zunächst wurde das Gesetz Bakajika eingeführt, durch das das Land im Kongo verstaatlicht wurde und nicht länger Eigentum der Ethnie war, sondern des kongolesischen Staates, der es an jeden verkaufen konnte. Im selben Jahr fand auch die Zairisierung statt, das heißt die Verstaatlichung ausländischer Unternehmen. Nutznießer der Zairisierung waren zum größten Teil die Banyaruanda Tutsi. Dies lag daran, dass der damalige Kabinettschef von Präsident Mobutu, Bisemgimana, ein Tutsi war und seinen Stammesbrüdern den bevorzugten Erwerb verstaatlichter Güter ermöglichte. So kam es, dass die Banyamulenge Tutsi, die kurz zuvor noch von den Einheimischen abhängig waren, zu Eigentümern großer verstaatlichter Unternehmen, landwirtschaftlicher Betriebe und Plantagen wurden. Außerdem durften sie nun vom kongolesichen Staat Land erwerben. Und sie haben viel davon erworben. Bei der dichten Bevölkerung in diesem Teil der Demokratischen Republik Kongo mit 300 Einwohnern pro km² bedeutet der Besitz eines Stück Lands einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss. Diese Umkehrung der Verhältnisse war den Einheimischen natürlich nicht gleichgültig. Immer wieder führte ihre Unzufriedenheit zu Übergriffen auf die Güter der Banyaruanda
10und deren Sabotage. Man muss jedoch hinzufügen, dass es trotz dieser Spannungen nie zu solchen Massakern gekommen war wie 1996. Nicht nur die Zairisierung und das Gesetz Bakajika trugen zur glücklichen Lage der Tutsi-Gemeinschaft im Kongo bei. Auch die Anziehungskraft der Tutsi-Frauen auf die Kongolesen hat daran ihren Anteil. Ich muss gestehen, dass die Tutsi-Frauen sehr schön sind. Jedermann begehrt sie. Viele kongolesische Politiker haben Tutsi als Zweitfrauen. Diese mit reichen Kongolesen verheirateten Tutsi-Frauen haben zu Reichtum und Einfluss ihrer Gemeinschaft in Kivu beigetragen. Man muss jedoch hinzufügen, dass die Verbindungen zwischen den Tutsi-Frauen und den kongolesischen Politikern eher strategischer Natur waren denn Liebesbeziehungen. Dasselbe Phänomen lässt sich derzeit bei einigen Militärs und Politikern beobachten, die mit Tutsi-Frauen verkehren, die also verkleidete Militäragenten oder Geheimdienstagenten sind.
4. Die Konflikte zwischen Hutu und TutsiDer Aufstand der Hutu 1959 in Ruanda hatte viele Tutsi-Familien ins Exil in den Kongo, nach Uganda und Tansania getrieben. Ein Teil der ruandischen Flüchtlinge, die sich in der Bewegung "Patriotische Front Ruandas" (Front Patriotique Ruandais - FPR) zusammenschlossen, versuchten 1990 vergeblich, den ruandischen Präsidenten Habyarimana zu stürzen. Nach dem gescheiterten Aufstand verhärtete sich die Front zwischen den Tutsi und Hutu in Ruanda. Diese Spannungen waren auch in Kivu spürbar, wo einige Tutsi an dem Angriff gegen die Regierung Habyarimana beteiligt gewesen waren. Der Höhepunkt des Konflikts zwischen Tutsi und Hutu in Ruanda war mit der Ermordung von Präsident Habyarimana im April 1994 erreicht, der den Vökermord in Ruanda auslöste und in der Machtübernahme der FPR endete. Mehr als zwei Millionen Hutu, darunter Soldaten von Habyarimana fanden im Kongo, nicht weit von der Grenze zu Ruanda, Zuflucht. Das erste Ziel der in den Kongo geflüchteten Hutu-Soldaten waren die im Kivu lebenden Tutsi, die aus Rache gegen die Tutsi an der Macht in Ruanda überfallen wurden. Um die im Kongo lebenden Tutsi zu verteidigen, interevenierte die Patriotische Ruandische Armee (armée patriotique ruandais) 1996 im Kongo. Die Demokratische Republik Kongo erlebt auf ihrem Gebiet einen Krieg, den sie nicht provoziert hat und an dem sie am Anfang nicht einmal beteiligt gewesen ist. Der Krieg hat mehr als fünf Millionen Menschen getötet, viele Frauen wurden vergewaltigt und mehr als 50.000 Kinder kämpften in diesem Krieg. Das Unglück besteht für Kivu nicht nur darin, dass auf seinem Gebiet die unterschiedlichen Konflikte, die ich gerade genannt habe, stattfinden, sondern auch vor allem darin, dass unter seiner Oberfläche eine enorme Menge an Bodenschätzen lagert. Neueren geologischen Untersuchungen zufolge gibt es im Boden des Ostkongo Vorkommen an Kupfer, Silber, Koltan, aber vor allem Gold in außergewöhnlicher Konzentration. Experten gehen davon aus, dass Kivu in der Zukunft der Wirtschaftsmotor des Kongo sein wird. Die Region Kivu ist somit unbestritten ein begehrter Ort in den Augen multinationaler Konzerne, aber auch für bestimmte Staaten. Man musste nur das Mittel finden, an diese Bodenschätze heranzukommen. Die Konflikte in Kivu dienten vielen, die an die Bodenschätze wollten, als Vorwand, den Krieg zu schüren, um sich mit dessen Hilfe die Reichtümer des Kongo anzueignen. Der Krieg macht das Gebiet unregierbar und erleichtert somit den Zugriff auf seine Reichtümer. Diese geplante Kriegsschürung beginnt mit der Ermordung des ruandischen Präsidenten Habyarimana 1994. Es besteht nämlich der Verdacht, dass private internationale Kapitalgeber dabei eine große Rolle gespielt haben.
5. Verquickung internationaler Akteure in den KonfliktLaut Pierre Baracyetse beginnt die Verwicklung privater Kapitalgeber in die Kontrolle der Minen in Kivu mit der Machtübernahme des Rebellenführers Paul Kagame in Ruanda. Die Rebellenbewegung sei von AMFI (American Mineral Fields International) unterstützt worden. Nachdem Kagame an der Macht war, war der Weg für das letzte Ziel frei, nämlich die Rohstoffe im Kongo auszubeuten. In diesem Zusammenhang unterzeichnete Laurent Kabila, damals Rebellenführer, am 16. April 1997 einen Vertrag mit Jean Remond Boule, Eigentümer von American Mineral Fields über einen geschätzten Betrag von einer Milliarde Dollar für die Ausbeutung der Minen. Außerdem erhielt Laurent Kabila für sich ein Flugzeug. Man kann sich die Frage stellen, welche Garantie die westlichen, vor allem amerikanischen, Geldgeber hatten, in den ersten Tagen der Invasion der AFDL, in die Ausbeutung von Minen zu investieren, wo sie doch nicht sicher sein konnten, ob die AFDL letztendlich die Kontrolle über das Land erhalten würde. Diese unerschütterliche Überzeugung der westlichen Geldgeber, in den Kongo zu investieren, zeigt, dass der Krieg von Anfang an geplant gewesen ist. Oder anders gesagt: Da die westlichen Geldgeber die Invasion selbst geplant, organisiert und finanziert hatten, hatten sie keinen Grund am Gelingen zu zweifeln. Indem er sich mit den Ruandern und Ugandern verbündete, hatte sich Laurent Kabila mit dem Krieg und seinen Zielen verrechnet. Denn diese beiden Staaten, die die eigentlichen Herren dieses Kriegs waren, kämpften vor allem darum, die finanziellen Interessen der Geldgeber sowie ihre eigenen Interessen zu bedienen. Der Beweis dafür ist, dass, als Lauren Kabila die mit AMFI geschlossenen Verträge in Frage stellte, sich ein Aufstand gegen ihn formierte, und zwar im Osten des Kongos, also genau dort, wo er selbst 1996 seinen "Aufstand" begonnen hatte. Einige Lobbyisten und Staaten werfen Kabila tatsächlich Undankbarkeit ihnen gegenüber vor. Denn die Gegenleistung für den Krieg war die Besetzung und Ausbeutung der Minen durch die Ruander, die Ugander und die Geldgeber. Dieser zweite Krieg seit 1998, der längste und tödlichste, bleibt im Ursprung mit dem Aufstand der AFDL verbunden, der Laurent Kabila an die Macht gebracht hat. Selbst wenn Ruanda und Uganda Sicherheitsgründe betonen, werden sie doch von den Bodenschätzen, an denen der Ostkongo so reich ist, angezogen und sie haben nicht gezögert, diese auszubeuten, seit dem ersten Moment, als die AFDL in das Land eingefallen ist. Die Verfolgung der ehemaligen ruandischen Soldaten und der Mörder von Interahamwe durch das Regime von Kigali ist nichts weiter als ein scheinheiliger Vorwand. Die Anwesenheit der Interahamwe ist für Ruanda ein willkommener Anlass, seine Anwesenheit im Kongo zu rechtfertigen, einer Anwesenheit aus hauptsächlich wirtschaftlichen Interessen. Es kann daher nicht überraschen, dass Ruanda zum größten Exporteur von Rohstoffen mit Ursprung im Ostkongo geworden ist. Die Verteidigung der Banyamulenge gehört also zu den manipulierbaren Ereignissen, mit deren Hilfe der kongolesischen Zentralregierung die Kontrolle über Gebiete mit reichen Rohstoffvorkommen entrissen wird. Der angebliche Raubzug dissertierter Interahamwe auf kongolesischem Boden, der oft von der ruandischen Regierung sowie von ihren kongolesischen Alliierten beschwört wird, wird oft in Zweifel gezogen. Die CNDP von Lauren Nkunda argumentiert heute mit denselben Argumenten wie Kabila 1996 und Ruberua 1998. Er gibt vor, die Banyamulenge zu verteidigen. Nach den Zeugenaussagen von Menschen, die vor den letzten Angriffen des Generals Nkunda geflohen sind, gibt es einen Widerspruch zwischen den Erklärungen zu den Motiven des Angriffs und der Wirklichkeit der militärischen Operationen. Die Opfer berichten z.B., dass APR und FDL sich nicht gegenseitig bekämpfen, obwohl sie in Gebiete einmarschiert sind, wo sich ihre Truppen gegenseitig sehen. Vielmehr halten sie Zusammenkünfte ab, um kaum definierte Ziele umzusetzen. Unter den APR finden sich einige ehemalige Interahamwe bzw. Ex-FAR (ehemalige Habyarimana Soldaten), die im Rahmen der Operation DDRR der MONUC bereits zurückgeführt worden waren. Die Angriffe richten sich gegen die Zivilbevölkerung, um diese zu vertreiben. Die ruandische Besatzung seit 1996 hat bis heute mehr als 5 Millionen Menschen das Leben gekostet. Das einzige, was die Ruander seit 12 Jahren nicht geschafft haben, ist, die Interahamwe auszuschalten. Die Gefahr, die diese darstellen, ist der einzige Vorwand für die ruandische Präsenz im Kongo. Wenn man die wahren Ziele der Kriegsakteure im Kongo in Betracht zieht, dann kann es keinen Frieden geben, so lange die eigentlichen und immer noch unsichtbaren Akteure nicht in den Lösungsprozess einbezogen werden und so lange man nicht die wahren Probleme angeht, die dem Krieg "entgegen stehen", vor allem die Rückkehr der ruandischen Flüchtlinge nach Ruanda, die Demokratisierung Ruandas im Hinblick auf die ethnischen und politischen Wirklichkeiten und die Anerkennung des größten Völkermords, der sich zurzeit im Kongo abspielt, durch die internationale Gemeinschaft, deren einziges Thema die Globalisierung ist. Stattdessen findet jedes Jahr eine Friedenskonferenz in Kivu statt und am nächsten Tag fährt man fort, die Toten zu begraben und die Desintegration des Staates schreitet immer weiter voran. Diese seit 12 Jahren im Kivu andauernde Desintegration des Staates hat ein kleines para-souveränes Staatsgebilde hervorgebracht, angefangen mit dem Aufstand der Banyamulenge 1996, der von der AFDL Laurent Kabilas vereinnahmt wurde, dann mit der RCD 1998 und nun seit 2004 unter den Fahnen der CNDP von Laurent Nkunda. Diese "nicht zu fassende" Struktur ist ähnlich wie ein Staat aufgebaut. Sie fordert keine Abspaltung, noch weniger die Unabhängigkeit, aber sie fordert die Souveränität des Zentralstaates heraus, indem sie ihre eigene durch Gewalt und wirtschaftliche Macht stärkt. Ihre Souveränität basiert auf grenzüberschreitenden ökonomisch-ethnischen Bündnissen und wird von internationalen Finanznetzwerken gestärkt, die zur Ausbeutung der Bodenschätze aufgebaut worden sind. Dieses staatsähnliche Gebilde wird von einer politisch-ethnischen Führerriege geleitet und ist in gewissen Fällen vom Ausland abhängig. Der Sitz der Einrichtungen dieses Staatsgebildes verlagert sich immer wieder aus Sicherheitserwägungen und Sicherheitserfordernissen. Das verleiht dem Gebilde manchmal den Charakter eines wandernden Staates. Die Existenz dieses staatsähnlichen Gebildes verändert die politische Lage des Kongo grundlegend. Sie versetzt den Zentralstaat in die Lage der ständigen Suche nach der eigenen Souveränität, sei es über die endlosen Verhandlungen
11mit seinen Gegnern, sei es über militärische Zusammenstöße.
SchlussfolgerungFür einen Staat wie dem Kongo, der auf der Berliner Konferenz von ausländischen Kräften künstlich geschaffen worden war, hing das Überleben als Nation größtenteils von der Aneignung dieses Gebildes durch die einheimischen Erben ab, die sich aus unterschiedlichen und oft sich feindlich gesinnten Ethnien zusammensetzten. Daraus ergaben sich zwei Erfordernisse. Zunächst musste sich die örtliche Macht über eine gute Regierungsführung legitimieren. Zweitens musste aus dieser ein Gefühl der gegenseitigen Ergänzung zwischen den Ethnien erwachsen als echtes Fundament eines wahren kongolesischen Staates. Keines dieser beiden Ziele konnte erreicht werden infolge der Konflikte, die die Demokratische Republik Kongo seit ihrer Unabhängigkeit heimgesucht haben, und insbesondere infolge der Patrimonialherrschaft unter Präsident Mobutu, die die Konflikte zwischen den Ethnien verschärft hat, die schließlich die Desintegration des Zentralstaates, wie wir sie heute erleben, befördert haben. Schlimmer noch ist, dass die ehemaligen Kolonialmächte, die die Konstruktion dieses Staates unterstützt haben, nun zu seinem Zusammenbruch beitragen.
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