Christoph Gellner {*}Christsein inmitten der WeltreligionenEine biblisch-christliche Sicht auf die Religionen der Anderen
Aus: Stimmen der Zeit, 8/2008, S. 603-616
Wie keine Generation vor uns erleben wir das Christentum als eine Religion unter vielen. Dank weltweiter Kommunikation, Mobilität und vor allem Migration ist uns die Vielfalt der Religionen immer näher gerückt. Andere Religionen sind zwar weiterhin fremd, aber zunehmend in unmittelbarer Nachbarschaft präsent. Religiös sein bedeutet heute unausweichlich interreligiös sein. Dieses Zusammenleben von Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit macht eine positive Verhältnisbestimmung zum Glauben der Anderen unumgänglich. Die religionskundliche Erschließung nichtchristlicher Religionen, so wichtig und unerläßlich sie auch ist, genügt dieser Herausforderung keineswegs. Es reicht nicht mehr aus, Kinder und Jugendliche in nur eine Tradition einzuführen. Zugleich muß auch das Verhältnis christlicher Glaubensüberzeugungen zu den Überzeugungen anderer Religionen gezielt aufgenommen werden. Daß einer bestimmten Glaubensüberzeugung der Vorzug gegeben werden soll, macht eine plausible Begründung um so wichtiger. Interreligiöses Lernen muß verstärkt Bestandteil der Bildungsarbeit mit Erwachsenen werden. Was bedeutet der Glaube der Anderen für mein eigenes Christsein? Was bedeutet für mich das Glaubenszeugnis von Juden, was das von Muslimen, Buddhisten und Hindus? Die Herausforderung, Andersglaubende als Andersglaubende wahr- und ernst zu nehmen {1}, bedeutet: Christsein kann es nur mehr im Angesicht der Andersglaubenden, nicht mit dem Rücken zum Glaubenszeugnis Anderer geben. Christsein ist in Beziehung zu setzen zu den religiösen Großalternativen der Menschheit – zugleich ist das unauswechselbar Besondere christlichen Glaubens im größeren Verstehensrahmen der Weltreligionen verständlich zu machen {2}. Statt Abschottung und Ausgrenzung sind die nichtchristlichen Religionen in den eigenen religiösen Verständnishorizont, das heißt: in die Geschichte Gottes mit den Menschen und dem Menschen Jesus von Nazaret einzubeziehen {3}.
Lernziel PluralitätsfähigkeitMehr als bisher wird religiöse Identität im Dialog und in der Auseinandersetzung mit anderen ausgebildet. Im Licht fremder Standpunkte läßt sich der eigene überhaupt erst bedeutungsvoll erklären: "Ich bin ich, weil du du bist, und du bist du,
604weil ich ich bin", formuliert der an der Kreuzung von jüdischer, islamischer, christlich- orthodoxer und römisch-katholischer Kultur aufgewachsene bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan: "Ich weiß sehr wohl, daß ich ein Muslim bin, und beim Bekennen, beim Wahrnehmen dieser Zugehörigkeit zum islamischen Glauben half mir am meisten mein bester Freund, der bosnische Franziskaner Mile Babic ... Dank unserer Freundschaft machen wir uns unsere jeweilige religiöse Zugehörigkeit bewußt, wir artikulieren und vertiefen sie besser. Unter lauter Muslimen würde ich meine Zugehörigkeit zum Islam automatisieren und aufhören, sie als relevanten Teil meiner eigenen Identität zu empfinden." {4} Sein Vater war Kommunist, seine Mutter gläubige Muslimin, seine Frau Dragana ist Serbin – ihre Mutter wurde von Serben umgebracht, weil sie in ihrer Wohnung zwei muslimische Familien versteckt gehalten hatte, der jüngste Balkankrieg zwang sie beide ins deutsche und österreichische Exil. Mit den ethnisch-konfessionellen Spannungen auf der Grenze zwischen Orient und Okzident ist Karahasan also durchaus vertraut. Er weiß, daß in der Selbsterhebung über Andere im Namen Gottes, einer Religion oder Nation die Wurzel der Gewalt liegt, die immer wieder verheerende Folgen zeitigt – nicht nur in Bosnien. Gerade darum beschwört er die über Jahrhunderte gelebte Multikulturalität Sarajevos als ein Modell für das künftige Europa: "Um die eigene Identität zu erkennen, zu artikulieren und bewußt zu machen, mußt du das erkennen, was du mit den Anderen gemein hast und wodurch du zugehörig bist; dann das, was dich von allen Kollektiven unterscheidet und dich einzigartig macht. Um das zu können, reicht es keinesfalls aus, zu verkünden, daß sich dein Ich rigoros von deinem Nicht-Ich unterscheidet. Auf die Frage, wer oder was ich bin, werde ich niemals eine einigermaßen verläßliche Antwort bekommen, wenn ich mich vom Nicht-Ich isoliere, statt mich mit ihm auseinanderzusetzen. ... Das ist der unvergleichliche Wert des wahren Dialogs – nur er ermöglicht dir, in dir selbst sogar das zu erkennen, was du selbst nicht weißt, um dann dieses Erkannte zu artikulieren und bewußtzumachen." {5} Damit plädiert der Romancier und Theatermann Karahasan für eine dialogischpolyphone anstelle einer monologisch-homogenen Kultur, wie er sie im "dramatischen Kultursystem" Bosniens vorgebildet sieht: Katholiken, Orthodoxe, Juden und Muslime "leben gemeinsam und einer auf den Anderen bezogen, gezwungen, sich gegenseitig kennenzulernen und sich einzugestehen, daß die fremde Identität die Voraussetzung eines klaren Artikulierens und Verstehens der eigenen Identität ist". Dabei war auf der weiten Skala zwischen Verstehen, Respekt, Liebe und ausgesprochenem Mißtrauen, unverhohlener Feindschaft und gezieltem Mißverstehen alles möglich, "nur zwei Dinge waren absolut ausgeschlossen – gegenseitige Ignoranz der Identitäten und ein Verwischen der Unterschiede zwischen ihnen" {6}. Alle vier Glaubensgemeinschaften mußten Verhaltensformen suchen, die ein gemeinsames Leben auf relativ kleinem Raum erträglich machten, indem sie Bezie-
605hungen aufbauten, die sich, mit einem Goetheschen Ausdruck, als "Toleranz ohne Gleichgültigkeit" {7} bezeichnen ließen. In der Tat ist einer Einebnung des unverwechselbar Eigenen des jeweiligen Glaubens ebenso zu wehren wie der konturenlosen Vergleichgültigung unterschiedlicher, ja, sich widersprechender Wahrheitsansprüche. Was der Tübinger Ökumeniker Karl-Josef Kuschel jüngst für Juden, Christen und Muslime herausstellte, gilt für interreligiöse Verständigung generell: "Nicht durch Selbstimmunisierung vor Anderen und Selbsterhebung über Andere, vielmehr im Aufeinanderhören geschieht Teilhabe an Glaubenserfahrungen der je Anderen. Selbstgefälligkeit und Selbstgenügsamkeit wird durch Prozesse gegenseitiger Bereicherung überwunden." {8} Ebenbürtigkeit, wechselseitige Parität "auf gleicher Augenhöhe", ist unerläßliche Voraussetzung jedes Religionsdialogs. Sie bedeutet jedoch nicht, daß unterschiedliche religiöse Überzeugungen einfach austauschbar werden. Jeder fruchtbringende Dialog lebt davon, daß die Teilnehmenden annehmen, daß sie vom eigenen Glaubenszeugnis her in Teilen oder im Ganzen die "größere Wahrheit" über Mensch, Welt und Gott bzw. das Göttliche auf ihrer Seite haben {9}. Dialogfähigkeit und Standfestigkeit, Pluralität und Identität schließen sich also nicht aus, vielmehr fordern sie einander {10}. Absolut ist nur Gott selbst (oder wie immer wir das Absolute benennen): Die ganze Wahrheit, die Gott ist, kann von keinem Menschen, von keiner Religion je vollkommen erfaßt werden. Durch die Unterscheidung zwischen der letzten Wahrheit und ihren Bezeugungen, die auf sie verweisen, werden alle falschen Absolutheitsansprüche zurückgewiesen. Ja, der Glaube erfährt dadurch die Kraft zur Selbstrelativierung, die gerade nicht zum Relativismus führt, es vielmehr ermöglicht, bei aller Unbedingtheit, "feste" Überzeugungen nicht an die Stelle Gottes selbst zu setzen. Was also heißt Christsein inmitten der Weltreligionen? Von der biblisch bezeugten Einheit Gottes und seinem universalen Wirken her sind Glaubende auf eine transzendente Wirklichkeit ausgerichtet, in der alle Menschen sich gegenseitig anerkennen, sich miteinander verbunden und solidarisch aufeinander bezogen erfahren können: "Gott ist nicht der Stammesgott der Juden und Christen, sondern Grund und Ziel der ganzen Schöpfung", unterstreicht das Positionspapier des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds "Der christliche Glaube und die Religionen" (2007). Daraus ergibt sich "die Offenheit für die Möglichkeit, daß Gottes schöpferische Wirksamkeit auch im Wirkungskreis anderer Religionen seine Spuren hinterlassen haben könnte" {11}. Gott ist entweder der Gott aller Menschen, oder er ist nicht Gott! Christinnen und Christen werden sich grundsätzlich dafür offen halten, daß ihnen etwas von Gottes Wort und Geist auch im Zeugnis und in der Begegnung mit Menschen anderer Religionen entgegenkommen kann.
606Schon die Bibel zeugt von einer Vielgestaltigkeit, in der sich Gott geoffenbart hat und Menschen zu erkennen gibt. Das Neue Testament hält neben der einzigartigen Gottesoffenbarung in Jesus Christus fest: Gott hat sich auch sonst nicht unbezeugt gelassen, Gott hat auch durch Andere gesprochen, ja, er ist in der ganzen Welt durch seinen Geist gegenwärtig (Apg 14,15ff.; Röm 1,19ff.; Hebr 1,1). Und doch hat er sich nicht allen Völkern auf die gleiche Weise bezeugt. Gewiß, Gott hat die gesamte Menschheit in unterschiedlich weitgefaßte Bünde eingeschlossen: den Schöpfungsbund mit Adam (Gen 1,26ff. vgl. Jer 33,20–26), den Noachbund (Gen 9,1–17) und den Bund mit Abraham (Gen 15, 1–16; 17,1–14), den Sinaibund mit Mose (Ex 19–24) und den "neuen Bund" in Jesus Christus (1 Kor 11, 25 u. ö.); die späteren Bünde heben die früheren nicht auf. Doch schon die Hebräische Bibel kennt sowohl im Blick auf die beiden Abrahamsöhne wie im Verhältnis von Israel und den Völkern keine Gleichrangigkeit hinsichtlich Gottes Offenbarung. Von ihren je anderen Ur-Kunden (Tora, Evangelium und Koran) her setzen Juden, Christen und Muslime in letzten Fragen des Offenbarungs- und Wahrheitsverständnisses Unvereinbares gegeneinander. So sehr daran zu arbeiten ist, daß Christen, Juden und Muslime sich ihrer Verbindung in der Segens- und Bundesgeschichte des einen Gottes bewußt werden – von einer Einebnung des unverwechselbar Besonderen einer jeden dieser drei Religionen kann keine Rede sein, erst recht nicht im Blick auf die östlich-asiatischen Religionen und ihre Heiligen Schriften wie die Upanishaden, die Bhagavadgita oder die Reden des Buddha. Frieden und Verständigung zwischen Religionen werden "nicht durch Relativierung, sondern durch Präzisierung der Gottes- und Wahrheitsfrage" erreicht: "Nicht unter Absehung der Wahrheit kommt es zur Toleranz" – die mehr wäre als bloße Duldung, nämlich Anerkennung des Anderen gerade in seinem Anderssein: "Der Geist des Friedens ist nicht der Ungeist des Wahrheitsrelativismus, sondern der Geist Gottes selber, der uns in alle Wahrheit einführt." {12} Von daher hoffen Christen, daß Andersglaubende es, wenn auch unter anderem Namen, letztlich mit derselben göttlichen Wirklichkeit zu tun haben, die sie selber als den Schöpfergott, den Gott Abrahams, Saras und Hagars bekennen: den "einen Gott, den Vater, von dem her alles ist und wir auf ihn hin, und den einen Herrn, Jesus Christus, durch den alles ist und wir durch ihn" (1 Kor 8,6). Warum es aber diese Vielzahl sich widersprechender religiöser Wege gibt, darauf wird nur Gott selbst eine Antwort geben können. Das heißt: Die Stellung der nichtchristlichen Religionen in Gottes Absicht mit der Menschheit bleibt ein Geheimnis, das allenfalls am Ende der Tage offenbar wird, wenn Gott "alles in allem" sein wird (1 Kor 15,28).
607Raum für VerschiedenheitGott will nicht nur das Gemeinsame der einen Menschheit, sondern ebenso die Unterschiede. Darin sieht Jonathan Sacks, Oberrabbiner von Großbritannien und dem Commonwealth, eine Testfrage für den Glauben: "Ich persönlich glaube, daß wir von Gott aufgerufen sind, im menschlichen Anderen eine Spur des göttlichen Anderen zu erkennen." {13} Gott gebiete uns, seine Schöpfung zu ehren durch Respekt für die von ihm geschaffene Vielfalt; nur so nehmen wir Verschiedenheit ernst. Diese Grundintuition biblischer Theologie hat Sacks für die Verständigung der Religionen fruchtbar gemacht: "Kann ich der Verschiedenheit Raum geben? Kann ich Gottes Ebenbild in jemandem erkennen, der nicht nach meinem Ebenbild ist und dessen Sprache, Glaube, Ideale anders sind als die meinen? Können Juden, Muslime, Hindus, Sikhs, Konfuzianer, Orthodoxe, Katholiken und Protestanten im Mittleren Osten, in Indien, Sri Lanka, Tschetschenien, im Kosovo und den Dutzend anderen Gegenden, in denen verschiedene ethnische und religiöse Gruppen eng aufeinander leben, einander Raum lassen?" {14} Als orthodoxer Jude, aber – das ist beste jüdische Tradition – in universeller Perspektive, erinnert Sacks an den "doppelten Bund" Gottes: Seinen Bund mit Noach und der ganzen Menschheit und den Mose-Bund mit dem Volk Israel: "Wir Juden glauben, daß Gott mit einem bestimmten Volk einen Bund geschlossen habe, aber das schließt nicht aus, daß andere Völker, Kulturen und Religionen innerhalb des gemeinsamen Rahmens der noachitischen Gesetze ihre eigene Beziehung zu Gott finden können. Diese Gesetze stellen sozusagen die Grundgrammatik dafür dar, wie der Mensch Gott erfahren kann: dafür, um die Welt als Gottes Werk und die Menschheit als Gottes Abbild sehen zu können. Gott ist der Gott der gesamten Menschheit, aber zwischen Babel und dem Ende der Tage ist kein Glaube der Glaube der gesamten Menschheit. ... Wir sind partikulär und universal, gleich und verschieden, Menschen an sich, aber auch Mitglieder einer bestimmten Familie, Gemeinschaft, Geschichte, Erblinie. Unsere Partikularität ist unser Fenster ins Universale, genau wie unsere Sprache die einzige Möglichkeit für uns ist, die Welt zu verstehen, die wir mit denen teilen, die andere Sprachen sprechen ... Gott, der Urheber der Vielfalt, ist die vereinende Gegenwart in der Vielfalt." {15} Über die Gottglaubenden der abrahamischen Religionen hinaus gilt der Noachbund der ganzen Menschheit. Der Regenbogen, der sich aus vielen verschiedenen Farben zusammensetzt, eine neben der anderen, ist ein treffendes Symbol. Die spirituelle Verbundenheit von allem mit allem bedarf des gegenseitigen Respekts für die Unterschiedlichkeit jedes Einzelnen! Von Noachs drei Söhnen stammen alle Völker der Erde ab. Noach ist damit (wie Adam) Vertreter der gesamten Menschheit – vor aller Unterscheidung in Völker und Religionen. Durch die verschiedenen Bundesschlüsse werden Bindungen geschaffen, die einander nicht ausschließen. Sie sind schon in der Hebräischen Bibel voneinander unterschieden, doch miteinander
608verbunden. So betont der Schweizerische Evangelische Kirchenbund: "Die Bünde mit den Völkern gelten nicht weniger als der Bund mit Israel und der ,neue Bund‘ in Christus." {16} Für Christen ist der im Schöpfungsbund mit Noach zum Ausdruck kommende universale Heilswille Gottes entscheidend (1 Tim 2,4): Er bindet alle Geschöpfe trotz aller Unterschiede zusammen. Ja, angesichts dieses Segensbundes mit der gesamten Menschheit gibt es keine Verschiedenheit, die nicht von einer größeren Gemeinsamkeit umgriffen wäre. Von der biblischen Bundestheologie her vermag Jonathan Sacks, jede einzelne Religion nicht nur in ein je eigenes Verhältnis zu Gott zu setzen, sondern auch in eine weltumgreifende Beziehung zu anderen Religionen: "Verschiedenheit verringert nicht den Umfang der menschlichen Möglichkeiten; sie erweitert ihn. Letztlich schöpfen wir unsere größte Hoffnung daraus, daß wir uns an die ältere Geschichte über Noach nach der Flut erinnern, daß wir also mitten in unserer hypermodernen Umgebung den alten-neuen Anruf zu einem globalen Bund menschlicher Verantwortung und Hoffnung vernehmen. ... Nur wenn wir die Gefahr erkennen, die im Wunsch liegt, alle sollten gleich sein – einerseits den gleichen Glauben haben, andererseits in einer McWorld die gleiche Lebensart pflegen –, werden wir den Kampf der Kulturen vermeiden, der aus dem Gefühl der Bedrohung und Angst erwächst. Wenn wir die Würde der Verschiedenheit begreifen, die uns von Gott geschenkt wurde und die Welt bereichert, lernen wir es auch, dankbar mit ihr zu leben." {17} Ausdrücklich ruft Sacks die Religionen auf, untereinander dem je Anderen mehr Raum zu geben: "Wie würde dann der Glaube aussehen? Er wäre so, als fühlte man sich im eigenen Haus geborgen, werde jedoch berührt von der Schönheit fremder Orte, von denen man wüßte, daß sie das Haus Anderer sind, nicht das eigene, und dennoch Bestandteil der Herrlichkeit der uns allen gemeinsamen Welt. ... Es wäre, als sei ich ein Satz in der Geschichte meines Volkes und seines Glaubens, aber es gebe auch noch andere Geschichten, und jede von ihnen sei mit den Buchstaben von Leben geschrieben, die in Gemeinschaften zusammengebunden seien, und jede sei Teil der aus lauter Geschichten bestehenden großen Geschichte, die erzählt, wie der Mensch Gott sucht und Gott die Menschen beruft. Diejenigen, die von ihrem Glauben überzeugt sind, fühlen sich vom anderen Glauben nicht bedroht, sondern bereichert."
Der Gottesgeist und die ReligionenChristlich gründet die Offenheit für Andersglaubende im Glauben an Gottes Geist: Für Christen verdichtet er sich in maßgeblicher Weise in Jesus Christus, umspannt aber mit der ganzen Schöpfung zugleich auch die außerchristlichen Religionen. Nichts ist völlig gott- oder geistlos! Darüber zeichnet sich heute unter Christen Übereinstimmung ab: Auch Anders- und Nichtglaubende sind "umschlossen vom Heilswillen Gottes, wie er in Jesus Christus zum Ausdruck kam und in der Kraft
609des Heiligen Geistes sich verwirklicht", formuliert der evangelische Theologe Hans-Martin Barth: "Auch areligiöse Menschen und Anhänger nichtchristlicher Religionen stehen nicht außerhalb des Einflußbereichs des Heiligen Geistes." {18} Reformatorische, orthodoxe und katholische Religionstheologie setzt denn auch bei der alles durchdringenden Geistkraft Gottes an, seiner wirksamen Ausstrahlung auf die ganze Welt. Wie auf alle Menschen wirkt sie auch auf die verschiedenen religiösen Wege der Menschheit ein: "Wir glauben, daß dieses umfassende Wirken des Heiligen Geistes auch im Leben und in den Traditionen von Völkern anderer Religionen gegenwärtig ist." {19} Das bedeutet, daß Gottes Geist, einzigartig in Jesus Christus am Werk, zugleich universal gegenwärtig ist. Zur christlichen Erfahrung des Geistes gehört gerade diese Spannung von Einzigartigkeit und Universalität: die Erfahrung seines "Hierseins" und die immer neue Entdeckung seines "Anderswo-Seins", seines "Überallseins", seiner grenzüberschreitenden Nicht-Abgrenzbarkeit. Und doch läßt sich der universale Gottesgeist für Christen nicht vom Geist Jesu Christi ablösen. So fordert der Ökumenische Rat der Kirchen, "die Gegenwart des Geistes zu erkennen, wo es ,Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit‘ gibt (Gal 5,22f.)" {20}. Gottes Wahrheit kann sich also auch in anderer, von der Erfahrung der christlichen Wahrheit unterschiedener, aber im Entscheidenden nicht widersprechender Weise zeigen. Angestoßen durch das Zweite Vatikanische Konzil, das das Wirken des Heiligen Geistes auch außerhalb der Welt des Christentums bejahte {21}, hat Papst Johannes Paul II. "die Gegenwart des Heiligen Geistes nicht nur in den einzelnen Menschen guten Willens, sondern auch in der Gesellschaft und Geschichte, den Völkern, den Kulturen und den Religionen" {22} herausgestellt. Ausdruck der für ihn so bedeutsamen Gegenwart des Geistes Gottes im religiösen Leben und in den religiösen Traditionen der Nichtchristen sind nicht zuletzt die Weltgebetstreffen in Assisi. Ergriff der Papst dazu doch die Initiative, weil er zutiefst davon überzeugt war: Jedes echte Gebet (wie jeder authentische religiöse Glaube) wird "durch den Heiligen Geist hervorgerufen, der im Herzen jedes Menschen geheimnisvoll zugegen ist, sei er nun Christ oder nicht" {23}. Religionen sind gerade in ihrer Vielfalt als Resonanz auf Gottes Geistwirken zu verstehen: Wie Gottes Geist schon im Alten Testament als inspirierender Atem Gottes vorgestellt wird, ist er ausnahmslos auf alle Menschen, gleich welcher Kultur oder Religion, ausgerichtet. Andersglaubenden Raum zu geben vor Gott bedeutet daher, dem Heiligen Geist selber Raum zu geben. Will er sich doch in und zwischen Glaubenden ausbreiten, um sie herum und von ihnen her in der ganzen Welt {24}. Als Einsmacher des Verständnisses und der Herzen, nicht als blasser Gleichmacher oder Einebner lebendiger Vielfalt vereint der gemeinschaftsstiftende Gottesgeist die Vielzahl von Sprachen und Traditionen. Pfingsten (Apg 2) ist darum das Gegenbild zur Sprachenverwirrung von Babel (Gen 11). Ja, als der immer wieder
610neue Impuls Gottes, auch und gerade religiöse Selbstabschließung aufzubrechen, endet das Wirken des Geistes selbst da nicht, "wo die Gemeinsamkeiten zwischen Glaubenstraditionen enden", betont der Schweizerische Evangelische Kirchenbund: "Die Mission des heiligen Geistes ist es vielmehr, Menschen zu öffnen für den schöpfungsumspannenden Heilswillen Gottes." {25} Sich des vielfältigen Wirkens des Gottesgeistes in den Religionen bewußt zu werden, kann unsere Wahrnehmung der wahren Universalität Gottes vertiefen und unser christliches Glaubensbewußtsein durchlässiger machen für Facetten des göttlichen Geheimnisses, die wir selber noch nicht entdeckt oder wahrgenommen haben. Im Zugehen auf die Glaubenszeugnisse und maßgeblichen Gestalten anderer Religionen können auch Christen Neues entdecken. Vielleicht lernen wir manches zuerst bei Anderen kennen, was wir dann auch im biblisch-christlichen Erfahrungsstrom wieder oder erstmals wahrnehmen. So können für Christen zurückgetretene oder vergessene Inhalte ihrer eigenen Tradition neu bedeutsam werden wie zum Beispiel Mystik, Kontemplation und Sammlung auf Gottes Geist hin durch Formen der Achtsamkeit und Meditation in östlich-asiatischen Religionen. Sie bringen beeindruckend die gottdurchwirkte Verbundenheit von allem mit allem zum Leuchten, aus der sich kosmische Solidarität und Ehrfurcht allen Lebewesen gegenüber ergibt. Gelangen wir Christen nicht zu einem volleren Verständnis der Wahrheit, wenn wir uns von Juden und Muslimen an Gottes Transzendenz und Eins-Sein, seine heilige Erhabenheit, seine unausdenkbare Andersheit erinnern lassen wie von Hindus und Buddhisten an den alles durchdringenden Kraftstrom göttlicher Liebe und Barmherzigkeit, an die unbegrenzte Offenheit für die überpersönlich-transpersonale letzte Wirklichkeit? So geht es im Dialog der Religionen um die gemeinsame Bekehrung aller zum je größeren Gott, wie Jürgen Werbick herausstellt: "Unsere eigene Wahrnehmungsfähigkeit wird den Beziehungsreichtum niemals ermessen können, in dem Gott sich als der Herr aller Menschen erweisen will; wird den Spannungsreichtum niemals unverkürzt nachvollziehen können, in dem Gott die Vielfalt der Wege und die innere Widersprüchlichkeit geschichtlicher Erfahrungen zu würdigen und in sein Leben einzubeziehen weiß. Er ist größer als unser Herz; sein Leben und seine Erwählung sind reicher als unsere Möglichkeiten, das Wirken seines Geistes bei den Anderen wieder zu erkennen. ... Darüber, ob der Widerspruch der Anderen im Lebensreichtum Gottes symphonisch aufgehoben oder als Dissonanz des Unwahren zum Schweigen gebracht wird, haben wir nicht in letzter Instanz zu befinden." {26} Die gemeinsame, nie endende Suche nach der je größeren Wahrheit, um gegenseitige geistgewirkte Verwandlung, zerstört nicht den eigenen Glauben, sondern bereichert und vertieft ihn. Wenn im aufmerksamen Hinhören auf das Zeugnis der Anderen das vielgestaltige Wirken Gottes offenbar wird, ergibt sich für Christen die Verpflichtung, genau auf die Herausforderung des Gottesgeistes in anderen religiösen Traditionen zu achten. Sie können zu "Zeichen der Gegenwart oder der Absicht
611Gottes" {27} werden – zur Aspiration, zu einem Anhauch zur Vervollkommnung unserer eigenen religiösen Inspiration, wie Raimon Panikkar treffend formuliert {28}. Ist Gottes Geist in allen Religionen und Kulturen wirkmächtig, erkennen Christen diesen Geist daran, daß er übereinstimmt mit dem Geist Jesu Christi. War dieser Mensch doch in einzigartiger Weise vom Gottesgeist erfüllt, der ihn auch heute erfahrbar werden läßt. Was es in anderen Religionen an Wahrem und Heiligem gibt {29}, ist – christlich gesehen – Wirkung des Gottesgeistes, den Christen in unüberbietbarer Weise in Jesus Christus verkörpert finden.
Unterscheidung der GeisterDie Annahme, daß das vielgestaltige Wirken Gottes zwar nicht überall einfach vorhanden, aber doch überall möglich ist, bedeutet keine generelle Vorentscheidung der Wahrheitsfrage. Die Annahme, in allen Religionen könne es zu Durchbrüchen des Gottesgeistes kommen (ebenso zu deren Verdunklung und Verzerrung), bedeutet keine pauschale Anerkennung aller religiöser Wege und Leitfiguren, die der Gottes-Vergegenwärtigung Jesu von Nazarets gleichwertig zur Seite zu stellen wären. Weil die abschließende Beantwortung der Frage nach der Wahrheit in den Religionen aussteht, ist die Unterscheidung der Geister (1 Thess 5,20f.; 1 Joh 4,1) unerläßlich. Vieles tummelt sich im Gewand der Religion – einschließlich der christlichen –, das dem Geist Gottes zuwiderläuft, beherrscht vom Ungeist des Egoismus und der Machtgier, der Selbstabschließung und Erhöhung über Andere. Ob Gottes Geist der unbedingten Güte, wie sie Jesus erfahrbar macht, zugelassen wird, hängt von den konkreten Menschen und den Religionssystemen ab. Sie können das Wirken des Gottesgeistes behindern oder fördern: "Die ,Brillen‘ und ,Linsen‘ der Menschen, durch die das Göttliche wahrgenommen wird, sind gewiß verschieden ,geformt und gefärbt‘ (John Hick), aber sie sind auch verschieden verschmiert, verkratzt, rein oder unrein, also auch verschieden durchlässig ... der Gottesgeist mag noch so sehr danach verlangen, ausgegossen zu werden in jedes Herz (Röm 5,5) und im Herzen eines jeden Menschen Raum finden – er kommt bei vielen trotzdem nicht oder nur gebrochen und verzerrt an. ... In andern Religionen kann derselbe Logos am Werk sein, der in Jesus inkarniert und verkörpert ist, kann derselbe Geist unbedingter Güte und Liebe am Werk sein, der Jesus ganz erfüllt und von ihm ausgehend andere ansteckt, die sich an ihm orientieren." {30} Christen orientieren sich bei der Unterscheidung der Geister an der Übereinstimmung mit dem Geist, von dem Jesus in seinem auf Heil und Heilung ausgerichteten Leben und Handeln erfüllt war und über seinen Tod hinaus seine Kraft entfaltet – einen anderen Maßstab haben sie nicht. Der Geist Christi, des Gekreuzigten und zum Leben Erweckten, ist für Christen "der Kompaß und Maßstab zur Erkenntnis von Gottes Wirken – im Christentum und in anderen Religionen: Wenn etwas dem
612Kern der Botschaft Jesu (also der allen geltenden Liebe) widerspricht, dann kann es nicht von Gott stammen. Umgekehrt: ,Wo die Güte und die Liebe wohnt, da ist Gott‘" – wo wir Menschen durch Überwindung der Selbstbezogenheit, ichsüchtiger Gier und Verblendung "nicht mehr uns selber leben" – "da wirkt Gottes Geist" {31}. Der Völkerapostel Paulus spricht von der neuen Existenz im Geist. Spiegelt sich darin doch der Anfang der endzeitlichen Neuschöpfung in, ja, durch Christus (1 Kor 8,6) wider. So wie Gott, der Vater, Vergangenheit und Zukunft, Anfang und Ende, Ursprung und Ziel, Schöpfer und Vollender von Mensch und Welt ist, so ist Jesus Christus gegenwärtig-befreiender Herrscher über die Erde, Vermittler einer "neuen Schöpfung" (2 Kor 5,17) und eines neuen Bundes (2 Kor 3,6) in der Kraft des Gottesgeistes. Von daher bestimmt Karl-Josef Kuschel als Kriterium für die Unterscheidung der Geister den durch Gott in Jesus Christus ermöglichten "neuen Menschen" (Kol 3,10). Er ist bestimmt vom unbedingten Vertrauen auf Gott sowie der Grundhaltung des Friedens, der Liebe und der Versöhnung (Kol 3,12–15): "Alle religiösen Alternativen, auch die großen Weltreligionen (das real existierende Christentum freilich zuallererst), sind unter dieses eine Sachkriterium zu stellen: Leisten sie der Beförderung des ,neuen Menschen‘ Vorschub oder hindern sie dessen Entwicklung? Wo immer die Beförderung dieses ,neuen Menschen‘ geschieht, da herrscht der Geist Christi. Wo immer die Güte, Demut, Milde und Geduld gelebt wird, wo immer Vergebung herrscht, Liebe und Frieden, da wird der pneumatische Christus konkret. Empirisch ist dabei nicht zu bestreiten, daß auch ein Jude aus jüdischer Tradition, ein Muslim aus muslimischem Geist, ein Hindu aus hinduistischem Denken und ein Buddhist aus buddhistischer Überzeugung etwas von diesem ,neuen Menschen‘ sichtbar und hörbar machen kann." {32} Diese an Jesus Christus maßnehmende Glaubenswahrheit kann unmöglich durch überlegenes Auftrumpfen bezeugt werden. Jegliche Abwertung und Verdrängungswünsche gegen Andere widersprechen ihr. Von der reformatorischen Betonung der Rechtfertigung "allein aus Gnade", "allein im Glauben" her stellt der Schweizerische Evangelische Kirchenbund heraus, "daß damit nicht gesagt" ist, "daß es die Gnade Gottes nur im Gefäß des bewußten, ausdrücklichen Christusglaubens geben kann", denn: "Dann wäre sie allen Menschen verschlossen, die aufgrund des zufälligen Ortes oder der Zeit ihrer Geburt nicht mit der Christusbotschaft in Berührung gekommen sind – all den Generationen, die zeitlich vor Jesus Christus gelebt haben oder im Einflußbereich anderer Religionen und Kulturen leben ... Das aber würde der Unbedingtheit der Gnade Gottes widersprechen, die Jesus Christus gelehrt und gelebt hat. ,Glaube‘ ist daher weiter zu fassen als bewußtes, artikuliertes Bekenntnis, wenn er auch ... zu einem solchen hin drängt. Aber es gibt auch ein In-Christus-Sein ohne ausdrückliches Christusbekenntnis. Und es ist damit nicht auszuschließen, daß dieses Begnadetsein von Gott sich auch in den Bewußtseins- und Lebensformen außerchristlicher Religionen vollzieht. Wie sonst sollte sich der allgemeine Heilswille Gottes dort verwirklichen?" {33}
613Ausschlaggebend ist auch hier der Gottesgeist, wie er in der Verkündigung Jesu Christi zum Ausdruck kommt: "Wenn die Kraft des Geistes Gottes allgegenwärtig ist, dann können auch die Religionen als Geschichtswirklichkeit davon nicht ausgenommen sein. Ohne daß sich genau bestimmen ließe, wie sich diese Geistesgegenwart in den Religionen manifestiert, ist doch anzunehmen, daß sie dort am Werk ist, wo Liebe (das heißt Überwindung der Selbstzentrierung) aufscheint, wo existenztragende Sinnentwürfe vermittelt werden, die das Leben auf seinen Grund und sein Ziel ausrichten, wo menschenfeindliche Konventionen und Strukturen aufbrechen, wo sich neue Lebensmöglichkeiten auftun usw." {34} So kann Gottes Geist auch durch Quellen und Ströme außerchristlicher Religionen sprechen, ihre Leitgestalten und Heiligen Schriften inspirieren, ohne daß sie dadurch gleichwertig Jesus Christus zur Seite stehen.
Unterwegs zur Universalität des Reiches GottesJesus hat nicht sich verkündet, sondern das Reich Gottes: Man wird diesen Horizont der Gottesherrschaft, der noch ungetrennt Juden und Christen überspannt, heute ausweiten auf die abrahamischen Religionen, auch auf die Erfahrung des Göttlichen darüber hinaus. Nicht wer zu ihm sagt: "Herr, Herr" – also das Bekenntnis zu seiner Person in den Mittelpunkt stellt –, geht in das Reich Gottes ein, sondern wer den Willen Gottes tut (Mt 7,21). Nur das wird seiner Person gerecht {35}. Entsprechend beurteilt der Menschensohn im Endgericht "alle Völker" nicht danach, ob sie die richtige Religion oder Konfession gehabt, dem richtigen Tempel oder der richtigen Synagoge gedient haben, sondern nach dem praktischen Tun, was Gott will – tätige Solidarität gegenüber Notleidenden, Gedemütigten, Ausgegrenzten und Entrechteten (Mt 25,31ff.). Christlicher Glaube sieht in solch leidempfindlich-mitfühlender Compassion die unauflösliche Einheit von Gottes- und Nächstenliebe eingelöst. Spiegelt sich doch der Gott mit dem Antlitz des Menschen Jesus von Nazaret auf dem Antlitz jedes Leidenden wider. Die Kraft des Glaubens der ersten Christen wie bereits des Glaubens Jesu machte der Blick auf das schon angebrochene Reich Gottes aus: Gottes bedingungslos für alle entschiedene Güte, Barmherzigkeit und Liebe, die Menschen vom lähmend-entfremdenden Bann dämonischer Mächte und Götzen zur solidarischen Geschwisterlichkeit und Mitgeschöpflichkeit mit allen Lebewesen befreien will. Gegenüber einer Blickverengung nur auf das Christentum ist es wichtig zu sehen: Die alle einbeziehende Wirklichkeit des Reiches Gottes kann man, wie Johannes Paul II. herausstellt, "in Ansätzen auch jenseits der Grenzen der Kirche in der gesamten Menschheit finden, insofern diese die ,evangelischen Werte‘ lebt und sich
614der Tätigkeit des Geistes öffnet, der weht, wo und wie er will (vgl. Joh 3,9)" {36}. Ziel der Verständigung zwischen den Religionen ist es dann, im partnerschaftlichen Ringen um überzeugende(re) Gestalten wahrer Menschlichkeit und Gerechtigkeit dem Reich Gottes näherzukommen. Als Teilhabende und Mitwirkende am Gottesreich sind alle Menschen zutiefst miteinander verbunden. Indem sie sich in das alternative Kraftfeld des Gottesgeistes hineinziehen lassen, kann er in und durch sie die Vollendung des Reiches Gottes heraufführen {37}. Von daher stellt sowohl das mit anderen Religionen geteilte universale Heilswirken Gottes als auch die in verschiedenen Kulturen neu bedachte Rolle des welt- und geschichtsumspannenden (Gottes-) Geistes einen wichtigen Anknüpfungspunkt im Gespräch der Religionen dar {38}. Ist die ganze Schöpfung ausgespannt zwischen Schmerz und Sehnsucht, so ist es Gottes Geist, der in den Geburtswehen des Kosmos nach Befreiung und Vollendung ruft (Röm 8,18–27). Heilsame Beziehungen, wachsende Gemeinschaft, miteinander Teilen, Frieden und Gerechtigkeit sind Wirkungen des Geistes und dienen dem Kommen des Reiches Gottes. Dessen "evangelische Werte" der Welt bekannt zu machen, ist der Kirche aufgetragen. Diesen Gottesgeist zu wecken und gegen Widerstände zu stärken, in der Spur Jesu zu einem Leben zu inspirieren, das etwas von diesem Reich Gottes spüren läßt: Darin liegt die unverzichtbare Notwendigkeit des missionarischen Zeugnisses von Christen – im Zusammenleben mit Andersglaubenden entsprechend Charles de Foucaulds Konzept von Mission im Sinn von Da-Sein, So-Sein, Mit-Sein, Für-Sein. So verstanden zielt christliche Sendung nicht in erster Linie auf förmliche Konversion des Anderen, sondern arbeitet an der eigenen Umkehr zur christlichen Mitte. Sie nimmt Andersglaubende in ihrem Anderssein ernst und fördert Dialogprozesse, die es auch Anderen erlauben, ihre eigene Religiosität zu vertiefen in Richtung von mehr Menschlichkeit, Güte und Solidarität {39}. Gerade an Jesus ist solche Compassion ablesbar, die empfindsam ist für das Leid und die Verletzlichkeit der Anderen, sich tatkräftig um sie sorgt und mittels Entfeindung an einer Kultur der Anerkennung des Anderen arbeitet – was Widerstand gegen diejenigen einschließt, die sie verhindern und verunmöglichen. In solcher Compassion ist der Geist Jesu Christi, der Geist Gottes am Werk, gewinnt Gottes Reich Gestalt. In diesem Horizont kann schließlich das gemeinsame Gebet von Christen und Andersglaubenden inspirierender Ausdruck der geteilten Gemeinschaft im Geist Gottes sein. Es ist eine Konsequenz der Geistgemeinschaft zwischen den Religionen. So kann es dazu beitragen, sie zur Darstellung zu bringen und zu fördern, ohne die bestehenden Unterschiede zu verwischen oder aufzuheben. Darum entscheidet sich die Frage, ob Christen mit Andersglaubenden beten können, an dem Geist, in dem das Gebet formuliert ist und der aus ihm spricht {40}. So unterstreicht Jacques Dupuis SJ: "Über das gemeinsame Gebet wachsen Christen und ,Andere‘ zusammen im Geist." Eine sorgsame Vorbereitung und ein Mindestmaß an gewachsener Gemeinschaft und Vertrautheit vorausgesetzt, kann es in der Tat
615"die Seele des interreligiösen Dialogs" werden, ja, "sein tiefster Ausdruck und zugleich die Garantie einer gemeinsamen tieferen Konversion zu Gott und den Nächsten" {41}.
ANMERKUNGEN{1} St. Leimgruber, Interreligiöses Lernen (München 1995) 134. {2} Eingehend Ch. Gellner, Der Glaube der Anderen.Christsein inmitten der Weltreligionen (Düsseldorf 2008). {3} E. Arens, Gottesverständigung. Eine kommunikative Religionstheologie (Freiburg 2007). {4} D. Karahasan, Die Fragen an den Kalender. Texte, Essays, Reden (Wien 1999) 45f.; vgl. Ch. Gellner, Die Fangeisen des Hasses durchbrechen. Dževad Karahasans Roman "Der nächtliche Rat", in: Herzstücke. Texte, die das Leben ändern, hg. v. dems. u. G. Langenhorst (Düsseldorf 2008) 307–317. {5} Karahasan (A. 4) 41 u. 44. {6} Ebd. 79. {7} Ebd. 77. {8} K.-J. Kuschel, Juden – Christen – Muslime. Herkunft u. Zukunft (Düsseldorf 2007) 110. {9} O. Fuchs, Wahrheitsanspruch in ebenbürtiger Begegnung, in: Identität u. Toleranz. Christliche Spiritualität im interreligiösen Kontext, hg. v. H. Schmidinger (Innsbruck 2003) 85–114. {10} H. Küng, Dialogfähigkeit u. Standfestigkeit. Über zwei komplementäre Tugenden, in: EvTh 49 (1989) 492–504. {11} Wahrheit in Offenheit. Der christliche Glaube u. die Religionen, hg. v. Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (Bern 2007) 45. Autor ist der Basler Systematiker Reinhold Bernhardt. {12} K.-J. Kuschel, Abrahamische Ökumene. Zum Problem einer Theologie des Anderen bei Juden, Christen u. Muslimen, in: ZMR 85 (2001) 258–278,276. {13} J. Sacks, Wie wir den Krieg der Kulturen noch vermeiden können (Gütersloh 2007) 275. {14} Ebd. 267; vgl. E. Arens, Die Würde u. Bürde der Differenz, in: Orien 67 (2003) 257–261. {15} Sacks (A. 13) 84ff. {16} Wahrheit in Offenheit (A. 11) 23. {17} Sacks (A. 13) 277, das folgende Zitat 97f. {18} H.-M. Barth, Evangelischer Glaube im Kontext der Weltreligionen (Gütersloh 2002) 818. {19} ÖRK, Religiöse Pluralität u. christliches Selbstverständnis (2004) Nr. 33, vgl. www.oikumene.org/fileadmin/files/wcc-main/documents/p2/fo_religiouspluralityandchristianselfunderstanding.pdf; vgl. E. Wohlleben, Die Kirchen u. die Religionen: Perspektiven einer ökumenischen Religionstheologie (Göttingen 2004). {20} Ökumenische Erwägungen zum Dialog u. zu den Beziehungen mit Menschen anderer Religionen. 30 Jahre Dialog u. überarbeitete Leitlinien (Genf 2003) Art. 14. {21} DV 53; vgl. H. Waldenfels, Christus u. die Religionen (Regensburg 2002). {22} Internationale Theologenkommission, Das Christentum u. die Religionen, hg. v. Sekretariat der DBK (Arbeitshilfen 136, Bonn 1996) Nr. 82. {23} Dialog u. Verkündigung. Überlegungen u. Orientierungen um Interreligiösen Dialog u. zur Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi, hg. v. Päpstl. Rat für den Interreligiösen Dialog u. der Kongregation für die Evangelisierung der Völker (1991) Nr. 27 (zitiert die bedeutende Weihnachtsansprache Johannes Paul II. an die Kurie v. 22.12.1986). {24} B. J. Hilberath, Vom Heiligen Geist des Dialogs. Das Dialogische Prinzip in Gotteslehre u. Heilsgeschehen, in: Dialog als Selbstvollzug der Kirche?, hg. v. G. Fürst (Freiburg 1997) 93–116, hier 115.
616{25} Wahrheit in Offenheit (A. 11) 56. {26} J. Werbick, Was das Christsein ausmacht, in: Identität u. Toleranz (A. 9) 20–51, 48f. {27} GS 11, vgl. auch 92. {28} R. Panikkar, Das Göttliche in allem. Gott erfahren u. denken im Dialog zwischen Buddhismus, Hinduismus u. Christentum, in: Gottesdenken in interreligiöser Perspektive, hg. v. B. Nitsche (Frankfurt 2005) 48–64, Zitat 63. {29} NA 2.. {30} H. Kessler, Den verborgenen Gott suchen. Gottesglaube in einer von Naturwissenschaften u. Religionskonflikten geprägten Welt (Paderborn 2006) 262–284, 270. Hierzu u. zum Folgenden R. Bernhardt, Ende des Dialogs? Die Begegnung der Religionen u. ihre theologische Reflexion (Zürich 2005) 246,259–265. {31} Ebd. 271. {32} Kuschel (A. 12) 276. {33} Wahrheit in Offenheit (A. 11) 37f. {34} Ebd. 47. {35} E. Klinger, Jesus u. das Gespräch der Religionen. Das Projekt des Pluralismus (Würzburg 2006) 51f. {36} Redemptoris missio. Enzyklika Johannes Pauls II. über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrags (1990) Nr. 20. {37} J. Dupuis, Der interreligiöse Dialog als Herausforderung für die christliche Identität, in: ZMR 88 (2004) 3–19, 11f. {38} So H. Waldenfels, Religion. B. theologische Perspektiven, in: NHThG, hg. v. P. Eicher (München 2005) Bd. 4,34–39, 38. {39} H. Kessler, Den verborgenen Gott suchen (A. 30) 259 u. 272. {40} Wahrheit in Offenheit (A. 11) 48–51. {41} J. Dupuis, Das interreligiöse Gebet, in: SaThZ 10 (2006) 101–119, 119. Zuletzt Ch. W. Troll, Gemeinsames Beten von Christen u. Muslimen?, in dieser Zs. 226 (2008) 363–376.
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