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Hilfreiche Texte
Christian Kummer SJ
Ein neuer Kulturkampf?
Evolutionsbiologen in der Auseinandersetzung mit dem "christlichen Schöpfungsmythos"
Aus: Stimmen der Zeit, 1/2008, S. 87-100
Mit einem Gastkommentar in der New York Times im Juli 2005 zum Thema Evolution und Schöpfung hat der Wiener Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn Irritationen ausgelöst, die bis heute nachwirken. CHRISTIAN KUMMER, Professor für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München, stellt ausgehend von zwei verschiedenen Weltbildern den Kreationismus vor und zeigt, wie Evolutionsbiologen mit dem christlichen Schöpfungsmythos umgehen.
Der Kreationismus, ursprünglich ein amerikanisches Phänomen, gewinnt in den letzten Jahren auch in der deutschen Öffentlichkeit mehr und mehr an Bedeutung. Für Biologen sind Kreationisten ein rotes Tuch, ziehen sie doch mit ihrem penetranten Beharren auf der wissenschaftlichen Relevanz der biblischen Schöpfungsvorstellung die längst akzeptierte Evolutionstheorie Charles Darwins permanent in Zweifel und finden damit auch noch zunehmend Sympathien.
Was soll man davon halten, wenn selbst von ministerieller Seite vorgeschlagen wird, die biblische Schöpfungslehre als Gegenstand in den Biologieunterricht der Schulen aufzunehmen? Kann man das von Biologielehrern verlangen und sollen die das überhaupt können? Es handelt sich hier doch nicht um ein zusätzliches Thema zum biologischen Curriculum, sondern um einen sachfremden Import in den naturwissenschaftlichen Themenkatalog. Daß so etwas weder ein Gewinn für den naturwissenschaftlichen Unterricht noch für den zur Debatte stehenden Glaubensinhalt sein kann, versteht sich eigentlich von selbst.
Zweierlei Weltbilder
Anders verhält es sich dagegen innerhalb des Religionsunterrichts. Hier scheint es durchaus geraten, eine Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Befunden zu unternehmen. Warum? Weil die Frage nach Gott, die hier im Zentrum steht, etwas mit dem Sinn der Welt zu tun hat und dieser wiederum mit unserem Weltverständnis, unserem Weltbild.
Darunter versteht man, so der Brockhaus von 2002, die "Zusammenfassung der Ergebnisse objektivierbaren Wissens zu einer Gesamtansicht der Welt". Auch wenn man darüber streiten kann, ob ein Weltbild tatsächlich nur aus "objektivierbarem" Wissen ohne alle weltanschauliche Zutat besteht, ist doch offensichtlich, daß unsere moderne "Gesamtansicht der Welt" primär naturwissenschaftlich bestimmt ist und sich damit vom Weltbild der Bibel grundlegend unterscheidet. Ob es das Interesse an einer Wissensobjektivierung zu Zeiten des Alten Testaments schon gegeben hat, ist eine Frage für sich; vielleicht stellt das gelehrte Sechs-Tage-
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Schema, in dem der erste, jüngere Schöpfungsbericht abgefaßt ist, ja etwas derartiges dar.
Für die Nomadenstämme, von denen die fünf Bücher Moses sprechen, war aber das Weltbild sicherlich nicht durch Theorien, sondern durch eine Praxis bestimmt. Es ging um die Eroberung fremder Territorien zum Seßhaftwerden und die Erfahrung, daß das im Bund mit einem bestimmten Gott, Jahwe genannt, eine wenigstens im großen und ganzen erfolgreiche Geschichte war. Es war die Erfahrung dieser unbedeutenden Nomadensippen, im Verein stark zu sein und scheinbar aussichtslose Kämpfe und Notsituationen immer wieder unerwartet erfolgreich zu bestehen, die zum gemeinsamen Bewußtsein gerinnt, von einer höheren Hand geführt zu sein.
Dieses die eigenen Grenzen transzendierende "Wir-Gefühl" wird in der religiösen Praxis der Anrufung eines bestimmten Gottes, dessen Namen man kennt und der allen anderen Göttern überlegen ist, personalisiert und in tradierbare Formen, Rituale und Gebote gegossen, die der Nachwelt die Gotteserfahrung "der Väter" überliefert. Erst auf dieser Glaubensgrundlage ("Jahwe hat uns geführt mit starker Hand und mit erhobenem Arm") entsteht die Frage nach dem Anfang aus der Überzeugung, daß derjenige, der die Fähigkeit hatte, den Feinden das Land für "sein Volk" abzugewinnen, wohl auch genügend Macht haben müsse, die Erde insgesamt bewohnbar zu machen und sie den lebensfeindlichen Mächten des Chaos zu entreißen. Damit war die folgenreiche Ausweitung vollzogen, die eigene Geschichte, nun als Heilsgeschichte gedeutet, zur Schöpfungsgeschichte zu machen.
Auch wenn sich der Glaube an einen Schöpfergott auf diese Weise in seiner Genese nachvollziehbar darstellen läßt, stellt er unseren Religionslehrer und seine Zuhörer vor eine nicht geringe Herausforderung. Die Frage ist ja, ob unsere so ganz andere Welterfahrung, unser an der naturwissenschaftlichen Kausalforschung orientiertes Weltbild noch ein Festhalten an dieser Gottes- und Schöpfungsvorstellung der Bibel erlauben. Müßten die Entstehungsbedingungen dieses Glaubens nicht restlos dem Ockhamschen Rasiermesser einer psychologischen oder soziologischen Erklärbarkeit zum Opfer fallen?
Dies scheint auf den ersten Blick unvermeidlich, und doch ist der Dreischritt von kollektiver Erfahrung ("Volk"), religiöser Deutung ("Gott") und metaphysischer Reflexion ("Schöpfung") in der Entstehungsgeschichte des biblischen Glaubens auch auf die heutige Welterfahrung übertragbar. Gewiß sind die Bedrängnisse und Feindbilder unserer modernen Welt andere als zu Zeiten des biblischen Exodus, aber das Gefühl unserer Unbedeutsamkeit angesichts der Raum- und Zeit-Dimension des kosmischen Geschehens ist sicher nicht weniger lähmend als jenes der kleinen Schar der Israeliten gegenüber der kanaanitischen Übermacht. Andererseits läßt sich fragen, ob sich angesichts der von den Naturwissenschaften immer mehr aufgedeckten Großartigkeit des Universums und des Lebens die Hoffnung auf eine ordnende und fürsorgende Hand hinter allem weniger dringlich einstellt als bei den Kosmos-Vorstellungen der Alten.
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Das sind beileibe keine Beweise für die Richtigkeit des biblischen Glaubens, aber doch so etwas wie Einladungen, den Niederschlag an Menschheitserfahrungen in der Bibel wahrzunehmen und die dort gegebenen Antworten auf ihre Tauglichkeit für uns Heutige zu testen. Mehr wird ein Religionslehrer, der sich darauf einläßt, das evolutionäre Weltbild in seinen Unterricht einzubeziehen, gar nicht beabsichtigen, und er wird in seiner Erwartung auch nicht enttäuscht: Der Glaube verliert nichts bei diesem Weltbildvergleich, sondern gewinnt höchstens eine neue Buchstabierbarkeit.
Nun mag es sein, daß ein anderer Religionslehrer die Sache weniger großzügig angeht und den dargestellten Dreischritt der Glaubensentstehung in der Bibel als zu soziologisch ablehnt. Er stellt "Gott" und "Schöpfung" vor das "Volk" und hat damit die theologisch korrekte Reihung, die es ihm möglich macht, von Offenbarung zu sprechen, die unmittelbar von Gott ausgeht und vom Menschen angenommen wird. Eine solche Korrektur hat den Vorteil, daß sie mit dem Wortlaut der biblischen Texte besser übereinstimmt, deren Sinn man nicht erst historisch oder soziologisch herbei-interpretieren muß, sondern eben wörtlich nehmen kann.
Dem steht jedoch der eminente Nachteil gegenüber, daß nunmehr der Einsatz von Ockhams Rasiermesser in schonungsloser Weise erfolgen kann, weil jetzt die erwähnten religionssoziologischen Erklärungsmuster keine weltbildübergreifende Erfahrungsgrundlage mehr bieten, sondern zu Waffen einer radikalen Entmythologisierung werden. Dagegen richtet auch der Einwand der illegitimen methodologischen Grenzüberschreitung nichts aus, denn es geht nicht länger um die Einmischung in ein fremdes Terrain, sondern um die Entlarvung dieses Terrains als illusionär. Und da haben die Naturwissenschaften offenbar die besseren Karten.
Gegen einen solchen Angriff auf das Weltbild der Bibel gibt es für den Fundamentalisten, (d.h. denjenigen, für dessen Glauben der Wortsinn der Bibel fundamental ist) nur eine Art der Gegenwehr: Weil ihm eine Debatte darüber, wie die Offenbarung der Bibel zustandekommt, nicht möglich ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich seinerseits auf eine Attacke gegen das ihn herausfordernde naturwissenschaftliche Weltbild zu verlegen. Und weil die Evolutionstheorie den Kern dieser Herausforderung darstellt, konzentriert man sich auf deren Verneinung.
Es geht also nicht um die im wissenschaftlichen Diskurs üblichen Einwände gegen die Richtigkeit oder Vollständigkeit einer Theorie, die zu ihrer Revision oder Weiterentwicklung führen können. Vielmehr ist von vornherein klar, daß die Evolutionstheorie falsch sein muß, insofern sie dem durch Offenbarung (bzw. was man dafür hält) garantierten höheren Wahrheitsgehalt der Bibel widerspricht. Jetzt erst stehen sich Kreation und Evolution als Kreationismus und Evolutionismus diametral und unversöhnlich gegenüber.
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Kreationistische Ideologie
Beim kreationistischen Angriff auf die Evolutionstheorie steht der Nachweis ihrer mangelnden Erklärungskraft im Zentrum {1}. Das argumentum ad ignorantiam ist hierzu das Mittel der Wahl. Es besteht darin, bei den evolutionären Erklärungen für die Entstehung komplexer organischer Strukturen so lange nachzubohren, bis die Grenze des Gewußten erreicht ist. Da in den Naturwissenschaften jedes gelöste Problem in der Regel hundert neue Fragen nach sich zieht, führt dieses Verfahren, genügend Hartnäckigkeit bzw. Kleinkariertheit vorausgesetzt, früher oder später immer zum Erfolg - es fragt sich nur, zu welchem.
Letztlich geht es darum zu zeigen, daß die Evolutionstheorie bei dem, was sie zu erklären vorgibt, praktisch stets versagt und sie deshalb kein Recht hat, alternative Theorien wie die kreationistische "Schöpfungslehre" abzulehnen. Daß diese Schöpfungslehre keine wissenschaftliche Alternative ist, wird ausgeblendet. Es liegt aber auf der Hand, daß nichts an Wissen gewonnen wird, wenn wir erklären, daß das, was wir nicht erklären können, durch Schöpfung entstanden sei. Das ist vermutlich auch den Kreationisten klar. Aber das ist gar nicht ihr Hauptpunkt. Es geht nicht um die Reichweite der einzelnen evolutionsbiologischen Erklärung, sondern darum, die Berechtigung des fundamentalistischen Offenbarungsanspruchs gegen eine Infragestellung durch die Naturwissenschaften zu verteidigen. Wenn naturwissenschaftliche Theorien so schwach sind wie die Evolutionstheorie, so das Argument, tut man gut daran, dem biblischen "Offenbarungswissen" als Erkenntnisquelle den Vorrang einzuräumen.
Um dieser Botschaft Gehör zu verschaffen, wird ein beträchtlicher medialer Aufwand getrieben {2}. Dabei ist der Einsatz der Mittel, mit dem die "Ignoranz" der Evolutionstheorie gezeigt werden soll, nicht immer von Lauterkeit geprägt. Was ist davon zu halten, wenn in einer schön aufgemachten Abbildung {3} ein rezenter Hering neben einem fossilen Skelett-Abdruck zu sehen ist und dazu erklärt wird, diese Fische hätten sich offensichtlich in den letzten 30 Millionen Jahren nicht verändert und folglich sei hier keine Evolution geschehen?
Den Unkundigen mag das beeindrucken, solange er nicht weiß, daß es Knochenfische seit gut 400 Millionen Jahren gibt, und eine auf 7,5 Prozent dieser Zeitspanne sich erstreckende Bauplanstabilität wirklich keine Sensation darstellt. Evolution spielt sich innerhalb dieses Zeitraums eben in viel kleineren, nur dem Auge des Spezialisten zugänglichen Details ab bzw. gar nicht in den Knochen, sondern im äußeren Erscheinungsbild oder im Verhalten, was beides für den paläontologischen Vergleich nicht zugänglich ist. Leider muß man sagen, daß derartige Taktiken nicht seltene Ausrutscher sind, sondern auch in sich seriös gebenden Vorträgen und Schulbüchern vorkommen.
Immer wieder wird der Laie mit solchen Vorspiegelungen falscher Tatsachen, Verdrehungen, Überflutung mit fachspezifischen Details bei gleichzeitig unsau-
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berer Interpretation, aber auch entstellt zitierter Literatur und sophistischer Gedankenakrobatik in der Methodendiskussion konfrontiert. Das muß nicht einmal immer böser Wille sein; es ist eine Erfahrungstatsache, daß der von der Richtigkeit seiner Position Überzeugte mehr auf die Brauchbarkeit eines Arguments schaut als auf dessen Berechtigung. Wie aber kann man noch mit jemandem diskutieren, für den das Alter der Erde mit 6000 Jahren aufgrund biblischer Aussagen feststeht und der alle Hinweise auf die dazu im Widerspruch stehenden Befunde der geologischen Altersbestimmung mit der Bemerkung quittiert, es sei eben die Aufgabe weiterer Forschung, diesen Widerspruch aufzulösen?
Man wäre gut beraten, sich auf solchem Niveau gar nicht erst auf einen Disput einzulassen, gäbe es da nicht das unverhohlene Streben der Kreationisten nach Einfluß auf den öffentlichen Bildungssektor. Der Ruf nach "equal treatment", nach "gleichberechtigter Behandlung" von Evolutionstheorie und "Schöpfungslehre" im Schulunterricht, in den USA seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder erhoben, ebensooft abgeschmettert und doch wie Phönix aus der Asche immer wieder erneuert, hat auch hierzulande zunehmend Erfolg.
Dazu kommt die Förderung der allgemeinen Ignoranz in naturwissenschaftlichen Fragen, die mit der kreationistischen Öffentlichkeitsarbeit, wenn nicht intendiert, so doch in Kauf genommen wird. Biologische Kenntnisse sind in weiten Kreisen der Bevölkerung nicht minder rudimentär als theologische. Wenn man hier nun eine Demontage der Evolutionstheorie betreibt, so als sei sie nicht bewiesen, sondern könne nur geglaubt werden, erreicht man damit sicher keine höhere Akzeptanz des christlichen Glaubens, sondern allenfalls eine (noch) größere Bereitschaft, sich sein eigenes Weltbild aus allen möglichen irrationalen Quellen zusammenzumixen. Es ist darum nicht bloß eine billige Erfolgsaussicht für kleine Geister, gegen die abstruse Sophistik kreationistischer Argumentationen vorzugehen, sondern auch ein erstrebenswertes bildungspolitisches Ziel, das alle Anerkennung und Unterstützung seitens einer aufgeklärten Theologie verdient.
Naturwissenschaftliche Gegenoffensive
Es ist verständlich, daß sich gegen den wachsenden Einfluß kreationistischen Gedankenguts in der Öffentlichkeit, vor allem unter Biologen, ein erheblicher Widerstand formiert. Neben Klarstellungen aus der Feder der bekanntesten Altmeister der Evolutionstheorie wie Ernst Mayr oder Stephen Gould ist es in Deutschland besonders die "Arbeitsgemeinschaft Evolutionsbiologie im Verband Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin" (Vbio), die sich hier in der Aufklärungsarbeit und dem Nachweis der Unwissenschaftlichkeit des Kreationismus hervortut.
Sie hat sich 2002 auf der Jahrestagung des damals noch so genannten "Verbands deutscher Biologen" (vdbiol) in Potsdam konstituiert, mit der Zielsetzung, dem
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"evolutionären Analphabetismus" in der Bevölkerung zu begegnen und eine "öffentlichkeitswirksame Abwehr ideologisch begründeter Strategien gegen die Evolutionsbiologie" zu betreiben {4}. Auf der Homepage der Arbeitsgemeinschaft heißt es dazu:
"Zu den wichtigsten Aufgaben des Arbeitskreises zählt die Veröffentlichung evolutions-biologischer sowie wissenschaftstheoretischer Artikel und Bücher, in denen wir klar gegen evolutionskritische Lehren Position beziehen. Auf diese Weise wollen wir all denen, die sich mit antievolutionistischer Argumentation auseinandersetzen wollen oder müssen, Argumentationshilfen anbieten, begründen, weshalb Schöpfungslehren keine wissenschaftlichen Alternativen zur Evolutionstheorie sein können und Informationsmaterial zu aktuellen Geschehnissen rund um das Thema Evolutionskritik / Kreationismus bereitstellen. Wir beschäftigen uns jedoch nur mir Evolutionskritik, die von ausgewiesenen Biologen stammt, die in anerkannten Fachjournalen (web science) publiziert haben."
Auch wenn die Aktivitäten zur Verfolgung dieser Ziele nach Ausweis des auf derselben Webseite zu findenden Newstickers eher auf den Schultern weniger ruht, ist die Liste der Mitglieder dieses Arbeitskreises beachtlich und in stetigem Wachstum begriffen. Man kann also, nicht nur als Biologe, beruhigt feststellen, daß der öffentlichen Wahrung des wissenschaftlichen Anspruchs der Evolutionstheorie hier Genüge getan wird.
Es bleibt indessen nicht allein der Biologie überlassen, in der Auseinandersetzung mit dem Kreationismus die Zeichen der Zeit zu erkennen. Im Juni 2006 hat die "Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften" unter der Federführung ihres Präsidenten, des Göttinger Mikrobiologen Gerhard Gottschalk, eine Erklärung verfaßt, in der vor einer Vernachlässigung bzw. Mißachtung der Standards naturwissenschaftlicher Bildung in den Schulen gewarnt und gleichzeitig so etwas wie ein Normalkonsens unseres Wissens über die Entwicklung des Lebens auf der Erde formuliert wird. Wörtlich heißt es darin:
"Die Evolutionslehre darf in Schulen nicht zugunsten des sogenannten Kreationismus vernachlässigt werden. Wie führende Wissenschaftler von insgesamt 67 Wissenschaftsakademien weltweit - darunter auch die Akademien-Union - in einem Statement des InterAcademy Panel (IAP) fordern, dürfen die experimentellen Ergebnisse und Erkenntnisse über die Ursprünge und die Entwicklung des Lebens auf der Erde weder verschleiert noch verneint werden. Eltern und Lehrer sollten darauf achten, daß Schulkinder einen Zugang zu wissenschaftlich gesicherten Informationen über die Evolution haben und nicht statt dessen kreationistische Theorien gelehrt werden, die einer wissenschaftlichen Basis entbehren."
Während man diesem Appell uneingeschränkt zustimmen kann, wirkt ein Absatz am Schluß der deutschen Übersetzung des genannten IAP-Statements eher irritierend:
"Die Evolution ist aber nicht allein Sache der Naturwissenschaften. Das menschliche Verständnis von Werten und der Sinnhaftigkeit des Lebens liegt außerhalb der Reichweite der
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Naturwissenschaften und eröffnet die Einbringung von sozialen, philosophischen, religiösen, kulturellen und politischen Aspekten in das Wissen über die Evolution."
Man kann diese Zeilen als Relativierung bewerten und darin das Eingeständnis sehen, daß die Naturwissenschaften nicht den gesamten Erklärungsrahmen des menschlichen Daseins besetzen. Man kann diesen Satz aber auch so lesen, als würde hier die Evolution zum obersten Erklärungsparadigma, zu einer Art "theory of everything", in der alle Errungenschaften des menschlichen Wissens integriert und definiert werden. Evolution als oberste Erklärungsebene - das erinnert stark an das schwer übersetzbare Schlagwort "consilience" (wörtlich: Übereinstimmung), mit dem der Soziobiologe Edward O. Wilson das Programm einer Synthese aller Wissensgebiete unter der Biologie als Leitwissenschaft propagiert {5}. Ob dieser Bezug beabsichtigt ist, sei dahingestellt; jedenfalls entspricht der deutsche Text nicht seinem englischen Original:
"Human understanding of value and purpose are outside of natural science's scope. However, a number of components - scientific, social, philosophical, religious, cultural and political - contribute to it. These different fields owe each other mutual consideration, while being fully aware of their own areas of action and their limitations."
Diese Formulierung ist akzeptabel, weil sie den Anspruch naturwissenschaftlicher Erklärung nicht überzieht, sondern der Vielfalt der Wissenschaften und ihrer interdisziplinären Funktion für das Verständnis des Menschen den gebührenden Platz einräumt. Von solcher Selbstbescheidung ist in der deutschen Übersetzung (oder sollte man sagen: Interpretation?) nicht mehr viel zu spüren.
Man muß darin nicht schon eine Tendenz zur unberechtigten Ausweitung des naturwissenschaftlichen Erklärungsanspruchs sehen. Es gibt hierfür deutlichere Anzeichen. Da sind vor allem die Bücher, die der Vorsitzende der "AG Evolutionsbiologie", der Kasseler Zoologe Ulrich Kutschera, getreu der Aufgabenstellung der Arbeitsgemeinschaft verfaßt, "klar gegen evolutionskritische Stellungnahmen Position zu beziehen".
Im Jahr 2004 erschien sein Buch "Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design", in dem in erster Linie seine Auseinandersetzung mit dem Genetiker Wolf-Ekkehard Lönning, Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln und überzeugter Kreationist, dokumentiert wird. Lönnig gehört zu den pointiertesten Anhängern der Intelligent-Design-Variante des Kreationismus in Deutschland und hat bis vor kurzem seine persönliche Überzeugung ungeniert auf der offiziellen Webseite seines Instituts dargestellt - allerdings mit Duldung seiner Vorgesetzten. Es ist durchaus Kutscheras Verdienst, diesen Mißbrauch einer renommierten wissenschaftlichen Institution für den eigenen ideologischen Kampf offengelegt zu haben. Ob darüber hinaus die Angriffe Kutscheras sich nicht zu sehr von der unbelehrbaren Verbissenheit Lönnigs haben anstecken lassen, ist eine andere Frage.
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Das ist aber nicht unser Punkt. Interessanter ist, daß diese Auseinandersetzung auch auf einem zweiten Schauplatz stattfindet: Im Gewand der fundamentalistischen Bibelauffassung Lönnigs wird der christliche (Schöpfungs-) Glaube insgesamt als irrationales "mystisch-magisches" Dogmengebräu abgetan. Dazu bedient sich Kutschera einer wohlfeilen Taktik: Er reproduziert entsprechende Darstellungen im Nazarener-Stil der Kinderbibeln und Schulkatechismen aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die man aus heutiger Sicht weitgehend nur als religiösen Kitsch bezeichnen kann, und präsentiert sie als Inbegriff der christlichen Überzeugung.
Mit keinem Wort wird dagegen auf die akademische theologische Literatur, geschweige denn auf ihre Entwicklung innerhalb der letzten 100 Jahre eingegangen. Namen wie Karl Rahner SJ oder Hans Küng, Jürgen Moltmann oder Wolfhart Pannenberg sucht man in diesen Eskapaden vergeblich. Man wird den Eindruck nicht los, daß die bibeltheologische Unbedarftheit des Kreationismus gerade recht ist, um den christlichen Glauben insgesamt jegliche intellektuelle Relevanz abzusprechen. So schlägt man unter allgemeinem Beifall (auch der Theologen) auf den kreationistischen Sack in der stillen Absicht, damit à la longue auch den christlichen Esel das Fürchten zu lehren.
Ideologie hinter der Evolutionstheorie
Daß dieser Eindruck nicht falsch ist, belegt ein weiteres Buch, als dessen Herausgeber Ulrich Kutschera zeichnet: der 2007 erschienene Sammelband "Kreationismus in Deutschland". Man wird mit der Annahme nicht fehlgehen, daß ein wesentlicher Anlaß für diese Publikation Kardinal Christoph Schönborns Einlassung zum Thema Intelligent Design in der New York Times vom 7. Juli 2005 war.
Das Unbehagen darüber, wie in Schönborns Ausführungen die Lehre von der Erkennbarkeit Gottes aus der Natur dargelegt wird, hat sich in vielen Veröffentlichungen, nicht zuletzt auch theologischen, niedergeschlagen und muß hier nicht wiederholt werden. Die Wirkung dieses Artikels war verheerend für das Ansehen der katholischen Kirche in den Augen vieler Naturwissenschaftler. Die Äußerungen des Evolutionsbiologen Thomas Junker (nicht zu verwechseln mit Reinhard Junker von der kreationistischen "Studiengemeinschaft Wort und Wissen"!) in Kutscheras Sammelband geben wohl die Gefühle vieler seiner Kollegen wieder:
"Historische und aktuelle Erfahrungen sprechen dafür, daß Schönborn hier nichts anderes als die allgemeine wissenschaftspolitische Überzeugung der katholischen Kirche verkündet: Die Wissenschaftler sollen ihren Anspruch und ihr Selbstverständnis beschränken und sich damit abfinden, daß sie ein 'Geschlecht erfinderischer Zwerge (sind), die für alles gemietet werden können', wie es Bert Brecht im Leben des Galilei so plastisch umschrieb." {6}
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Das mag dick aufgetragen sein, wird aber verständlich, wenn man sich an entsprechende Formulierungen Schönborns erinnert: "Die Evolution im Sinn einer gemeinsamen Abstammung (aller Lebewesen) kann wahr sein, aber die Evolution im neodarwinistischen Sinn - ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion - ist es nicht." {7} Und kurz davor im selben Zusammenhang:
"Die katholische Kirche überläßt der Wissenschaft viele Details über die Geschichte des Lebens auf der Erde, aber sie verkündet zugleich, daß der menschliche Verstand im Licht der Vernunft leicht und klar Ziel und Plan in der natürlichen Welt, einschließlich der Welt des Lebendigen, erkennen kann." {8}
Daß gegenüber einer derart herablassenden Einschätzung durch die Theologie auch Junker harte Töne anschlägt, müßte man ihm nicht verübeln, wäre da nicht ein deutlich kirchenkämpferischer Unterton: "Nicht nur Wissenschaftler werden sich glücklich schätzen, daß ... die Kirche gegenwärtig nicht in der Lage ist, die von ihr angestrebte geistige Knechtschaft zu erzwingen." {9}
Das erinnert doch stark an die Parolen, mit denen einst die "Humanistische Union" gegen Stellung und Einfluß der Kirchen in der deutschen Öffentlichkeit Front gemacht hat. In der Tat findet sich dieselbe Gesinnung in der "Giordano-Bruno-Stiftung" wieder, einer Vereinigung, die sich die Förderung eines "evolutionären Humanismus" zum Ziel gesetzt hat. Bezeichnenderweise firmieren vier der Autoren des Sammelbandes, darunter auch Thomas Junker, als Beiratsmitglieder dieser Vereinigung. Das ist ihr gutes Recht. Es ist aber auch unser Recht, uns kundig zu machen, wes Geistes Kinder die Mitglieder dieser Vereinigung eigentlich sind. Deren Homepage gibt darüber bereitwillig Auskunft:
"Wir leben in einer Zeit der Ungleichzeitgkeit: Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder mehrheitlich noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. Diese Kombination von höchstem technischen Know-how und naivstem Kinderglauben könnte auf Dauer fatale Konsequenzen für unsere Spezies haben. ... Ziel der Stiftung ist es, die Grundzüge eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik Politik zu entwickeln und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen." {10}
Das ist nun eindeutig mehr als nur das Eintreten für den Platz der Evolutionstheorie in der wissenschaftspolitischen Landschaft oder die Verbreitung evolutionstheoretischen Gedankenguts. Es geht vielmehr um das Durchsetzen eines bestimmten Weltbilds, eben des Naturalismus, der ausdrücklich dem biblisch-christlichen Weltbild den Platz in unserer Kultur streitig machen will.
Damit erhärtet sich allerdings der Verdacht, daß es beim Kampf zumindest bestimmter Evolutionsbiologen gegen die Ausbreitung kreationistischer Positionen um mehr geht als nur um die Freiheit der Wissenschaft. Vielmehr wird hier der
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ideologischen Verengung des Christentums als Kreationismus ein ebenso verengter, oder besser gesagt: pointierter Naturalismus entgegengesetzt, und der ist nicht minder ideologisch. Wenn Kutschera {11} betont, "religiöse und politische Weltanschauungen (Ideologien, auch '-ismen' genannt) haben in den Realwissenschaften keine Daseinsberechtigung", hat er sich damit selbst ein Bein gestellt. Der hier vertretene Naturalismus hat Weltbildcharakter: Er versteht sich als Weltanschauung und geriert sich dabei nicht selten als kämpferischer Atheismus.
Das bestätigt unsere Vermutung, der allseits als anerkennenswert erachtete Feldzug gegen den Kreationismus diene nur als willkommene Gelegenheit zu einer Generalabrechnung mit den Erscheinungsformen von Religion jedweder Couleur. Um diesen Kulturkampf-Vorwurf zu belegen, genügt ein Blick in den Internetauftritt der Giordano-Bruno-Stiftung. Was sich hier insbesondere der Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon an Entgleisungen gegen den Glauben leistet, ist bemerkenswert und geht weit über die gewohnte Anstoßnahme liberaler Kreise am öffentlichen Einfluß der Kirchen hinaus {12}. Den Vorwurf der Verletzung religiöser Gefühle nimmt Schmidt-Salomon dabei bewußt in Kauf und hält eine Rücksichtnahme darauf für überflüssig, ja falsch:
"Denn was, bitteschön, sind 'verletzte religiöse Gefühle', wenn man sie bei Licht betrachtet? Nichts weiter als ein Konglomerat aus Angst vor dem eigenen Glaubensverlust, gekränktem Stolz und Rachegelüsten gegenüber den vermeintlichen Lästerern! Das ist kaum schützenswert! Im Gegenteil! Wer auf 'religiöse Gefühle' Rücksicht nimmt, der stellt damit weltanschauliche Borniertheit unter 'Denkmal-Schutz'. Und das wäre auf Dauer fatal." {13}
Nun sind die Beiratsmitglieder sicher nicht für alle Aktivitäten des Stiftungsvorstandes verantwortlich zu machen. Aber sie unterstützen, wie es in der Webseite heißt, die "allgemeine Stoßrichtung" der Stiftung. Junker läßt keinen Zweifel daran, daß diese Unterstützung auch sein Anliegen ist: "Als wissenschaftliche Theorie gewährt sie (die Evolutionstheorie) der religiösen Wundergläubigkeit und damit dem christlichen Gott keinen Raum. Er ist schlichtweg überflüssig, ein phantastischer Fremdkörper ohne Relevanz." {14}
Naturalismus-Kritik
Man könnte eine solche Formulierung als emotionalen Ausrutscher abtun, ging es dahinter nicht um ein grundsätzliches Problem, nämlich um die Frage, ob Gott nur aus methodologischen Gründen von der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise ausgeschlossen wird, oder ob er mit der Wirklichkeit generell nichts zu tun hat.
In seinen Büchern tritt Kutschera für eine Nichtinterferenz von Glaube und Wissenschaft ein, von ihm auch als "Dobzhansky-Mayr-Prinzip" bezeichnet, weil die beiden, Theodosius Dobzhansky und Ernst Mayr, obwohl ersterer gläubiger Christ
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und letzterer Atheist, als Biologen Hand in Hand an der Ausarbeitung der synthetischen Theorie der Evolution beteiligt waren. Dies gilt Kutschera als Beispiel dafür, daß man auch als Christ ein guter Naturwissenschaftler sein kann und als Beleg, daß seine Attacken gegen den "christlichen Schöpfungsmythos" nicht als Bewertung des religiösen Glaubens in sich verstanden sein wollen, sondern als Abwehr einer Vermischung von Glaubensdingen mit den Belangen der Wissenschaft.
Damit wird unter diesem Prinzip das verstanden, was man gemeinhin methodischen oder besser methodologischen Naturalismus nennt. Man bezeichnet damit die für eine kausale Naturforschung unabdingbare Methode, keine außerempirischen Faktoren, und damit auch keinen Gott als Erklärung zuzulassen. Wie nützlich und notwendig dieses Prinzip ist, läßt sich nicht nur historisch durch die lange Liste der damit gewonnenen Forschungserfolge belegen, sondern auch grundsätzlich einsehen: Ohne eine solche methodische Beschränkung fehlte der Naturforschung jener Stachel des rastlosen Voranschreitens von Erklärung zu Erklärung, der sie so sehr erfolgreich macht. Sie hätte mit Gott als zulässiger Erklärung ein Passepartout in der Hand, das ihr das lästige Weiterfragen abnimmt.
Das ist ja gerade der Vorwurf gegen die Intelligent-Design-Variante des Kreationismus, die aus dem Vorliegen unerklärter Komplexität den Schluß auf einen intelligenten Hersteller für unvermeidlich ansieht. Weil ein solcher Hersteller alles machen kann, was existiert, erklärt seine Annahme gar nichts; sie ist ein kausaler Joker, ein Platzhalter der Ignoranz, aber keine Erklärung für den, der wissen will, wie die Dinge gemacht wurden. (Allerdings läßt sich dieser Einwand umgekehrt auch gegen die Evolutionstheorie einsetzen, wenn damit nur behauptet wird, "die Evolution" habe etwas gemacht, ohne angeben zu können, auf welche Weise.)
Die Verpflichtung auf den methodologischen Naturalismus ist heutzutage unter Naturwissenschaftlern selbstverständlich. Die Frage ist nur, ob das Dobzhansky-Mayr-Prinzip von allen am Sammelband beteiligten Mitarbeitern - und auch von Kutschera selbst - immer in diesem Sinn verstanden wird. Es fehlt zwar nicht an entsprechenden Formulierungen: "Der methodologische Naturalismus, der in den Realwissenschaften zwingend gilt und u.a. nur überprüf- und nachweisbare Fakten zuläßt, ist die ideologiefreie Basis aller Naturforschungen." {15}
Die Rede von den "Realwissenschaften" läßt jedoch Zweifel aufkommen, ob dieser Satz mehr ist als ein Lippenbekenntnis. Dem Sinn nach versteht Kutschera unter Realwissenschaften diejenigen Wissenschaften, die dem Anspruch der naturalistischen Methode genügen, d.h. allein die Naturwissenschaften. "Überprüf- und nachweisbare Fakten" gibt es nur hier, und Realität ist damit naturwissenschaftlich definiert. Was nicht unter der Voraussetzung des methodologischen Naturalismus erfaßbar ist, gilt nicht als real. Das ist dann aber kein methodologischer Naturalismus mehr (Naturwissenschaft befaßt sich mit demjenigen Ausschnitt der Realität, der naturwissenschaftlich definierbar ist), sondern ein ontologischer (Realität ist naturalistisch definiert als das, was den Naturwissenschaften zugänglich ist).
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Dieser Übergang ist bei Gebrauch des Ausdrucks Realwissenschaften im Sinn Kutscheras unvermeidlich und nach allem, war wir über den Hintergrund seiner weltanschaulichen Überzeugung wissen, wohl auch beabsichtigt. Er ist aber methodologisch nicht gerechtfertigt, sondern eine unbewiesene Vorentscheidung, eine Option. Mario Bunge und Martin Mahner sind sich bei ihrer ontologischen Grundlegung des Naturalismus {16} dieser axiomatischen Voraussetzung bewußt und halten die Festlegung auf den Materialismus als Inbegriff aller Realität für eine Art Metaphysik. Wenn unter Metaphysik das Fahnden nach letzten, nicht mehr weiter ableitbaren Gründen der Wirklichkeitserkenntnis verstanden sein soll, kann man dem zustimmen. Materie als Prinzip der Veränderbarkeit {17} wird dann als ein solcher letzter Grund für die "Natur der Dinge" gesehen. Allerdings sind metaphysische Begründungen nicht unantastbar, sondern einer kritischen Überprüfung ihrer logischen Konsistenz und Kohärenz zugänglich.
Eine solche Metaphysik-Kritik ist auch gegenüber dem Materialismus bzw. Naturalismus in seiner ontologischen Ausprägung angeraten und möglich. Das soll hier nur festgestellt werden, ohne weiter darauf einzugehen {18}. Es ist wohl dieser für naturwissenschaftliche Füße zu heiße Boden philosophischer Reflexion, der es Kutschera geraten erscheinen läßt, sich hinter die Sicherheitsbarriere einer nur methodologischen Festlegung auf den Naturalismus zurückzuziehen. Daß ein Naturalismus mit Weltbildanspruch indessen nicht bei seinen methodologischen Grenzen stehen bleiben kann, wird von zumindest einigen Autoren des Sammelbandes auch ausdrücklich betont. So heißt es im Beitrag des Münchener Chemikers Martin Neukamm:
"Zweitens ist der naturwissenschaftliche Naturalismus nicht bloß ein 'methodischer Atheismus', ein 'Werkzeug', dessen Anwendungsbereich vorrangig auf das Experimentelle beschränkt sei und ansonsten als außerwissenschaftliche Grenzüberschreitung erkauft werden müsse, wie Junker und Scherer (2006, 14, 17f.) annehmen, sondern ein universelles wissenschaftsphilosophisches Prinzip: Weder im praktisch-experimentellen noch im theoretisch-erklärenden Bereich noch im philosophischen 'Unterbau' der Realwissenschaften tauchen supranaturalistische oder teleologische Faktoren auf. Wissenschaft besteht eben 'nicht nur aus einem metaphysisch neutralen methodischen Regelwerk zum Herumexperimentieren, sondern lebt und floriert gerade auch wegen ihrer fruchtbaren philosophischen Grundannahmen' (Mahner 1989, 34)." {19}
Es ist völlig unverständlich, wie man von den Voraussetzungen des methodologischen Naturalismus her eine solche Aussage machen kann. Es verlangt eigentlich nicht viel Einsicht, daß etwas, das ich vorsätzlich aus dem Bereich der Realität ausgeklammert habe, dann auch nicht in den so verfaßten "Realwissenschaften" auftauchen kann. Die Absicht freilich, unter der Fahne des berechtigten Stolzes über die tatsächliche Erklärungskraft der Evolutionstheorie eine bestimmte Weltanschauung zu transportieren, macht eine solche Aussage nur zu begreiflich. Ihr muß dann aber in derselben Weise mit Ideologiekritik begegnet werden wie dem Kreationismus. Mit Recht schreibt deshalb Hansjörg Hemminger in einer Grundsatz-
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erklärung der Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche von Württemberg:
"Spiegelbildlich zu Kreationismus und zum 'intelligenten Design' gewinnt die Religionskritik auf naturwissenschaftlicher Grundlage an Einfluß. Viele Naturwissenschaftler vertreten öffentlich die Auffassung, daß nur eine rein naturalistische oder materialistische Deutung der Welt und des Menschen vernünftig sei. Sie berufen sich dabei auf ihr naturwissenschaftliches Wissen. Damit überschreiten sie die Grenze von Naturwissenschaft und Ideologie und versuchen ähnlich wie der Kreationismus, Naturwissenschaft und Naturalismus (oder Agnostizismus) zu einem einheitlichen Weltbild zu verbinden. ... Der Kreationismus und der Versuch, Gottesbeweise aus der Natur zu führen, bestätigen diese Religionskritik, indem sie ihr ein Feindbild liefern. Daher sollte den Weltbildansprüchen von Wissenschaftlern, wo er erhoben wird, nicht mit einer christlichen Ideologie, sondern mit Ideologiekritik begegnet werden." {20}
Gewiß sind nicht alle Evolutionsbiologen und erst recht nicht alle Naturwissenschaftler über den Leisten des evolutionären Humanismus zu schlagen. Aber es bleibt ein Faktum, daß der Atheismus in Biologenkreisen gesellschaftsfähiger ist als unter Physikern. Wie sehr hier das historische Erbe des Darwinismus weiterwirkt, zeigt das jüngste Buch Richard Dawkins' "The God Delusion" (deutsch: Der Gotteswahn). Hier stilisiert sich der wortgewandte Soziobiologe {21}, Evolutionstheoretiker {22} und Teleologiekritiker {23} endgültig zum Protagonisten eines missionarischen Atheismus. Nicht genug damit, zaudernden Überläufern Mut beim Aufgeben ihres Glaubens zu machen ("I didn't know I could" {24}), bietet er auf einer eigenen Webseite {25} auch nach Nationen sortierte Adressen für den Anschluß an Gleichgesinnte - für Deutschland firmiert hier selbstverständlich die Giordano-Bruno-Stiftung.
Gegenüber solchem Sendungsbewußtsein kämpft unser eingangs skizzierter Religionslehrer mit seinem Ansinnen, nach einer Verträglichkeit von Glaube und Wissenschaft zu suchen, von vornherein auf verlorenem Posten. Auch Eugen Drewermanns Zugeständnis, alle kausale Erklärung aus der Schöpfungstheologie zu verbannen und allein den Naturwissenschaften zu überlassen {26}, wird hier keine Brücke schaffen. Gegenüber einer metaphysischen Vorentscheidung gegen alle Metaphysik hilft nur der argumentative Kampf mit den rationalen Mitteln eben dieser Wissenschaft. Die AG Evolutionsbiologie wehrt sich dagegen, unter den von Hemminger erhobenen Ideologieverdacht subsumiert zu werden {27}. Von Dawkins' Plattform aus betrachtet muß sie sich diesen Vorwurf aber wohl oder übel gefallen lassen.
Anmerkungen
{1} Vgl. Ch. Kummer, Evolution u. Schöpfung, in dieser Zs. 224 (2006) 31-42.
{2} Siehe z.B. die Webseiten der Studiengemeinschaft "Wort u. Wissen": http://www.wort-und-wissen.de/ueber.html oder des US-amerikanischen "Discovery-Instituts": http://www.discovery.org
{3} H. Yahya, Atlas der Schöpfung (Istanbul 2007) 56. Das aufwendig aufgemachte Werk dieses islamischen Kreationisten ist kostenlos aus dem Internet herunterzuladen.
{4} Vgl. http://www.evolutionsbiologen.de/, Zitat: H.-J. Jacobsen.
{5} E. O. Wilson, Consilience. The Unity of Knowledge (New York 1998).
{6} T. Junker, Schöpfung gegen Evolution - u. kein Ende) Kardinal Schönborns Intelligent-Design-Kampagne u. die Katholische Kirche, in: Kreationismus in Deutschland., hg. v. U. Kutschera (Berlin 2007) 75.
{7} Ch. Schönborn, Finding Design in Nature, in: The New York Times, 7.7.2005.
{8} Ebd.
{9} Junker (A. 6) 76.
{10} http://www.giordano-bruno-stiftung.de
{11} In: Kreationismus (A. 6) 41.
{12} Deutlich wird das etwa an dem von Schmidt-Salomon verfaßten Manifest des christlichen Humanismus, an seiner Online-Petition gegen die religiöse Fundierung von Bildung und Erziehung und neuestens in dem zusammen mit Helge Nyncke herausgegebenen Bilderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel", in dem bereits Sechsjährige in "amüsanter Weise über den Gotteswahn" aufgeklärt werden sollen. Die Vorstellung dieses Buchs im Humanistischen Pressedienst spricht für sich selbst: http://hpd-online.de/node/2557
{13} Aus der genannten Mitteilung des Humanistischen Pressedienstes (A. 12).
{14} Junker (A. 6) 81.
{15} Kreationismus (A. 6) 24.
{16} M. Bunge u. M. Mahner, Über die Natur der Dinge (Stuttgart 2004).
{17} Ebd. 19.
{18} Vgl. dazu Ch. Kummer, Evolution - offen für Gottes schöpferisches Handeln, in: Zufall Mensch?, hg. v. L. Klinnert (Darmstadt 2007) 91-108).
{19} M. Neukamm, Wissenschaft u. ontologischer Naturalismus. Eine Kritik antievolutionistischer Argumentation, in Kreationismus (A. 6) 190.
{20} http://www.gemeindedienst.info/weltanschauung/texte/inmatkreastionismus_Grundsatz.htm
{21} R. Dawkins, The Selfish Gene (Oxford 1976).
{22} Ders., The Blind Watchmaker (Harlow 1986).
{23} Ders., Climbing Mount Improbable (New York 1996).
{24} Ders., The God Delusion (London 2006).
{25} http://richarddawkins.net
{26} E. Drewermann, Wenn die Sterne Götter wären. Moderne Kosmologie u. Glaube (Freiburg 2004).
{27} "Bedauerlicherweise belegt Hemminger den Naturalismus ebenfalls mit dem Begriff 'Ideologie', der Kritikimmunität und den Drang nach irrationalen Herrschaftsansprüchen impliziert. Da der Naturalismus als wissenschaftlich-ontologische Nullhypothese wie wissenschaftliche Theorien beständig der Kritik unterliegt, ist der Ideologievorwurf gegenstandslos." Zitiert nach: Webseite der AG Evolutionsbiologie, Newsticker vom 6.8.2007.
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