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Albrecht Metzger {*}

Missionarisch und gewaltbereit

Die salafistische Spielart des Islamismus

 

From: Herder Korrespondenz, 1/2008, S. 48-52

 

    Auch in Deutschland hat der islamistische Salafismus Anhänger. Es handelt sich dabei um eine Bewegung, die die Rückkehr zum ursprünglichen Islam predigt und ihre Vorstellungen mit großem missionarischem Eifer, aber teilweise auch mit Gewalt durchzusetzen sucht. Sie bekämpft auch islamische Regierungen, die ihrer Meinung nach vom wahren Islam abgewichen sind.

 

Wenngleich der Islamismus ein Thema ist, über das seit dem 11. September 2001 permanent geschrieben wird, sorgt diese politisch-religiöse Bewegung in Europa immer wieder für böse Überraschungen. Das beste Beispiel dafür ist der Mord an dem holländischen Filmemacher Theo van Gogh im November 2004. Als die holländischen Sicherheitsbehörden mit ihren Ermittlungen begannen, stießen sie auf ein politisches Milieu, das bis dahin nur Insidern bekannt war. Sie stellten nämlich fest, dass es in den Niederlanden ein gut ausgebildetes Netzwerk salafistischer Prediger gab, das zumindest teilweise für die Radikalisierung junger holländischer Muslime verantwortlich war.

 


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Auch Mohammed Bouyeuri, van Goghs Mörder, verkehrte eine Zeitlang in einer salafistischen Moschee und wurde von salfistischem Gedankengut beeinflusst, dass er sich darüber hinaus über das Internet zu Eigen gemacht hatte. Seitdem hat der AIVD, der holländische Inlandsnachrichtendienst, eine Reihe von Publikationen zu dem Thema Salafismus in den Niederlanden veröffentlicht, wie sich auch die Medien auf das Thema stürzten und die salafistischen Milieus in Amsterdam, Eindhoven und Rotterdam durchleuchteten.

Der Blick über die Grenze ist für Deutschland nicht uninteressant. Denn auch hier gewinnt der Salafismus unter muslimischen Migranten ebenso wie deutschen Konvertiten an Zulauf. Falls es in Deutschland wirklich einmal zu einem Anschlag militanter Islamisten kommen sollte, so ist zu befürchten, dass sie aus einem salafistischem Spektrum kommen werden. Sicher ist das nicht, aber die Festnahmen dreier mutmaßlicher Bombenbauer im Sauerland Anfang September 2007 sind ein Indikator dafür. Sie verkehrten in salafistischen Moscheen und die Literatur, die deutsche Sicherheitsbehörden bereits in früheren Razzien bei einem der Festgenommenen beschlagnahmten, sind von jihadistisch-salfistischen Rechtsgelehrten verfasst worden.

Deswegen stellt sich umso mehr die Frage: Was ist der Salafismus? Eines sei hier vorweggenommen: Längst nicht alle Salafis befürworten den Jihad. Bis zum Golfkrieg 1991 war der Salafismus eine weitgehend apolitische, friedliche Bewegung, und die meisten Salafisten, auch und gerade in Deutschland, verfolgen bis heute den Weg der Daawa, also der islamischen Mission, um Anhänger zu gewinnen. Sie grenzen sich sogar strikt von den Jihad-Salafis ab und sprechen ihnen das Recht ab, sich überhaupt Salafis nennen zu dürfen. Umgekehrt werfen die Jihad-Salafis ihren friedlichen Brüdern vor, sie missachteten eine zentrale Säule des Glaubens, nämlich den Jihad gegen die Feinde des Islam.

Diese ideologischen Kämpfe, die teilweise erbittert über das Internet geführt werden, lassen es umso erstaunlicher erscheinen, dass die Grenzen zwischen beiden Strömungen offensichtlich fließend sind, wie es deutsche Sicherheitsbehörden mit Sorge beobachten. Doch letztlich, und das ist das Problem dieser Bewegungen, teilen sowohl friedliche wie auch jihadistische Salafis die gleichen Methoden der "Wahrheitsfindung", die es offensichtlich leicht machen, von einem Extrem ins andere zu wechseln.

 

Zurück zur Lebensweise des Propheten

Was also unterscheidet den Salafismus von anderen Spielarten des Islam? Für Salafis stellt sich diese Frage gar nicht, denn sie verstehen sich als die einzig wahre Gemeinschaft der Gläubigen, die den Islam so lebt, wie es Gott vorgeschrieben habe. Alle anderen Muslime - ganz zu schweigen von Nicht-Muslimen -, die nicht dem Beispiel der Salafis folgen, werden demnach in die Hölle wandern. Die Salafis richten sich in ihrem Verhalten nach dem Koran und der Sunna des Propheten, also dem vorbildhaften Verhalten Mohammeds. Darüber hinaus sind sie der Überzeugung, dass die ersten drei Generationen von Muslimen den Islam so gelebt haben, wie es der Prophet Mohammed ihnen vorgeschrieben habe.

Diese ersten drei Generationen werden auch a-salaf al-salih genannt, die Altvorderen. Daher der Name Salafi. Die Generation der Altvorderen endet nach salafistischer Überzeugung mit dem Tod von Ahman Ibn Hanbal, dem Begründer der Rechtschule der Hanbaliten. Alle Veränderungen, die der Islam danach erfahren hat, lehnen sie als Erneuerung, als bidaa, ab. Dazu gehören vor allen Dingen mystische Formen des Islams, aber auch jeglicher Volksislam.

 

Der Salafismus wird in nächster Zeit in Deutschland weitere Anhänger gewinnen

Der Salafismus ist eine puritanische Bewegung, die viel Wert auf die ihrer Meinung nach korrekte religiöse Praxis legt. Salafis bemühen sich so zu leben, beten und sich so zu kleiden wie der Prophet Mohammed. Abgesehen davon, dass es schwierig erscheint, exakt die Lebensweise eines Propheten zu replizieren, der vor 1500 Jahren gelebt hat, sorgt der Reinheitsanspruch der Salafis häufig für Unfrieden, wenn sie andere Muslime mit ihren Reinheitsansprüchen konfrontieren. Denn sie sind nicht nur der Überzeugung, den wahren Islam zu leben, sondern werfen umgekehrt anderen Muslimen, die nicht ihrem Beispiel folgen, vor, einen falschen Islam zu praktizieren und prophezeien ihnen, nach dem Tod in der Hölle zu landen.

Schon kleine, für Außenstehende unerhebliche Unterschiede in der Glaubenspraxis spielen für die Salafis eine gewichtige Rolle. So zum Beispiel die Frage nach der richtigen Form des Betens. Die Salafis achten penibel darauf, beim Gemeinschaftsgebet Schulter an Schulter und Fußsohle an Fußsohle zu stehen - um dem Teufel keine Möglichkeit zu geben, die Einheit der Gläubigen zu durchbrechen. Das habe der Prophet Mohammed so vorgeschrieben und sei deswegen die einzig richtige Form des Betens. Da aber viele Moscheegemeinden diesem Beispiel nicht folgen, verletzen sie nach Ansicht der Salafis bereits islamische Gebote.

Die Intoleranz gegenüber anderen Muslimen zeigt sich besonders deutlich gegenüber den Schiiten, die abfällig als al-schia al-rawafidh, die schiitischen Verweigerer, bezeichnet

 


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werden. Verweigerer deshalb, weil die Schiiten die ersten drei Kalifen Abu Bakr, Omar und Osman nicht als rechtmäßige Führer der islamischen Gemeinde akzeptieren, sondern nur den vierten Kalifen Ali sowie dessen männliche Nachkommen. Für die Salafis hat jedoch gerade die Herrschaft der ersten vier Kalifen vorbildhaften Charakter, es ist eben jene Zeit der al-salaf al-salih, der Altvorderen.

Nach dem Sturz Saddam Husseins und der Machtübernahme schiitischer Parteien im Irak haben die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten im Vorderen Orient stark zugenommen. Dahinter steckt auch die Rivalität zwischen der schiitischen Islamischen Republik Iran sowie den sunnitisch-arabischen Nachbarländern in der Region. Dieser Konflikt macht sich auch auf deutschem Boden bemerkbar. So wurden in diesem Jahr (2007) vor einer salafistischen Moschee in Hannover arabische DVDs verkauft mit dem Titel: "Die schiitischen Verweigerer. Krieg gegen den Islam und die Muslime." Auf dem Titelbild ist unter anderem ein Porträt des irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki zu sehen, einem Schiiten. In dem Film werden die Schiiten als Ungläubige bezeichnet und damit quasi für vogelfrei erklärt, weil nach islamischem Recht der Abfall vom Glauben mit dem Tode bestraft werden muss.

Ungeachtet dieser Intoleranz, die dem salafistischen Weltbild innewohnt, ist es wichtig, die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Bewegung zur Kenntnis zu nehmen. Das ist vor allen Dingen deswegen ratsam, weil der Salafismus vermutlich in der nächsten Zeit in Deutschland weitere Anhänger gewinnen wird und man einen Weg finden muss, mit diesem Phänomen umzugehen. Die Tatsache, dass es friedliche Salafis gibt, die sich heftige ideologische Gefechte mit ihren jihadistischen Brüdern liefern, bietet unter Umständen die Chance, das Gefahrenpotential, das zweifellos vom Salafismus ausgeht, einzudämmen. Das ist auch die Sicht von deutschen Staatsschützern, die sich seit Jahren mit dem Phänomen beschäftigen.

 

Der missionarische Salafismus lehnt Gewalt ab

Generell wird der Salafismus in drei verschiedene Strömungen eingeteilt: die größte bildet der missionarische Salafismus, die zweite der revolutionäre Salafismus und die dritte der politische Salafismus. Der politische Salafismus ist die unbedeutendste Strömung und soll hier nicht weiter untersucht werden. Die Unterschiede vor allem zwischen dem missionarischen und dem revolutionären Salafismus hingegen haben sich seit den 1990er-Jahren verschärft und sind inzwischen so prononziert, dass die Anhänger der jeweiligen Richtung sich gegenseitig des Unglaubens bezichtigen.

Der missionarische Salafismus ist stark geprägt worden von den Ideen des 1999 verstorbenen Rechtsgelehrten Nasr al-

 


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Din al-Albani. Wie der Name schon sagt stammt al-Albani ursprünglich aus Albanien, wuchs aber in Syrien auf. Er lehrte in den 1960er-Jahren an der Universität von Medina in Saudi-Arabien, verlor jedoch wegen Meinungsverschiedenheiten mit saudischen Rechtsgelehrten seine Stellung und ließ sich danach in Jordanien nieder, wo er auch verstarb.

Das wichtigste geistige Erbe, das al-Albani hinterließ, ist seine strikte Ablehnung jeglicher Einmischung in die Politik. Um den Islam in der Welt zu verbreiten, predigte er vielmehr die Daawa, die islamische Mission. Die Muslime müssten durch ihr vorbildhaftes Verhalten andere Menschen vom wahren Glauben überzeugen, anstatt sie zu zwingen, den Islam anzunehmen. Zuerst aber müsse sich die islamische Umma selbst von allen Neuerungen der vergangenen Jahrhunderte reinigen, die den wahren Glauben verfälscht hätten. Jeder Muslim müsse mit dieser Reinigung bei sich selbst anfangen, um im zweiten Schritt anderen als Vorbild zu dienen.

Politik ist für die Anhänger des missionarischen Salafismus etwas Unreines, von dem man sich am besten fernhält, um nicht korrumpiert zu werden. Ihre Utopia ist ein islamischer Staat, in dem ausschließlich die Gesetze Gottes gelten. Dieses Ideal herrschte ihrer Vorstellung nach nur in der islamischen Frühzeit, seitdem nie wieder. Im Unterschied zu den revolutionären oder jihadistischen Salafis verzichten die missionarischen Salafis jedoch auf die Option, diese Utopie mit Gewalt herbeiführen zu wollen. Im Gegenteil. Sie lehnen den Aufstand gegen jegliche politische Herrschaft ab, selbst wenn es sich um eine ungerechte handelt; denn das führe nur zu gewaltsamen Gegenreaktionen des Staates und erschwere den Muslimen das Leben.

Beispiele aus dem Nahen Osten, die das zu belegen scheinen, können die missionarischen Salafis zuhauf anführen: den Aufstand der Muslimbrüder gegen die Regime in Ägypten und Syrien, den der Staat mit massiver militärischer Gewalt unterdrückte, ebenso wie den Krieg, den die algerischen Islamisten in den 1990er-Jahren gegen das dortige Regime anzettelten und der über 100.000 Menschen das Leben kostete.

Von den Muslimbrüdern distanzieren sich die missionarischen Salafis deswegen ausdrücklich. Sie werfen ihnen vor, nur an der Macht interessiert zu sein und nicht daran, den wahren Glauben zu verbreiten. Diese Kritik ist auch nicht verstummt, seit die Muslimbrüder in den vergangenen 15 Jahren einen Strategiewechsel vollzogen haben und nun versuchen, auf friedlichem Wege, nämlich durch Wahlen, politischen Einfluss zu gewinnen. Im Gegenteil: für alle Salafis, auch die missionarischen, ist Demokratie un-islamisch, weil hier Menschen über Menschen herrschen und dazu ihre eigenen, weltlichen Gesetze erlassen. Die Herrschaft aber gebühre allein Gott. Eine Metamorphose, wie sie etwa der türkische Staatschef Recep Tayyib Erdogan durchlaufen hat, nämlich von einem überzeugten Islamisten hin zu einem Staatschef, der aus pragmatischen Gründen den Beitritt seines Landes zur EU vorantreibt, ist für einen Salafi undenkbar.

Die missionarischen Salafis sind in Europa besonders aktiv, seit einigen Jahren auch in Deutschland. Bei deutschen Staatsschützern sorgt das für Unruhe, weil sie befürchten, dass sich durch die Verbreitung des salafistischen Islams Parallelgesellschaften bilden, die sich vom Rest der Gesellschaft abkapseln. Je mehr sich junge Muslime jedoch von ihrem Umfeld abkapseln, so die Befürchtung, umso eher könne das zu einer totalen Ablehnung der deutschen Gesellschaft führen und letztlich doch einer Radikalisierung Vorschub leisten - trotz des friedlichen Charakters des missionarischen Salafismus.

Als die eigentlich problematische Gruppierung gelten jedoch die Jihad-Salafis. Wie der Name besagt, glauben sie daran, dass der Jihad der richtige Weg sei, um die Umma gegen ihre Feinde zu verteidigen und dem Islam letztlich zur Herrschaft über die Welt zu verhelfen. Diese Strömung ist stark von der Jihad-Erfahrung der 1980er-Jahre geprägt, als afghanische Mujahedin die sowjetischen Besatzungstruppen in Afghanistan bekämpften. An diesem Jihad, den im Übrigen auch missionarischen Salafis als gerechtfertigten Verteidigungskrieg betrachteten, nahmen auch diverse Freiwillige teil. vor allen Dingen aus der arabischen Welt. In dieser Zeit entstand auch das al-Qaida-Netzwerk um Osama bin Laden.

 

Jihad auch gegen islamische Herrscher

Der klare Bruch zwischen missionarischen auf der einen und Jihad-Salafis auf der anderen Seite fand in den 1990er-Jahren statt. Auslöser war der irakische Überfall auf Kuwait im August 1990, in dessen Folge das Nachbarland Saudi-Arabien Hunderttausende amerikanische Soldaten ins Land rief, um sich gegen einen möglichen weiteren irakischen Vormarsch verteidigen zu können. Für die Jihad-Salafis stellte es eine Schande dar, ungläubige Truppen ins Land von Mekka und Medina, den beiden heiligsten Stätten des Islam, zu holen, und sie gingen auf Distanz zum saudischen Königshaus. Als die amerikanischen Truppen auch nach der Vertreibung der irakischen Armee aus Kuwait im Frühjahr 1991 in Saudi-Arabien stationiert blieben, kam es zum endgültigen Bruch zwischen dem saudischen Königshaus und den Jihad-Salafis. Das entbehrte nicht einer gewissen Ironie, war doch Saudi-Arabien der wichtigste Sponsor des Jihads in Afghanistan.

Die Jihad-Salafis begannen in der Folgezeit islamische Herrscher, die ihrer Meinung nach die islamischen Gesetze verletzten, zu Ungläubigen zu erklären und sie riefen zu deren Sturz auf. Dazu gehörte auch das saudische Regime. Die missionarischen Salafis machten diesen radikalen Schritt nicht mit. Sie lehnen es bis heute ab, andere Muslime zu Ungläubigen zu erklären. Auf Arabisch nennt sich dieser Vorgang takfir - also zum kafir erklären. Dieser Vorgang ist deswegen so problematisch, weil nach islamischen Gesetz der Abfall vom Glauben

 


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mit dem Tod bestraft werden kann. Die Jihad-Salafis nehmen das als Rechtfertigung, gegen vermeintliche unislamische Herrscher mit Gewalt vorzugehen. Die missionarischen Salafis nennen ihre "verirrten" Brüder deswegen abfällig als takfiris. Für die missionarischen Salafis schafft der takfir und der Jihad, sofern er nicht rein defensiver Natur ist und von einem islamischen Herrscher ausgerufen, nur Unfrieden und Zwietracht und schwächt die Umma.

 

Die Entterritorialisierung des Jihad stellt ein Novum in der islamischen Geschichte dar

Der Graben zwischen friedlichen und revolutionären Salafis vertiefte sich im Laufe der 1990er-Jahre weiter, vor allen Dingen infolge des Algerienkrieges, an dem Jihad-Salafis maßgeblich beteiligt waren. Ein weiterer Meilenstein in dieser Auseinandersetzung war der Ausruf Osama bin Ladens zum Jihad gegen die Juden und Kreuzfahrer im Jahr 1998. In seiner berühmt-berüchtigten Fatwa erklärte er es für erlaubt, Amerikaner und Juden, und seien es Zivilisten, an jedem Ort und zu jeder Zeit anzugreifen. Der Islam werde von den Juden und Kreuzfahrern weltweit angegriffen und müsse sich entsprechend wehren.

Diese Entterritorialisierung des Jihad stellt ein Novum in der islamischen Geschichte dar. Nach islamischem Recht handelt es sich beim Jihad um einen territorial begrenzten Krieg, den ein islamischer Herrscher ausrufen muss. Osama bin Laden hingegen erklärte es zur individuellen Pflicht eines jeden Muslims, den Jihad weltweit und an jedem Ort gegen seine Feinde zu führen.

Das Resultat dieser Entterritorialisierung des Jihads waren unter anderem die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA. In den folgenden Jahren rückte auch Europa in den Focus der Jihad-Salafisten, wie die Anschläge von Madrid im März 2004 sowie die Anschläge von London im Juli 2005 zeigten. In Deutschland ist es bislang zu keinem Anschlag gekommen, aber die eingangs erwähnten gescheiterten Anschlagsversuche aus den Jahren 2006 und 2007 zeigen, dass es diesbezüglich keine Entwarnung geben kann.

Die deutschen Sicherheitsbehörden betrachten den wachsenden Einfluss des Salafismus mit Sorge, auch wenn die Mehrheit der Salafisten friedlich ist. Das Problem liegt darin, dass auch das Weltbild der missionarischen Salafis stark von der strikten Entgegensetzung von Gut und Böse geprägt ist, und sie letztlich mit der gleichen literalistischen Logik an die heiligen Texte herangehen wie die Jihad-Salafis. Die große Frage, auf die bislang auch deutsche Sicherheitsbehörden keine definitive Antwort haben, lautet: Wann wird ein friedlicher Salafi zu einem Jihadi?

Der Verfassungsschutz in Baden-Württemberg beobachtet in jedem Fall die Missionstätigkeit der friedlichen Salafis. So tauchte beispielsweise in einer Moschee in Baden-Württemberg eine Schrift des saudischen Gelehrten al-Utheimin auf, der auch bei friedlichen Salafis anerkannt ist. In dieser Schrift erklärte er jeden Muslim zum Ungläubigen, der nur behauptet, eine andere Religion als der Islam könnte vor Gott Bestand haben. Dieser Muslim müsse zur Reue aufgefordert werden, so Utheimin weiter. Verweigert er sich, sei er als Abtrünniger hinzurichten, weil er den Koran verleugne.

"Solche Sätze sind ein deutlicher Hinweis dafür, dass wir dieses Gedankengut beobachten müssen", so ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in Stuttgart.

Dennoch drängen selbst Staatsschützer darauf, die Unterschiede im Salafismus ernst zu nehmen. So lange sich friedliche Salafis öffentlich vom Jihad distanzieren, sei das eine Chance, um den Radikalen das Wasser abzugraben, so das Argument.

 

    {*} Albrecht Metzger hat Islamwissenschaft und Geschichte studiert und lebt als freier Autor in Hamburg. Von 1997 bis 1998 war er wissenschaftlicher Assistent am Orient-Institut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft in Beirut. In dieser Zeit entstand sein Buch "Der Himmel ist für Gott, der Staat für uns. Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie" (Lamuv, Göttingen 2000).

 

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