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Jacques Naoum

Auf den Spuren von Maro

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 10/2008, S. 113 {*}

 

    Der Libanon steckt in einer tiefen Krise. Seit Monaten schon können sich die politischen Parteien nicht auf einen neuen Staatspräsidenten einigen. Mitten in diesem politischen Geflecht befinden sich die maronitischen Christen. Sie bilden die mit Rom unierte größte und - von den Großfamilienverbänden her - auch einflussreichste Kirche des Landes.

 

Auch der fünfzehnte Versuch, im libanesischen Parlament endlich einen neuen Staatspräsidenten - als Nachfolger von Émile Lahoud - zu wählen, scheiterte, trotz der energischen Vermittlung seitens der Arabischen Liga. Das politische Leben ist weiter gelähmt. Die von Syrien und dem Iran unterstützte Opposition hat bisher jede Lösung im Land der Zeder verhindert. Dazu gehören die Schiitenparteien Amal und Hisbollah sowie die christliche "Freie Patriotische Bewegung" des maronitischen Ex-Generals Michel Aoun. Sie wollen, bevor sie einem Präsidenten-Kandidaten zustimmen, das Recht auf eine Sperrminorität im Parlament durchsetzen. Dies aber lehnt die anti-syrische und pro-westliche Mehrheitskoalition unter dem sunnitischen Ministerpräsidenten Fouad Siniora ab.

Im Libanon bestimmt der sogenannte Nationalpakt seit 1926, dass die höchsten Staatsämter paritätisch unter den Religionen aufgeteilt werden. Demnach muss der Regierungschef Sunnit, der Parlamentspräsident Schiit und das Staatsoberhaupt ein maronitischer Christ sein. Doch dieses sorgsam gewählte Gleichgewicht gerät zunehmend aus dem Lot. Nicht nur wegen der islamischen Extremisten oder der syrischen Macht, sondern auch, weil die einst mächtigsten und reichen christlichen Familien des Libanon zunehmend an Einfluss verlieren und sich gegenseitig blockieren. Ja, sie sind inzwischen zum Teil heftig untereinander verfeindet. Die FAZ schreibt: "Verfeindet wie in den Zeiten des Bürgerkriegs (1975-1990), stehen sich heute die christlichen Führer gegenüber. Erst Anfang des Jahres forderte der ehemalige Innenminister Suleiman Frandschijeh den maronitischen Patriarchen, Pierre Butros Nasrallah Sfeir, zum Rücktritt auf. (Ex-General) Aoun diffamierte das Kirchen-Oberhaupt als 'einfachen Bürger'. Die Ära der großen christlichen Clans ... ist längst vorbei."

 

Streit der Christus-Verständnisse

Der 87-jährige Patriarch, Kardinal Sfeir, der über die Grenzen seiner Kirche hinaus hohes Ansehen genießt, lässt trotz allem nicht nach, die Parteien des Landes und seine eigenen Gläubigen zu beschwören, endlich einen Weg zu bahnen, der die persönlichen Interessen Einzelner hintanstellt und die Zukunft, vor allem die junge Generation, in den Blick zu nehmen. Die Maroniten - 1,4 Millionen Libanesen unter 3,8 Millionen Einwohnern - haben in dem komplizierten Machtgefüge der einstigen "Schweiz des Nahen Ostens" eine besondere Stellung, nicht zuletzt durch ihre eigene Geschichte. Sie spielen weiterhin für den Libanon und damit für das sensible Gefüge im Kriegs-Friedens-Prozess des gesamten Nahen Ostens eine bedeutende Rolle. Um Wesen und Entwicklung der maronitischen Glaubensgemeinschaft zu verstehen, muss man sich tief in die Geschichte der oströmischen Christenheit begeben, in jene Epoche, als das Oströmische Reich sich von Konstantinopel bis hin nach Oberägypten ausdehnte. Seit Mitte des 4. Jahrhunderts beherrschte der Konflikt zwischen Ostrom und dem Iran die Geschichte des Vorderen Orients. Was die Gemüter der Menschen damals bewegte, war die globale, absolute Herrschaft der einen oder der anderen der beiden damaligen Supermächte. Wer das Sagen hatte, bestimmte auch das religiöse Bekenntnis.

War jedoch der persische Zoroastrismus - ein dualistischer Schöpfungskult, der eine heilige Schrift und mehrere Gottheiten kennt - zu sehr national gebunden, als dass er sich auf nicht-persische Gebiete hätte ausdehnen können, so erwiesen sich die innerkirchlichen Glaubenskämpfe als von weitaus größerer Brisanz für die Einheit von Kirche und Reich. Die politische Dimension dieser Glaubenskämpfe bestand im Verhältnis zwischen Kaiser und Kirche. Der Treue-Eid, der jeden Einzelnen an die Person des Kaisers band, enthielt als bindendes Zeichen sowohl die Formel für den Fahnen-Eid als auch den Wortlaut des christlichen Glaubensbekenntnisses. Die Formulierung einer eindeutigen Glaubensformel als Aufgabe der Kirche war somit für politische Stabilität wichtig.

Der syrische Kirchenhistoriker Joseph Hajjar ist der Ansicht, dass sich die Entstehung der maronitischen Kirche dem Schisma zwischen den Monophysiten und der oströmischen Staatskirche verdankt. Unter Monophysitismus versteht man eine im 6. Jahrhundert vertretene Theorie, wonach durch die Einigung des göttlichen Logos mit der menschlichen Wirklichkeit Jesu in der Inkarnation eine einzige Physis (lateinisch natura) entstanden sei. Dabei wird von der Göttlichkeit Jesu die Menschlichkeit bis zur Unkenntlichkeit aufgesogen. Besonders der aus Armenien stammende Kaiser Heraklius, der von 610 bis 641 regierte, erkannte die politische Gefahr des Schismas. Sein Versuch, die orthodoxe Reichskirche und den Monophysitismus in Einklang zu bringen, kam den Anhängern der Lehre von der einen Natur Christi (griechisch monos physis) weit entgegen. Die Einigungsformel, so Hajjar, enthielt die Anerkennung der zwei Naturen in Christus, jedoch verbürge die Einheit der Person Christi auch die Einheit seines Wollens und Wirkens. Das menschliche Wollen und Handeln Jesu sei demnach im göttlichen aufgehoben. Die Lehre von der einzigen Wirkungsweise - der energeia - wurde ersetzt durch die Lehre von dem "einen Willen" - dem thelema.

Die neue Glaubensformel vermochte weder die Orthodoxen noch die Monophysiten zu befriedigen. Dies führte zur Entstehung einer neuen Gruppe, den Monotheleten. Die byzantinische Orthodoxie sah sich einer weiteren Abspaltung gegenüber. Die Monotheleten gewannen rasch an Zulauf. Sie betrachteten sich als die rechtgläubigen Vermittler zwischen Monophysiten und Orthodoxen.

Der Monotheletismus wurde auf dem sechsten ökumenischen Konzil 680 in Konstantinopel verdammt. Seine Anhänger entzogen sich den anschließenden Verfolgungen durch den byzantinischen Staat, indem sie nach Süden über den Fluss Orontes flohen. Dort war die Macht Konstantinopels bereits durch den Islam gebrochen. Die monotheletischen Christen fanden zerstreut Schutz in der zerklüfteten Bergregion des nördlichen Libanon, nahe eines seit dem 6. Jahrhundert bestehenden Klosters des heiligen Maro. Zu ihrem Oberhaupt wählten sie den Mönch Johannes Maro. Nach ihm nannten sich die Mitglieder der Gruppierung fortan Maroniten.

 

Als "Häretiker" betrachtet

In der Abgelegenheit und Unzugänglichkeit der Schluchten des Wadi Kadischa konnten die kleinen Gruppen eine eigene Hierarchie ausbilden und eine autonome maronitische Kirche auf den Spuren von Maro entwickeln. Joseph Hajjar: "Die Verdoppelung ihres hierarchischen Systems (der Patriarch war geistiges und politisches Oberhaupt), ihr ländlicher Ursprung sowie ihr Wille, mit der monophysitischen und mit der Staatskirche eine Einigung anzustreben", versöhnten das orientalische und das hellenistische geistige Erbe. Bis ins Mittelalter hinein versah der Patriarch sein Amt kraft Wahl durch das Volk und die Mönche. Er erhob Kopf- und Kirchensteuern.

Der Kontakt mit den Kreuzzüglern, die 1099 Jerusalem eroberten und ihre Festungsanlagen entlang der Mittelmeerküste errichteten, bedeutete für die maronitische Gemeinschaft eine Ausdehnung von den Hochtälern des Wadi Kadischa bis zur Küste und damit den Anschluss an das westliche Christentum.

1182 traten sie erstmals in Verbindung mit dem Papst. Doch sollte die Annäherung nicht reibungslos verlaufen. Für Rom waren die Maroniten zunächst verirrte orientalische Christen, ja Häretiker. Erst das vierte Laterankonzil 1215 unter Innozenz III. und das siebzehnte ökumenische Konzil 1445 in Rom brachten die vollständige Einheit. In mehr als hundertjährigen Abständen folgten 1584 die Gründung eines maronitischen Kollegs in Rom zur Ausbildung maronitischer Geistlicher und 1736 die Annahme der Beschlüsse des Trienter Konzils sowie des römischen Katechismus durch ein maronitisches Generalkonzil.

Damit waren die Maroniten ein vollwertiges Mitglied der römisch-katholischen Kirche. Dies hinderte viele lateinische Geistliche nicht, den Maroniten mit Misstrauen zu begegnen. Der Grund dafür dürfte in einigen maronitischen Eigentümlichkeiten liegen. Da ist bis heute die fremdartige liturgische Sprache: das Altsyrische. Darüber hinaus dürfen Geistliche verheiratet sein und nur nach ihrer Weihe nicht mehr in den Ehestand treten. Die Maroniten erlauben ferner die Führung gemischter Klöster, in denen Mönche und Nonnen nebeneinander leben.

 

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Die Maroniten waren bestrebt, im Libanon einen christlichen Staat zu gründen. Das Zusammenleben der Gemeinde in der Bergwelt des Libanon-Gebirges hatte die maronitische Gemeinschaft zu einer Nation zusammenwachsen lassen, eine Entwicklung, wie sie ähnlich bei den muslimischen "Häretikern" der Drusen stattgefunden hat. Die Drusen sind ein altsyrischer Volksstamm, dessen Religion geprägt ist vom Islam und von gnostischem Gedankengut. Doch anders als diese haben die Maroniten ihre Bemühungen um die Etablierung eines eigenen Staates nie aufgegeben.

Als die Herrschaft des Osmanischen Reiches sich auch auf die Gebiete der Maroniten erstreckte, waren diese gezwungen, ab 1588 Tribut zu zahlen. Gestützt durch die türkische Macht, veränderten sich allmählich die traditionellen Abhängigkeitsverhältnisse in der Gesellschaft.

Als während des 17. Jahrhunderts die Hegemonie der Drusen unter ihrem Emir Fachr ed-Din begann, wandten sich die Maroniten als Teil der katholischen Welt hilfesuchend an das katholische Frankreich. Durch diesen Schritt suchten die Maroniten ihre lokale Autonomie vor drusischen und türkischen Angriffen zu schützen - ein Schritt, der besonders im 19. Jahrhundert das Leitmotiv maronitischer Politik werden sollte.

Das Bewusstsein, nicht mehr nur die geistliche Autorität der römischen Kirche, sondern fortan auch die politische Macht der Franzosen hinter sich zu haben, verstärkte auf maronitischer Seite den Wunsch, über ein eigenes, staatliches Territorium zu verfügen. Die Franzosen wussten die Verbindung mit den Maroniten gut zu nutzen. Durch sie wurde der libanesische Markt den Franzosen erschlossen. Die Maroniten profitierten von dem Bedarf der französischen Seidenmanufakturen nach Rohseide. Libanesische Maulbeerplantagen und die Seidenraupenzucht entwickelten sich rasant und trugen neben der veränderten bäuerlichen Anbauweise zur Herausbildung eines maronitischen Bürgertums bei. Fortan kontrollierten Maroniten den Fernhandel. Die franco-libanesischen Beziehungen verstärkten sich besonders nach Ende des Ersten Weltkriegs, als Frankreich 1920 vom Völkerbund das Mandat über den Libanon erhielt.

Der Libanon wurde allmählich frankophon, ein äußerliches Zeichen für den Erfolg französischer Kulturpolitik. Aber der Schein trog! Es lag auf der Hand, dass die französisch-maronitischen Sonderbeziehungen von der muslimischen Mehrheit im Libanon nicht akzeptiert werden würden. Blutige Auseinandersetzungen hatte es schon in den Jahren 1845 und - besonders schwer - 1860 hauptsächlich zwischen Maroniten und Drusen gegeben. Die beiden Weltkriege hatten den Zusammenbruch des türkischen Reichs und die Selbstständigkeit des Libanon zum Ergebnis.

Die Feindschaft zwischen Maroniten und Drusen blieb jedoch bestehen, wenn auch im Rahmen einer veränderten politischen Konstellation. Der panarabischen Bewegung war es zu Anfang des 20. Jahrhunderts gelungen, die Durchsetzungskraft kleinerer muslimischer Gesinnungsgruppen wie etwa der Drusen zu relativieren und durch die Vorstellung einer alle Araber umfassenden Identität zu ersetzen. Doch diese Bewegung scheiterte. Die Gründung des jüdischen Staates fiel ebenfalls in diese Zeit und stieß bei allen arabischen Ländern auf Ablehnung.

Anders jedoch ist die Haltung der Maroniten. Sie teilen mit den Israelis die Auffassung von der Bedrohung durch die muslimische Welt, welche die traditionell pro-westlichen Bindungen des Libanon durchtrennen und das Land vollständig unter islamischen Einfluss sehen will. Ähnlich den Israelis sehen auch die Maroniten ihr Existenzrecht durch Entwicklungen in der muslimischen Welt gefährdet.

Dass sich der maronitische Patriarch immer wieder offen in die Politik einschaltet, deutet auch darauf hin, dass die Christen befürchten, sie müssten sich vielleicht schon bald mit einer neuen islamischen Seite - mit den Schiiten - auseinandersetzen. In seinem Hirtenbrief zur Fastenzeit appellierte Kardinal Sfeir an Beirut und Damaskus, sich endlich zum Wohl beider Länder um ein verbessertes Verhältnis zu bemühen. Es besteht derzeit keine große Hoffnung, dass dieser Aufruf Gehör findet.

 

    {*} Der ursprüngliche Text von Jacques Naoum erschien unter dem Titel "Imperiale Kaisertreue - Die Maroniten vom Libanon" in der "Ökumenischen Information" der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA-ÖKI 1/2008 vom 3. Januar 2008). (C) 2008 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Jedwede mediale Nutzung und Weiterleitung nur im Rahmen schriftlicher Vereinbarungen mit KNA erlaubt.

 

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