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Stephan U. Neumann

Befreite Kirche - Befreite Kultur

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 50/2008, S. 559 f.

 

    Heute finden sich Ideen und prägende Persönlichkeiten der Theologie der Befreiung in den sozialen und kulturellen Bewegungen sowie in der Politik Lateinamerikas. Leonardo Boff, der am 14. Dezember seinen 70. Geburtstag feiert, ist ein Beispiel für diesen Wandel.

 

Gab es in den siebziger und achtziger Jahren kaum ein theologisches Seminar, kaum eine kirchliche Veranstaltung, auf der die Theologie der Befreiung nicht vorkam, hat sich die europäische Theologie seit Mitte der neunziger Jahre jenen Einflüssen aus Lateinamerika sowie aus Asien und Afrika nahezu vollständig verschlossen. Wie können wir Gott als den guten Schöpfer verkünden, der sich der Menschen annimmt wie ein guter Hirte, wenn zwei Drittel der Menschheit ausgeschlossen sind und hungern? Mit dieser Frage von den Rändern der Welt her schreckten lateinamerikanische Bischöfe und Theologen in der Folge des Konzils das damalige Zentrum der Kirche auf. Den "Schrei der Armen" wahr- und ernstnehmen, sich für eine "vorrangige Option für die Armen" einsetzen, wie es die lateinamerikanische Bischofskonferenz 1968 im kolumbianischen Medellin formulierte, und die ungerechten Strukturen in Kirche und Gesellschaft verändern - diese Ansprüche rüttelten am Selbstverständnis eines bürgerlich "beruhigten" Christentums.

Leonardo Boff, der wie kaum ein anderer für die Befreiungstheologie und verschiedene Konflikte mit dem kirchlichen Lehramt steht, ist kurz vor seinem siebzigsten Geburtstag zu einer Vortragsreise in die Schweiz gekommen. Damit hat er eine sich wandelnde und mit den neuen Herausforderungen wachsende Theologie der Befreiung auch hier in der Mitte Europas wieder in Erinnerung gerufen. Warum aber hat die allgemeine Aufmerksamkeit nachgelassen? Vor allem zwei Gründe führt Boff an: Die Befreiungstheologie ist heute weniger polemisch und damit für die Medien weniger interessant, und sie ist "gegen das herrschende System. Deshalb soll sie unsichtbar gemacht werden". Damit meint Boff vor allem das globale Wirtschaftssystem, weniger die aktuellen Regierungen in Lateinamerika. Es dürfte allerdings auch die Enttäuschung über den Sozialismus nach der "Wende" Osteuropas eine entscheidende Rolle für das damals aufkommende Desinteresse gespielt haben. Doch die Befreiung aus materieller und geistiger Armut bleibt nach wie vor eine der drängendsten Aufgaben in Lateinamerika und anderswo. Der emeritierte brasilianische Bischof Pedro Casaldáliga bestätigt in der Zeitschrift "Brasilien Nachrichten": "Die Option für die Armen ... ist selbst von konservativen Diözesen übernommen worden ... und unverzichtbarer Bestandteil der heutigen Kirche."

 

Theologen bei Politikern

Der geistige Austausch findet allerdings immer häufiger in "weltlichen" Gremien und Foren statt. So kamen während der Weltsozialforen, die seit 2001 als Gegenveranstaltungen zu den Gipfeln der Welthandelsorganisation organisiert werden, rund 500 Befreiungstheologen aus der ganzen Welt zu Gesprächen zusammen. Boff meint: Es sei heute über das bloß Innerkirchliche hinaus eine Entwicklung hin zu einer "befreiten Kultur" zu beobachten, die in Theologie und Kirche jedoch ihren Anfang genommen, viele soziale Bewegungen herausgebildet hat und inzwischen bis in die Politik hineinwirkt. So fühle sich der brasilianische Staatspräsident Luiz Inácio da Silva, der frühere Führer der Metallarbeiter-Gewerkschaft, heute als Politiker ebenso als ein Vertreter der Befreiungstheologie wie sein ecuadorianischer Amtskollege Rafael Correa. Mit ihnen steht Boff ebenso im Kontakt wie mit dem neuen Präsidenten von Paraguay, Fernando Lugo. Der von seinem geistlichen Hirtenamt suspendierte Bischof ist seit mehr als dreißig Jahren bekennender Befreiungstheologe. Zum umstrittenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez hält Boff allerdings lieber Abstand.

Aber hat die heutige Nähe von Befreiungstheologen zur Politik tatsächlich auch eine Befreiung der Armen befördert? Oder bestätigt sich das, was kirchliche Kritiker immer wieder behauptet haben: Die Theologie der Befreiung hänge der marxistischen Ideologie an? Einmal abgesehen von Kuba und Venezuela, verstehen sich die neuen "linken" Regierungen Lateinamerikas zwar als sozialistisch. Allerdings fehlt eine ideologische Frontstellung, wie sie auf der Nordhalbkugel während des Kalten Kriegs ausgeprägt war. Eine Ablehnung des Christentums oder eine systematisch kirchenfeindliche Politik wäre in den meisten lateinamerikanischen Staaten undenkbar. Die regierenden Arbeiterparteien, die eher "sozialdemokratisch" ausgerichtet sind, haben keinerlei Berührungsängste mit Kirchenvertretern oder Theologen, was sich auch daran zeigt, dass mehrere Befreiungstheologen in den Regierungen mitarbeiten.

 

Brasilien - Deutschland - Brasilien

Es gibt aber auch kritische Stimmen gegen die Regierungen. So bemängeln die Bischöfe in Paraguay, dass Lugo die versprochene Landreform noch nicht angepackt habe, und der brasilianische Dominikaner und Befreiungstheologe Frei Betto kehrte dem Präsidenten nach nur zwei Jahren als Berater den Rücken, weil sich die soziale Ungleichheit weiter erhöht habe. Darauf angesprochen, räumt Leonardo Boff im Gespräch ein, dass sich die jetzige Wirtschaftspolitik aufgrund des internationalen Drucks zur Öffnung der Märkte kaum von der früheren unterscheide. Für die fünfzig Millionen Ärmsten habe aber das Regierungsprojekt "zero fome" (Null Hunger) dazu geführt, dass sie nicht mehr nur eine, sondern drei Mahlzeiten am Tag bekommen. Es wird wohl noch viel Geduld und Arbeit brauchen, bis global tatsächlich sozial gerechtere Strukturen unter den Bedingungen von Weltmarkt und freiem Wettbewerb entstehen können.

Der Weg von einer europäisch geprägten Theologie zu einer Theologie Lateinamerikas sowie der sich anschließende

 


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Wandel von einer Theologie der Befreiung zu einer Kultur der Befreiung spiegeln sich im Leben von Leonardo Boff selbst wider. Am 14. Dezember 1938 als drittes von insgesamt zehn Kindern italienischer Einwanderer in Concordia im brasilianischen Bundesstaat Santa Catarina geboren, kam er schon mit elf Jahren ins sogenannte Kleine Seminar der Franziskaner. So konnte der Sohn eines schlecht bezahlten Lehrers und einer Mutter, die zeitlebens Analphabetin blieb, das Gymnasium besuchen. Es folgten das Noviziat mit Philosophie- und Theologiestudium und 1964 die Priesterweihe. Die folgenden fünf Jahre promovierte er in München und befasste sich daneben viel mit Philosophie und auch Psychologie, insbesondere mit C.G. Jung, dessen brasilianische Werk-Ausgabe er später koordinierte. Seine Doktorarbeit "Die Kirche als Sakrament im Horizont der Welterfahrung" konnte er bald veröffentlichen, "weil Joseph Ratzinger - damals Professor in Regensburg - die Thesen gelesen hatte und begeistert war", wie Boff in einem Interview in dem Buch "Leonardo Boff - Anwalt der Armen" (Wegwarte Verlag 2008) rückblickend erzählt. Boff machte 1970 bei Leo Scheffczyk in systematischer Theologie seinen Doktor und wurde vom heutigen Papst Benedikt XVI. bei der Veröffentlichung finanziell unterstützt. Der Weg eines fleißigen und anerkannten Theologen schien vorgezeichnet.

Aber die Rückkehr nach Brasilien - seit 1965 herrschte dort eine Militärdiktatur - war wie ein "Damaskus-Erlebnis". "Bei meiner Ankunft habe ich Kopf und Herz voller europäischer Kultur und Mentalität. Doch schon auf dem Weg nach Petrópolis ... fällt mich die ganze Misere an, die ich so bisher kaum wahrgenommen hatte; so viel Elend auf der Straße: Handlanger und Bettler, Arbeitslose und streunende Kinder... Ich erlebte einen richtigen Kulturschock", so Boff in einem Interview.

 

Streit unter Brüdern

Als Boff 1981 das Buch "Kirche: Charisma und Macht - Studien zu einer streitbaren Ekklesiologie" veröffentlichte, in dem er der Kirche Machtmissbrauch vorhielt und die hierarchische Amts-Struktur als nichtbiblisch kritisierte, kam es zum offenen Konflikt mit der vatikanischen Glaubenskongregation. Das ihm 1985 auferlegte einjährige Bußschweigen nahm der Theologie-Professor an der Hochschule in Petrópolis noch auf sich. Als ihm 1992 erneut ein Bußschweigen verordnet und die Lehrerlaubnis entzogen werden sollte, legte er das Priesteramt nieder, trat aus dem Franziskanerorden aus und heiratete 1993 die Theologin und Menschenrechtlerin Marcia Monteiro da Silva Miranda.

Kritik an bestimmten Ausprägungen, ja Verengungen der Befreiungstheologie kam aber nicht nur aus Europa. So zeichnet die Zeitschrift "Orientierung" (Oktober 2008) einen interessanten aktuellen Bruderkonflikt in der Befreiungstheologie selber nach. Im Herbst 2007 hat Leonardos Bruder Clodovis Boff in einem Artikel "Theologie der Befreiung und die Rückkehr zu ihren Fundamenten" beklagt: Nicht mehr Gott sei das erste Prinzip, sondern der Arme. Er bemängelt den Verlust theologischer Fruchtbarkeit, die Verweltlichung beziehungsweise "NGO-isierung" (NGO - Nichtregierungs-Organisation) der Kirche, wobei der Glaube auf eine bürger-gesellschaftliche Mobilisierungsideologie reduziert werde. Dazu sei es gekommen, weil die Theologie der Befreiung den "Schock" der Begegnung mit der Armut nicht verkraftet habe und - wie die gesamte Theologie - ein Opfer des Modernismus und Anthropozentrismus (der Mensch steht im Mittelpunkt) geworden sei.

 

Leonardo und Clodovis

Der Autor des Beitrags, Ludger Weckel vom unabhängigen "Institut für Theologie und Politik" in Münster, weist darauf hin, dass es sich weder um eine rein lateinamerikanische noch um eine ganz neue Kontroverse handelt. Das Problem liege wohl in einer Aufsplitterung der Theologie in eine Theologie eins und eine Theologie zwei, wie sie sich auch schon in der theologischen Dissertation von Clodovis Boff von 1983 findet. Während sich die "erste" Theologie mit Gott, Schöpfung, Christus, Gnade usw. beschäftige, reflektiere die "zweite" Theologie Kultur, Geschichte oder eben auch Politik. Dazu gehört die Befreiungstheologie als ein besonderer Typ der politischen Theologie.

Diese Einteilung in eine "Theologie an sich" und eine nachgeordnete "kontextuelle Theologie" verkennt jedoch, dass alle Theologen aller Zeiten in einer konkreten geschichtlichen Situation und Umwelt - in einem Kontext - Theologie treiben.

Auch die Offenbarung Gottes in Jesus Christus - die Inkarnation - ist ja kontextuell. Gott wird Mensch in einer konkreten Zeit in der Person Jesus von Nazareth. So widerspricht Leonardo Boff seinem Bruder vehement: "Es stimmt nicht, dass die Befreiungstheologie Gott und Christus durch den Armen ersetzt hat. Es war Christus, der sich mit den Armen identifizieren wollte. Wer dem Armen begegnet, trifft unfehlbar auf Christus in Gestalt des immer noch Gekreuzigten, der darum bittet, vom Kreuz heruntergenommen und auferweckt zu werden." (Alle Beiträge zu dieser Kontroverse finden sich kostenlos als Onlinebuch, Ludger Weckel {Hg.]: Die Armen und ihr Ort in der Theologie, unter: www.itpol.de/?p=267.)

Die Option für die Armen ist und bleibt so nicht nur ein Akt humanistischer Nächstenliebe, in ihr verkörpert sich vielmehr sakramental die Gottesliebe. Die "Adveniat"-Aktion drückt das mit dem Leitwort zum diesjährigen Weihnachtsfest so aus: "Gott wohnt in ihrer Mitte".

Die vorangige Entscheidung für die Armen ist also die Grundlage einer liebenden Kirche, die Gottes Würde mit der Würde seiner Geschöpfe verbindet. Die Theologie der Befreiung ist in diesem Sinne keineswegs am Ende, auch wenn sie heute weniger aufsehenerregend Glauben und Handeln der Christen bestimmt. Trotz aller Konflikte und mancher persönlichen Tragik ist es Theologen wie Leonardo Boff zu verdanken, dass sich der Glaube der Christen auf eine wichtige Gewissenserforschung eingelassen und erneuert hat.

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'