Hilfreiche Texte

Link zum Mandala von Bruder Klaus
Pietro Parolin {*}

Der Stellenwert der Religionsfreiheit
aus Sicht der katholischen Kirche

 

Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern
'zur debatte', 1/2008, S. 6f.

 

1. Die Phänomenologie der Globalisierung

Es liegt auf der Hand, dass unser heutiges Thema - die Globalisierung - als Phänomen an die Säkularisierung anschließt, auch wenn sie stärker artikuliert und in Gegenden präsent ist, die der Säkularisierung verschlossen blieben. Als Folge der Globalisierung kann man verzeichnen: die Integration der Volkswirtschaften und das exponentielle Anwachsen der Finanzströme, die Revolution bei den Kommunikationsmitteln und die Geschwindigkeit im Transportwesen, die Vernetzung der internationalen Organisationen und die Zuwanderungsströme, die Bildung einer internationalen Zivilgesellschaft und die Entstehung von kriminellen und sogar terroristischen Netzwerken.

Die Technik hat bei der Entwicklung der Globalisierung eine zentral Rolle gespielt; dabei ist es ihr gelungen, eine technische Sicht für die Politik und die demokratischen Prozesse durchzusetzen, die Volkswirtschaften auf die rein finanziellen Aspekte auszurichten und sogar den Versuch zu unternehmen, die Religionen synkretistisch und auch relativistisch gleichzuschalten. Dadurch wurde die Globalisierung gewissermaßen in eine Art Ideologie verwandelt - den Globalismus - welcher das von ihrer Natur her offene Wesen der Globalisierung einengt und eine unangemessene und voreingenommene Interpretation der Globalität darstellt. Indem sie die Komplexität der Globalisierung vereinfacht, setzt sie starre Schemata ein, welche die Würde des Menschen beschämen.

Es wäre somit abwegig und gefährlich, die Globalisierung auf ihre technischen und technologischen Aspekte zu reduzieren, auch wenn diese am meisten auffallen. Die Globalisierung wird sich ständig auf die Logik des "sowohl - als auch" berufen, und nicht auf das "oder - oder"; sie pflegt eine Rationalität, die in der Lage ist zu vereinen und dabei zu diversifizieren und zu untergliedern ohne die Zusammenhänge zu verlieren. Als positiv ist auch zu bewerten, dass sich die Globalisierung des technischen und technologischen Fortschritts bedient, um ihre Ausbreitung zu fördern. Sie muss sich aber davor hüten, diesen Fortschritt als Selbstzweck darzustellen und sie muss eine gewisse Orientierungslosigkeit in Kauf nehmen, wenn sich die erwartete Effizienz nicht einstellt und wenn es der Rationalität der Technik nicht gelingt, die Ideale der Gleichheit und der Integration zu verwirklichen.

 

2. Ein menschliches Antlitz für die Globalisierung

Diese - notgedrungen - knappen Bemerkungen sollen darauf hinweisen, dass die Globalisierung als Mechanismus kein Selbstläufer ist: sie stellt zwar Bedingungen, kann aber nicht allein bestimmen, da auch sie der Freiheit des Menschen unterworfen ist. Somit kann und muss die Globalisierung ein Gesicht bekommen, da sie ansonsten "den Menschen schrittweise in eine variable Marktgröße, in eine Ware und in einen unerheblichen Teil des großen Ganzen verwandelt".

Die Globalisierung hat die ideologisch, ethnisch, nationalistisch und kulturell geschlossenen Gesellschaften schachmatt gesetzt und die positive Öffnung zu einer universalen Gesellschaft hin befördert. Dieser Prozess hat allerdings auch eine gegenläufige Dynamik erzeugt: so besteht die ständige und überbordende Tendenz, den einzelnen Bürger und die Nationen zu beschützen, was schnell in Nationalismus und Populismus umschlägt und zu den verheerenden Folgen führen kann, die uns nur allzu gut bekannt sind.

Kurzum, die Globalisierung hat kein Gesicht, gerade weil sie mehrere hat. Sie ist wie ein Prisma mit vielen Facetten, die nicht alle erfasst werden können. Dabei hat vor allem als "global" der Mensch als Einzelner zu gelten, mit der ihm eigenen Natur als Ebenbild Gottes, sowie die Menschheit als Ganzes mit ihrem Streben nach Freiheit und Würde. Auf dieser Ebene ist der Begriff der Globalisierung angebracht, auch wenn es dieser Ebene nicht immer gelingt, sich gut sichtbar darzustellen. Somit ist das Gesicht, das man der Globalisierung geben muss, das Antlitz des menschlichen Wesens. Die Globalisierung braucht ein menschliches Antlitz. Das Interesse der Kirche an der Globalisierung kann nicht darin bestehen, soziologische Analysen anzustellen oder ökonomische und juristische Lösungsvorschläge anzubieten; das was die Kirche direkt zu interessieren hat, ist die Wahrung und die Förderung des Menschen und der für ihn wichtigen Güter, nämlich den Aufbau einer Welt als brüderliche Gemeinschaft für Alle. Dies geschieht über einen anthropologisch-theologischen und ethischen Ansatz, auf den Papst Johannes Paul II. verwiesen hat, als er sagte: "die Normen für das Leben in der Gesellschaft befinden sich im Menschen selbst, in der Menschheit, so wie sie der Hand Gottes entsprungen ist."

 

3. Relativismus als Risiko

Die soziale Projektion der Religionsfreiheit ist somit ein wichtiger Aspekt für die globalisierte Gesellschaft. Man kann allerdings nicht verhehlen, dass der Globalisierungsprozess die Neigung zum Relativismus im weiteren Sinne und zum religiösen Relativismus im engeren Sinne fördert; dies führt dazu, dass die Religionen untereinander als gleichwertig dargestellt werden und dass jede von ihnen die Menschen nach eigenem Gutdünken, zum Heil führen kann. Folgerichtig wird dann auch jede Religion - und ganz besonders das Christentum - die mit dem Anspruch auf die Wahrheit antritt, als eine fanatische und potentiell fundamentalistische Bewegung angesehen.

Anders ausgedrückt: die Globalisierung berechtigt nicht dazu, die Frage der Wahrheit in religiösen Dingen beiseite zu schieben und zwar aus dem Grund, dass die Würde des Menschen gewahrt bleiben muss, auf der die religiöse Freiheit ja gründet. Wie jede Freiheit ist die Religionsfreiheit ja auch kein Selbstzweck, sondern sie richtet sich an der Wahrheit aus. Der Mensch kann sich bei den wichtigen Dingen nicht damit zufrieden geben, "als Blinder geboren" zu sein. Die Abkehr von der - auch religiösen - Wahrheit kann nie endgültig sein. Wenn man ein verantwortungsbewusstes Leben führen will, so wird man nicht umhin können, nach der Wahrheit zu suchen, nach der Wahrheit über sich selbst und, als Endzweck des Daseins, nach der Wahrheit über Gott. Das Recht auf Religionsfreiheit bedingt somit die Pflicht, nach der Wahrheit über Gott zu suchen, ohne Zwang und ohne Vorurteile.

Was nicht ohne Folgen für den interreligiösen Dialog bleiben kann, der in der globalisierten Gesellschaft ziemlich aktuell ist. Dieser Dialog wird sehr oft von den unterschiedlichsten Behörden gefördert, die ab und zu den Eindruck erwecken, als ob sie sich davon eine Angleichung der verschiedenen Religionen erhofften oder dass man wenigstens die Unterschiede zwischen ihnen verwischen könnte, um so die schwelenden Konflikte zu beseitigen und die nun schon fanatische Suche nach der Wahrheit zu überwinden. Die Religionen dürfen allerdings bei einem Zusammentreffen nicht auf die Wahrheit verzichten, sondern sie müssen versuchen, diese zu vertiefen. Der Relativismus vereint keineswegs. Der reine Pragmatismus auch nicht. Der Verzicht auf die Wahrheit und auf seine Überzeugung erhebt den Menschen nicht und nähert sie auch nicht einander an, sondern lässt ihn im Bereich des Kalküls und des Egoismus, wodurch er seiner Größe verlustig geht.

Deswegen hoffe ich, dass die bekannte Initiative "Alliance of Civilisation", wie alle Initiativen zum interkulturellen und interreligiösen Dialog, die von zivilen Behörden gefördert werden, welche damit ihre edlen Absichten unter Beweis stellen wollen, nicht auf das eigentliche proprium der Religionen verzichtet. Diese Initiativen sollten sich mit allgemein interessierenden Themen, wie Frieden und Entwicklung befassen, ohne sich in die religiösen Belange einzumischen; sie sollten alle gleich behandeln und die Gefahren des Relativismus und des Synkretismus vermeiden.

 

4. Globalisierung und Privatisierung

Die Globalisierung trägt ohne Zweifel zum Abbau der Barrieren bei, sie zwingt die Kulturen und die Wertsysteme dazu, sich zu öffnen; dies darf aber nicht auf Kosten der Wahrheit und deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit geschehen. Ansonsten würden die vielen Möglichkeiten der Öffnung nur auf eine anonyme und formelle Anerkennung hinauslaufen; die Öffnung gegenüber neuen Kulturen und Lebensarten wäre nur ein rein äußerlicher Vergleich oder die Anpassung an die Kultur, die sich am stärksten behaupten kann; die Toleranz wäre gleichbedeutend mit Indifferenz oder mit der Unfähigkeit, die großen ethischen Fragen diskutieren zu können. Man sollte nämlich nicht übersehen, dass der Kontakt zu den "Unterschieden" auch dazu führen kann, gar nicht mehr zu kommunizieren, wodurch der öffentliche Raum dann als "neutral" eingestuft würde. Will man hingegen die Freiheit aller aufs höchste ausdehnen, ohne die Bande zu zerschneiden, die es den Menschen erlauben, sich nahe und sogar geeint zu sein, dann muss man sich öffentlich zu einem gemeinsamen Ethikkodex bekennen. Damit dies geschehen kann, muss man aber auch die öffentliche Dimension der religiösen Freiheit anerkennen. Denn diese Freiheit enthält die ethischen Werte, welche die Demokratie befruchten und die Kultur bereichern können. Der Freiheit der Religion ist eine ihrem Wesen entsprechende öffentliche Dimension eigen, da derjenige der glaubt, nicht versteckt werden soll, sondern zur Teilhabe aufgefordert werden muss. Außerdem sind die Werte, die an die tiefen Glaubensüberzeugungen angebunden sind, mit den Werten der Natur und der Vernunft identisch: sie können von allen geteilt werden. Es war Alexis de Tocqueville, der erkannt hatte dass der Despotismus die Religion nicht brauche, die Freiheit und die Demokratie diese aber sehr wohl.

Somit versucht die globalisierte Gesellschaft, in aller Öffentlichkeit die Überlegungen zur Transzendenz dem eigenen Gewissen und der freien Entscheidung des Einzelnen zu überlassen; sie will die Fragen nach den letzten Dingen in der öffentlichen Debatte neutralisieren, um sich so den vorletzten Dingen widmen zu können, bei denen man glaubt, etwas müheloser zu einer Übereinkunft zwischen den Personen und den Kulturen gelangen zu können.

Überzeugungen dieser Art verlangen vom Staat, die religiösen Dinge nicht zur Kenntnis zu nehmen, sich jeglicher Ethik zu verschließen und sich darauf zu beschränken, dem Einzelnen einen möglichst großen Freiraum für sein Gewissen und seine Freiheiten zu verschaffen. Dadurch gerät der Staat aber in die Gefahr, von den Bürgern der globalen Gesellschaft zu verlangen, dass sie ihrem eigenen moralischen Gewissen abschwören, zumindest was ihr Handeln in der Öffentlichkeit angeht. Er will, dass seine Bürger bei ihren öffentlichen und beruflichen Handlungen von den eigenen Überzeugungen absehen, um all den Forderungen nachzukommen, die durch die geltenden Ge-

 


7

setze abgedeckt sind, wobei das Gesetz auch als einziges moralisches Kriterium zu gelten hat.

Diese Konzeption kann auch zu Diskriminierungen führen. Wie kann man von gläubigen Menschen verlangen, außerhalb ihrer Privatsphäre so zu leben und zu handeln, als ob es keinen Gott gäbe? So als ob theistische und religiöse Argumente und Gründe in einer liberalen Gesellschaft öffentlich nicht vorgebracht werden könnten, während die rationalistischen und säkularen Argumente sehr wohl Geltung hätten, was zudem einem Verstoß gegen den Grundsatz der Gleichheit und der Gegenseitigkeit gleich käme, auf dem ja das ganze Konzept der Gerechtigkeit in der Politik beruht.

Die Analyse unserer heutigen Zeit ergibt allerdings, dass diese Ideologie überholt ist. Die "unbequeme" Wirklichkeit besagt nämlich, dass bei den "vorletzten Dingen" Probleme entstehen, die mit der Anthropologie, der Ethik und dem öffentlichen Recht zu tun haben. Das öffentliche Recht ist betroffen, weil hier grundsätzliche Probleme auftreten, bei denen die politische Vermittlung nicht mehr ausreicht, da diese Probleme - im Gegensatz zu den Partikularinteressen - keinen eigentlichen Mittelpunkt haben. All das wird heutzutage mit Macht auf das Recht "abgeladen". Man konnte sich in der Vergangenheit auf die von Kant geprägte Autonomie berufen, da seinerzeit der geltende Moralkodex mit der christlichen Ethik, die als universal galt, gleich war. Aber heute, wo sich das ethische "Uni-versum" in ein moralisches "Pluri-versum" zerbröselt hat und wo jeder sich seine Gesetze selbst macht? Wo es nur Einzelindividuen mehr gibt, die sich sehr schnell für absolute Wesen halten?

Um in der Globalisierung ein ausgeglichenes Leben führen zu können, sollte man es vermeiden, die Religionsfreiheit allzu sehr als Privatsache zu betrachten. In unserer heutigen Gesellschaft, mit ihren zahlreichen Ethnien und Konfessionen, sind die Religionen dazu geeignet, ihre Mitglieder zusammen zu halten; dies gilt ganz besonders für die christliche Religion, die in ihrem Universalismus zur Öffnung, zum Dialog und zu einer harmonischen Zusammenarbeit aufruft.

 

5. Religionsfreiheit und multikulturelle Gesellschaften

Hier erscheint unser Thema nun in einem neuen Licht: durch die Globalisierung leben zwar zahlreiche Ethnien in dem gleichen Raum zusammen, doch es besteht die Gefahr, dass Spannungen entstehen, hervorgerufen durch Unverständnis und fehlenden Respekt vor den kulturellen Werten des Aufnahmelandes oder durch die Verletzung der Würde der Zuwanderer, weil sie nicht die gleiche Kultur oder den gleichen Glauben haben. Die Globalisierung führt bekanntlich zu einem Anschwellen der Zuwanderungsströme; dabei sollte eine klare Unterscheidung getroffen werden zwischen einer geregelten Aufnahme der Zuwanderer unter Wahrung ihrer Religionsfreiheit einerseits und der Gefahr von ungerechtfertigten Konzessionen andererseits, die eine Bedrohung für die kulturelle und religiöse Identität des Aufnahmelandes wären. Die globalisierte Gesellschaft tendiert zum Nivellieren und zum Ausgleichen, was den Staat aber nicht daran hindern sollte, in seinen Gesetzen und Verordnungen die religiösen Werte zu beachten, die von der Mehrheit seiner Bürger angenommen werden und die zum historischen, künstlerischen und kulturellen Erbe der eigenen Nation gehören.

Das Eintreten für den Wert der Gleichheit stützt die Entwicklung von juristischen Systemen, die unabhängig von der Religion - die Würde des Menschen insgesamt verteidigen und somit auch die Gleichheit von Mann und Frau auf ihre Fahnen geschrieben haben. Dieser Umstand ist nicht nur juristisch von grundsätzlicher Bedeutung, da er zu Gesellschaftsmodellen hinführt, mit denen die Globalisierung positiv bestanden werden kann, gute Ergebnisse bringt und ein friedliches Zusammenleben national und international ermöglicht. Es geht um die ausgewogene, demokratische und pluralistische Entwicklung unserer Gesellschaften und wohl auch um die Koexistenz innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft: dies ist der positive Aspekt, den man der Globalisierung abgewinnen muss.

Negativ zu bewerten ist das Gefühl der Ausschließung, das durch diesen Prozess auch in Gang gesetzt werden kann, mit all seinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nachteilen, die dann zu Spannungen zwischen den verschiedenen Gruppen und Religionen führen, die mancherorts instrumentalisiert und ausgenützt werden. Hierdurch wird überdies das Zusammenleben beschädigt und es kann auch zu einer Bedrohung der Dynamik innerhalb der Globalisierung kommen.

 

    {*} Monsignore Pietro Parolin, Untersekretär des Heiligen Stuhls für die Beziehungen zu den Staaten, Rom

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'