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Johannes Röser

Werkstatt einer neuen Weltzivilisation?

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 20/2008, S. 223 f.

 

    Lateinamerika erlebt einen "Linksrutsch" ohnegleichen. Die an die Macht gekommenen Staats- und Regierungschefs sind allerdings eher sozialdemokratisch als sozialistisch orientiert. Der politische Sondertrend des Subkontinents gegen die neoliberalen Trends einer rein ökonomischen Globalisierung wirft die Frage auf, was das kulturell bedeutet, nicht nur für die Neue, sondern ebenso für die Alte Welt. Durch den EU-Lateinamerika-Gipfel und die bislang längste Auslandsreise der Bundeskanzlerin nach Brasilien, Peru, Kolumbien, Mexiko rückt jene zuletzt etwas vergessene Weltgegend neu in unser Blickfeld.

 

Die "Achtundsechziger", an die anlässlich der Mai-Revolten vor vierzig Jahren jetzt wieder erinnert wird, wollten nicht nur eine Umwandlung unserer westlichen Gesellschaften. Sie suchten eine weltrevolutionäre Transformation auch der Kulturen. Sie erwarteten eine Art säkulare Heilsgeschichte für die profane Weltgeschichte. Als Hoffnungs-Modell galt damals Lateinamerika, angeführt von der kleinen, rebellischen Zuckerrohr- und Zigarreninsel Kuba mit einem eigenwilligen karibischen Sozialismus unter Fidel Castro. Im Herbst dieses Patriarchen, rund ein halbes Jahrhundert nach der Machtübernahme in Havanna, sind die Paradiesträume längst geplatzt. Viele Linksintellektuelle Europas haben sich spätestens im Zuge von 1989 von Lateinamerika abgewendet - wenn sie nicht gleich ihren pathetischen Glauben an Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verloren und zum Neoliberalismus überschwenkten. Inzwischen interessiert uns der islamische Kulturkreis in Furcht und Zittern weit mehr als der lateinamerikanische. Und wenn die Bezinpreise in schwindelerregende Höhen steigen, schauen wir sorgenvoll dahin, wo Peking und Delhi den Markt abschöpfen - und dazu unsere Leichtigkeit des Seins.

 

Die neue Linke

Lateinamerika war für längere Zeit der europäischen Aufmerksamkeit entrückt. Das könnte sich jetzt ändern in dem Maße, in dem "linke" Regierungen den südlichen Teil der Neuen Welt erobern, ganz gegen den Sog der Enttäuschung sozialistischer Naherwartung in Mittel- und Osteuropa. Während die führenden Nationen auf eine ökonomische Globalisierung ohne Grenzen setzen, beginnt man in Lateinamerika etwas "unzeitgemäß" damit, wieder die soziale Frage zu stellen. Das ist vielleicht doch eine späte demokratische Frucht der Befreiungstheologie, einer christlich-sozialen Aufklärung der Menschen.

Die "Neue Zürcher Zeitung" (16.2.) sieht diese Entwicklung jedoch keineswegs positiv. Sie fürchtet "das Gespenst einer totgeglaubten Ideologie", die plötzlich wieder erwache. Der Autor, Uwe Stolzmann, Publizist, Literaturkritiker und erfahrener Lateinamerikareisender, sieht es so: "Seit 1998 wird die Region von einer roten Welle förmlich überrollt. Umsturz an den Urnen. Präsidenten wie Volkstribun Hugo Chávez, der Gewerkschafter 'Lula' in Brasilien, Kokabauer Evo Morales aus Bolivien, die Eheleute Kirchner in Argentinien, die Chilenin Bachelet, Rafael Correa in Ecuador, der Uruguayer Tabaré Vázquez, Alan García aus Peru, Alt-Sandinist Daniel Ortega - sie alle nennen sich 'Linke' oder werden so genannt." Soeben kam der frühere Bischof Fernando Lugo als Staatspräsident von Paraguay hinzu. Was ist von ihnen zu erwarten? Nach Stolzmanns Einschätzung nichts Gutes. Von Land zu Land macht er die Rechnung der Opfer auf. Stets begann es mit revolutionären Hoffnungen. Die "gute Sache" im Namen einer gerechteren Ordnung endete aber fast immer in Verbrechen. Zitiert wird der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa: "Man schafft die Hölle, wenn man versucht, die perfekte Gesellschaft zu errichten." Und der Autor fährt fort: "Für den Fremden hat die Region etwas Düsteres, ein Rätsel, das verstört und schockiert. Dieser Kontinent mit seiner sprichwörtlichen Kultur der Gewalt. Mit seinen periodischen Rückfällen in die Barbarei. 'Kultur der Gewalt'? Feinsinnige Umschreibung für Terror und Willkür. Der Reisende ist schnell verwirrt von der allgemeinen Verehrung für erbarmungslose Heilbringer jeder Art: Diktatoren, Generäle und Rebellenführer, Täter im Auftrag einer höheren Fügung."

Tatsächlich stößt man in Lateinamerika auf ein oftmals religiös oder quasi-religiös gefärbtes Sendungsbewusstsein, einen Messianismus mal mit und mal ohne Gott. Das setzte mit der europäischen Eroberung und Kolonisierung unter Kolumbus ein, der ein "neues Jerusalem" errichten wollte.

 

Motor kultureller Globalisierung

Der argentinische Anthropologe und Kulturhistoriker Constantin von Barloewen bewertet den Lateinamerika eigentümlichen Messianismus grundsätzlich positiv. In der "Zeit" (30.4.) erklärt er, "die lateinamerikanische Hoffnung" sei aktuell. Ohne die religiösen und kulturellen Besonderheiten dieses Kontinents könne man die gegenwärtigen Tendenzen jedoch nicht verstehen. Die messianischen Bewegungen seien im Grunde Gegenbewegungen - zuerst gegen einen Neofeudalismus, "der sich bloß als bürgerlich-westlicher Liberalismus" tarnte, und gegen ein "Autoritätsprinzip des Paternalismo", der sich unter modernen Masken verbarg. Damit wurde Lateinamerika über fünf Jahrhunderte hinweg jene Neuzeit, Aufklärung, ja Moderne vorenthalten, die Europa und schließlich Nordamerika für sich reklamierten.

Die lateinamerikanische Geschichte ist nicht nur Verfallsgeschichte und schon gar nicht bloß Gewaltgeschichte, sondern

 


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ein Versuch zur "Metamorphose des utopischen Denkens". Das Experiment wurde "von einem gleichsam 'messianischen Überschuss', von einem kreolischen, indigenen und panamerikanischen Traum" inspiriert. Im selben Jahr, als Thomas Morus seine "Utopia" veröffentlichte - 1516 -, beschrieb der "Vater der Indios" Bartolomé de Las Casas die Ureinwohner als Menschen "in Unschuld und ohne Habgier", die im Gegensatz stünden zum Europa der Renaissance. Manche meinten, dass das messianische Friedensreich für die gesamte Menschheit von Lateinamerika ausgehe - einschließlich der Bekehrung Nordamerikas von Materialismus, Hedonismus, Habgier. Bis zur Befreiungstheologie reichten diese Utopien sozialer Gerechtigkeit, die immer wieder scheiterten. Ist Lateinamerikas "Mission" damit aber selbst gescheitert?

Constantin von Barloewen beurteilt das anders als Stolzmann. Die aktuelle Wende nach links bedeute keinen Rückfall. Es werde vielmehr deutlich, "dass der Kontinent neue Antworten auf die Globalisierung sucht - andere Antworten als das kommunistisch-kapitalistische Regime in China und andere auch als Indien, das sich dem westlichen Fortschrittsbegriff verschrieben hat. Die neuen politischen Bewegungen Lateinamerikas ragen für die Kritiker wie ein Anachronismus, für andere aber wie ein Fels der Hoffnung aus der kapitalistischen Weltgesellschaft heraus. Zumindest stellen sie ernsthaft die Frage, ob es nicht doch Alternativen zum Neoliberalismus geben könne."

Mit Spannung beobachtet man, ob sich in Lateinamerika das Bewusstsein einer neuen Moderne entwickeln kann, die anders ist als die europäisch-nordamerikanische, eine Moderne eigenen Typs. Zu lange habe man versucht, dem Subkontinent eine fremdbestimmte Moderne künstlich aufzuerlegen. Dabei wurde der Spannungsbogen aus indianischer Ureinwohnerkultur, afrikanischen Traditionen und spanisch-portugiesichem Erwählungsglauben allzu oft missachtet. "Die aztekische, die olmekische, die Inka-Kultur - sie alle widersprechen in ihrer transzendentalen Kosmologie der modernen westlichen Technologie. Allein schon das säkulare Geschichtsverständnis, das sich in Europa seit der Renaissance herausbildete, mit seinem physikalisch-naturwissenschaftlichen Weltbild im Zentrum, fand in der kolonial-katholischen Kultur Lateinamerikas keine Entsprechung."

Anders als der pragmatisch fortschritts-orientierte Protestantismus calvinistischer Prägung Nordamerikas, der im irdischen Erfolg die Vorherbestimmung zum ewigen Seelenheil zu entdecken glaubte, hat sich der Katholizismus Lateinamerikas eher traditionsorientiert gezeigt und dabei mit gewissen indianischen Zeit-Zyklusvorstellungen von der Wiederkehr des Gleichen verbunden, wonach die Zukunft eigentlich in der "Wiederherstellung der ursprünglichen Vergangenheit" liegt, in einer Rückkehr des Menschen zu jenem Urbild, als das er von Gott her entworfen wurde. Nicht der Himmel vor uns, sondern das himmlische Urbild hinter uns ist jener platonisch gedachte Ort, zu dem hin wir zurückpilgern. Das paradiesische Gestern erscheint da als das wahre Morgen, als Ziel unserer Bestimmung zum Göttlichen. In dieser Haltung blieb für Lateinamerika die Moderne freilich verschlossen.

Das große Problem des nachhaltig kolonial-autoritativ geprägten lateinamerikanischen Katholizismus' erläutert Barloewen so: Er konnte nicht jene innovative Schubkraft bringen, den das "mediterrane Christentum der Antike leistete, dem es über drei Jahrhunderte gelang, die griechisch-römische Weltsicht zu verändern und zu erneuern". Eine wirkliche "geistige Eroberung" und Entwicklung Lateinamerikas aus einem modernen, befreienden Geist des Katholizismus fand nicht statt. Dennoch hielt der Subkontinent seine große Sehnsucht wach, man könne sich von einem bloßen Eurozentrismus abwenden "und einen eigenen Begriff der Vernunft formulieren, der Intuition und Empathie zulässt und die Abstraktion des rationalen Universalismus überwindet".

Constantin von Barloewen hält weiter daran fest, dass Lateinamerika auf Grund seiner starken kulturellen Durchmischung das Potenzial hat, der Globalisierung europäisch-nordamerikanischer Prägung wie materialistisch-ökonomischer Engführung offene kulturelle Horizonte zu erschließen: "Während der Westen sich bei seinem Blick auf den Globus noch von einem anachronistischen 'kontinentalen Denken' leiten lässt, verwandelt sich die Weltgesellschaft immer stärker in Archipele, in ein Multiversum, in dem die Kulturen ihre Identität nicht mehr aus einer Wurzel beziehen, sondern aus einem 'Wurzelgeflecht'. Der Westen macht gerade die Erfahrung, wie der Universalitätsanspruch seiner Kultur infrage gestellt wird. Sein monolithisches Denken wird den Entwicklungen der Weltgesellschaft nicht mehr gerecht, auch wenn es mit Panzern durchgesetzt werden soll." Stattdessen werde immer deutlicher, dass das Universale das kulturell Besondere braucht. "Der westliche Anspruch auf ein Monopol der Vernunft und des Weltgewissens ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Der Westen wird multiple Modernitäten zulassen müssen, auch konkurrierende Begriffe des Fortschritts, entsprechend den konkurrierenden kultur- und religionsgeschichtlichen Voraussetzungen der Moderne."

Reiche Geschichtserfahrungen verschaffen Lateinamerika ein bedeutendes Reservoir an Einfühlungsvermögen. Davon ist Barloewen überzeugt. Seit Jahrhunderten muss es aus verschiedenen kulturellen Quellen leben. Der jüngste "Linksrutsch" ist für den Kulturhistoriker ein weiteres Signal, dass die Welt nicht so tickt, wie wir Kontinentaleuropäer uns das gern ausmalen. Auch die Globalisierung funktioniert nicht bloß wirtschaftlich, schon gar nicht nur nach unseren Interessen. Womöglich erweist sich Lateinamerika doch als Motor einer kulturell erweiterten Globalisierung. Constantin von Barloewen möchte diesen Subkontinent vieler Hoffnungsversuche jedenfalls nicht abschreiben, weil er "eine kompensatorische Rolle als Werkstatt der Welt durchaus spielen" könnte, in einer "Weltzivilisation".

 

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