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Hilfreiche Texte
Hermann Schalück {*}
Schlechte Note für den Dialog?
Anmerkungen zum neuen Evangelisierungs-Dokument der Glaubenskongregation
Aus: Herder Korrespondenz, 2/2008, S. 79-85
Die Mitte Dezember 2007 unter Beteiligung dreier Dikasterien veröffentlichte "Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung" erinnert zu Recht an die unverzichtbare Aufgabe zur Mission. In ihrem Missionsverständnis jedoch zeigt sie eine ekklesiozentrische und defensiv-apologetische Schlagseite.
Als gänzlich überraschend konnte man den Vorgang ja kaum noch bezeichnen, als am 14.12.2007 nach einer entsprechenden Vorankündigung des "Pressesaals" auf der vatikanischen Website die "Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung" der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Überraschend war in diesem Zusammenhang eher die Tatsache, dass gleich drei Kardinalpräfekten das Dokument vorstellen würden: William Joseph Levada, Präfekt der Glaubenskongregation, Ivan Dias, Präfekt für die Evangelisierung der Völker, und Francis Arinze, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, zuvor zuständig für den interreligiösen Dialog, sowie Erzbischof Angelo Amato, Sekretär der Glaubenskongregation. Die angekündigte Beteiligung dieser drei Dikasterien ließ erwarten, dass in der "Note" theologisch-dogmatische Fragen von Evangelisierung und Mission sowie Aspekte der Inkulturation und vor allem des Interreligiösen Dialogs angesprochen werden sollten.
Die Note ist vordatiert auf den 3. Dezember, den Gedenktag des heiligen Franz Xaver, Patrons der Mission. Als Verantwortliche zeichnen Kardinal Levada und Erzbischof Amato. Wie in ähnlichen Erklärungen üblich, wird ausdrücklich darauf verwiesen, Benedikt XVI. habe die Note "gutgeheißen und ihre Veröffentlichung angeordnet".
Ein im Vergleich mit "Dominus Jesus" deutlich positiverer Grundton
Nach einer knappen Einleitung werden in nicht weniger knappen Darlegungen mit überwiegend normativ-lehrhaftem Duktus "einige Implikationen" von Mission und Evangelisierung behandelt, und zwar auf anthropologischem, ekklesiologischem sowie ökumenischem Gebiet. Es wird nicht als negative Kritik aufgefasst werden können, wenn hier zunächst festgehalten
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wird, die Note wolle offenkundig vor allem Bekanntes in Erinnerung rufen und dieses aus gegebenem Anlass ("wachsende Verwirrung", Nr. 3) neu bekräftigen. Das ist hilfreich. Die zahlreichen Zitate vor allem aus den wichtigen Konzilstexten wie Lumen Gentium und Ad Gentes, Gaudium et Spes, dem Apostolischen Schreiben "Evangelii Nuntiandi" (Paul VI.), den Enzykliken "Redemptoris Missio", "Fides et Ratio" (Johannes Paul II.) sowie nicht zuletzt aus "Deus Caritas est" (Benedikt XVI.) zeigen Bezugspunkte auf, an denen die missions-theologische Reflexion und die Praxis der Mission heute und in Zukunft nicht vorbeigehen kann.
Ermutigend für alle, die für eine zukunftsfähige, im Diskurs mit der Moderne, mit der von Interkulturalität und kulturell-religiösem Pluralismus geprägten Einen Welt sprach- und handlungsfähige missionarische Kirche Jesu Christi engagiert sind, ist der gegenüber "Dominus Jesus" (2000) und den vatikanischen "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre der Kirche" (vom 29.06.2007) deutlich positivere Grundton. Eine Einladung, Glauben und Mission als Ruf in die Freiheit zu verstehen und zu leben, die Freiheit auch der anderen zu achten, jedweden Zwang und Proselytismus zu vermeiden und beherzt auf die Überzeugungskraft des persönlichen und gemeinsamen Zeugnisses zu setzen, nicht zuletzt durch ein geschwisterliches gemeinsames Zeugnis und Bekenntnis von Christinnen und Christen unterschiedlicher Traditionen (n. 12).
Die Tatsache einer solch ungewöhnlich konzertierten, zudem offenkundig auch zwischen Rom und dem US-Episkopat transatlantisch abgestimmten Aktion und medienpolitisch ohne Zweifel professioneller angelegt als die Publikation von "Dominus Jesus" oder zuletzt des Textes "Antworten auf einige Fragen zur Ekklesiologie", öffnet freilich den Raum für Vermutungen: Könnte es einen, allerdings weder im Dokument selber noch in den begleitenden Erläuterungen der Dikasterienvertreter ausdrücklich genannten, direkten Anlass für die Veröffentlichung des Dokumentes geben? Bei aller objektiv gegebenen Notwendigkeit, einer gewissen "Missionsmüdigkeit" entgegenzuwirken und dabei objektiv anfordernde Fragenstellungen und komplexe Entwicklungen der Problemhorizonte "Dialog und Mission", der Inkulturation sowie des Interreligiösen Dialogs "lehrmäßig" zu begleiten und gegebenenfalls zu korrigieren.
In der Tat hat es diesen direkten Anlass ganz offenkundig gegeben: Der Text selber (Nr. 3) spricht ganz allgemein von einer "wachsenden Verwirrung" im Blick auf den "Missionsauftrag des Herrn (vgl. Mt 28,19)" und Kardinal Dias spielte in seiner Einlassung dazu auf "einige" asiatische Theologen an, "die keine Notwendigkeit mehr sehen, die einzigartige Stellung Jesu Christi und die von ihm ausgehende universale Erlösung auch heute noch den Nichtchristen zu verkünden". Kirchliche Medien aber vor allem in England und den USA haben bereits zuvor den Vertreter par excellence der "Theologen aus Asien" ausgemacht und beim Namen genannt, die angeblich, wie Dias es ausdrückte, "unter dem Vorwand eines ungehinderten Dialogs (...) Jesus, der Gott und Mensch zugleich ist, auf eine Stufe stellen mit anderen, z.T. mythologischen Religionsstiftern".
Asiatische Theologen im Visier
Es handelt sich um den im deutschen Sprachraum bisher leider zu wenig bekannten vietnamesisch-amerikanischen Theologen und Philosophen Peter Phan, Priester der Erzdiözese Dallas (Texas) und seit längeren Jahren "Ignacio Ellacuría Professor of Catholic Social Thought" im Department of Theology" der vom Jesuitenorden getragenen Georgetown University in Washington, D.C. Phan ist in Vietnam geboren und kam 1975 als Flüchtling in die USA. Er promovierte zunächst in Theologie an der Universität der Salesianer in Rom, danach sowohl in Philosophie als auch Theologie an der "University of London".
Phan unterrichtet bis heute unter anderem auch an den von deutschen Hilfswerken (u.a. MISSIO und Missionswissenschaftliches Institut MISSIO in Aachen) vor allem mit Stipendien unterstützten und für die Entwicklung der Kirche im asiatischen Raum unverzichtbaren "East Asian Pastoral Institute / EAPI" in Manila. Für mehrere Jahre war er zudem Präsident der renommierten "Catholic Theological Society of America". Wie kaum ein anderer Theologe zur Zeit bringt Phan das westliche theologische Denken in faszinierender Weise in Kontakt und ins fruchtbare Gespräch mit asiatischen Erfahrungshorizonten.
Nach entsprechenden Meldungen sowohl der Washington Post vom 14.09.2007 wie auch des National Catholic Reporter vom nämlichen Tag ist sein Buch "Being Religious Interreligiously: Asian Perspectives on Interfaith Dialogue" (New York 2004) zum Objekt der Untersuchung zuerst in der vatikanischen Glaubenskongregation geworden. Von dort wurde es dann dem "Committee on Doctrine" der US-Bischofskonferenz zur Stellungnahme und eventueller Intervention übergeben. Der Catholic News Service in Washington berichtete am 11.12.2007, also im unmittelbaren Vorfeld zur Bekanntgabe der "Note" in Rom, der Befund der Bischöfe vom Vortag sei sehr kritisch ausgefallen. Phans Buch von 2004 enthalte durchgängig "Unschärfen und Zweideutigkeiten" und es könne "die Gläubigen leicht verwirren und fehlleiten".
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Die offenen und von Phan weiter zu vertiefenden drei zentralen Fragenkreise beträfen, so die Bischöfe weiter, die Rolle Christi als des einzigen und universalen Erlösers der Menschheit, die Heilsbedeutung der nichtchristlichen Religionen sowie schließlich die katholische Kirche als des einzigen und universalen Werkzeugs der Erlösung. Als besonders kritikwürdig, weil missverständlich, stellen die Bischöfe die erklärte Intention Phans heraus, die Ausdrücke "einzig", "absolut" und "universal" im heutigen Kontext des globalen Pluralismus der Religionen mit neuen Inhalten zu füllen.
Dagegen bekräftigen die Bischöfe in engstem Anschluss an "Dominus Jesus" die absolute Sonderstellung Christi im Kontext der Weltreligionen, die Heilsnotwendigkeit der katholischen Kirche sowie die Unverzichtbarkeit von Mission. Diese sei - so der unübersehbare Vorausgriff auf die Bekanntgabe der römischen Note nur einige Tage später - keine Vermehrung von Einfluss und Macht, sondern Ausdruck der Liebe für die Welt.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die "lehrmäßige Note", die in sich gesehen eher recht unauffällig und sprachlich moderat daherkommt, in ihrer Tragweite nur würdigen, wenn man sie in Relation setzt zu Grundanliegen heutiger Theologie in und aus Asien, so wie Peter Phan und zuvor Jacques Dupuis (vgl. sein wohl wichtigstes Werk "Toward a Christian Theology of Religious Pluralism", Orbis Book, New York 2001) sie formuliert haben. Beide sind wichtige Stimmen der katholischen Kirche in Asien, die offiziell strukturiert ist in der Federation of Asian Bishops Conferences (FABC).
Ein dreifacher Dialog
Die asiatischen Bischöfe und Theologen haben sich bereits seit rund 20 Jahren das pastorale und theologische Programm eines "dreifachen Dialogs" gegeben: Des Dialogs mit den Kulturen mit dem Ziel einer tieferen Inkulturation des Glaubens; des Dialogs mit den großen Religionen des Kontinents, mit dem Ziel eines besseren gegenseitigen Verständnisses und konkreter Formen der Kooperation; des Dialogs mit den Armen, mit dem Ziel ihrer "ganzheitlichen Befreiung".
Auf diesem Hintergrund sowie auch auf dem Hintergrund der Asiensynode und ihrem Ergebnis, dem Apostolischen Schreiben "Ecclesia in Asia", das immerhin zum Teil der Reflex eines durchaus offenen Diskurses vieler Synodenteilnehmer zum Themenfeld des "Triple Dialogue" ist, muss die Note sehr enttäuschen. Es wäre nach Meinung mancher Theologen der FABC an der Zeit, das Dokument der Synode eher fortzuschreiben statt den Bewegungsspielraum des Dialogs einzuschränken. Jedenfalls zeigt sich, dass die Note die positiven und für den zukünftigen Weg einer missionarischen Kirche lebenswichtigen Grundanliegen und Herausforderungen in ihrer Tiefendimension nur sehr unbefriedigend darstellt und behandelt, so beispielsweise die Bedeutung des Dialogs sowie der
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unaufgebbaren Interkulturalität und "Vielsprachigkeit" in heutiger Welt- und Glaubenserfahrung.
Solches mag auch nicht unbedingt die Rolle einer relativ kurzen "lehrmäßigen Note" oder, wie am 24.01.2001 im Falle von Dupuis, einer so genannten "Notification" sein. Positiv zu bemerken bleibt zudem, dass es bisher weder im Falle von Phan noch zuvor von Dupuis zu Verurteilungen oder gar Disziplinarmaßnahmen gekommen ist. Da es also zu den Veröffentlichungen sowohl der Theologen wie der Glaubenskongregation nach wie vor einen offenen Problemhorizont gibt, den die Theorie und die Praxis und die Spiritualität der Mission ohne Angst abschreiten sollten, seien dazu einige Bemerkungen angefügt.
Zum Anliegen des interreligiösen Dialogs betont die Note ausdrücklich dessen Notwendigkeit. Er sei ein "Austausch, der wertvolle Gelegenheit für das Zeugnis und die christliche Verkündigung" bietet (Nr. 8). Aber: Nur eine "Gelegenheit" unter vielen anderen? Ist "Dialog" als umfassendes Kommunikationsgeschehen damit überhaupt im Ansatz richtig verstanden? Ist er nicht das Fluidum jeden Lebens, ohne das es keine Verständigung, keine Kultur, kein künstlerisches Schaffen und auch keine Religion gibt? Auffällig ist die ängstliche Vorsicht, mit der vom Dialog gesprochen und sogleich vor seinen Gefahren gewarnt wird: Über den Dialog könne sich "Sünde einschleichen", er könne "egoistischen Interessen" dienen (Nr. 7). Solche Warnungen, nicht zuletzt vor der Gefahr des "Relativismus" in der Suche nach Wahrheit (Nr. 4), sind natürlich ohne Zweifel berechtigt, weil alles Gute, Wahre und Schöne bekanntlich immer auch pervertiert werden kann. Zunächst aber wünscht man sich jedoch endlich, auch in einem römischen Dokument, eine tiefere Wahrnehmung und anthropologisch-theologische Würdigung und Wertschätzung des Dialogs in seinem Grundverständnis als Austausch von Erfahrung, Leben und Hoffnung, beginnend mit sensiblem Hinhorchen auf die Anwesenheit Gottes im "Anderen".
Alle, die heute auf dem Weg sind zu einer zukunftsfähigen Spiritualität, Theologie und auch Praxis von Glaubensweitergabe und Mission benötigen eine gehörige Portion an Mut und Freimut - und sollten auch immer mehr hoffen dürfen auf Zeichen positiver Ermutigung durch ihre Bischöfe. Nur in Begegnung, Wahrnehmungs-, Beziehungs- und Dialogfähigkeit werden jene je neuen "Übergänge" (vgl. Apg 16, 9-10) in andere geographische, kulturelle und religiöse Räume und Welten möglich, die eine Kirche wachsen lassen wird, welche in heute noch nicht sichtbarer Weise ein wahrhaft umfassendes Sakrament des Heiles, ein sichtbares Zeichen der Einheit (in Vielfalt) und ein einladendes Haus des Glaubens für alle sein kann, und deshalb "mit vielen Wohnungen" ausgestattet sein wird.
Unter anthropologischen Aspekten sind Glaube und Mission Ausdruck und Frucht von Beziehung, von Austausch und Relation. Gott selber ist als Dreieiniger "in Relation", er hat den Menschen nicht als den "Einzigen" oder als Monade erschaf-
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fen, sondern als ein in mannigfachen Relationen zur Fülle des Lebens und auch zum "Leben in Fülle" (Joh 10, 10) heranwachsendes Wesen, zudem in einer unaufhebbaren Differenz und Pluralität des einen Menschseins, nämlich als "Mann und Frau" (Gn 1, 27). So besteht eine primordiale Verpflichtung, dem "Anderen" dialogisch zu begegnen, und zwar deshalb, weil schöpfungstheologisch gesehen alles und alle, wie Mann und Frau es sind, auf Komplementarität angelegt sind und im Zueinander eine neue Identität finden und eine neue Seinsqualität erreichen kann.
Dialog ist in seiner anthropologischen Grunddimension als Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit also viel mehr als ein Aspekt oder eine strategische Komponente oder ein Weg (unter anderen) der Mission. Dialog ist das Schlüsselwort für jegliches verbale und nonverbale Kommunikationsgeschehen. In der Biographie des einzelnen Menschen, in der Kultur und Geschichte ist jede Erfahrung von Werten, von Wertschätzung, Akzeptanz, von Schönheit und auch von Gott immer eine inkarnatorische, weil dialogisch vermittelte Erfahrung: Der Gott, der sich den Menschen und der Schöpfung in Jesus Christus zeigt, wird in geschichtlicher Konkretion und zwischenmenschlicher Beziehung bezeugt. Diese Offenbarung, und ihre Bezeugung, ist kein einmaliger Akt. Sie ist gerade in einer Welt und in einem Kosmos, die immer mehr als in Evolution begriffen und erfahren wird, einem ständigen Wandel unterworfen.
Von einer solch tiefen anthropologischen Implikation der Mission ist im Dokument selber nicht die Rede. Wohl wird zu Recht gesagt, die Wahrheit unseres Glaubens sei kein Ergebnis menschlichen Denkens und Machens, sondern ein Geschenk, das sich uns auf dem gemeinsamen und solidarischen Weg des Glaubens, vermittelt durch vielerlei "zwischen-menschliche und soziale Beziehungen" (Nr. 5) erst voll erschließt und das dann auch anderen nicht vorenthalten werden darf. Dieser Weg der Vermittlung ist immer ein Weg in Freiheit, in der Wertschätzung der Andersheit des Anderen und der Aufmerksamkeit für die Wahrheit, die im Anderen verborgen sein kann, der Reziprozität im Geben und im Nehmen.
Vor allem Theologinnen und Theologen Asiens beschäftigen sich seit langem mit drei Fragekreisen, die in einer faktisch pluralistischen Welt bedrängend sind und von deren Beantwortung viel für die Glaub- und Anschlussfähigkeit einer missionarischen Kirche abhängen wird:
Könnte der faktische Pluralismus von Kulturen und Religionen nicht auch als Ausfluss der an Generosität überfließenden Schöpfertätigkeit des Dreieinigen Gottes verstanden werden, ohne dass diese Sicht die Einzigartigkeit und Zentralität der christlichen Offenbarung und der Rolle Jesu Christi in Frage stellt? Hat Gott in seinem "Dialog" mit dem Universum denn nicht auf "viele und mannigfaltige Weise" (Hebr 1, 1) gesprochen? Sollte man sich über einen solchen Reichtum und eine solche Schönheit nicht freuen dürfen?
Dieser Gedankengang führt unmittelbar zur nächsten Herausforderung an die Theologie, deren Beantwortung Konsequenzen haben muss für die Ekklesiologie, die Mission und den interreligiösen und auch interkonfessionellen Dialog. Dupuis beispielsweise fragt, ob Einheit "relational" gedacht und gestaltet werden könne (a.a.O. 387). Er bezeichnet das einzigartige und unüberbietbare Christusereignis als das "Sakrament des universalen Heilswillen Gottes". Es ist singulär in seiner historischen Konkretheit, steht aber zugleich in transhistorischer Weise mit allen anderen Manifestationen von Gottes Liebe und Heilswillen, beispielsweise in anderen Religionen, in innerer Verbindung. Dieses theologische Paradigma ist also nicht "exklusiv", es schließt Gottes Gegenwart und Wirken im "Anderen" mit Verweis auf die bleibende Einzigartigkeit Christi nicht einfach aus, wertet sie auch nicht als irrelevant ab.
Unterwegs zu einer christlichen Theologie des religiösen Pluralismus?
Es ist aber auch nicht einfach "inklusiv" in jener Weise, die den anderen Religionen lediglich gewisse "Spuren" und "Samenkörner" zubilligt und überdies erwartet, dass diese sich eines Tages in ihrer Gänze der christlichen Tradition und der katholischen Kirche zuwenden. Die relationale Sicht kann allein auf Grund der Tatsache, dass sie auch andere Religionen als mögliche (Teil-)Manifestation von Gottes Schöpferkraft und Heilswillen ansieht, nicht als "relativistisch" bezeichnet werden. Sie leistet dem Relativismus und ideologischen Pluralismus deshalb keinen Vorschub, weil sie unverbrüchlich an der Zentralität des Christusereignisses und der Notwendigkeit seiner aktiven Bezeugung (Mission) festhält.
Gemäß dem relationalen Paradigma kann die christliche Offenbarung freilich wohl durch andere Formen der Präsenz von Gottes Liebe noch "bereichert" werden. Es ist "komplementär". Es setzt nicht auf "Abschaffung" dessen, was jetzt noch nicht im vollen Licht der Offenbarung und der Kirche Jesu Christi steht. Es setzt vielmehr im Vertrauen auf die missionarisch-transformatorische Kraft des Geistes Christi, der ja bis zum Ende der Geschichte der Schöpfung zugesagt bleibt, auf das ständige Wachstum aller Menschen in der Erkenntnis und im Glauben, hin zum Vollalter Christi (Eph 4, 13), hin zu einer Kirche, die in ihrer Dienstfunktion als Sakrament des universalen Heilswillen dieses Reich und seine Gerechtigkeit deutlich und unerschrocken ankündigt und schon jetzt zu leben versucht.
Schließlich ist es ein Anliegen einer aus dem asiatischen Horizont inspirierten Theologie, offen zu sein für die Fragen geschichtlicher Transformationen in der globalen Welt, für die Fragen der Evolution in ihren verschiedenen Dimensionen (kosmologisch, biologisch-genetisch, geschichtlich), zuletzt für die Fragen, Gefahren, aber auch die schöpferischen Gestaltungsmöglichkeiten, die sich aus der Begegnung der Religionen für die globale Welt ergeben.
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Eine solch gläubige, denkerische und solidarische Bewegung geht für Christinnen und Christen - nicht nur in Asien - vom unverrückbaren "Alpha" Jesus Christus aus und erkennt in eschatologischer, das heißt auf Vollendung alles Vorläufigen setzender Perspektive seinen Zielpunkt im "Omega", der Vollgestalt Christi am Ende der Zeiten. Das Reich Gottes mit seiner Fülle des Lebens für alle ist das gemeinsame Ziel, des Christentums und der anderen Religionen. Es ist das eigentliche und endgültige Ziel auch der Kirche und ihrer Mission.
Interreligiöser Dialog muss die eigene Gottes-Erfahrung ins Spiel bringen
So ist die Note auf der einen Seite in ihrer ermutigenden Klarheit zum persönlichen Zeugnis zu begrüßen. Denn bei aller Komplexität des Dialogs als Medium von Mission und Glaubensweitergabe muss es für Christinnen und Christen wohl wirklich klarer werden als es für viele heute ist, dass Dialog kein beliebiges verbales Geschehen ist. Nur der interreligiöse Dialog wird sinnvoll und zielführend sein, der das glaubende Ich, die eigene, wenn auch bruchstückhafte Gottes-Erfahrung, den Mut zum Bekennen, aber auch zur respektvoll schweigenden Wahrnehmung anderer Lebens- und Gotteserfahrungen und zur gemeinsamen Suche nach Konvergenzen "ins Spiel" bringt.
Die "Note" geht allerdings in ihrem Missionsverständnis faktisch sehr dominant von den so genannten "Missionsbefehlen" der Synoptiker aus, vor allem von Mk 16, 15f. Andere komplementäre, nicht kontradiktorische Sichten des Neuen Testamentes wie beispielsweise das Wort von der Verheißung von "Leben in Fülle" (Joh 10, 10) klingen, wenn überhaupt, nur sehr verhalten an. Leider fehlt auch ein deutlicher Bezug auf Lk 4, 16-20, auf jenes befreiende Manifest von Nazareth, in dem Jesus selber seine Sendung zu den Armen und Gefangenen und Blinden definiert.
Dies alles lässt die "Note" und ihre Begrifflichkeit ekklesio-zentrisch und defensiv-apologetisch erscheinen, auch weil zum Schluss, ohne dass das Thema "Dialog" differenziert aufgegriffen wurde, abermals pauschal von "verbreiteten relativistischen und irenistischen Auffassungen im religiösen Bereich" (Nr. 13) gesprochen wird. Das ist umso bedauerlicher, weil auf der anderen Seite durchaus positivere Akzente vorhanden sind, etwa wenn gesagt wird, es gehe bei der Eingliederung in die Kirche nicht darum, eine "Machtgruppe" zu vergrößern, oder als Grundmotiv der Weitergabe des Evangeliums 2 Kor 5, 14 genannt wird. "Die Liebe Christi drängt uns".
Da die Note im Titel nicht von Mission, sondern von Evangelisierung spricht, wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass in einer Reich-Gottes-Perspektive ein viel breiteres Spektrum an Herausforderungen für eine nachhaltige Glaubensweitergabe und die Gestaltung einer gerechteren Welt aus dem Glauben vorgetragen worden wäre. Die faktische Ineinssetzung der Begriffe "Mission" und "Evangelisierung", bei denen die Theologie, die Pastoral und übrigens auch die kirchlichen Hilfswerke einige wichtige, wenn auch komplementäre Unterscheidungen aufzeigen, ist keineswegs hilfreich. Im Übrigen findet sich kein Nachhall mehr von jener aufrüttelnden und reinigenden Erkenntnis aus "Evangelii Nuntiandi" (Paul VI., 1975), nach welcher sich die Kirche in Bescheidenheit und Selbstkritik an erster Stelle selber ständig neu zum Evangelium bekehren sollte, bevor sie anderen predigt.
Die christliche Grunderfahrung, die aus Nazareth, aber auch aus dem heutigen Asien "ins Gespräch" gebracht wird, ist die eines Gottes in demütiger Gestalt, ablesbar an der Person Jesu (vgl. Phil 2). Es ist überwiegend die Glaubenserfahrung der kleinen christlichen Diasporagemeinde inmitten anderer Glaubenstraditionen. Die gelebte Praxis des Dialogs und der Relation ist für Christen ein Schritt in die Nachfolge, in die Selbstentäußerung, ein Akt der Selbsttranszendenz. Offenheit und Toleranz den Anderen gegenüber führen aber nicht unbedingt zur Preisgabe der christlichen Identität.
Der zugleich missionarische und dialogische Ansatz des "Spirito di Assisi" (Johannes Paul II.) bleibt für die Zukunft hoch aktuell. Es ist - wie schon bei Franziskus von Assisi - ein ganz wichtiger Aspekt missionarischer Haltung, gerade im interreligiösen und vor allem im muslimischen Kontext: Ein Christ sollte nie aus einer vermeintlich sicheren Position heraus die "Bekehrung der anderen" betreiben, sondern zunächst selber bereit sein, das Evangelium anzunehmen. In der Begegnung mit dem Anderen können Christen ihre eigene Berufung authentischer erfahren.
Die Kirche als Sakrament der Caritas Dei
In ihrem innersten Wesen ist die Kirche Jesu Christi Sakrament der "Caritas Dei" (Benedikt XVI.), sichtbares Zeichen jener Liebe, welche alle Menschen in Würde als gleich erschaffen hat, welche Menschen gerecht macht und in der Weltgesellschaft und Schöpfung der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhilft. Dafür tragen alle Getauften Verantwortung. Partnerschaftlichkeit, Partizipation, Synodalität, Abbau von Klerikalismus, der Vorrang einer Pastoral der suchenden Menschen vor einer beispielsweise in Deutschland zur Zeit diskutierten Pastoral der je größeren Räume und schließlich der geschlechtergerechte Umgang miteinander sowie die Offenheit für neue Formen kirchlichen Dienstes sind deshalb unverzichtbare Merkmale einer missionarischen Kirche und Gemeinde.
Die Mission unserer Kirche, der auch unser "Katholisches Missionswerk" Missio und sein Missionswissenschaftliches Institut verpflichtet sind, besteht darin, mit klarem Profil und dennoch dialogisch von einem Gott zu sprechen, der Leben und Zukunft und Menschenwürde für alle verheißt. Im Zentrum steht Jesus Christus, der in seiner "Mission" von diesem Gott
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sichtbares Zeugnis gegeben hat (Lk 4, 16ff). Möglich ist diese Mission aber nur im Vertrauen auf den prophetischen Geist Jesu, der uns für immer verheißen ist, der aber verändert und nur durch mancherlei Transformationen zum Ziele führt.
Mission bedeutet, im Geist und in der Kraft Jesu Menschen zu heilen, zu befreien, zum Evangelium zu führen, Gemeinden und lokale Kirchen zu bauen und zu stützen, die Sauerteig, Salz der Erde, Orte befreiten und befreienden Glaubens und Ferment ständiger Erneuerung und Heilung sein werden. Und eben nicht nur für die Getauften innerhalb der Kirche, sondern auch für die Gesellschaft und die Schöpfung.
Die Mission der Kirche ist wahrlich nicht gefeit gegen die Gefahr des Relativismus. Freilich wohl nicht vorrangig deshalb, weil auch der Interreligiöse Dialog zu Missverständnissen führen kann. Auf jeden Fall ist es heilsam, die Warnung aus Rom zu hören und ernst zu nehmen. Gleichzeitig aber sollten die offenen Räume, die diese Note nicht ausfüllt, genutzt werden, um der Mission in Theorie und Praxis eine neue Wirk- und Leuchtkraft zu geben, die sie braucht, um gerade in der heutigen komplexen Weltsituation den Glauben an den Gott des Lebens und der Liebe weiterzugeben und darin dem Leben und der Zukunft der Einen Welt zu dienen. Der interreligiöse Dialog jedenfalls bietet dazu ungeahnte und bisher längst nicht ausgelotete Chancen.
{*} Der promovierte Theologe und Franziskaner Hermann Schalück (geb. 1939) leitete von 1973 bis 1983 die nordwestdeutsche Franziskanerprovinz. Von 1983 bis 1985 war er Generalsekretär des Franziskanerordens in Rom, von 1985 bis 1991 Mitglied der Ordensleitung. Als Generaloberer leitete Schalück von 1991-1997 den Orden mit weltweit 19.000 Priestern und Brüdern in 90 Ländern der Erde. 1997 wurde er vom Vatikan zum Präsidenten des Internationalen Katholischen Missionswerkes Missio in Aachen ernannt.
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