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Ursula Schneider

Elias Chacour - Israeli, Palästinenser, Christ

Porträt eines Friedensstifters im Heiligen Land

 

Aus: Stimmen der Zeit, 3/2008, S. 197-200

 

Im heutigen Israel leben zwischen 144.000 und 196.000 arabische Christen. Das sind 2,1 bis 2,8 Prozent der gesamten Bevölkerung und etwa 8,8 Prozent der arabischen Minderheit. Obwohl diese christlich-palästinensische Gemeinschaft seit zwei Jahrtausenden in Israel und Palästina existiert, droht ihr der Verlust ihres Lebensraums. Ihr Schicksal ist verknüpft mit dem aller Palästinenser in der Frage nach zukünftigen Möglichkeiten des Zusammenlebens mit Israelis in diesem Land.

Etwa 56 Prozent der palästinensischen Christen leben außerhalb Israels. Diese Situation resultiert aus dem Exodus von 726.000 palästinensischen Flüchtlingen im arabisch-israelischen Krieg von 1948. 50.000 bis 60.000 palästinensische Christen, 35 Prozent aller Christen der Mandatszeit vor 1948, waren unter den Flüchtlingen. Als der "Speckpater" Werenfried van Straaten vor 50 Jahren eine Hilfsaktion für die Flüchtlinge und die arabische Christenheit in Galiläa organisierte, besuchte er die Trümmer der katholischen Dörfer, die in die Kampflinien des jüdisch-arabischen Kriegs geraten waren. Die Palästinenser, die noch zurückgeblieben waren, hatten aus ihren Dörfern fliehen müssen oder sind evakuiert worden. Darunter war auch Elias Chacour. Er wurde im Februar 2006 zum neuen melkitischen Erzbischof von Akko, Haifa, Nazareth und Galiläa ernannt. Nach 500 Jahren gibt es wieder einen palästinensischen Bischof für 67.000 Melkiten.

Die Melkiten sind ursprünglich Christen der Patriarchate von Antiochien, Jerusalem und Alexandrien, die sich 451 für die dogmatischen Festlegungen des Konzils von Chalkedon und damit für den Glauben des griechischen Kaisers entschieden. Diesem Glauben blieben sie auch nach dem Zusammenbruch des byzantinischen Reichs treu. Ihre Gegner nannten sie daher "Melkiten", die "Kaisertreuen", abgeleitet von "melech", arabisch und hebräisch für "König". Ende des 17. Jahrhunderts erkannten sie den Papst als Kirchenoberhaupt an, hielten jedoch an den orthodoxen Traditionen in der Liturgie fest. Deshalb wird die melkitische Kirche auch als griechisch-katholische Kirche bezeichnet.

Elias Chacour wurde 1939 in Bar´am in Obergaliläa geboren und erlebte eine geborgene Kindheit. Am 30. Oktober 1948 allerdings wurde sein Dorf im Verlauf der militärischen Operation "Chiram" von der zionistischen Armee erobert. Am 12. November 1948 forderte der Kommandant die Bewohner mit dem Versprechen, bald zurückkehren zu können dazu auf, aus Sicherheitsgründen das Dorf zu räumen. Nach dem Verbot der Rückkehr zogen sie in das nahe gelegene Al-Giš (Jish). Al-Giš liegt südlich von Bar´am. In der Antike hieß der Ort Giscala und war die Heimat des Johannes Iben Laui, eines Führers der Aufständischen gegen Rom. Titus führte ihn in seinem Triumphzug in Rom (71) mit und ließ ihn töten.

Durch den sogenannten Israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 veränderte sich die Bevölkerungsstruktur. Von den Muslimen, die geflohen waren, blieben nur sechs bis acht Familien im Dorf. Andere Muslime aus

 


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den zerstörten Dörfern Qaddita und Sassa zogen dorthin. Der Anteil der Christen stieg beträchtlich, nicht nur durch die Familien aus Bar´am, sondern auch durch Familien aus Al-Giš, die in Haifa gelebt hatten und nun wieder zurückkehrten.

Jedes Jahr baten die Vertriebenen in Briefen an den Präsidenten oder Premierminister um die Erlaubnis zur Rückkehr nach Bar´am. Nachdem alle Versuche gescheitert waren, wandten sich die Einwohner von Bar´am im Mai 1951 an das Oberste Gericht in Jerusalem und appellierten an die Verpflichtung Israels, ihnen das Land zurückzugeben. Im Dezember 1951 wurde das Dorf zerstört. Die Worte seines Vaters prägten sich dem jungen Elias unauslöschlich ein: Juden und Palästinenser seien doch Brüder - echte Blutsbrüder. Sie hätten denselben Vater Abraham und denselben Gott. Man dürfe das nie vergessen.

Die Berufung von Elias Chacour zum Friedensstifter ist ein langer Weg. Sie erklärt sich aus seinem unerschütterlichen Glauben an den Auferstandenen, der nach seiner Auferstehung den Jüngern in Galiläa erschienen war. Sein Kindheitserlebnis, die Vertreibung aus dem Heimatdorf Bar´am, hinterließ tiefe Wunden.

Er besuchte zunächst eine Waisenschule in Haifa und das Kleine Seminar in Nazaret. Von 1958 bis 1965 studierte er an der Sorbonne, dem Institut Catholique und dem Institut St. Sulpice in Paris Theologie und Philosophie. Diese Zeit war ein wichtiger Abschnitt in seinem Leben, wenn er auch von der "Verkopftheit" des Westens enttäuscht war. Er beschäftigte sich während seines Studiums intensiv mit dem Schicksal seines Volks. Zurück in Israel und als Pfarrer in Ibillin in Untergaliläa, studierte er als erster Palästinenser an der Hebräischen Universität in Jerusalem die Thora und den Talmud. In Ibillin ist die Karmelitin Mariam Bawardy (1846-1878) geboren, die 1983 selig gesprochen wurde und in mancher Hinsicht Vorbild für Chacour ist. Nach kürzeren Aufenthalten in Frankreich und Indien gründete sie in Bethlehem und Nazaret einen Karmel und steht für viele, die mitten in Konflikt und Gewalt den Weg des Friedens suchen. Ihr Zeitgenosse war der Lokalherr `Aqil Aga aus dem Beduinenstamm der Hanadi, dessen Residenz Ibillin zeitweilig gewesen ist. Auf die jüdische Besiedlung in Ibillin weisen Überreste einer Synagoge aus dem 3. oder 4. Jahrhundert hin.

Als Chacour 1965, zwei Jahre vor dem Sechs-Tage-Krieg, nach Ibillin kam, herrschte dort eine trostlose Lage wie in allen palästinensischen Dörfern Galiläas, wo sich in den Grenzen von 1948 eine dichte Besiedlung durch die Palästinenser Israels feststellen läßt. Der neue melkitische Pfarrer animierte in einer gruppendynamischen Intervention seine kleine, zerstrittene Gemeinde zur Versöhnung. Von Ibillin aus entfaltete Chacour eine umfassende "Sozialarbeitertätigkeit" in vielen galiläischen Dörfern, die um seine Hilfe baten. Er baute Schulen, Kindergärten, Gemeindezentren, initiierte Feriencamps, Ausflüge, Sprachkurse. In Ibillin entstand ab 1982 das Mar-Elias-Zentrum als integrierte pädagogische Institution. Es besteht aus einem Kindergarten, einer Grundschule, einem Gymnasium, einer technischen Hochschule, einem Hochbegabtenzweig - offen für Juden, Christen, Muslime. Chacour wollte auch den Frauen eine bessere Ausbildung ermöglichen: 60 Prozent der Lernenden am Mar-Elias-Zentrum sind Frauen. Und im Oktober 2003 begann für 300 Studenten und Studentinnen der Unterricht an der ersten christlich-arabisch-israelischen Universität dort, einer Zweigstelle der Universität von Indianapolis (USA), die für 3000 Studenten angelegt ist. Eine weitere Initiative war der Bau der Kirche der Seligpreisungen.

 


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Das Christentum darf nach Chacours Ansicht nicht als Aufforderung zur Passivität verstanden werden. Sein Lebensthema ist die Bergpredigt. Das Wort "selig" hat in Aramäisch - der Sprache Jesu - folgende Bedeutung: sich auf den rechten Weg für ein rechtes Ziel machen, umkehren, Reue empfinden, aufrecht und rechtschaffen werden. Chacour, der sich schon in seiner Pariser Studienzeit intensiv mit der aramäischen Sprache befaßte, übersetzt diese Aussagen mit den Worten: "Steht auf, tut etwas, bewegt euch, ihr, die ihr durstig seid nach Gerechtigkeit, denn ihr werdet gesättigt werden."

Mit einem seiner Vorgänger im Bischofsamt, Joseph Raya, organisierte er 1972 ein sechsmonatiges Sit-in in Bar´am und später eine Friedensdemonstration zusammen mit jüdischen Israelis in Jerusalem. Die damalige Ministerpräsidentin Golda Meir ließ sich nicht zur Aufhebung des Rückkehrverbots erweichen. Im selben Jahr wurde das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München verübt - mit gravierenden Folgen für die Palästinenser in Israel. Chacours Aktivitäten stehen immer wieder im Szenario des israelisch-palästinensischen Konflikts. So wurde ein brillanter Schüler des Mar-Elias-Campus, der einer Friedensinitiative für Jugendliche in Jerusalem angehörte, nach Ausbruch der zweiten Intifada, der sogenannten Al-Aqusa-Intifada, in seinem Heimatort von einem israelischen Polizisten getötet.

Eine von Chacours jüngsten Aktionen ereignete sich im arabischen Shefaram. Der israelische Polizeipräsident rief ihn verzweifelt an, als ein israelischer Soldat in einen voll besetzten Bus geschossen hatte. Chacour redete eine Stunde lang beruhigend auf die wogende Menge ein. Am Tag danach folgten 10.000 Menschen seinem Aufruf zu einer Friedensdemonstration für die Opfer in Shefaram - gegen Haß und Gewalt.

Chacour kann nicht verstehen, warum die Menschen Gottes Friedensplan für die getrennten, aber aufeinander angewiesenen Brudervölker ignorieren, ja wie sie sich sogar dagegen richten konnten und ihre Macht mißbrauchten, um andere zu vertreiben. In Chacours Augen besitzen die Palästinenser genauso das gottgegebene Recht, in Israel zu leben wie die Juden - als Gleichberechtigte, nicht als Bürger zweiter Klasse. In Gesprächen weist er gern darauf hin, daß Gott zu den Juden sagte, sie seien nur Fremde und Halbbürger, das Land gehöre ihm (Lev 25, 23). Er zitiert auch Ezechiel, der Gottes Botschaft an Israel richtete: Ich will meinen großen Namen heiligen, der unter den Völkern entweiht ist, den ihr in ihrer Mitte entweiht habt, auf daß die Völker erkennen, daß ich JHWH bin, wenn ich mich an euch vor ihren Augen als heilig erweise" (Ez 36, 22f.).

Chacours Initiativen sind ungewöhnlich: Als seine Schule einen großen Turnsaal benötigte, flog er kurzerhand nach Washington und tauchte unangemeldet vor dem Privathaus des vormaligen Außenministers James Baker auf. Es gelang ihm, dessen Frau für seine Pläne zu gewinnen. Ihr Mann legte später Fürsprache beim israelischen Premier Yitzak Shamir für die Genehmigung der Turnhalle ein. Der Friedensnobelpreisträger Shimon Peres hielt seine erste Friedensrede in Ibillin in eben dieser Turnhalle.

Chacour wurde mit Ehrendoktoraten und Friedenspreisen ausgezeichnet. So erhielt er zum Beispiel 2001 den japanischen Niwano-Friedenspreis in Tokyo. Sein melkitischer Patriarch verlieh ihm im selben Jahr den Titel "Archimandrit". Chacour ist davon überzeugt, daß die zukünftige Existenz Israels letztlich von der Bildung eines souveränen palästinensischen Staats abhängt. Er ist der Meinung, daß es möglich sein sollte, aus Israel und Palästina unabhän-

 


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gige Partner zu machen, die sich auf vielen Gebieten gut ergänzen und nach außen hin vereint auftreten. Auch pflegt er darauf hinzuweisen, daß sie entweder gemeinsam untergehen oder gemeinsam leben, denn sie gehören zusammen.

Der zweite Libanonkrieg (2006) erschütterte auch Ibillin. Ein Ibilliner wurde in Haifa von einer Katjuscha-Rakete der Hisbollah tödlich getroffen. Im Anschluß an die Trauerfeier in Ibillin betete Chacour, Gott möge ihm noch zu Lebzeiten ein deutliches Zeichen geben, daß auf die Kreuzigung seines Volkes die Auferstehung folge - am Ende des Tunnels das Licht.

Literatur: Chacour, Elias: Und dennoch sind wir Brüder! Frieden für Palästina, Knecht: Frankfurt 1988. 237 S. Br.; ders.: Auch uns gehört das Land. Ein israelischer Palästinenser kämpft für Frieden und Gerechtigkeit. Knecht: Frankfurt 1993. 287 S. Gb.; De Simony, Pia u. Czernin, Marie: Elias Chacour. Israeli, Palästinenser, Christ. Herder: Freiburg 2007. 223 S. Geb. 19,19; Schneider, Ursula: Land ist unser Leben. Galiläische Dörfer im Nahostkonflikt. Ibillin-Mi´ilvy-Al Gis. Peter Lang: Frankfurt 1986. XXXIV, 512 S.

 

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