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Jürgen Springer {*}

Heimatlos in Chaldäa

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 26/2008, S. 283f.

 

    Die Geschichte des Christentums im Irak reicht zurück bis in die Zeit der Apostel. Seit nunmehr fünf Jahren setzen Verfolgung durch Islamisten, Terror und Gewalt den Christen so zu, dass ihr Weiterbestehen massiv infrage gestellt ist.

 

"Wenn die Auswanderung der Christen so weitergeht wie bisher, wird unserem Land in wenigen Jahren nicht nur eine der ältesten Bevölkerungsschichten entzogen sein, sondern die Welt wird auch ein großes Vermächtnis verloren haben." Mit diesen aufrüttelnden Worten wandte sich neulich der chaldäisch-katholische Erzbischof von Kirkuk, Louis Sako, an die Vereinten Nationen und bat um Unterstützung. Der christliche "Exodus" berge die Gefahr, dass das damit verbundene reiche geistig-kulturelle Erbe des Iraks schlicht "ausradiert" werde.

Der Erzbischof spricht für die Chaldäer, die größte Kirche im Irak, zugleich auch die stärkste nicht-muslimische Minderheit. Sie sind seit dem 15. Jahrhundert mit Rom uniert und verstehen sich als "Ur-Iraker". Ihr Name stammt von der Landschaft Chaldäa im Südirak ab, aus welcher nach biblischer Überlieferung der Stammvater Abraham aufbrach, um der Verheißung ins Gelobte Land zu folgen. Das Buch Deuteronomium erinnert in dem Lied "Mein Vater war ein heimatloser Aramäer" an den Grundzug jüdischer und dann auch christlicher Existenz: die Heimatlosigkeit im Diesseits. Die Aramäer waren Nomadenstämme, die unter der Herrschaft der Assyrer vom Westen ins Zweistromland einwanderten. An diesen Namen knüpft die zweitstärkste altorientalische Kirche im Irak, die assyrische Kirche, an. Damit sind die Nachfahren jener Apostolischen Kirche des Ostens gemeint, die in vorislamischer Zeit ihren Sitz in Seleukia-Ktesiphon nahe Babylon hatten. Sie trennten sich nach dem Konzil von Ephesus 431 von der westlichen Kirche und verwenden in ihrer Liturgie bis heute das Syrisch-Aramäische. Außerdem gibt es im Irak noch orthodoxe Armenier, lateinische und syrische Katholiken sowie Protestanten.

Die Lage der christlichen Minderheit zwischen Euphrat und Tigris ist hochdramatisch. Offiziell wird ihre Zahl mit drei Prozent der 27 Millionen Iraker angegeben. Der christliche Glaube, der dort nach kirchlicher Überlieferung einst vom Apostel Thomas verbreitet wurde und noch im siebten Jahrhundert, als der Islam aufkam, die Religion der Bevölkerungsmehrheit war, erfährt am Beginn des 21. Jahrhunderts massiven Druck. Menschenrechtler beschreiben ihn - vor allem seit Beginn der amerikanisch-britischen Invasion vor fünf Jahren - unmissverständlich als die "größte Christenverfolgung der Gegenwart".

 

Verräter und Spione des Westens?

Hatte es zu Beginn der neunziger Jahre, als Diktator Saddam Hussein noch an der Macht war, infolge des zweiten Golfkriegs wegen Kuwait und der daran anschließenden Wirren bereits eine erste Auswanderungswelle unter Christen gegeben, droht jetzt den Getauften, dass sie zwischen sunnitischen und schiitischen Extremisten zerrieben werden. Unter Hussein, so brutal er auch herrschte, konnten die Christen immerhin in Ruhe und Religionsfreiheit leben, sofern sie nicht politisch oppositionell vorgingen.

Viele christliche Familien in Bagdad oder auf dem Land mussten in den jüngsten Verfolgungswellen radikaler Moslems schnell ein paar Habseligkeiten zusammenraffen und verschwinden - oft unter einem 25-Stunden-Ultimatum. Besonders betroffen waren die Bewohner des Bagdader Stadtteils Doura. Sie gehören überwiegend der gebildeten Mittelschicht an, häufig sind Akademiker darunter. In den katastrophalen Kriegswirren, in denen nicht wenige von der Hand in den Mund leben mussten, arbeitete manch einer als Übersetzer fürs britische oder amerikanische Militär. Das wiederum passte in die Hasspropaganda der Islamisten, welche die "Ungläubigen" als "Verräter, Kollaborateure und Spione des Westens" verleumdeten.

Da gibt es das Beispiel eines Taxifahrers, der Morddrohungen erhielt und schließlich entführt wurde. Die elfjährige Tochter sah die Gewalt mit an und ist seither psychisch schwer traumatisiert. Um die Lösegeldforderungen zu erfüllen, verkaufte die Familie ihr Haus und lieh sich Geld von Verwandten. Als der Druck nicht mehr auszuhalten war, blieb allein die Flucht. Da sind auch erschütternde Berichte, wie sunnitische und schiitische Extremisten bei christlichen Kaufleuten und Händlern "Schutzgelder" erpressen oder diese zwingen, zum Islam überzutreten. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erwähnt, dass aufgrund dessen im Frühjahr mehr als hundert christliche Familien auf einmal über Nacht die Stadt verlassen mussten. Es kann den Tod bedeuten, offen ein Kreuz zu tragen, ein Jesus-Gesicht an sein Auto zu kleben oder als Frau unverschleiert auf die Straße zu gehen. Die gebildeten irakischen Christinnen lehnen im öffentlichen Leben - außer beim Gottesdienst - den Schleier ab.

Auch im kurdischen Norden spielten sich kurz nach dem Einmarsch der Besatzer Tragödien ab. "Spiegel online" schildert die schreckliche Geschichte eines 33-jährigen Arztes, der in Mossul Augenzeuge eines Sprengstoffanschlags auf die Sankt-Paulus-Kirche während eines Gottesdienstes war. International bekannt wurde der Tod des chaldäischen Erzbischofs von Mossul, Paulos Farraj Rahho, der von radikalen Moslems entführt und getötet worden war. Hinzuzählen muss man ebenso eine hohe Zahl unbekannter Opfer, die in keiner Statistik auftauchen.

Bei einer Konferenz in Frankfurt/Main erläuterte der Menschenrechtler Huzairan Hakari von der "Gesellschaft für bedrohte Völker" die Lage: Noch 1987 ging man im Irak von etwa 1,4 Million Christen aus. Heute seien es gerade noch die Hälfte. Wer es sich nur irgendwie leisten kann, verlässt das Land. Wer keine Wahl hat, bleibt verängstigt, eingeschüchtert oder traumatisiert zurück oder geht in den kurdischen Norden, wo man als Christ - bisher - noch einigermaßen "sicher" ist.

 


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Während die Schrecken des irakischen Bürgerkriegs zwischenzeitlich in den westlichen Medien - insbesondere bei Attentaten - nur noch am Rande vorkommen, sind es gerade die Flüchtlinge von dort, welche nun die mediale Aufmerksamkeit wieder verstärkt in den Mittleren Osten lenken. Mehr als zwei Millionen Menschen sind derzeit allein im Inland auf der Flucht. Die Zahl derer, die in die Nachbarländer Jordanien und Syrien geflohen sind, ist mindestens ebenso hoch. Beide Staaten versuchen mittlerweile, jeden weiteren Zugang zu unterbinden.

 

"Aladins Wunderlampe"

"Amnesty International" berichtet, dass sich in den irakischen Nachbarländern eine feindselige Stimmung gegen die Flüchtlinge breitmacht. Sie erhalten keine Arbeitserlaubnis. Ihre Kinder besuchen selten eine Schule, weil sie zum Unterhalt der Familie beitragen müssen: durch Gelegenheitsjobs oder Betteln.

Europa diskutiert indessen darüber, wie viele Iraker in welchem Land unbürokratisch Zuflucht finden können. Innenminister Wolfgang Schäuble hat angeregt, dass Deutschland insbesondere irakischen Christen Hilfe anbieten sollte. Doch sein Vorschlag stieß teilweise auf Vorbehalte: Man dürfe sich in der Flüchtlingsfrage nicht allein auf die Christen konzentrieren, hieß es. Es gebe noch andere religiöse Minderheiten, die ebenfalls verfolgt würden und die auch um ihr Leben fürchten müssen: zum Beispiel die Yesiden (eine jahrtausendealte Religion mit babylonisch-islamisch-sufischen Riten und Lehren), die Mandäer (eine an Johannes dem Täufer orientierte Religion, die Elemente der Gnosis enthält), von denen einige tausend in Deutschland leben. Zudem habe die Bundesrepublik schon immer - auch muslimischen - Irakern politisches Asyl gewährt. Christen sollten sich ohne Sonderbehandlung wie alle anderen einem gewöhnlichen Asylverfahren stellen.

Mittlerweile ist ein gewisses Umdenken festzustellen. Während die "Gesellschaft für bedrohte Völker" für Deutschland noch vor kurzem vehement die Aufnahme von mehreren zehntausend Kontingentflüchtlingen verlangt hatte, spricht sie sich nun zusätzlich für eine Hilfe in den Flüchtlingsgebieten aus. Die Göttinger Organisation empfiehlt, dass Bunderregierung und Europäische Union ein Programm insbesondere für Christen in der kurdischen Autonomieregion im Irak auflegen. Denn in der nördlichen Ninive-Ebene sei es relativ ruhig und friedlich. Dort leben rund dreieinhalb Millionen Kurden mit einer arabischen Minderheit in einer Zivilgesellschaft friedlich zusammen. Viele Christen, die bereits Zuflucht gesucht haben, warten nun ab, wie sich die Lage um Bagdad oder Basra, den beiden großen Ballungszentren, entwickelt.

Die chaldäische und die assyrische Kirche waren die ersten, die reagierten. Mit dem "Christian Aid Programm" (Christliches Hilfsprogramm) kümmern sie sich um Hausbau, Bewässerung, Infrastruktur und medizinische Versorgung. Die Behörden der kurdischen Autonomieregion finanzieren darüber hinaus einfache Häuser und gewähren Polizeischutz.

Aber nach Ansicht von Erzbischof Louis Sako sind auch die Christen in den Nachbarländern des Irak und im Westen gefragt. Es gibt ermutigende Beispiele, das Leid der Iraker zu lindern. Etwa die Wiener Ärztin Eva-Maria Hobiger. Sie betreibt mit österreichischer Unterstützung seit 2001 das medizinische Hilfsprojekt "Aladins Wunderlampe" für krebskranke Kinder in der südirakischen Stadt Basra und organisiert Medikamentenlieferungen. Das einzige Mutter-Kind-Krankenhaus der Millionenstadt leidet aufgrund der Flüchtlingsströme unter Überbelegung und Ärztemangel. Der frühere Erzbischof von Basra, Gabriel Kassab, hat die Medizinerin wegen ihres Engagements als "Engel der Ärmsten" bezeichnet. Evangelische wie katholische Hilfswerke aus Deutschland sind mit Projekten vor Ort.

Der Linzer Kirchenhistoriker Hans Hollerweger, der die "Initiative Christlicher Orient" (www.christlicher-orient.at) mitbegründet hat, weist seit Jahren auf die Lage der Christen hin, vermittelt Hilfe, schafft kritische Öffentlichkeit - auch mit der Zeitschrift "ICO". Zuletzt hat er im April dem Land einen Besuch abgestattet. Er beklagt, dass im Westen häufig der gesamte Irak als Kriegsgebiet dargestellt werde. Das stimme so aber nicht. Im Nordirak, in Kurdistan, sei die Sicherheitslage stabil. In den südlich anschließenden Gebieten Richtung Mossul haben die Behörden sogar die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, indem sie Polizei abgeordnet haben, christliche Dörfer zu schützen. Energisch weist er auch darauf hin: Was die Flüchtlinge im Nordirak dringend brauchen, sei Hilfe und Aufmerksamkeit der Christen des Westens. "Die Voraussetzung dafür ist, dass kirchliche Stellen die Lage im Nordirak erkunden und in Zusammenarbeit mit den dortigen Kirchen Projekte verantworten." Hollerweger mahnt: "In den heutigen Irak wurde der christliche Glaube schon im ersten Jahrhundert getragen. Dort liegen die Wurzeln unseres Glaubens; es ist biblisches Land. Wir sollten nie vergessen, dass unser Glaube aus dem Orient stammt und dass dort von Anfang an Christen gelebt und trotz widriger Umstände den Glauben durch die Zeiten getragen haben."

Und wie gehen die Politiker mit dieser Situation um? Der amerikanische Präsident George W. Bush, der soeben auf seiner Europa-Abschiedsreise auch bei Papst Benedikt XVI. war, rechtfertigte zum wiederholten Male den militärischen Einmarsch in den Irak. Kein Wort über krasse, ja schuldhafte Fehleinschätzungen der Lage und eigensinniges Handeln! Die Uno spricht von mehr als 150.000 zivilen Toten seit Beginn der Invasion. Laut Protokoll sollen Papst und US-Präsident über die Situation der Christen im Irak gesprochen haben. Der Inhalt der Unterredung bei dem auch protokollarisch außergewöhnlich liebenswürdigen Empfang in den Vatikanischen Gärten ist nicht bekannt.

Der kurdische Staatspräsident des Irak, Dschalal Talabani, empfing neulich christliche Führer in seiner Residenz in Bagdad und versprach, sich für eine Verbesserung der Lage der Christen einzusetzen. Doch welche Macht hat er wirklich? Ein Katholik aus Mossul erzählte gegenüber der Nachrichtenagentur "AsiaNews": "2003 litt der Irak unter dem internationalen Wirtschaftsembargo. Als die Invasion begann, lebten die Menschen hier unter Dauerdruck. Was wir nach Saddam Hussein erhofften, war, dass wir endlich aufstehen und vorankommen, nicht dass wir erneut zu Boden gehen. Natürlich ist es eine schreckliche Übertreibung, wenn manche hier davon sprechen, dass sie sich nach den Zeiten unter Saddam Hussein zurücksehnen. Die Christen hatten nicht wie die Kurden oder die Schiiten unter Verfolgung und Ausrottungsbemühungen zu leiden. Freilich hatte das auch damit zu tun, dass wir als 'leicht zu Behandelnde" galten. Unser Glaube lehnt Gewalt und bewaffnete Konflikte ab. Als Minderheit, selbst wenn wir der Politik der führenden säkularen Baath-Partei kritisch gegenüberstanden, boten wir kaum Angriffsflächen. Damals wie heute waren wir dennoch eine sehr verwundbare Gemeinschaft. Aber heute - und das hat sich gegenüber früher geändert - fühlen wir uns wie Fremde im eigenen Land."

 

Religionsfreiheit islamisch

Als 2005 die neue Verfassung des Landes zur Abstimmung stand, haben die Christen mit der islamischen Religionsmehrheit für die neue Staatsordnung gestimmt. Der Nahost-Experte und Journalist Matthias Kopp hat (in der "Herder-Korrespondenz") auf erhebliche Mängel der neuen Verfassung hingewiesen. Zwar garantiert Artikel 2 die Freiheit des Glaubensbekenntnisses und der religiösen Praxis. Christen, Yesiden und Mandäer werden ausdrücklich erwähnt. Zugleich aber wird der Islam als die fundamentale Quelle der Gesetzgebung und Rechtssprechung bezeichnet. Kopp: "Für eine echte Akzeptanz der Religionsfreiheit und der Christen ist in diesem Staat im jetzigen Zustand und in den bereits eingerichteten Rechtsschulen und Gerichten kein Platz. Die Reife des irakischen Staates wird sich daher an der Einhaltung jener Artikel in der Verfassung zeigen, die Muslimen und Christen ihre Freiheit - im Alltag, im Gottesdienst, in der Zivilgesellschaft - garantieren." Zwar bedient sich der irakische Staat gern christlicher sozial-caritativer Hilfe. Ob die Regierung jedoch willens und überhaupt in der Lage ist, die Situation der christlichen Gemeinden zu verbessern, steht auf einem anderen Blatt.

 

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