Jürgen Springer {*}Religionsfrieden durch Abraham?
Aus: Christ in der Gegenwart, 34/2008, S. 371 f.
Die Rede von den "abrahamitischen Religionen" ist noch relativ jung. Das Zweite Vatikanische Konzil drückte in der Konzilserklärung "Nostra Aetate" über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen seine Hochschätzung aus für das, "was in jenen Religionen wahr und heilig ist". Mit Blick auf das Judentum hatten die Konzilsväter den Hinweis auf Abraham in den Text eingefügt. Denn Christen sind mit "dem Stamme Abrahams geistlich verbunden", weil sie Söhne und Töchter Abrahams "dem Glauben nach" sind (Gal 3,7). Und der Bezug zu den Muslimen? Der "Nostra Aetate"-Text erwähnt den aramäischen Urvater des Glaubens im Abschnitt über den Islam nicht ausdrücklich. In der Kirchenkonstitution "Lumen Gentium" heißt es aber: "Der Heilswille (Gottes) umfasst aber auch die Muslime, die sich zum Glauben Abrahams bekennen." Tatsächlich schildert der Koran Abraham als gläubigen und vorbildlichen Moslem, von dem alle künftigen Islam-Gläubigen abstammen. Mohammed und Abraham gelten im Koran als glaubensverwandt. Ein Blick in das "Lexikon für Theologie und Kirche" zeigt beispielhaft, wie in jüngster Zeit die Redeweise von den abrahamitischen Religionen an Bedeutung gewonnen hat. Als 1993 der erste Band mit dem Stichwort "Abraham" erschien, war ein Beitrag "abrahamitische Religionen" nicht zu finden. Erst der Nachtrags-Band elf von 2001 brachte einen - eher kurzen - Artikel. Und in der Internet-Enzyklopädie "Wikidpedia" heißt es: "Der Begriff ,abrahamitische Ökumene' geht auf die christlichen Theologen Hans Küng und Karl-Josef Kuschel zurück. Sie betonen damit die Notwendigkeit eines Dialogs der drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam und fassen sie unter dem Oberbegriff der abrahamitischen Religionen zusammen." Erst kürzlich widmete sich eine Konferenz der Weltreligionen in Madrid der gleichen Fragestellung. Eingeladen hatten der spanische König Juan Carlos und König Abdullah von Saudi-Arabien. 200 Fachleute aus den drei Weltreligionen versammelten sich, darunter auch Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des päpstlichen interreligiösen Rats, Michael Schneider, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses und Ali Samman, Vorsitzender des interreligiösen Rats der für sunnitische Moslems führenden Al-Azhar-Universität in Kairo.
"Zeit der Einheit"Seit dem 11. September 2001 hat unter nachdenklichen Vertretern der Weltreligionen das Bewusstsein für größere Anstrengungen im Religionsgespräch zugenommen. Selbst die von Muslimen stark kritisierte Regensburger Vorlesung von Papst Benedikt XVI. und der nachfolgende Brief von 138 muslimischen Führern aus aller Welt an ihn gaben insbesondere dem muslimisch-christlichen Dialog neue Impulse. Für ein Abraham-Projekt engagieren sich in der südosttürkischen Stadt Urfa Geschäftsleute, Wissenschaftler und Geistliche, und das Europa-Parlament veranstaltet seit einigen Monaten Seminare für Parlamentarier und Interessierte zum Thema "Christliches Europa und Islam". Entsprechend betonte Mustafa Ceric Großmufti von Bosnien und Herzegowina und einer der wichtigsten Vertreter eines gemäßigten europäischen Islams, bei einem Vortrag in München: "Unsere Zeit ist eine Zeit der Einheit in Verschiedenheit." Es gebe keine mono-kausalen Lösungen für die Probleme der Menschheit, auch keine mono-religiöse Vorherrschaft für die Bedürfnisse der Menschen. "Die drei abrahamitischen Religionen ... müssen die Tatsache akzeptieren, dass sie dieselbe Vorstellung vom Anfang und Ende der Welt teilen; dass sie denselben Ort der Verbindung zwischen Himmel und Erde teilen: Jerusalem; dass sie die Gebote desselben Gottes vom Sinai teilen: Du sollst den einen Gott verehren, du sollst gut zu deinen Eltern sein, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen..." Kommt es nach und nach doch zu einem von vielen anerkannten Weltethos der Religionen? Und kann Abraham dafür Vorbild oder Ausgangspunkt sein? Die Katholische Akademie in Bayern und die Evangelische Akademie Tutzing unternahmen nun gemeinsam mit 300 Interessierten den Versuch, die Verhältnisse genauer zu sichten: "Der eine Stammvater Abraham? Zum Verhältnis von Juden, Christen und Muslimen". Ob der aramäische Stammvater des Glaubens tatsächlich zur Integration taugt, das wurde von den Referenten der Tagung überwiegend mit Skepsis betrachtet. Abraham, wer bist du? Schon der historische Befund ist schwierig. Die Fachleute sind sich nicht einig, was von den Geschichten über Abraham, die im alttestamentlichen Buch Genesis in den Kapiteln 11 bis 25 erzählt werden, wahr ist. Vereinfacht gilt Abraham als Stammvater von westsemitischen, viehzüchtenden Nomaden im 18. Jahrhundert vor Christus. Er wird von einer persönlichen namenlosen Gottheit an den Rand des palästinischen Kulturlandes geführt. Spätestens dort wurde diese Gottheit Abrahams mit den in Südpalästina verehrten El-Gottheiten in eins gesetzt. Der Nahostexperte Michael Lüders aus Berlin lenkte den Blick in die Gegenwart und warb um einen nüchternen und vorbehaltlosen Blick auf die drei monotheistischen Religionen. Die "Idee des Abrahamismus" als gemeinsame Basis für das Religionsgespräch sei zweischneidig. Während der Monotheismus - positiv betrachtet - das Gottdenken auf ein höheres Niveau trägt, behält er in sich auch die Gefahr
372von Intoleranz und Dogmatismus. Dennoch könne der gemeinsame Bezug auf Abraham im Kampf der Kulturen, gerade wenn der jeweilige Gegner dämonisiert wird, gegen übertriebene Abgrenzungen "immunisieren". Für Lüders ist Abraham eine rebellische Figur, die Kritik an bestehenden Verhältnissen äußerte und eine bessere Zukunft im Blick hat. Eine Abraham-Frömmigkeit könnte in dieser Hinsicht positiv wirken. Denn das neue Gottesbild, das in den Genesis-Geschichten vermittelt werde, benötigt keine Helden im Ringen um Gerechtigkeit und Heil. Es macht vielmehr die Schwachen stark. Dennoch urteilte der Berliner Publizist: "Der abrahamitische Dialog ist ein Minderheitenprojekt." Der Regensburger Dogmatiker Wolfgang Beinert knüpfte am historischen Befund an und nannte Abraham eine weitgehend "von den Nebeln der Vorzeit verwaberte, halb mythische Gestalt". Anders als beim christlichen Ökumene-Gespräch, das eindeutig die Einheit der Christen zum Ziel habe, bleibe im interreligiösen Dialog eine "wie auch immer geartete Einheit der Religionen" sachlich gesehen ausgeschlossen. Das christliche Gottesbild etwa oder das Messianische an Jesus Christus könnten von Vertretern des Islam und des Judentums nicht geteilt werden. Überhaupt sei die Rede, dass alle drei Religionen "sowieso an denselben Gott glauben" äußerst oberflächlich. Es gebe so viele Gottesbilder wie es Menschen gibt. Was aber bedeutet Abraham dann? Beinert wies auf die nicht einheitlich geschilderte Figur im Koran hin. Kommt Abraham in den aus Mekka überlieferten Suren stärker die Rolle des Vorkämpfers gegen den Viel-Götter-Glauben zu, haben die Suren aus Mohammeds Zeit in Medina stärker den Urvater des Islam im Blick. Bei den Juden wiederum sei eher Jakob der Glaubens-Stammvater und Mose die eigentliche Gründungsfigur des Judentums. In allen drei Religionen, so Beinert, werde Abraham zugunsten der eigenen Grundüberzeugung funktionalisiert und instrumentalisiert: für das Religionsgespräch "ein Holzweg".
Eine Figur der SpaltungÄhnlich vorsichtig äußerte sich Michael Wolffsohn: "Ganz koscher war Abraham nicht." Der Professor für Neuere Geschichte an der Hochschule der Bundeswehr in München, der als Jude im interreligiösen Dialog engagiert ist, beleuchtete zunächst die Rolle der Juden im Koran. "Die islamische Historie ist alles andere als judenfreundlich." Dem Islam gelte Abraham nicht als Stammvater der Juden, sondern als erster Anhänger des muslimischen Glaubens und als Errichter der Kaaba, der heiligen Wallfahrtsstätte in Mekka. Mit Verweis auf den Tübinger Judaisten Matthias Morgenstern hob Wolffsohn hervor, dass die muslimische Distanz zum Judentum gewollt sei. Denn der Koran versteht sich als Richtigstellung, als Reform der jüdischen Tradition. Abraham ist demnach keine Konsensfigur, sondern eher eine der Spaltung. Auch für das christlich-jüdische Verhältnis ergeben sich Probleme. Zwar wird der aramäische Urvater bei Matthäus und Lukas in den Stammbäumen Jesu noch erwähnt. Doch bereits im Johannesevangelium sei das "abrahamitische Tischtuch" zerschnitten, bemerkte Wolffsohn. Hier werden die Kinder Abrahams als Teufelskinder bezeichnet, woraus folgt, dass die Anhänger Jesu nicht Abrahams Kinder sind: "Ehe Abraham wurde, bin ich", sagt der johanneische Jesus (8,58) und grenzt sich über Abraham vom Judentum ab. Michael Wolffsohn schloss aus seinem Befund: Abraham ist als Brücke für alle drei Religionen untauglich. Diese stürze ein, "bevor wir sie betreten". Der in Pakistan geborene Islamwissenschaftler Jamal Malik, der seit 1999 an der Universität Erfurt lehrt, ging auf die schwierige Tendenz in Religionsgesprächen ein, rituelle und theologische Gemeinsamkeiten zulasten real bestehender Unterschiede überzubetonen. Die Geschichtstheologie im Koran vertrete die Auffassung, die Juden hätten sich von der Religion des Stammvaters Abraham entfernt und so ihren Bund mit Gott gebrochen. Deshalb habe Mohammed den Islam als Erneuerung der ursprünglich rein monotheistischen Religion Abrahams gedeutet und Judentum wie Christentum "als verfälschte Versionen der Offenbarung" relativiert.
Ein Held des AufbruchsWas aber kann der Dialog der monotheistischen Religionen bewirken, wenn er sich nicht einmal an einer gemeinsamen Identifikationsfigur Abrahams festmachen lässt? Wolfgang Beinert verwies auf die "eschatologische Verantwortung", die jeder der Religionen zu eigen ist. Alle drei trügen mit Blick auf das Überleben der Menschheit den Impuls in sich, dass Gott das Wohl und Heil aller Menschen will. Daran habe die humane Kraft der Religionen anzuknüpfen. Für Michael Wolffsohn bilden die Zehn Gebote des Judentums eine "human-transzendente Grundlage". Er gab zu bedenken, dass auf der Tagung nur wenig Juden und Moslems anwesend waren. "Als Vertreter des Religionsdialogs haben wir kaum entsprechende Divisionen in unseren Reihen." Allenfalls werde den Engagierten vonseiten der Mehrzahl der Juden und Moslems "freundliches Desinteresse" entgegengebracht. Angesichts der "Rückkehr der Religion" warb Jamal Malik für eine "Entdramatisierung des Religiösen" (Heiner Bielefeldt), also dass in den öffentlichen Debatten und Entscheidungen mehr Gewicht auf das gelegt wird, was die Menschen vor Ort beschäftigt, beispielsweise im politischen Diskurs auf die Frage der Integration, auf die - auch, aber nicht ausschließlich religiöse - Identität, auf die Suche nach Heimat. Wie eine Ökumene der Religionen sich dennoch an Abraham ausrichten lässt, zeigte der Münchner Alttestamentler Manfred Görg auf. Er empfahl, im Dialog dringend über das wachsende Desinteresse in den je eigenen Reihen hinauszukommen. Görg, der auch Vorsitzender der Münchner "Gesellschaft der Freunde Abrahams" ist, war der einzige unter den Referenten, der für den abrahamitischen Dialog eine Lanze brach: Abraham stehe demnach weniger für lehramtliche Inhalte, sondern für eine Grundhaltung des Glaubens gegenüber dem Absoluten. Die hebräischen Verben "gehen" und "sehen" im Buch Genesis zeigten die Leitmotive seiner prophetischen Existenz. Glauben im Sinne Abrahams bedeute, eine visionäre Kraft für die Zukunft zu entwickeln und das Überkommene hinter sich lassen. Diese Haltung könne auch die Menschen trotz unterschiedlicher Glaubenswege einander näher bringen.
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