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Thomas Steinforth

Orientierung für die Caritas heute

Aufgaben der verbandlichen Caritas
nach Lorenz Werthmann

 

Aus: Stimmen der Zeit, 10/2008, S. 658-668

 

    THOMAS STEINFORTH, Mitarbeiter des Caritasverbands der Erzdiözese München und Freising e.V., skizziert die Aufgaben der verbandlichen Caritas. Dabei bezieht er sich auf eine Rede ihres Gründers Lorenz Werthmann (1858-1921) aus dem Jahr 1899 und entfaltet sie in ihrer Bedeutung für die Caritas des 21. Jahrhunderts.

 

Der 1897 gegründete Deutsche Caritasverband steht unter Veränderungsdruck. Der soziokulturelle Wandel der Gesellschaft, ökonomische Herausforderungen, sich verschärfende soziale Fragen und die Veränderungen des sozialstaatlichen Arrangements von der kommunalen bis zur europäischen Ebene werfen für die Caritas grundlegende Fragen nach ihrer künftigen Identität, Ausrichtung und Struktur auf {1}. Der 150. Geburtstag des am 1. Oktober 1858 geborenen Verbandsgründers Lorenz Werthmann ist vor diesem Hintergrund des Orientierungsbedarfs ein guter Anlaß für die Frage, was sich aus der Herkunft der verbandlichen Caritas für die Gestaltung ihrer Zukunft ableiten läßt, was sich von ihrer Gründerfigur Lorenz Werthmann für ihre künftige Ausrichtung lernen läßt.

Es geht im folgenden also nicht um eine biographisch-historische Würdigung der Gründungs- und Aufbauleistung Werthmanns {2}, sondern um die Frage, inwiefern seine Gründungsintentionen relevant und anregend sind für die heutige Caritas. In besonders bündiger Form finden sich diese Intentionen im Gründungsaufruf des Verbands {3}, aber auch in einer Rede, die Werthmann 1899, zwei Jahre nach Gründung des erst 1916 kirchlich voll anerkannten Deutschen Caritasverbands, auf der "Generalversammlung der Katholiken" in Neiße gehalten hat {4}. Vereinfacht ausgedrückt, benennt Werthmann in dieser Rede vier Aufgaben der verbandlichen Caritas er spricht sogar ganz nüchtern von Funktionen und dann auch von drei wesentlichen Tätigkeiten ("publizieren, studieren, organisieren"), die zur Erfüllung dieser Aufgaben notwendig seien.

Inwieweit diese am Ende des 19. Jahrhunderts skizzierten Aufgaben und Tätigkeiten Orientierung geben können für die Caritas des 21. Jahrhunderts, soll dann vor allem anhand einer ausgewählten Einzelfrage verdeutlicht werden: Ist es mit dem Selbstverständnis der heutigen Caritas vereinbar, sich an der Verteilung von Lebensmitteln durch "Tafeln", "Tische" und vergleichbare Angebote zu beteiligen und wenn ja, in welcher Form? In den inhaltlichen und strukturellen Diskussionen zur Zukunft der verbandlichen Caritas von der Bundes- über die Diözesan- bis zur Kommunalebene gibt es sicherlich weit "größere" und wichtigere Fragen. Und doch ist die einerseits konkrete, andererseits implikationsreiche Frage nach der Lebensmittelverteilung gut geeignet, die "Orientierungskraft" der Gründungsintentionen von Lorenz Werthmann zu prüfen.

 


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Caritas als "Dampf in der sozialen Maschine"

In der genannten Rede von 1899 benennt Werthmann als erste Aufgabe der verbandlichen Caritas, "Dampf in der sozialen Maschine" (W 27) zu sein. Sozialgesetzgebung und Sozialpolitik werden als staatliche "Lokomotive" verstanden, der es ohne gesellschaftliche Kräfte gleichsam am gesellschaftlich-menschlichen "Dampf" fehle.

Wie genau Werthmann das Verhältnis von staatlichen, gesellschaftlichen und privaten Aktivitäten bestimmt, bleibt hier begrifflich etwas vage. Grundsätzlich bejaht er die Notwendigkeit eines auch sozial aktiven Staates, und die heute bis in kirchliche Kreise hinein anzutreffende Grundskepsis gegenüber dem Sozialstaat {5} hätte ihn vermutlich verwundert. Zugleich beansprucht Werthmann gegen Allzuständigkeitsansprüche des Staates eine wesentliche Rolle für gesellschaftliche und insbesondere kirchliche Kräfte (eben als "Dampf"). Bis heute gültig ist seine Einschätzung, daß es im Verhältnis von Staat und gesellschaftlichen Kräften nicht um ein Entweder-Oder geht, in dem die Aktivitäten des einen zwangsläufig auf Kosten des anderen gehen:

"Selbst wenn die soziale Gesetzgebung ihr Menschenmögliches gethan hat, wenn es soweit gekommen ist, daß jeder Arbeiter alltäglich sein Huhn im Topfe und unter dem Topfe einen eigenen Herd und über dem Herd ein eigenes Haus und um das Haus einen eigenen Garten hat: auch dann ist das Wirken der Charitas noch notwendig" (W 26).

"Dampf in der sozialen Maschine" zu sein, sollte so lassen sich seine Ausführungen interpretieren zweierlei bedeuten: erstens den Staat durch politisches Engagement ("Anwaltschaft") dazu zu bewegen, die Erfüllung von Rechten auf die notwendigen Bedingungen eines menschenwürdigen Lebens zu gewährleisten; zweitens auch in einem funktionierenden Sozialstaat sich insbesondere derjenigen Nöte anzunehmen, die sich nicht (vollständig) in einer rechtsförmigen sozialen Sicherung und Versorgung bearbeiten lassen.

Diese doppelte Aufgabe läßt sich anhand der ausgewählten Beispielsfrage nach der Lebensmittelverteilung konkretisieren: Das in Werthmanns Rede genannte "Huhn im Topf" als Sinnbild einer ausreichenden Ernährung gehört für Werthmann offenbar zu dem, worauf Menschen ein fundamentales Recht haben. Was aber soll die Caritas tun, wenn dieses Recht nicht mehr zuverlässig für alle erfüllt wird? In Deutschland werden mittlerweile bis zu einer Million Menschen regelmäßig durch "Tafeln" und andere Lebensmittelausgaben versorgt, weil sie primär aus finanziellen Gründen keine ausreichende Ernährung für sich bzw. für ihre Familie sicherstellen können. Ist es sinnvoll, daß sich auch die Kirche und ihre Caritas seit einigen Jahren verstärkt in diesem Feld engagieren? Ermuntern sie dadurch den Staat nicht noch in seiner sozialen Selbstentpflichtung? Dem Anspruch, "Dampf in der sozialen Maschine" zu sein, kann die Caritas in diesem Punkt meines Erachtens nur gerecht werden, wenn sie eine erkennbare "Doppelstrategie" verfolgt:

 


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Einerseits muß sie auf die Nöte reagieren und ihren Beitrag für eine ausreichende Ernährung leisten. Wenn es dem Staat nicht mehr hinreichend gelingt, durch die Gestaltung einer gerechten Wirtschaftsordnung mit ausreichenden Erwerbseinkommen und durch armutsfeste Transfereinkommen die ausreichende Ernährung für alle zu gewährleisten, dann muß auch die Caritas "einspringen" und sich in der Versorgung mit Lebensmitteln engagieren und zwar in einer besonders zuwendenden und respektvollen Art und Weise. Auch dieses "persönlich-zwischenmenschliche" Element verbindet Werthmann mit dem Bild des Dampfes, denn "der weite Blick und das warme Herz" (W 27) fehle allzuoft in einem rein staatlich-rechtsförmigen Sicherungssystem.

Zugleich muß sich die Caritas politisch dafür einsetzen, daß diese Art der Hilfe nicht mehr nötig ist. Sie muß in dem genannten Bild formuliert politisch "Dampf machen", damit die Ursachen des Ernährungsproblems und überhaupt der zunehmenden Armut beseitigt werden. Und selbst wenn sie dieses Ziel eines Tages erreichen würde und die letzte "Tafel" mangels Nachfrage geschlossen werden kann, bliebe für die Caritas mehr als genug zu tun.

 

Caritas als "linderndes Öl" und "Trägerin der sozialen Versöhnung"

Eine zweite Aufgabe der Caritas besteht für Werthmann darin, durch ihr Mitwirken in dem heute sogenannten "sozialstaatlichen Arrangement" auch als "linderndes Öl" zu wirken, das die "hochgehenden Wogen der sozialen Unzufriedenheit glätten" soll (W 27). Werthmann war also keinesfalls unpolitisch, jedoch ein "Sozialreformer mit konservativer, bewußt systemstabilisierender Ausrichtung" {6}. Gegen die von der katholischen Sozialbewegung befürchteten "sozialen Umsturzbestrebungen" setzte er auf die "soziale Regeneration" (W 25) der Gesellschaft, an der die Caritas als "Trägerin der sozialen Versöhnung" (W 27) mitwirken solle.

Werthmanns Erläuterung dieser "Versöhnung" offenbart einen Hang zu einem ständischen Gesellschaftsbild, das aus seiner Zeit heraus verständlich sein mag, aber nicht mehr in ein modernes Selbstverständnis professioneller Sozialarbeit paßt. Für Werthmann leistet die Caritas Versöhnung, "indem sie die reichen, die gebildeten, die besitzenden Stände anregen will, zu den Armen hinabzusteigen" (ebd.). Die heutige Caritas betont gegen solche Vorstellungen einer "hinabsteigenden" und "lindernden" Wohltätigkeit die gerechte und solidarische Hilfe auf der Grundlage der allen Menschen gleichermaßen zukommenden Würde, die sich zudem bemüht, auch politisch an Ursachen der Hilfsbedürftigkeit anzusetzen, statt diese durch bloßes "Lindern" noch zu verfestigen. Und die Caritas wird dieses Verständnis sozial-karitativen Handelns sogar verstärkt vertreten müssen gegen bedenkliche Tendenzen einer "Charity-Gesellschaft", in der Hilfe wieder mehr als ungeschuldete Wohltätigkeit und weniger als Erfüllung fundamentaler Gerechtigkeitsansprüche verstanden wird.

 


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Trotz dieses problematischen Verständnisses von "Linderung" und "sozialer Versöhnung" bei Werthmann bleibt jedoch seine Anregung wichtig, auch über einen "Versöhnungsauftrag" der Caritas nachzudenken gerade in einer Zeit, in der eine wachsende Zahl sozial benachteiligter Menschen vom Gefühl des "Überflüssig-Seins" und damit von einem schmerzhaften Mangel an Selbstachtung betroffen und in diesem Sinn mit der Gesellschaft "nicht versöhnt" ist. Der Caritas darf es freilich nicht um eine schlechte Versöhnung gehen, in der Verantwortung verschleiert und soziale Ungerechtigkeit verfestigt werden.

"Versöhnung" durch die karitative Arbeit bedeutet, erstens über die bloße Versorgung mit Grundgütern hinaus auch zur Befähigung und Inklusion der Betroffenen beizutragen; und zweitens die tatkräftige Hilfe zu verbinden mit dem politischen Eintreten für die Rechte und Anliegen der Betroffenen und der profilierten Kritik an Ungerechtigkeiten in Gesellschaft und Wirtschaft. "Versöhnung" mit der Gesellschaft bedeutet dann für die Betroffenen, sich in aller erlebten und nicht verschleierten Ungerechtigkeit und Bedürftigkeit doch auch als Personen erfahren zu können, die nicht "überflüssig", "abgehängt" und bloße Hilfsobjekte sind, sondern respektvoll unterstützt werden.

Für die ausgewählte Beispielsfrage nach der Lebensmittelverteilung bedeutet dieser Versöhnungsauftrag, sich keinesfalls auf die materielle Versorgung zu beschränken und diese auch noch gönnerhaft zu gestalten. Auch Werthmann mahnt ausdrücklich: "Es darf der Herr Pfarrer nicht meinen, daß seine charitative Thätigkeit darauf sich beschränken darf ... ein Stück Brot oder einen Teller Suppe aus seiner Küche zu geben" (W 28). Einen Beitrag zur "Versöhnung" leistet eine Lebensmittelausgabe nur dann, wenn sie erstens die materielle Hilfe respektvoll und keinesfalls gönnerhaft gestaltet; und wenn sie zweitens die materielle Hilfe systematisch und erkennbar kombiniert mit befähigenden und integrierenden Angeboten sowie einem politischen Eintreten für die Rechte der Betroffenen. Viele gute Praxisbeispiele aus dem Bereich der Kirche und ihrer Caritas zeigen, daß eine gut eingebundene und mit anderen Angeboten kombinierte Lebensmittelausgabe auch zu der von Werthmann geforderten "Versöhnung" beitragen kann, indem die Betroffenen glaubwürdig vermittelt bekommen, nicht nur Hilfsobjekte zu sein, sondern Menschen mit Selbsthilfepotential, Träger fundamentaler Rechte und vollwertige Mitglieder der Gesellschaft.

 

Caritas als "Vorschule für soziale Thätigkeit"

In einer dritten Rolle soll die Caritas eine "Vorschule sein für die soziale Thätigkeit", um Menschen "in die Elemente der sozialen Thätigkeit einzuführen" (W 27). Dabei geht es Werthmann nicht nur um Qualifikation, sondern auch um Motivation. Auf die Frage an Menschen in sozialen Berufen: "Wo haben Sie zuerst die Ab-

 


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sicht gefaßt, am Wohl der Menschen zu arbeiten?" (ebd.) soll möglichst oft die Antwort lauten: In der Caritas! {7} Auch wenn Werthmanns Erläuterung, daß nach der "Vorschule" Caritas dann der "Volksverein" die anschließende "Hochschule" sei, nur historisch interessant ist, ist doch die Rolle "Vorschule für soziale Thätigkeit" auch für die heutige Caritas wichtig, und zwar in dreierlei Hinsicht:

Der Deutsche Caritasverband und viele seiner Gliederungen benennen als eine wichtige Aufgabe die sogenannte "Solidaritätsstiftung", also die Aktivierung, Koordinierung, Vermittlung und Unterstützung von bürgerschaftlich-solidarischem Engagement in all seinen Facetten vom klassischen Ehrenamt bis hin zu modernen Formen der Freiwilligen-Arbeit. In dieser "Solidaritätsstiftung" geht es auch darum, Menschen, die wenig eigene Erfahrung mit sozialen Problemen haben, durch die konkrete Arbeit für soziale Fragen zu sensibilisieren. In diesem Sinn stellt die Caritas mit ihren Möglichkeiten an solidarischer Tätigkeit eine "Vorschule für soziale Thätigkeit" dar, die für junge Menschen ebenso aufschlußreich sein kann wie für Manager eines Wirtschaftsunternehmens. Wer diese "Vorschule" besucht, wird eher geneigt und in der Lage sein, sich in seinem persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld für eine sozial gerechte Gesellschaft einzusetzen.

"Vorschule für soziale Thätigkeit" zu sein, bedeutet auch, junge Menschen durch positive Erfahrungen für die Ausbildung und Tätigkeit in einem sozialen Beruf zu gewinnen. Der demographische Wandel erhöht den Bedarf an sozialer und pflegerischer Tätigkeit und reduziert gleichzeitig die Zahl potentieller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Um so wichtiger ist es, Praktika, Zivildienst, Ehrenamt und Freiwilligen-Dienste für junge Menschen so zu gestalten, daß diese "auf den Geschmack" und zu einer fundierten Entscheidung für einen sozialen Beruf kommen können. Eine besondere Rolle spielen die Ausbildungsaktivitäten der Caritas, die bereits dem Verbandsgründer und auch Schulgründer Werthmann am Herzen lagen. Insbesondere die leider nur schlecht refinanzierten beruflichen Schulen für soziale und pflegerische Berufe sind ganz buchstäblich "Vorschulen für soziale Thätigkeit".

Besonders anspruchsvoll ist die Rolle der "Vorschule für soziale Thätigkeit" dann, wenn sie auch Menschen ansprechen will, die zunächst Betroffene dieser "sozialen Tätigkeit" sind. Wenn es aber gelingt, Betroffene in einer einladenden und nicht bedrängenden Weise für das Mitgestalten der "sozialen Tätigkeit" zu gewinnen, ist diese Ermöglichung von Beteiligung eine wirkungsvolle Form, Menschen Selbstwertschätzung und neue Perspektiven zu vermitteln. Die guten Erfahrungen in der Unterstützung von Selbsthilfe oder auch in der Ermöglichung des "Mit-Anpackens" zum Beispiel auch in den beispielhaft genannten Lebensmittelausgaben! sollten die Caritas ermutigen, die Ansätze weiter zu verfolgen und zu verstärken.

 


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Caritas als "Pfadfinderin"

Eine vierte Aufgabe besteht für Werthmann darin, "Pfadfinderin" (W 27), also innovativ zu sein. Zwei Richtungen der Innovation lassen sich anhand seiner Rede unterscheiden: Einerseits soll die Caritas die Weiterentwicklung der Sozialgesetzgebung und der Sozialpolitik befördern. Sie soll "Pfadfinderin ... sein für staatliche und gesetzgeberische Maßnahmen" (ebd.). Die tagtägliche Erfahrung in der sozialen Arbeit birgt ein Innovationspotential, das die Mitarbeitenden der Caritas für die Politik fruchtbar machen sollen:

"Sie dringen hinein in die Not, wohin die staatliche Gesetzgebung noch nicht dringen kann, machen auf sittliche und materielle Notstände aufmerksam, schaffen das Material zur wirksamen Bekämpfung derselben; sie ebnen so die Pfade und Wege für neue gesetzgeberische Maßnahmen" (W 28).

Als modernes Beispiel für den Transfer des Erfahrungswissens aus eigenen Diensten und Einrichtungen in die Weiterentwicklung von Gesetzen kann die Mitwirkung des Deutschen Caritasverbands an den gesetzlichen Grundlagen eines "sozialen Arbeitsmarktes" gelten, der eine öffentlich geförderte, unter Umständen dauerhafte Beschäftigung für besonders schwer vermittelbare Arbeitslose ermöglicht. Das Beispiel zeigt freilich auch, wie schnell diese "Pfadfinder-Funktion" an Grenzen stößt, denn das neue Gesetz ist aus Sicht der Caritas zwar grundsätzlich zu begrüßen, hat aber gleichwohl eine Reihe von Konstruktionsfehlern.

Trotz des unausweichlichen Spagats zwischen öffentlich-politischer Kritik und unter Umständen affirmativ wirkenden "Mitmachens" im sozialstaatlichen Arrangement ist es eine lohnende Aufgabe, die Beratungs- und Mitwirkungsrolle der Caritas auf allen politischen Ebenen aktiv und professionell auszuüben und auszubauen. Leider wird insbesondere auf kommunaler Ebene das politische Innovationspotential der Caritas bisweilen eher als lästiger Störfaktor wahrgenommen oder als einzudämmende Einflußnahme eigennütziger Träger mißverstanden.

Die von Werthmann geforderte "Pfadfinder"-Rolle der Caritas bezieht sich freilich auch auf die eigene fachlich-inhaltliche Weiterentwicklung: An einer anderen Stelle der Rede verlangt Werthmann von der Caritas, "Träger neuer charitativer Ideen", und "Herold und Förderer solcher neuer charitativen Ideen" zu sein, denn "neue Bedürfnisse, neue Forderungen machen mit den Fortschritten der Zeit auch auf charitativem Gebiet sich gelten" (W 34). Diese Anforderung an die Caritas ist heute mindestens so wichtig wie am Ende des 19. Jahrhunderts, denn sich immer weiter differenzierende soziale Fragen und Bedarfe verlangen von der Caritas die beständige Weiterentwicklung ihrer fachlichen Konzepte, Methoden, Angebotsformen und Steuerungsmodelle. Beispielhaft genannt seien die Anforderungen an eine professionelle Altenhilfe und Pflege, die nicht nur quantitativ zunehmen, sondern auch qualitativ anspruchsvoller werden. Ein anderes Beispiel ist das weiterhin wachsende

 


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Bedürfnis von Menschen mit Behinderung nach einem möglichst selbstbestimmten Leben, das mit neuen Steuerungsformen wie etwa dem "persönlichen Budget" einhergeht. In diesen und anderen Feldern sind in der Tat stets neue Wege und Ideen gefragt, und der Caritasverband und seine Gliederungen müssen selbstkritisch einräumen, ihre Tradition nicht immer zu einem Motor der Innovation zu machen.

Auch in der beispielhaft genannten Gestaltung von Lebensmittelausgaben sollte die "Pfadfinder-Funktion" in beiden genannten Hinsichten gelebt werden: So mancher Kommunalpolitiker wurde erst durch eine Lebensmittelausgabe zur Erkenntnis gezwungen, daß es auch in seiner Gemeinde ein Armutsproblem gibt, das nach Lösungen verlangt. Und aus der praktischen Arbeit mit den Betroffenen in der Lebensmittelausgabe heraus ist so manche innovative konkrete Idee zur Armutsprävention entstanden, die dann in der caritativen Arbeit selbst oder auch von der Kommunalpolitik aufgegriffen wurde. Ein kleines, aber anschauliches Beispiel ist die sogenannte "SocialCard", die von der Caritas und der Diakonie im oberbayerischen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen vor dem Hintergrund ihrer Tafel-Arbeit konzipiert und dann in Abstimmung mit anderen Wohlfahrtsverbänden, den Kirchen und der Kommunalpolitik verwirklicht wurde: Mit der SocialCard erhalten die Anspruchsberechtigten über die bloße Lebensmittelversorgung hinaus zahlreiche Vergünstigungen für Freizeit- und Kulturangebote und damit erleichterte Zugänge zum ansonsten oft verschlossenen sozialen und kulturellen Leben.

Um die genannten vier Aufgaben erfüllen zu können, muß die Caritas nach Werthmann vor allem drei Tätigkeiten in den Mittelpunkt stellen: Es muß "unsere Charitas mehr publiziert, mehr studiert und mehr organisiert werden" (W 28). Diese drei Tätigkeiten sind auch heute von Bedeutung für eine effektive Caritas, müssen jedoch neu konkretisiert werden.

 

"Publizieren" Kommunikation und politische Mitgestaltung

Das "Publizieren" dient der zitierten Rede zufolge erstens der verbandsinternen "Belehrung", also dem Wissens- und Erfahrungsaustausch unter den karitativ Tätigen; zweitens der Orientierung gebenden Übersicht zu den vielfältigen Angeboten der Caritas; und drittens "dem Interesse unserer heiligen Kirche selbst" durch eine öffentliche Darstellung ihres karitativen Wirkens (W 28f.). Während der dritte Punkt aus der historischen Situation zu verstehen ist, in der sich die katholische Kirche in einem schwierigen politischen Umfeld zu positionieren sucht, sind die beiden ersten Ziele des Publizierens von bleibender Aktualität.

Eine große und komplexe Organisation wie der Deutsche Caritasverband ist im besonderen Maß auf eine gelingende interne Kommunikation angewiesen. Schon auf der Ebene der Diözesan-Caritasverbände oder größerer Träger ist es ebenso schwierig wie notwendig, Erkenntnisse und Kompetenzen im Sinn eines "Wis-

 


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sensmanagements" für alle Mitarbeitenden bekannt und zugänglich zu machen. Auch das zweite Ziel des Überblicks über die vielfältigen Angebote der Caritas ist heute wichtiger denn je. Insbesondere auf kommunaler und regionaler Ebene werden aus Klientensicht heraus kommunizierende "Clearing-Funktionen" immer wichtiger, um hilfesuchenden Menschen möglichst zügig und problemlos das individuell passende Angebot zukommen zu lassen.

In der Rede nicht genannt, aber wohl doch dem Grundanliegen Werthmanns entsprechend ist ein Publizieren im Sinn (sozial-)politischer Mitgestaltung. In diesem Punkt hat sich etwa durch Kampagnen auf Bundesebene zu Jahresthemen oder auch durch professionelle Medienarbeit auf Diözesan- und Kommunalebene vieles deutlich weiter entwickelt. Gleichwohl dürfte die nachhaltige Öffentlichkeitswirkung des Deutschen Caritasverbands und seiner Gliederungen bei weitem noch nicht der Größe, Kompetenz und Erfahrung der verbandlichen Caritas entsprechen und auch nicht vergleichbar sein mit der Effektivität der Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit so mancher Wirtschaftsverbände. Auch die beispielhaft genannten Lebensmittelausgaben ließen sich in vielen Fällen noch effektiver für eine Öffentlichkeitsarbeit nutzen, welche die Armutsproblematik immer wieder ins öffentliche Bewußtsein rückt. Freilich ist für ein massenmedial erfolgreiches, überzeugendes und aktivierendes Publizieren sozialer Mißstände wichtig, nicht nur die Mißstände selbst, sondern auch Lösungsansätze und Perspektiven zu publizieren.

 

"Studieren" Caritas lehren und lernen

"Studieren" ist für Werthmann im Sinn einer professionellen und wirkungsvollen Caritas unerläßlich: "Wohl ist es richtig, Charitas ist vorzüglich Sache des warmfühlenden, opferfreudigen, religiösen Herzens. Aber dabei darf auch der Verstand, darf die Erfahrung, darf die Leiterin Wissenschaft nicht fehlen" (W 32). In den 100 Jahren nach dieser Rede hat sich die soziale Arbeit enorm professionalisiert und der Bologna-Prozeß hat die Studiengänge im Sozialwesen nochmals gravierend verändert. Es muß sich noch zeigen, wie die neue Bachelor-Qualifikation und die oft spezialisierten Master-Qualifikationen zur gesteigerten Qualifizierung und Qualität der sozialen Arbeit beitragen. Verantwortung der Caritas als Dienstgeber bleibt es freilich, passende Anforderungsprofile für ihre Fach- und Führungskräfte (weiter) zu entwickeln und zu wissen, was diese denn genau "können sollen".

Entwicklungsbedarf gibt es insbesondere in der Profilierung einer selbstbewußten Sozialarbeitswissenschaft; in der Vermittlung von betriebswirtschaftlichen Kompetenzen, die den besonderen "sozialwirtschaftlichen" Anforderungen gerecht werden; in der Vermittlung von Führungs- und Managementkompetenz; in der Vermittlung von politischem Lobby- und Verhandlungsgeschick sowie nicht zuletzt in der Vermittlung einer theologisch informierten ethischen Reflexions-

 


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fähigkeit. Für Werthmann war noch nicht absehbar, in welchem Ausmaß die heutigen Caritas-Führungskräfte die Balance zwischen karitativem Auftrag und Anforderungen der Wirtschaftlichkeit gestalten müssen auch das muß studiert werden.

Eine bislang unzureichend genutzte Chance für die reflektierte Weiterentwicklung der Caritas besteht im Austausch zwischen Caritas-Praxis und wissenschaftlicher Theologie. Die mögliche Orientierungskraft der Theologie für Abwägungsund Entscheidungsfragen wird innerhalb der verbandlichen Caritas noch nicht genügend fruchtbar gemacht, und umgekehrt entspricht der Stellenwert der Caritas in der wissenschaftlichen Theologie bei weitem nicht dem Rang der Caritas, wie er etwa in der Enzyklika "Deus caritas est" zum Ausdruck kommt. Wenn Werthmann ein verstärktes "Studieren" fordert, damit die Caritas ihre spezifische Rolle ausüben kann, dann müßte das heute eben auch bedeuten, durch geeignete Austausch- und Vernetzungsformen sowohl die "Theologie in die Caritas", als auch die "Caritas in die Theologie" zu bringen.

Freilich geht es in dem von Werthmann genannten "Studieren" nicht nur um das Studium an Hochschulen so wichtig eine akademische Ausbildung für viele Führungs- und Fachaufgaben auch ist und so wichtig auch die Durchlässigkeit zwischen akademischer und nichtakademischer Bildung ist. Gerade die Caritas sollte aber weiterhin auch großen Wert auf die Berufsausbildung, berufliche Schulen und Weiterbildung legen. Ob Führungskräfte, hochspezialisierte Experten, Fachkräfte, sogenannte "Hilfskräfte" und nicht zuletzt die Ehrenamtlichen: Alle gestalten eine Tätigkeit, die Werthmann als "Kunst" (W 32) bezeichnet und zu deren Ausübung es einer qualifizierten, wenn auch unterschiedlich ausgeprägten Kunstfertigkeit bedarf. Leider fördert die im Sozialbereich zunehmende Ausschreibungspraxis durch die öffentliche Hand in vielen Fällen einen ruinösen Wettbewerb über den Preis und schwächt damit die Bedeutung von Qualität und Qualifizierung. Werthmanns Betonung des "Studierens" ist eine Mahnung, sich solchen Tendenzen der Qualitätsabsenkung und Deprofessionalisierung zu widersetzen.

 

"Organisieren" Struktur und Steuerung kirchlicher Sozialarbeit

Der dritten von Werthmann genannten Tätigkeit des "Organisierens" hat er sich selbst sein Leben lang gewidmet: Caritas brauche Organisation, denn sie könne "nicht in der Luft schweben und nicht von der Luft leben" (W 33). Zentrale Organisationsfragen der Gründungsphase müssen zwar stets neu beantwortet werden, sind aber als Fragen durchaus aktuell:

Wie gelingt es, das lebendige, spontane, persönliche Caritas-Handeln so zu organisieren, daß die Lebendigkeit gestützt und nicht eingeengt und reduziert wird? Welche Struktur braucht das "Charisma" der in der Gründungsphase noch mit "Ch" geschriebenen "Charitas" ? Wie kann insbesondere das für die Caritas unver-

 


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zichtbare informell-engagierte Handeln der Ehrenamtlichen so organisiert werden, daß es nicht nur als zusätzliche "Ressource" in hauptamtliche Strukturen eingefügt wird, sondern seine eigene Kompetenz voll entfalten und auch sein kritisches Potential in die Gestaltung der Caritas einbringen kann?

Wie läßt sich die für Motivation und Innovation notwendige Autonomie "vor Ort" vereinbaren mit einer zentralen Abstimmungs- und Steuerungsstruktur, ohne die sich Kräfte verzetteln und ohne die kaum öffentlicher Einfluß genommen werden kann? Wie können also die vielen Akteure "unter Wahrung ihrer Selbständigkeit zu einem großen Ganzen verbunden werden" (W 34)?

Wie muß das "vinculum unitatis, das Band der Einheit" (ebd.) der verbandlichen Caritas gestaltet sein, wenn die durch dieses Band vereinten Akteure und Aktivitäten naturgemäß verschiedenen Funktionslogiken folgen und unterschiedlicher Steuerung bedürfen? Wie kann es gelingen, die Aufgabe der Solidaritätsstiftung, die Aufgabe des politischen Engagements, das sozialwirtschaftliche Agieren durch "Caritas-Unternehmen" auf Sozialmärkten und die kaum refinanzierte, nicht "marktfähige" Unterstützung von armen und ausgegrenzten Menschen so zu verbinden, daß jede Aufgabe professionell gestaltet werden kann und daß sich die verschiedenen Aufgaben und Rollen zugleich wechselseitig stärken? Die strukturelle Aufspaltung dieser Aufgaben oder der Rückzug auf nur eine Rolle wäre allzu bequem und würde große Chancen der Caritas verspielen.

Wie kann es gelingen, die mit der Schaffung einer relativ eigenständigen Verbandsstruktur verbundene Arbeitsteilung zwischen verbandlicher Caritas und Kirche so zu gestalten, daß sie die beiden Bereiche nicht (weiter) entfremdet? Für Werthmann war klar, daß es eine eigene Struktur braucht, um Caritasarbeit unter modernen Bedingungen professionell, effektiv und auch mit politischer Wirksamkeit gestalten zu können. Zugleich war für ihn die Kirchlichkeit des Caritasverbands selbstverständlich, denn dieser soll ja gerade öffentliche "Repräsentation der katholischen Charitas" (ebd.) sein. Gegen einen falschen Verkirchlichungsdruck, der die notwendige relative Autonomie professioneller Caritas und auch "ihre Inkulturationsleistungen des christlichen Glaubens in die moderne Gesellschaft gefährden" {8} würde, aber auch gegen ein schlechtes Nebeneinander von "Caritas" und "Kirche" gilt es, gerade auf lebensräumlicher, lokaler und regionaler Ebene die Dienste der verbandlichen Caritas systematisch zu vernetzen mit Pfarrgemeinden und kirchlichen Organisationen.

Auch die beispielhaft genannten Lebensmittelausgaben sollten in dieser Hinsicht geprüft werden: Handelt es sich um ein isoliertes Einzelangebot, das die Betroffenen noch dazu "außen vor hält", oder dient die Ausgabe auch dazu, sie in einladender Weise hineinzuholen? Es gibt zum Beispiel Lebensmittelausgaben der Caritas, in denen Einladungen inklusive Essensgutscheinen für das Sommerfest der Pfarrgemeinde ausgegeben werden. Freilich muß die Vernetzung von Caritas und Pastoral systematisch gestaltet werden, und daher muß ein zentrales Kriterium für die in vie-

 


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len Diözesen laufenden Umstrukturierungen der Pastoral das künftig (noch) bessere Miteinander von Caritas und Pastoral sein!

 

Pragmatismus und Begeisterung

Auf die genannten "organisatorischen" Fragen kann man von dem vor 150 Jahren geborenen Werthmann keine konkreten Antworten erwarten, die auch heute noch funktional und nützlich sind. Hilfreich für die Verantwortlichen der Caritas wäre allerdings, sich in aller pragmatischen Detailarbeit an Strukturen und Prozessen nicht nur von Werthmanns Neigung zum Organisieren, sondern auch von seiner Begeisterung und von seiner Orientierung an einer großen Idee anstecken zu lassen. Werthmanns unermüdliches Organisieren und Strukturieren war von der zwar sehr pathetisch, aber gleichwohl anregend formulierten Hoffnung geprägt, daß "das Bewusstsein vereinter und gesegnether Thätigkeit die Herzen aller Charitasjünger mit immer neuem Muth und Gottvertrauen, mit größerer Nächstenliebe, mit steter Freude und Ausdauer in dem opfer- aber ehrenvollen Dienste der Himmelstochter Charitas erfüllen wird" {9}.

 

ANMERKUNGEN

{1} Zu den Herausforderungen und zu möglichen Strategien der verbandlichen Caritas vgl. K. Gabriel, Caritas u. Sozialstaat unter Veränderungsdruck. Analysen u. Perspektiven (Berlin 2007).

{2} Zur historischen und biographischen Würdigung vgl. W. Liese, Lorenz Werthmann u. der Deutsche Caritasverband (Freiburg 1929); Lorenz Werthmann u. die Caritas, hg. v. M. Manderscheid u. a. (Freiburg 1989); A. Wollasch, Die Caritas war seine Lebensleistung, in: Caritas 2008 Jahrbuch des Deutschen Caritasverbands, hg. v. Deutschen Caritasverband (Freiburg 2007).

{3} L. Werthmann, Aufruf zur Gründung eines Charitas-Verbandes für das katholische Deutschland, in: Charitas 2 (1897). Der Aufruf (als "Dok. 1") und zahlreiche andere Dokumente finden sich auch in der CD-ROM: A. Wollasch, Deutscher Caritasverband u. Sozialstaat. Ausgewählte Denkschriften u. Stellungnahmen im Wortlaut (Freiburg 2002).

{4} L. Werthmann, Die soziale Bedeutung der Charitas u. die Ziele des Charitasverbandes, in: Charitas 4 (1899), ebenfalls auch publiziert (als "Dok. 2") auf der von A. Wollasch herausgebenen CD-ROM (A. 3). Die Rede wird im Text nach der CD-ROM-Ausgabe zitiert mit W.

{5} Vgl. etwa das Impulspapier "Das Soziale neu denken" der Kommission VI der Deutschen Bischofskonferenz von 2003, das über die stets notwendige Sozialstaatskritik hinausgeht und im Sozialstaat primär eine Ursache der Probleme als einen Beitrag zu ihrer Lösung sieht.

{6} Wollasch (A. 2) 180.

{7} Gemeint ist der 1890 u. a. von Franz Hitze gegründete "Volksverein für das Katholische Deutschland", der sich der Erwachsenenbildung und insbesondere der Vermittlung der katholischen Soziallehre widmete.

{8} Gabriel (A. 1) 55.

{9} Werthmann (A. 3) 24.

 

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