Hilfreiche Texte

Link zum Mandala von Bruder Klaus
Stefan Waanders {*}

Globalisierung und Religion

Herausforderung für Politik und Kirche. Eine Einführung

 

Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern
'zur debatte', 1/2008, S. 1f.

Warum ein Holländer gefragt wurde diesen Tagungsteil einzuführen, kann Anlass zu Fragen sein. Manche meinen die Identität der Holländer sei eine Mischung von Kaufmann und (evangelischem) Pfarrer. Ob das Holländer besonders kompetent macht für das Thema Globalisierung und Religion steht dahin. Aber es gehört nun einmal zur niederländischen Geschichte, dass gottesfürchtige, die Bibel lesende Kapitäne recht aktive Kaufleute waren und Unmengen von Handelswaren über die Welt verschleppt haben, sogar Sklaven - wobei heute nicht nur die katholische Soziallehre uns deutlich macht, dass in diesem Fall "Waren" nicht das richtige Wort ist.

Wir denken nach über Globalisierung und Religion in einem europäischen Kontext. Europa heißt unter anderem Bewusstsein einer Vielfalt von Sprachen. Das erleben wir heute bei dieser Tagung ja auch: ein Holländer spricht Deutsch auf italienischem Boden, wobei er nicht ganz verzichten kann auf einige englische Vokabeln. Dabei wundern wir uns nicht, sondern finden das in Ordnung, denn es gibt keine Einheitssprache in Europa. Es gehört zum europäischen Bewusstsein, dass jede Sprache mit ihrer Grammatik eine eigene Ordnung über die Welt zieht. Wir sind uns bewusst dass es verschiedene Möglichkeiten gibt die "zerstreute, vielfach verdunkelte und verwirrte Wirklichkeit des Daseins" {1} zu ordnen. Das hilft schon die eigene Art an die Probleme heranzugehen nicht als die Einzige zu sehen und das könnte auch die Dialogfähigkeit fördern.

Stefan Zamagni hat in einem lesenswerten Beitrag als die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts genannt: "ein neues Gleichgewicht zu finden zwischen Markt und Gesellschaft, die fähig ist, die kreative Energie des privaten Unternehmertums zu befreien, ohne eine Erosion der sozialen Basis der Gesellschaft zu erleiden." {2} Dabei hat er darauf hingewiesen, dass nur eine

 


2

funktionierende "civil society" - gegründet auf Organisationen wie Kirchen, unabhängige Universitäten oder Gewerkschaften - es dem Markt möglich macht zu funktionieren, auch wirtschaftlich zu funktionieren {3}.

 

Globalisierung

Der frühere Ministerpräsident der Niederlande, Ruud Lubbers, war sich bewusst, wie schwierig es ist, Globalisierung zu definieren. Es handelt sich nicht nur um ein Phänomen, sondern um Interpretation eines gesellschaftlichen Prozesses. Als wichtigsten Antrieb sieht er technologische Innovationen (vor allem durch Telekommunikation und Transport), wirtschaftliche Internationalisierung und eine dominante neo-liberale Ideologie {4}.

Die Welt wird immer mehr miteinander verknüpft, unauflösbar verknüpft. Auf eine Art, die wir uns nur spät bewusst werden. Das hat mit Handel zu tun: Produktion, Austausch von Gütern, inzwischen weltweit und in einer Weise, die die örtliche Gebundenheit sprengt. Es ist so, als ob wirtschaftliche Macht einen extra-territorialen Status bekommen hat. Die multinationalen Konzerne haben das verstanden, und organisieren ihre wirtschaftliche Macht außerhalb der Kontrolle des Nationalstaates.

Aber inzwischen werden nicht nur Waren ausgetauscht, sondern reisen auch Menschen von verschiedenen Kulturen auf den Handelsstraßen mit, nicht nur in den Ferien. Anfangs reisten spontan nur Einzelne, später, auch bewusst organisiert, in Massen, um zum Beispiel freie Arbeitsplätze zu Zeiten der wirtschaftlichen Hochkonjunktur besetzen zu können. Damals hießen sie Gastarbeiter. Dann blieben die Gäste, kamen die Familien nach und inzwischen sind sie Bürger europäischer Staaten. Dazu kommen die zahllosen Flüchtlinge.

Vor einem Monat wurde bekannt, dass Amsterdam derzeit die Nummer eins unter den multi-kulturellen Städten der Welt sei - wenn ich mich recht erinnere waren 171 Nationalitäten registriert. Vielleicht gibt es Städte mit noch mehr Nationalitäten, doch vielleicht funktioniert das Einwohnermeldeamt in Amsterdam einfach besser. Wie dem auch sei, mit diesen Menschen wandern ihre Religionen mit ein und bereichern oder ängstigen die eigene nationale Religion - oder den örtlichen Atheismus. Daraus ergibt sich für Europa eine neue, einzigartige Situation.

Um sich das klar zu machen, eine kurze Geschichte des polnischen Journalisten Ryszard Kapuscinski aus seinem Afrikabuch "Heban". Er reist mit einem Missionar im Auto durch Kamerun. Bei einer der vielen Polizeisperren hält der Missionar, steckt den Kopf aus dem Fenster und ruft: "Bistum Bertoua".

Dann bemerkt Kapuscinski: "Das funktionierte sofort, magisch. Etwas, das mit Religion verbunden ist, mit übernatürlichen Kräften, die Welt des Rituals und des Geistes, mit etwas, das man nicht sieht oder greifen kann, aber dennoch da ist, und zwar realer als alles das sichtbar und tastbar ist, bringt hier sofort eine Reaktion zustande, eine Reaktion von Ehrfurcht, Achtung, Respekt und auch etwas wie Furcht. Es trifft die Frage nach dem Wesen des Daseins. Das Denken der Afrikaner ist zutiefst religiös. Glauben Sie an Gott? Ich erwarte immer diese Frage, weil sie so oft gestellt wird. Ich wusste, dass derjenige, der die Frage stellte, mich in dem Augenblick aufmerksam beobachtete, jede Zuckung meines Gesichtes wahrnahm. Und ich fühlte, dass die Weise, in der ich antwortete, entscheidend sein würde für unsere Beziehungen, jedenfalls für die Haltung des Fragenden mir gegenüber. Und als ich sagte: Ja, ich glaube, nahm ich an seiner Mimik wahr, dass es die Spannung und Unsicherheit löste, wie sehr meine Antwort mich mit ihm verbrüderte, wie sie die Barriere von Hautfarbe, Stellung und Alter durchbrach. Die Afrikaner sehen es gerne, sich mit anderen auf dieser höheren, geistlichen Ebene verbunden zu wissen; ein Kontakt, der oft kaum in Worte auszudrücken und definieren ist, aber dessen Bedeutung von jedem instinktiv und spontan verstanden wird. Als der Missionar also anhielt und zu den Polizisten sagte: 'Bistum Bertoua", brauchten sie unsere Papiere nicht sehen, durchsuchten den Wagen nicht, wollten kein Geld, sondern lächelten und winkten: sie können weiter fahren." {5}

Diese kurze Begegnung von Kapuscinski ist Anlass zu einer kleinen Meditation über Religion. Sie sagt aus, dass die religiöse Haltung allgemein ist - und ich meine, dass sich das nicht nur auf Afrika beschränkt. Aber diese Überlegungen lassen auch vermuten, dass diese religiösen Menschen sich keine Vorstellung davon machen können, dass es auch Menschen gibt, die überhaupt nicht an Gott glauben.

Und nun wenden wir uns Europa zu, diese "kleine Halbinsel am Koloss Asien", wie Romano Guardini es gesagt hat. Europa, in den ersten tausend Jahren entscheidend geprägt durch das Christentum, hat seit dem Mittelalter eine Emanzipation vollzogen, bei der sich verschiedene Teile lösten aus der Überwachung von Kirche und christlichem Glauben: Wirtschaft, Politik, Wissenschaft. Es entstand ein Gebilde, in dem Religion allmählich aus dem öffentlichen Leben gedrängt und der Privatsphäre zugewiesen wurde. Ich sage das so salopp - das alles ist natürlich komplex und differenzierter. Es geht mir aber darum: zur gegenwärtigen Geschichte Europas gehört eine erhebliche Zahl von Menschen für die die Religion keine Bedeutung mehr hat und die sich als Nicht-Gläubige bekennen. Die Globalisierung nun hat religiöse Menschen aus aller Welt und Nicht-Gläubige auf dieser "kleinen Halbinsel" zusammengebracht und sie stehen einander gegenüber - zum Teil fassungslos. Das ist die einzigartige Situation Europas. In Europa finden sich zusammen: Gläubige, Atheisten und Einwanderer aus aller Welt, die meistens verbunden sind mit einer Religion. Wie geht das zusammen?

Wenn Menschen verschiedener kultureller und religiöser (oder nicht-religiöser) Herkunft einander treffen, ist gegenseitiges Verständnis nicht selbstverständlich. Es kann die Unsicherheit, die Globalisierung ohnehin hervorruft, noch verstärken. Fundamentalismus wird vorläufig eine Begleiterscheinung der Globalisierung sein, ist aber - und das möchte ich betonen - kein Monopol nur einer Religion. Jede Religion hat ihre Versuchung zum Fundamentalismus. Mit dieser Möglichkeit soll man realistisch rechnen. So weit die negativen Möglichkeiten.

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit. Zu einem kleinen Band über Gebete der Welt hat Romano Guardini 1961 ein Geleitwort geschrieben. Darin bemerkt er:

    Und nun geschieht etwas Eigentümliches. Nicht nur die christlichen Bekenntnisse, nicht nur Christentum und Judentum, biblischer Glaube und Islam, auch Christentum und echtes, aus Geschichte und Erfahrung wachsendes Heidentum, sehen einander mit neuen Augen an. Bei allen Unterschieden fühlen sie sich durch etwas verbunden, das ihnen bisher nicht als verbindend zu Bewusstsein gekommen war: durch die Gläubigkeit im allgemeinen Sinne, als Haltung des Menschen, der von Gott und Göttlichem weiß - durch das, was die Kirchenväter den 'Logos spermatikos', die keimhaft in allen Formen des menschlichen Daseins wirkende ewige Wahrheitsmacht nannten.
    So war es ein Gedanke, der echt aus dem Geist der Stunde entsprang, nach Zeugnissen solcher Gläubigkeit durch die verschiedenen Zeiten und Bereiche religiöser Erfahrung hin zu suchen. Und zwar nach solchen Zeugnissen, in denen das Herz dieser Gläubigkeit redet, nämlich Gebete. Darin wird etwas deutlich, das Geschiedenes verknüpft: die bisher ihrer selbst noch nicht bewusste Verbundenheit der betenden Menschen {6}.

Dieses Zitat von Guardini lässt eine positive Bewertung der Begegnung der Religionen vermuten. Dazu auch ein Zitat Guardinis, das oft zitiert und Kardinal Newman zugeschrieben wird: "echter Glaube ist nicht gewalttätig, sondern tragfähig für Zweifel." {7}

Stimmt diese positive Bewertung der Begegnung aber auch, oder ist die Wirklichkeit komplexer? Oder deutet das Zitat eine Möglichkeit an, die noch nicht hinreichend versucht wurde?

Globalisierung ist aber auch eine Herausforderung der Politik, denn der Nationalstaat, gebunden an ein spezifisches Territorium, ist immer weniger fähig, neue Probleme zu bewältigen - denken wir an Probleme wie Umweltverschmutzung, Kriminalität, Terrorismus, Armut. Eine neue Kreativität wird gefordert, die Ruud Lubbers, "new governance" nennt. Sie ersetzt nicht die Regierung der Nationalstaaten, sondern ist eine Ergänzung: eine internationale Dynamik von Staaten, Nicht-Regierungsorganisationen (NGO's) und multinationalen Konzernen. Anders gesagt, es ist die internationale Variante einer "civil society", ohne die auch der globale Markt nicht funktionieren wird. Dabei soll aber darauf geachtet werden, dass die Menschlichkeit nicht unter die Räder gerät. Gibt es auch, wie der Bischof von Rotterdam und derzeitige Präsident der COMECE, Adrian van Luyn sdb, es genannt hat, eine humane Globalisierung {8}? Er appelliert dabei an eine Verantwortung für eine Globalisierung von Solidarität und Spiritualität {9}.

Wenden wir uns nun Europa zu. Wir begnügen uns dabei mit nur zwei Ländern. Wir untersuchen also nicht alle Nationen, Rassen und Sprachen, sondern wir beschränken uns auf jenen privilegierten Teil, der "western civilisation" genannt wird. Mehr noch, die zwei Staaten die zur Debatte stehen, sind Mitglieder der G-8, d.h. wirtschaftliche Großmächte. Dieser Beschränkung wollen wir uns bewusst sein. Aber hören wir nun auf die konkreten Erfahrungen in Deutschland und Frankreich in Sachen Globalisierung und Religion.

 

ANMERKUNGEN

{1} Romano Guardini, Rainer Maria Rilkes Deutung des Daseins. Eine Interpretation der Duineser Elegien, Kösel Verlag Munchen 1953, S. 421.

{2} Stefano Zamagni, "Positional competition and jobless growth: the role of civil economy, in: Donald Loose, Stefan Waanders (eds.), Work and Human Dignity in the context of Globalisation. International expert-seminar on the occasion of 100 year Radboudstichting, uitgeverij Damon Budel (Netherlands), 2007, S. 74."

{3} Ibidem, 78.

{4} Ruud Lubbers, "Primary Globalisation, secondary Globalisation and the sustainable Development Paradigm - opposing forces in the 21th Century" in: Wil Derkse, Jan van der Lans, Stefan Waanders (eds.) In Quest of Humanity in a Globalising World. Dutch Contributions to the Jubilee of Universities in Rome 2000. uitgeverij Damon Budel (Netherlands), 2000, S. 15-36.

{5} Ryszard Kapuscinski, Ebbenhout, uitgeverij De Arbeiderspers, Amsterdam 2005, S. 248-250 (Übersetzung Stefan Waanders). In Deutsch erschienen als Afrikanisches Fieber.

{6} Heinz Robert Schlette (hrg.), Alter Gott höre! Gebete der Welt, Piper Verlag München 1961, S.5-6.

{7} "Gedanken über das Verhältnis von Christentum und Kultur" in: Romano Guardini, Unterscheidung des Christlichen. Gesammelte Studien 1923-1963, Matthias-Grünewald Verlag, Mainz 1963, S. 171.

{8} Bishop Adrian van Luyn sdb, "… a major step in humanising the world" in: Donald Loose, Stefan Waanders (eds.), Work and Human Dignity in the context of Globalisation. International expert-seminar on the occasion of 100 year Radboudstichting, uitgeverij Damon Vught (Netherlands) 2007, S. 196.

{9} Ibidem, 197.

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'