Franz Weber {*}Seelenfang, Wettbewerb oder Dialog?Der Pentekostalismus und die katholische Kirche in Brasilien
Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern
"Evangelikale. Herausforderungen für die Kirchen." - Das sind sie zweifellos. Und das gilt - mit Unterschieden von Land zu Land - vor allem für die Länder des Südens. Die Thematik ist also weltweit aktuell und - Gott sei Dank - im Titel dieser Tagung unpolemisch und sachgerecht formuliert. Ich hoffe sehr darauf, dass in unseren Referaten und Diskussionen all jenen Gerechtigkeit und Respekt widerfährt, deren Christentum wir mit dem Sammelbegriff "evangelikal" bezeichnen. Mein Anliegen wäre es, aus der Sicht eines katholischen Theologen und Missionars einerseits möglichst konkret und basisnah über den Pentekostalismus in Brasilien zu informieren und damit einen Beitrag für eine differenzierte Sicht einer sehr komplexen Realität zu leisten, die nach meinem Eindruck hierzulande vielfach oft eine überwiegend negative, zumindest aber einseitig-simplifizierende Darstellung erfährt. Zum anderen geht es mir vor allem um ein Plädoyer für eine pastorale Einübung einer neuen Grundhaltung ökumenischer Offenheit gegenüber allen, die ihren Glauben an Jesus Christus in dieser oder jener Form in evangelikalen Kirchen oder Gruppen bekennen. Wie sehr gerade die katholische Kirche in Lateinamerika auf Grund ihrer historisch bedingten Vormachtstellung nicht nur was ihre Beziehung zu den Pfingstlern angeht, sondern überhaupt einer Bekehrung zu einer neuen ökumenischen Geschwisterlichkeit und einer Abkehr von ihrem Monopolanspruch bedarf, dürfte gerade im Zusammenhang mit dem jüngsten Papstbesuch in Brasilien und der eben zu Ende gegangenen V. Generalversammlung der Bischofskonferenzen von Lateinamerika und der Karibik in Aparecida und der Berichterstattung darüber erneut deutlich geworden sein. Es wird wahrscheinlich überraschen, wenn ich diesbezügliche pastorale Richtlinien der brasilianischen Bischofskonferenz und der Versammlung von Aparecida vorstellen kann, die in der
2katholischen Kirche in Lateinamerika einen Lernprozess und eine veränderte Einstellung - auch gegenüber den Evangelikalen - erkennen lassen. Warum aber dann diese Rede von "Seelenfang" und "Wettbewerb" im Titel, mit dem ich mein Referat überschrieben habe? Ich habe beide Schlagworte einem Beitrag in der Wochenzeitung "Die Zeit" vom 12. April 2006 entnommen, wo in einem Artikel über Benedikt XVI. unter anderem die Frage gestellt wird, ob dieser "erzabendländische Theologe" denn in der Lage sei, eine Weltkirche zu führen, "deren Wachstums- und Kampfzonen vielfach weit weg von Rom liegen, in Lateinamerika, Afrika und Asien", und ob "das auch ein Papst sei für die Armen, für die Missionare, für den Wettbewerb mit den aggressiven protestantischen Freikirchen, die in den Favelas von Rio auf Seelenfang gehen". Es war Pastor Dr. Klaus Schäfer, der Direktor des Nordelbischen Zentrums für Weltmission und Kirchlichen Weltdienst, der diese Frage im letzten Jahr auf dem internationalen Missionskongress in Freising aufgegriffen hat. In seinem beachtenswerten Referat "Mission im Kontext charismatischer und pentekostaler Bewegungen" hat Schäfer die Pfingstbewegung als eine religiöse Bewegung bezeichnet, "die missionarisch außerordentlich vital ist und von der katholischen und evangelischen Mission sehr ernst genommen werden sollte". Ich schließe mich der Überzeugung Schäfers an, dass sich das Gespräch mit der Pfingstbewegung lohnt, ja dass es zu diesem Dialog nicht nur in Lateinamerika, sondern auch anderswo in missionstheologischer und pastoraltheologischer Hinsicht keine Alternative gibt. So sehr der Pentekostalismus von Katholiken und Protestanten vor Ort weltweit als Konkurrenz empfunden wird, so bewusst möchte ich davon Abstand nehmen, von religiösen "Kampfzonen" oder pauschal vom "Seelenfang aggressiver protestantischer Freikirchen" zu sprechen. Wir werden uns - gerade um der Menschen und vor allem um der Armen willen, die in ihrer oft hoffnungslosen Situation in vielen verschiedenen Hoffnungsgestalten von Religion und christlicher Gemeinde Halt und Heimat finden - in Zukunft weltweit darum bemühen müssen, miteinander und nicht gegeneinander Christinnen und Christen und von Gott angesprochene Menschen zu sein. Das schließt eine auch theologisch-kritische Auseinandersetzung mit dem Christentum der je anderen nicht aus, sondern erfordert sie - um des Menschen und seiner Freiheit und Menschenwürde willen.
Basiserfahrungen mit "Evangelikalen" in BrasilienIch stelle meinem Überblick über die verschiedenen Formen des Pentekostalismus in Brasilien einige Beobachtungen und persönliche Erfahrungen voran, die ich als Missionar im Nordosten und an der Peripherie von São Paulo und später im Rahmen meiner Erforschungen der Kirchlichen Basisgemeinden gemacht habe. Ich war zunächst enttäuscht, als mir meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pfarrei, die ich 1983 im Landesinnern des Bundesstaates Maranhão übernahm, zu verstehen gaben, dass mit den so genannten "Crentes", wie man alle "Evangelischen" nennt, keine Ökumene zu machen sei. Ich war sehr froh, dass wir dann unseren Gläubigen sehr bald durch Beispiele vor Augen stellen konnten, dass in dieser ganzen Frage der "Protestanten" zumindest Differenzierungen angebracht waren. Denn mit der kleinen lutherischen Gemeinde hatten wir nicht nur ein sehr herzliches Verhältnis, sondern effektive Zusammenarbeit in einigen Bereichen der Sozialpastoral, wie das in vielen Regionen Brasiliens seit Jahrzehnten der Fall ist. Aber mit den wirklichen "Crentes" war tatsächlich kaum etwas zu machen, und wir haben uns katholischerseits auch nicht besonders darum bemüht. Da lagen schon viel Aggressivität und gegenseitige Ablehnung in der Luft, was da und dort auch lautstark zum Ausdruck kam. So stellte eine der lokalen Pfingstkirchen damals jedes Jahr am Allerseelentag, an dem am allgemeinen Friedhof immer eine Messe für alle Verstorbenen gefeiert wurde, ihre Lautsprecher an der Friedhofsmauer für einen "Gegengottesdienst" auf. Die "Crentes" waren aus dem sonntäglichen Bild der Kleinstadt und ihrer Armenviertel schon damals nicht mehr wegzudenken, wenn sie - schön gekleidet - mit der gesamten Familie und der Bibel unter dem Arm zum Gottesdienst gingen. Es gab einige Pfingstkirchen in unserem Gebiet, die nicht spektakulär, aber doch im Wachsen begriffen waren. Als schmerzlich haben wir vor allem empfunden, wenn Führungskräfte aus unseren kleinen Basisgemeinden - oft von heute auf morgen - in eine Pfingstkirche übertraten oder zwischen katholisch und pentekostal hin und her schwankten, weil ihnen die katholische Verwandtschaft oder das Dorf nicht den Freiraum für eine bewusste Entscheidung ließen. An der Peripherie von São Paulo erlebte ich dann die Pfingstkirchen in viel stärkerem Maß allgegenwärtig als auf dem Land. Dort waren sie wirklich, man könnte sagen, fast flächendeckend präsent und machten sich auch gegenseitig - oft recht lautstark - Konkurrenz. Neben den älteren und großen Pfingstkirchen, die vor allem auch in den ärmeren Vierteln und in den Favelas schon ihre Kapellen mit relativ stabilen Gemeinden besaßen, fielen mir auch im Zentrum der Stadt die Gruppierungen des Neopentekostalismus auf, die ehemalige Supermärkte und Fabrikhallen aufkauften und die riesigen Gebäude mit neuen Gläubigen zu füllen versuchten. Wir machten in diesem urbanen Umfeld die Erfahrung, dass sich vor allem mit den traditionellen und schon etablierten Pfingstkirchen die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme, ja durchaus auch zur einen oder anderen Form der Zusammenarbeit in sozialen Handlungsfeldern ergab. Positiv aufgefallen ist mir dann vor allem auf den gesamtbrasilianischen Basisgemeindetreffen, dass man dorthin im Laufe der Zeit nicht nur die VertreterInnen der Lutheraner, Methodisten, Presbyterianer einlud, mit denen ohnedies vor Ort schon vielerorts eine sehr konstruktive Zusammenarbeit bestand, sondern auch Bischöfe, Pastorinnen und Pastoren pentekostaler Kirchen, die die katholischen Basisgemeinden aus nächster Nähe kannten. Es gehörte immer zum festen Bestandteil dieser großen Delegiertentreffen, dass am vorletzten Tag die "Evangelischen" in ihrer konfessionellen Vielfalt mit allen Kongressteilnehmern einen Wortgottesdienst feierten, der meist mit einer eigenen Botschaft an die - katholischen - Basisgemeinden in ganz Brasilien beendet wurde. Hier wurden zweifellos innerhalb der gesellschaftlich engagierten und befreiungstheologisch geprägten Sektoren des brasilianischen Katholizismus Signale gegeben und Zeichen gesetzt, die in den Basisgemeinden vor Ort Vorurteile abbauten und Bewusstseinsveränderungen bewirkten, ohne dass dadurch gleich ökumenische Begeisterungsstürme losgebrochen wären. Dazu war und ist die religiös-kirchliche Landschaft in Brasilien und in Lateinamerika noch viel zu traditionell und zu sehr von alten und neuen konfessionellen Konflikten - auch unter den pfingstlichen Gruppierungen selbst - geprägt. Ich erzähle noch zwei Begebenheiten von meinem letzten Forschungsaufenthalt in Brasilien, um die darauf folgende Darstellung der rapiden Veränderungen in der religiösen Landschaft dieses Landes zu erden und anschaulich zu machen. Im Jahre 2005 war ich unmittelbar vor dem letzten großen Basisgemeindetreffen, das in Ipatinga im Bundesstaat Minas Gerais stattfand, zu Gast in der Wohnung eines brasilianischen Freundes, der in Belo Horizonte Religionssoziologie lehrt. Dort kam ich mit der Hausangestellten in ein Gespräch, das manche meiner Vorurteile korrigierte und mir zu einer differenzierteren Sicht der Vielschichtigkeit des Pentekostalismus verhalf. Die Frau in mittleren Jahren, die früher katholisch war, hatte nach schweren familiären Schicksalsschlägen Halt und Heimat in der "Assembléia de Deus", der größten der brasilianischen Pfingstkirchen, gefunden. Dort engagiert sie sich jetzt seit Jahren in verschiedenen Bereichen des Gemeindelebens. Mit einer unbekümmerten Offenheit beantwortete die Frau meine Fragen nach der inneren Struktur der Gemeinde, nach der Art ihrer Missionstätigkeit und nach der Form ihres Gottesdienstes. Ich war nach meinen bisherigen Informationen immer davon ausgegangen, dass in den brasilianischen Pfingstgemeinden, wie in den meisten der evangelikalen Freikirchen, die Feier des Abendmahls bestenfalls eine untergeordnete oder gar keine Rolle spielte. Hier wurde mir nun aus einer konkreten Gemeinde von einer regelmäßigen Abendmahlspraxis berichtet. Die Frau machte auch keinerlei Hehl aus den Schwierigkeiten und Konflikten in ihrer Kirche. Für mich wurde aber vor allem spürbar, dass diese Frau auf ihre Art und in ihrer Kirche ihr Christsein authentisch lebte. Dass christlicher Glaube in dieser Form auch für Heranwachsende von lebenswichtiger Bedeutung sein kann, wurde mir zwei Wochen später bei einem Besuch in einer Familie in der Amazonasregion klar. Auf Einladung einer brasilianischen Ordensschwester, mit der ich lange gearbeitet hatte, besuchte ich deren alte Mutter, die ihre 15-jährige Enkelin auf Grund schwieriger sozialer Umstände bei sich aufgenommen hatte. Ich kannte das Mädchen von Kindheit an und war schon etwas überrascht, dass Atila nun seit einiger zeit bei der "Assembléia de Deus" war, obwohl ihre Tante eine katholische Ordensfrau war, die sich sehr um die Schulbildung ihrer Nichte bemüht hatte. In dem armen Viertel, in dem die alte Frau wohnte und sich und ihre Enkelin durch den Verkauf von selbst gepflanztem Gemüse und ihre kleine Rente über Wasser zu halten versuchte, war weit und breit keine Spur einer katholischen Kirche. Aber die "Crentes" waren in der Nähe - und in einer ihrer Kapellen sang Atila jetzt im Kinder- und Jugendchor mit. Sie und ihre gleichaltrige Freundin fanden in
3dieser Pfingstgemeinde - in einer schwierigen Lebensphase und in einer prekären sozialen Situation - Geborgenheit und Halt. Ich konnte die Mädchen gut verstehen, und ich habe auch wieder ein Stück weit besser verstehen gelernt, warum die katholische Kirche an Terrain und Mitgliedern verliert. Sie ist oft einfach nicht dort da, wie die Menschen sie wirklich zum Leben brauchen.
Die traditionellen Kirchen verlieren, die Pfingstler gewinnen - Veränderungen in der religiös-konfessionellen Landschaft BrasiliensUm sich ein einigermaßen objektives Bild über die wachsende Bedeutung des Pentekostalismus in Brasilien machen zu können, braucht es zunächst einen nüchternen Blick auf das statistische Datenmaterial, das uns die massiven, ja erdrutschartigen Veränderungen in der konfessionellen Landschaft Brasiliens bewusst macht. Ich beziehe mich hier auf die Angaben des "Atlas der Religionszugehörigkeit" (César Romero Jacob u.a.), in dem die Ergebnisse der Volkszählung von 2000 zusammengefasst und ausgewertet wurden. Bis zu den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde Brasilien als das katholischste Land der Erde betrachtet. Die Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Puebla (1979) hatte im Schlussdokument mehrmals von einem "grundlegenden katholischen Substrat" auf dem lateinamerikanischen Kontinent gesprochen, was allerdings - historisch gesehen - noch einmal differenzierter zu betrachten wäre. Jedenfalls ergab schon die Volkszählung von 1980 nur mehr einen Katholikenanteil von etwas weniger als 90 Prozent. Im Jahre 1991 waren es 83,3 Prozent und bei der Volkszählung des Jahres 2000 nur mehr 73,9 Prozent. In den pastoralen Richtlinien der brasilianischen Bischofskonferenz für das Triennium von 2003 bis 2006, in denen die Situation der katholischen Kirche nüchtern analysiert wird, wurden diese Zahlen in die pastorale Analyse übernommen. In diesem Dokument wurde auch festgehalten, dass die Zahl der KatholikInnen im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts - in absoluten Zahlen ausgedrückt - von 122 Millionen im Jahre 1991 auf 125 Millionen im Jahre 2000 angewachsen war. Ob die in jüngster Zeit ebenfalls wiederholt angegebene Zahl von nur 67 Prozent an Katholikenanteil den Tatsachen entspricht, kann ich nicht beweisen. Man wird aber doch sagen können, dass die katholische Kirche und auch die Kirchen des historischen Protestantismus in den letzten Jahrzehnten erheblich an Mitgliedern verloren haben. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch die Mitgliederzahlen der Kirchen des so genannten "Einwanderungsprotestantismus" und des so genannten "Missionsprotestantismus" nennen. Das Verhältnis dieser Formen des Protestantismus zur katholischen Kirche ist fast allgemein von einer guten ökumenischen Zusammenarbeit geprägt. Im Jahre 2000 gab es laut offizieller Volkszählung in Brasilien etwas mehr als 1.062.000 Christen lutherischer Konfession, ungefähr 3.162.000 Baptisten, 981.000 Presbyterianer und 340.000 Methodisten. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch die starke Gruppe der Adventisten, die im Jahre 2000 in Brasilien über 1.200.000 Mitglieder zählte. Nach den mir vorliegenden Angaben haben die traditionellen protestantischen Kirchen in den achtziger und neunziger Jahren stark an Mitgliedern verloren, konnten dann bis zum Jahr 2000 wieder deutlich an Boden gewinnen (von 3,0 Prozent im Jahre 1991 auf 5,0 Prozent im Jahre 2000). Die Analysen zeigen auch, dass es im historischen Protestantismus offensichtlich teilweise genau so zu einer Art "Pentekostalisierung" gekommen ist wie in der katholischen Kirche, in der die Katholische Charismatische Bewegung - oft auch durch eine gezielte Förderung durch manche Bischöfe - deutlich an Einfluss gewonnen hat. Uns interessieren aber im Rahmen der Thematik dieser Tagung besonders alle Kirchen und Gruppierungen des Pentekostalismus, über die ich einen - sehr allgemeinen - Überblick geben möchte, der selbst in dieser sehr summarischen Form erkennen lässt, mit welch buntem und vielfältigem, aber auch von Gegensätzen und Widersprüchen gekennzeichneten Universum wir es hier zu tun haben. Allein schon die Nennung der einzelnen Gruppierungen des brasilianischen Pentekostalismus zeigt, dass man sie nicht alle in einen Topf werfen kann, den man einfach mit den Schlagworten "Pfingstler", "Evangelikale" oder gar nur mit der belasteten Bezeichnung "Sekten" beklebt. In der inzwischen kaum noch überschaubaren religionssoziologischen und theologischen Literatur spricht man häufig von drei Wellen in der Entstehung der Pfingstkirchen in Brasilien. Zu einer ersten Welle zählt die "Assembléia de Deus", die mit über acht Millionen Gläubigen die größte Pfingstkirche in Brasilien darstellt. Sie wurde bereits 1911 in Belém im Bundesstaat Pará von schwedischen Missionaren, die aus den USA kamen, gegründet und zeichnet sich durch eine Strukturierung in kleine basisnahe Gemeinden aus. Im Süden Brasiliens (in São Paulo und Paraná) war zur selben Zeit die "Congregação crista do Brasil" entstanden. Ihr Gründer war ein italienischer Einwanderer, der ebenfalls aus den USA gekommen war. Diese Pfingstkirche, die laut Volkszählung von 2000 rund 2,5 Millionen Gläubige zählt, ist im Unterschied zur Assembléia in Lehre und Gemeindedisziplin sehr zentralistisch organisiert. Auf dieser erste Welle des Pentekostalismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts folgte erst nach dem Zweiten Weltkrieg in einer zweiten Welle die Gründung von drei weiteren größeren Pfingstkirchen, die sich zunächst in den großen urbanen Zentren und später unter den Auswanderern in der Amazonasregion verbreiteten. Zu nennen ist hier die "Igreja do Evangelho Quandrangular" (1,3 Millionen), "Igreja Deus é Amor" (0,7 Millionen) und "Brasil para Cristo" (175.000). Eine dritte Welle des Pentekostalismus, den man allgemein als "Neopentekostalismus" bezeichnet, beginnt 1977 mit der Gründung der "Igreja Universal do Reino de Deus" durch den Bischof Edir Macedo in Rio de Janeiro. Diese Kirche, sofern man hier theologisch noch überhaupt irgendwie von Kirche sprechen kann, funktioniert wie ein streng zentralistisch geleitetes Wirtschaftsunternehmen. Diese Gruppierung, die in Brasilien eine der größten Fernsehstationen besitzt, hat mit dem klassischen Pentekostalismus und noch weniger mit dem Protestantismus kaum mehr etwas zu tun. Hier werden Formen der traditionellen Volksfrömmigkeit genauso integriert wie afrobrasilianische Kultelemente. Es gäbe noch eine Reihe anderer Gruppierungen wie "Maranata", "Casa da Benção", oder "Nova Vida" und andere, die aber immerhin meist über 100.000 oder knapp unter 100.000 Mitglieder zählen.
Annäherung und Begegnung statt Proselytenmacherei - Katholische Ansätze und Vorsätze für ein neues Verhältnis zum PentekostalismusEs wäre nun aus religionssoziologischer und pastoraltheologischer Sicht sehr viel darüber zu sagen, warum gegenwärtig in Lateinamerika und insbesondere in Brasilien so viele Menschen aus der katholischen Kirche in die Pfingstkirchen abwandern und warum andererseits auch der historische Protestantismus gerade in den unteren Volksschichten nicht so recht Fuß fassen konnte. Man kann, darf und muss als Theologe auch berechtigte Anfragen an einzelne Aspekte der Theologie und Spiritualität mancher Formen der evangelikalen Bewegungen haben. Ich halte z.B. einzelne Gruppierungen des brasilianischen Neopentekostalismus nicht nur für theologisch hohl und fragwürdig, sondern für gesellschaftlich unverantwortlich bis gefährlich. Ich möchte aber nun in diesem Schlussteil noch einmal grundsätzlich für eine differenzierte Sicht der pentekostalen Bewegungen und eine Grundhaltung der Annäherung und des Dialogs eintreten. Ich gebe hier bewusst nicht nur eine theologische Privatmeinung oder meine persönliche Überzeugung weiter, sondern möchte mich an offizielle lehramtliche Aussagen lateinamerikanischer Bischofskonferenzen halten und die neue Praxis gegenüber den Evangelikalen, wie sie in diesen Dokumenten angemahnt wird, von bisherigen Einstellungen in der katholischen Kirche abheben. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Ansprache zur Eröffnung der Fünften Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischofskonferenzen am 13. Mai 2007 in Aparecida keine ökumenischen Akzente gesetzt. Er hat jedoch, was unsere Thematik betrifft, in seiner Analyse der Situation der Kirche auf dem lateinamerikanischen Kontinent von einer "Schwächung des christlichen Lebens in der Gesellschaft insgesamt und der Teilnahme am Leben der katholischen Kirche" im Besonderen gesprochen. Als eine der Ursachen dafür nannte der Papst den "Proselytismus zahlreicher Sekten, animistischer Religionen und neuer pseudoreligiöser Ausdrucksformen" ("L´Osservatore Romano", deutsche Wochenendausgabe vom 18. Mai 2007). Man hätte sich hier zweifellos eine etwas differenziertere Aussage gewünscht. Zumindest wird hier aber jene Polemik vermieden, die bis vor kurzem in der katholischen Kirche üblich war. So hatte Papst Johannes Paul II. noch im Jahre 1992 vor dem Rat der lateinamerikanischen Bischöfe vor den "reißenden Wölfen" gewarnt und davon gesprochen, "dass die Evangelikalen sich wie eine Ölspur über die Region verbreiten und drohen, die Glaubensstrukturen in zahlreichen Ländern zu zerstören". Ein römischer Nuntius hatte sich sogar zur Aussage hinreißen lassen, "diese Sekten seien wie Fliegen, die man mit der Zeitung totschlagen muss". Ich zitiere diese Aussagen, um vor dem Hintergrund solcher Statements einen sich in der katholischen Kirche anbahnenden Gesinnungswandel in seiner Bedeutung besser zu erkennen. Jede undifferenzierte und abwertende Qualifizierung der
4Evangelikalen ist abzulehnen. Die katholische Kirche hat ihren - expliziten oder subtilen - Alleinanspruch auf Lateinamerika aufzugeben und sich dem Dialog mit den anderen christlichen Kirchen - und vor allem mit den evangelikalen Bewegungen - zu öffnen. Und sie ist dabei, das zu erkennen und in die Tat umzusetzen. Das Schlussdokument der jüngsten Bischofsversammlung von Aparecida würdigt unter anderem die Initiativen ökumenischer Zusammenarbeit auf dem lateinamerikanischen Kontinent, beklagt aber auch, dass sich der ökumenische und interreligiöse Dialog nicht in allen Ortskirchen in gleicher Intensität entwickelt habe. Die Bischöfe bringen aber auch ihre Sorge darüber zum Ausdruck, dass "eine bedeutende Zahl von Katholiken die Kirche verlassen und sich anderen religiösen Gruppen angeschlossen habe". Für unsere Thematik bedeutsam ist, dass das Dokument von Aparecida vollkommen unpolemisch und sachgerecht von einem neuen religiösen Pluralismus auf dem lateinamerikanischen Kontinent spricht und eine Differenzierung zwischen "Gläubigen, die zu anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften gehören" und "der großen Vielfalt christlicher (und auch pseudo-christlicher) Gruppen" verlangt. "Es ist nicht angebracht", so heißt es wörtlich im Text, alle diese Gruppen "Sekten zu nennen". Es wird außerdem nüchtern zugegeben, dass der ökumenische Dialog mit christlichen Gruppen, die die katholische Kirche ständig angreifen, "oftmals nicht leicht ist". In diesem Schlussdokument von Aparecida wird in einem längerem Abschnitt die Unverzichtbarkeit des ökumenischen Dialogs unterstrichen und die Teilnahme der Katholiken an gemeinsamen Aktionen der anderen christlichen Kirchen verlangt. "Wo man den Dialog pflegt, vermindert sich der Proselytismus, wo das Wissen umeinander und der Respekt voreinander wachsen, dort öffnen sich auch Möglichkeiten für ein gemeinsames Zeugnis." Die Bischöfe sprechen in diesem Zusammenhang ausdrücklich von der Begegnung mit Gesprächspartnern und Verantwortlichen aus dem Pentekostalismus, von gegenseitigem Respekt und von gemeinsamem Gebet und Studium. Schon einige Jahre vor der Bischofsversammlung von Aparecida hatten die brasilianischen Bischöfe in ihrem pastoralen Dreijahresplan (2003-2006) sehr entschieden die Notwendigkeit des ökumenischen Dialogs unterstrichen. "Die Katholiken", so heißt es dort einmal wörtlich, "haben gegenüber den anderen immer einen aufrichtigen Respekt zu zeigen. Angesichts von Proselytismus und Sektierertum ist jede Polemik fruchtlos und kontraproduktiv". Man kann der katholischen Kirche in Brasilien nur wünschen, dass es ihr auch an der Basis gelingt, diese wegweisenden pastoralen Richtlinien in die Tat umzusetzen und in ihren Gemeinden vor Ort und in ihren Neuen Geistlichen Bewegungen im Kontext einer extrem multikulturellen, multireligiösen und plurikonfessionellen Gesellschaft einen "Dialog des Lebens" mit allen christlichen Kirchen und religiösen Gruppen zu verwirklichen. Sie würde damit dem Zusammenleben der Menschen einen dringend notwendigen Dienst erweisen und vor allem dem in der Gesellschaft vorhandenen Gewaltpotential im Geist des Evangeliums entgegenwirken. Sie würde damit auch dem - latent vorhandenen oder offen vertretenen - Fundamentalismus und Fanatismus innerhalb der katholischen Kirche und in den anderen Kirchen und religiösen Gruppen den Wind aus den Segeln nehmen.
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