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Andreas R. Batlogg SJ

Benedikt XVI. auf den Spuren Jesu

 

Aus: Stimmen der Zeit, 5/2009 S. 289 f.

 

Auf den Besuch in Kamerun und Angola im März folgt vom 8. bis 15. Mai 2009 die Reise Papst Benedikts XVI. in den Nahen Osten bzw. ins Heilige Land - nach Jordanien und Israel. Sowohl der israelische Staatspräsident Shimon Peres und Mahmud Abbas, der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, wie auch der jordanische König Abdullah II. haben den Papst im voraus herzlich willkommen geheißen. Nach den Turbulenzen um die Regensburger Rede mit dem verunglückten Mohammed-Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. Palaiologos (2006), den Irritationen um die vom Papst promulgierte Karfreitagsfürbitte "Für die Juden" im vorkonziliaren "tridentinischen Ritus" (2008) sowie der Aufhebung der Exkommunikation der vier Traditionalistenbischöfe (Anfang 2009), unter ihnen ein notorischer Holocaust-Leugner, ist dies keine Selbstverständlichkeit.

Der Papst kommt als Pilger. Darauf hat er hingewiesen. Und das betonten wiederholt nicht nur das vatikanische Presseamt, sondern auch der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal: "Es ist kein politischer Besuch." Elias Chacour, griechisch-katholischer Erzbischof von Akko, Haifa, Nazaret und ganz Galiläa, ergänzte hingegen in einem Interview: "Was auch immer er sagt und tut, wird als politisches Statement aufgefaßt werden. In diesem Land der monotheistischen Religionen ist einfach alles immer auch politisch."

Bloße Rhetorik ist das nicht, wenn man sich Chacours Hinweise vor Augen hält, die zeigen, wie delikat diese Pastoralreise in verschiedener Hinsicht sein wird: "Zunächst einmal ist er nicht Johannes Paul II., der mit seinem persönlichen Charisma und seiner Biographie keinerlei Angriffspunkte bot. Er machte bei seiner Reise 2000 alles richtig, es gab nicht einen einzigen Kritikpunkt." Beim jetzigen Papst sei das ganz anders: "Er hat nicht dieses Charisma, und er ist auch noch Deutscher, das ist nun mal ein Faktum, das eine Rolle spielt, ob man will oder nicht. Und er hat in Regensburg die Muslime vor den Kopf gestoßen. Dann ist da auch noch der 14. Mai. Wenn er an diesem Tag in Israel ist, muß er dem Staat zu seinem Gründungstag gratulieren, alles andere wäre unhöflich. Aber damit verprellt er dann die Palästinenser, für die der 14. Mai ein Trauertag ist. Das ist ein kaum zu lösendes Dilemma."

In der Biographie des 1939 geborenen Erzbischofs spiegelt sich die sensible Lage der Christen im Heiligen Land wider, besonders die extreme Situation jener Christen, die Palästinenser und zugleich israelische Staatsbürger sind: Chacour stammt aus dem vier Kilometer südlich der libanesischen Grenze gelegenen, seit dem 16. Jahrhundert besiedelten Kafr Bir'im, einem der beiden zu 100 Prozent von Christen bevölkerten arabischen Dörfer, die 1951 von der israelischen Armee zerstört wurden. Ein vom Obersten Gerichtshof beschlossenes Rückkehrrecht ist bis

 


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heute nicht wirksam geworden. Wer aus Kafr Bir'im und Iqrit stammt, zählt deswegen zu den "Obdachlosen, Landlosen, Adressenlosen und Rechtlosen Israels" - "Flüchtlinge und Entwurzelte im eigenen Land", so Chacour, dessen traumatische Jugenderfahrung "das Potential hatte, uns zu Terroristen zu machen". Daß er sich, ebenso wie Christen in anderen Gebieten des Heiligen Landes, Ermutigung für seinen Glauben und die heikle, aber unverzichtbare Präsenz der Christen in Israel erhofft, läßt sich unschwer nachvollziehen.

In der Westbank machen die 20000 bis 30000 Christen etwa ein Prozent der Bevölkerung aus. Waren vor 25 Jahren über 60 Prozent der Bewohner Bethlehems Christen, sind es heute nur noch etwa neun bis zehn Prozent, und der Massenexodus geht weiter. Schuld daran ist nicht der Islam, sondern der israelisch-palästinensische Konflikt. Christen und Muslime in Israel pflegen, abgesehen von kleineren Zusammenstößen, ausgezeichnete Beziehungen; sie bilden eine "Hoffnungs- und Leidensgemeinschaft" (Chacour). Zwischen der jüdischen Mehrheit und der islamischen Mehrheit stellt die Anwesenheit der Christen einen mäßigenden Faktor dar. Wird ihre Auswanderung nicht gestoppt, verschieben sich die Gewichte - auf Kosten der Stabilität.

All das spielt auf den Stationen dieser Reise eine Rolle, die in Jordanien beginnt: Dort wird der Papst neben einer Messe im Stadion der Hauptstadt in der Hussein Bin-Talal-Moschee in Amman ein interreligiöses Treffen mit Vertretern des Islam haben, den Grundstein für die katholische Universität in Madaba legen und eine symbolische Weihe des Grundsteins für eine große Kirche bei der Taufstelle am Jordan vornehmen. In Israel wird er Jerusalem und Nazaret besuchen - und nach Bethlehem fahren. Den Gazastreifen, wo noch 2000 bis 3000 Christen (0,2 Prozent der Bevölkerung) leben, meidet er sicherheitshalber ebenso wie das Museum in Yad Vashem, wo er nur einen Gedenkraum für die Shoah aufsuchen wird, um keine Debatte über Pius XII. aufkommen zu lassen.

In der 2000jährigen Kirchengeschichte waren erst drei Bischöfe von Rom im Heiligen Land. 1964 machte Paul VI. während einer Drei-Tages-Reise nach Jordanien einen Elf-Stunden-Abstecher nach Jerusalem (das damals noch zu Jordanien gehörte) und an den See Gennesaret. Im Jubiläumsjahr 2000 - diplomatische Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Israel bestehen seit Januar 1994 - kam der bereits von Krankheit gezeichnete Johannes Paul II., der in die Ritzen der Westmauer des Tempels einen Zettel steckte: ein Bild, das um die Welt ging. Und nun der "Papst, der aus Deutschland kommt", wie Benedikt XVI. in seiner Rede in Auschwitz am 28. Mai 2006 sagte.

Der Papst ist kein Privatmann. Auch als Pilger bleibt er das Oberhaupt des Vatikans. "Auf den Spuren Jesu" hat Joseph Ratzinger zeitlebens seine Theologie entfaltet, und er hat es sich als Papst nicht nehmen lassen, ein Jesusbuch zu veröffentlichen. Jetzt kommt es nicht nur auf Worte und Reden an, sondern auf Zeichen - der Ermutigung, der Wegweisung, vielleicht auch mancher Klarstellung.

 

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