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Eberhard von Gemmingen

Wohin steuert Papst Benedikt die Kirche?

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 18/2009 S. 203

 

    Pater Eberhard von Gemmingen, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, hat in den zurückliegenden turbulenten Wochen in Funk und Fernsehen immer wieder versucht, Entscheidungen des Vatikans vermittelnd verständlich zu machen. Im Folgenden beschreibt er seine Sicht der Dinge.

 

Engagierte Christen fragen sich, wohin Papst Benedikt die katholische Kirche führen will. Die freundliche Geste gegenüber den Lefebvre-Bischöfen, die erweiterte Zulassung der Tridentinischen Messe und die Neuformulierung der entsprechenden Karfreitagsfürbitte vermitteln manchen den Eindruck, der Papst sei sehr großzügig auf der "rechten Seite", während er gegenüber Wünschen von der anderen Seite taub zu sein scheine. Ich halte diesen Eindruck für oberflächlich.

Wer die unzähligen Schriften und Reden von Papst Benedikt bzw. Professor Joseph Ratzinger kennt, kann wissen, was ihn wirklich und unter der aktuellen Oberfläche bewegt. Er ringt um ein Profil der Kirche, das der Menschheit heute hilft, die Quellen, aus denen sich eine humane Kultur weltweit nährt, nicht zu verschütten. Das bedeutet vor allem, dass die Frage nach Gott nicht verstummt, dass Werte, um die die Menschheit seit Jahrhunderten gerungen und für die sie gelitten hat, nicht vergessen werden. Er hat diese Gefahr einmal als "Diktatur des Relativismus" bezeichnet.

 

Zu pessimistisch?

Zugegeben: Vielleicht ist Papst Benedikt in der Gefahr, etwas zu pessimistisch zu sein. Aber gibt es nicht tatsächlich Gründe, kritische Fragen gerade an die europäische Kultur zu stellen? Religion wird immer mehr als Privatsache hingestellt, obwohl weder Aufklärung noch die meisten europäischen Verfassungen ohne das Christentum verständlich sind. Warum ist Papst Benedikt offenbar von dem Verhältnis von Staat und Glaube in den Vereinigten Staaten so angetan? Weil hier ein Status gefunden wurde, von dem Europa weit entfernt ist: Religion ist selbstverständlich, darf nicht belächelt werden und ist eine große Stütze für die Gesellschaft. Die europäische Tendenz, Religion als auslaufende Sache einer alten Zivilisation zu betrachten, die Konflikte hervorruft, ist altmodisch.

Benedikt XVI. ist zutiefst davon überzeugt, dass Kirche Profil haben muss, wenn sie für die Menschheit hilfreich sein soll. Er ähnelt hier in erstaunlicher Weise dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Wolfgang Huber. Was den Papst in diesem Sinne bewegt, hat er in den beiden Enzykliken "Deus Caritas est" und "Spe salvi" vorgelegt. Für ihn ist die Kirche dann politisch, gesellschaftlich und geschichtlich relevant, wenn sie Jesus Christus verkündet und die Irrwege des Menschen ohne Angst als solche anprangert. Sein Problem ist, dass er nur von der Sache her denkt und die politischen Folgen seiner Überlegungen nicht im Blick zu haben scheint. Er geht fälschlicherweise davon aus, dass die Menschheit ebenso sachlich denkt und keine Hintergedanken hat. Vermutlich meinte er, der kleine kirchenrechtliche Schritt der Rücknahme der Exkommunikation für die Lefebvre-Bischöfe sei für eine breite Öffentlichkeit irrelevant, ebenso die Tridentinische Messe oder auch das Zitat des byzantinischen Kaisers über Mohammed.

Der Papst weiß darüber hinaus, dass die Kirche oft nur als eine moralische Autorität wahrgenommen wird, die etliche Sachen verbietet, die Nein sagt zu vielen Dingen, die die Menschen bewegen. Daher hat er bei einem Familienkongress in Valencia 2006 nichts über Geburtenplanung, Ehescheidung, vorehelichen Geschlechtsverkehr etc. gesagt. " Wir müssen vor allem die frohe Botschaft von Liebe und Ehe verkünden", sagte er mir im Fernseh-Interview.

 

Das Anliegen des Papstes

Seien wir uns bewusst: In anderen Weltteilen wird Papst Benedikt völlig anders wahrgenommen, nämlich als Mann, der gegen Armut, Ausbeutung und Ungerechtigkeit kämpft, als einer, der die Menschenwürde verteidigt. Gerade Afrikaner haben nach dem Papstbesuch in Kamerun und Angola den Westen und Norden heftig kritisiert, Afrika könne seine Probleme selbst erkennen und lösen und brauche nicht ständig Belehrung von den weißen Brüdern.

Rauben wir uns nicht die Chance, das von Papst Benedikt zu hören, was die Welt vom Christentum wirklich braucht: den tiefen Sinn des Lebens, die Botschaft der Geschwisterlichkeit, die Bedeutung von Glauben und Religion, den Sinn der anderen Religionen, das Ringen um die Einheit der Kirchen.

Wenn wir engagierten Christen Papst Benedikt jetzt in einer Ecke vermuten, in die er nicht gehört, dann tragen wir dazu bei, dass er in dieser Ecke steht. Wir müssen ihm die Möglichkeit einräumen, wieder das zu verkünden, was sein innerstes Anliegen ist. Wenn unsere Ohren nur offen sind für Töne, die uns schräg erscheinen, dann hören wir nicht das ganze Anliegen des Mannes, der durch seinen Namen "Benedikt" andeutete, was für ihn zentral ist: dass Kirche die Gesellschaft lehrt: "Bete und arbeite." Dann gerät die Welt in Ordnung.

 

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