Albert Keller SJEin neues Kapitel der Zeitgeschichte?
Aus: Stimmen der Zeit 6/2009 S. 361 f.
Die Gliederung in historische Zeitabschnitte mag vieles vereinfachen, kann aber auch den Blick für Brüche, Neuanfänge und Kräfte im Ablauf der Geschichte schärfen. So will ein Vorschlag in den vergangenen 60 Jahren der Bundesrepublik Deutschland drei je etwa 20jährige Perioden erkennen: Die "Ära Adenauer" und seiner Nachfolger Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger von 1949 bis 1968, die man gern klischeehaft als "restaurativ" abstempelt; sodann die Phase der "Achtundsechziger" bis zum Mauerfall 1989, die man als "antiautoritär" und "progressiv" etikettiert; und schließlich die jüngste Zeit bis heute. Für die Ära von 1989 bis heute bieten, allerdings in globaler Perspektive, zwei amerikanische Autoren bedeutsame Stichworte für eine umfassende Charakterisierung an, wobei man sich diese 20 Jahre durch die beiden US-Präsidenten Bush Vater (1989 bis 1993) und Bush Sohn (2001 bis 2009) gerahmt zu denken hat. 1989 vertrat Francis Fukuyama in seinem Artikel "Ende der Geschichte?" die Auffassung, Geschichte im bisherigen Sinn sei zu Ende. Die westliche Idee der liberalen Demokratie und der freien Marktwirtschaft habe sich so endgültig durchgesetzt, daß keine andere Theorie mehr mit ihr konkurrieren könne. Ohne eine Auseinandersetzung um Ideologien fehle der Geschichte aber der innere Antrieb, der sie bisher vorangebracht habe. Fukuyama folgte dabei dem russisch-französischen Philosophen Alexandre Kojve, der seinerseits auf Hegel und Marx aufbaute, für den Klassengegensätze die treibende Kraft der Geschichte bildeten. Sind sie beseitigt, so findet angeblich auch keine Geschichte mehr statt. Samuel P. Huntington formulierte 1993 in seinem Buch "Kampf der Kulturen" (dt. 1996) eine davon abweichende, aber nicht völlig gegensätzliche Position. Zwar nimmt auch er ein Ende des Konflikts zwischen Ideologien an, welche noch die nationalstaatlich verfaßten Bündnisse geprägt haben; doch nun trete an dessen Stelle die Auseinandersetzung zwischen Zivilisationen, in der vor allem die chinesische, hinduistische und islamische der westlichen mit ihrer Geschichte, ihren Sprachen, Wertvorstellungen und Religionen gegenüberstünden. Letztere habe zu lange die arrogante, falsche und gefährliche Ansicht vertreten, ökonomische Modernisierung bringe zugleich auch den Durchbruch westlicher Werte mit sich. Diese seien jedoch durch eine Geopolitik der Macht durchzusetzen, angeführt von den Vereinigten Staaten von Amerika. Fukuyamas Theorie vom Siegeszug des Neoliberalismus trug ebenso zur "Bush-Doktrin" vom notwendigen Kampf einer "Koalition der Willigen" gegen die "Schurkenstaaten" bei wie Huntingtons Modell vom "Zusammenprall der Kulturen". So bestimmten beide Diagnosen, trotz der Einwände, die von vielen Seiten
362gegen sie erhoben wurden, nachhaltig die Weltsicht der Zeit nach 1989. Nun sehen manche in zwei gegenwärtigen Ereignissen das gemeinsame Scheitern beider Ansätze und damit das Ende dieser Ära: Die aktuelle Weltwirtschaftskrise widerlege, so argumentiert man, die Behauptung vom Siegeszug der liberalen Marktwirtschaft, und die These vom unaufhaltsamen "Krieg der Kulturen" erscheine unglaubwürdig, da die USA seit Januar 2009 in Barack Obama, Sohn eines Kenianers und zeitweise in Indonesien aufgewachsen, sowie Joe Biden in ihren höchsten Ämtern ein Symbol der "Osmose der Kulturen" präsentieren. Wenn man daraus mit Robert Misik folgert: "Die welthistorische Phase, die mit dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges begonnen hatte, ging zu Ende", erinnert das an Goethes Ausspruch am Abend nach der Kanonade von Valmy: "Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen." Vielleicht kann man von hier aus auch verstehen, in welchem Sinn man 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik und 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks eine Zäsur annehmen kann. Die Kanonade vom Valmy im September 1792 war zwar ein strategisch unbedeutendes Gefecht, verlieh aber den Revolutionstruppen die moralische Kraft zum Sieg über die antirevolutionäre Allianz und gewährleistete letztlich die politische Durchsetzung der Ideen der französischen Revolution. Analog wäre auch beim Versuch, in den beiden Ereignissen Weltfinanzkrise und Wahl von Obama eine Zäsur der gegenwärtigen Zeitgeschichte zu sehen, nach Ideen Ausschau zu halten, deren Durchsetzung durch sie markiert wird. Als erste könnte man die Einsicht nennen, daß die Globalisierung unaufhaltsam fortschreitet, weshalb es kaum noch möglich ist, einen Teil der Menschheit als feindlich abzugrenzen, um ihn zu vernichten. Wir stehen zunehmend nur vor der Wahl, entweder gemeinsam zu überleben oder gemeinsam unterzugehen. Atomar, militärisch ist dieser Status bereits erreicht, und politisch sowie wirtschaftlich sind wir nicht mehr weit davon entfernt, wie die Weltwirtschaftkrise belegt. Dasselbe gilt für die Klimapolitik. Damit hängt zum zweiten zusammen, daß Kulturen - und mit ihnen auch Weltanschauungen und Religionen - nicht weiter voneinander isoliert existieren, sondern miteinander in zunehmend enge Berührung geraten. Zwischen einem Sich-Verschmelzen und Sich-Bekriegen müssen sie wohl den Weg zu einem friedlichen, allerdings auch engagierten Dialog finden und sich um dessen Bedingungen bemühen. Aufs Ganze gesehen - und dies gilt über alle kürzeren geschichtlichen Perioden hinaus - ergibt sich aus diesen Überlegungen, daß die Macht der Ideen weithin unterschätzt wird: Nachhaltige historische Veränderungen werden aber offensichtlich weniger durch militärische Gewalt und auch nicht in erster Linie durch den Einsatz finanzieller oder technischer Mittel hervorgerufen, sondern vielmehr durch den Einfluß von sich wandelnden geistigen Einstellungen. Das belegen wohl alle großen Wandlungen der vergangenen 60 Jahre.
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