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Martin Maier SJ

Zivilisation geteilter Genügsamkeit

 

Aus: Stimmen der Zeit, 1/2009, S. 1f.

"Daß es ,so weiter' geht, ist die Katastrophe" - urteilte Walter Benjamin in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts über die geschichtliche Entwicklung. Diese pessimistische Sicht läßt sich am Anfang des 21. Jahrhunderts auf die Situation der Welt insgesamt anwenden. Wenn eine Reihe von globalen Entwicklungen, angefangen vom Raubbau an natürlichen Ressourcen über die Klimaerwärmung bis zur wachsenden Vertiefung der Kluft zwischen Arm und Reich, so weiter gehen, dann steht die Zukunft des Planeten Erde und der menschlichen Zivilisation auf dem Spiel.

Daß das globale System krank ist, wurde vor kurzem durch das zeitliche Zusammenfallen folgender Ereignisse deutlich: Während die Regierungen der reichen Länder als Reaktion auf die Krise der internationalen Finanzmärkte milliardenschwere Rettungspakete für die Banken schnürten, stellte die deutsche Welthungerhilfe den neuen Welthunger-Index vor. Daraus geht hervor, daß 2007 die Zahl der hungernden Menschen von 848 auf 923 Millionen angestiegen ist. Zu Recht prangerte Ingeborg Schäuble, die Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe, dies als Skandal an: "Fast eine Milliarde Hungernde sind eine Schande für die Menschheit. Im Gegensatz zu den Banken sind sie nicht selber schuld an ihrer Misere." Sie forderte ein "Rettungspaket gegen den Welthunger" in Höhe von 14 Milliarden Dollar zur Unterstützung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern.

Ganz ähnlich äußerte sich im September 2008 Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras bei einer Konferenz vor der UN-Vollversammlung in New York zur Umsetzung der Milleniumsziele der Vereinten Nationen: "Wir müssen uns eine Welt denken können, in der der unnötige Tod von zehn Millionen Kindern jährlich eine Abscheulichkeit ist, die nicht mehr hingenommen wird." Bei der bisherigen Entwicklung wird die für 2015 angezielte Halbierung des Anteils der Menschen in extremer Armut an der Weltbevölkerung frühestens in 30 Jahren erreicht sein.

Die gegenwärtige globale Wirtschafts- und Finanzordnung ist zutiefst ungerecht. 20 Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen 80 Prozent der Ressourcen und sind für 80 Prozent der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich. Zwei Milliarden Menschen müssen mit weniger als zwei US-Dollar am Tag überleben. Die öffentliche Entwicklungshilfe der Industriestaaten ist von 104,4 Milliarden Dollar im Jahr 2006 auf 103,7 Milliarden Dollar 2007 zurückgegangen. Damit verletzen die Geberländer ihre im Rahmen der EU und auf G8-Gipfeltreffen getroffenen Selbstverpflichtungen.

Verschlimmernd kommt dazu, daß sowohl die weltweite Finanzkrise als auch die Konsequenzen der Klimaerwärmung die Armen in den Entwicklungsländern am härtesten treffen. Für beides sind sie aber am wenigsten verantwortlich. Zukünftige

 


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Generationen werden die heutigen Entscheidungsträger einmal mit Recht fragen, wie sie es zulassen konnten, daß jährlich 40 Millionen Menschen verhungern und an vermeidbaren Krankheiten sterben. Es gibt Vorschläge und Pläne dafür, wie dies zu verhindern wäre. Was fehlt, ist der politische Wille zu ihrer Umsetzung.

Angestoßen durch die Weltfinanzkrise und die immer offensichtlicher werdenden Folgen der Klimaerwärmung wächst das Bewußtsein, daß ein globales Umsteuern notwendig ist. So fordert Nicholas Stern, der frühere Chefökonom der Weltbank: "In den nächsten Jahren müssen Weichen gestellt werden für die künftige Entwicklung des Erdklimas, aber auch unserer Wirtschaft, unseres Lebensstandards und unserer Energieversorgung." Das herrschende Wirtschafts- und Zivilisationsmodell muß durch eine neue Weltzivilisation ersetzt werden. Der salvadorianische Philosoph und Theologe Ignacio Ellacuria SJ, der 1989 ermordet wurde, hat kurz vor seinem Tod ein solches Modell unter dem Stichwort "Zivilisation der Armut" skizziert: "Die Zivilisation der Armut ... macht die universale Befriedigung der Grundbedürfnisse zum Prinzip der Entwicklung und das Wachstum der gemeinsamen Solidarität zur Grundlage der Humanisierung." Jon Sobrino SJ hat diese Vision als "Zivilisation geteilter Genügsamkeit" weitergedacht. Damit ist zum einen ausgedrückt, daß Ressourcen und Reichtum gerechter aufgeteilt werden müssen, und zum anderen, daß dies von den Menschen in den reichen Ländern unvermeidlich Einschränkungen in ihrem Lebensstil verlangen wird.

Entscheidende Maßstäbe für dieses neue Zivilisationsmodell müssen Universalisierbarkeit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit sein. Die Wirtschaftsweise der reichen Länder des Nordens ist schon aus ökologischen Gründen nicht universalisierbar. Was nicht universalisierbar ist, kann aber dem kategorischen Imperativ Kants zufolge auch nicht ethisch vertretbar sein. Gerechtigkeit im globalen Maßstab bedeutet, daß jeder Mensch das gleiche Recht auf die natürlichen Ressourcen und auf Energieverbrauch hat und daß auch die ökologischen Folgekosten zumindest annähernd gleich verteilt sein müssen. Nachhaltigkeit heißt, so zu wirtschaften, daß die Grundlagen des Handelns nicht zerstört werden und daß die Rechte und Interessen zukünftiger Generationen berücksichtigt werden.

Die Umsetzung einer solchen Zivilisation geteilter Genügsamkeit ist eine gigantische Herausforderung. Dazu bedarf es eines neuen Gesellschaftskontrakts zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Die Verzahnung der Probleme macht interdisziplinäre Anstrengungen notwendig. Hier sind auch die Religionsgemeinschaften mit ihrem Motivations- und Handlungspotential gefragt. Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sind auch Glaubensfragen.

Wie stehen die Chancen der Umsetzung? Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz vertrat die Meinung, daß die Menschheit nur aus mittleren Katastrophen lerne. Etwas optimistischer formulierte Karl Jaspers: "Daß das utopisch Scheinende möglich ist, sagt uns ein Vertrauen, das nicht in dieser Welt gegründet ist, das aber auch nur dem geschenkt wird, der tut, was er kann."

 

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