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Martin Maier SJ

Aktualität der Theologie der Befreiung

 

Aus: Stimmen der Zeit, 9/2009 S. 577 f.

In Lateinamerika gibt es die sprichwörtliche Redensart: "Hay muertos que gozan de buena salud" - "Totgesagte leben länger". Zu diesen "Totgesagten" zählt die Theologie der Befreiung. Spätestens mit dem Fall der Berliner Mauer sahen ihre Gegner das Ende dieser nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in Lateinamerika entstandenen neuen Theologie eingeläutet. Dabei wurde unterstellt, daß die marxistische Ideologie ein wesentlicher Bestandteil der Theologie der Befreiung sei. Doch Gustavo Gutiérrez OP, der zu Recht als ihr Vater gilt, bemerkte zu ihrem vielbeschworenen Tod ironisch, niemand habe ihn bis jetzt zur Beerdigung eingeladen, und als Vater dürfe er das wohl erwarten. Ernsthafter sagte er, daß ihm weniger die Zukunft der Theologie der Befreiung Sorge mache, sondern die Frage, wo die Armen im 21. Jahrhundert schlafen werden.

Damit ist auch gesagt, daß der Grund, der vor 40 Jahren zur Entstehung der Theologie der Befreiung führte, nach wie vor aktuell ist: der Skandal von Armut und Ungerechtigkeit, Marginalisierung und Ausschließung, der nicht nur die Situation Lateinamerikas, sondern der Welt insgesamt prägt. Die Globalisierung vermochte diesen Skandal nicht aus der Welt zu schaffen, sondern hat im Gegenteil die Kluft zwischen Arm und Reich noch vertieft. Die Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise treffen die Armen am härtesten, wobei sie dafür am wenigsten Verantwortung tragen.

Die Entstehung der Theologie der Befreiung schreibt sich in den größeren Zusammenhang der Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils ein. Im August 1968 fand die Zweite Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe im kolumbianischen Medellín statt, wo es um eine kreative Rezeption des Konzils ging. Was für die katholische Kirche auf dem Konzil eine neue Öffnung gegenüber der Welt war, wurde für die Bischöfe in Medellín eine Öffnung gegenüber der Welt der Armen. Sie brachten die unmenschliche Situation der Armut und Unterdrückung der Mehrheit der Menschen auf dem Subkontinent mit dem Befreiungswillen Gottes in Verbindung. Aus dem Glauben und auf der Grundlage der Bibel zogen sie daraus die Konsequenz der Option für die Armen. Die Bischofsversammlung und die zu dieser Zeit entstehende Theologie der Befreiung befruchteten sich wechselseitig.

Damit war ein Konflikt mit den kirchlichen und politischen Kräften programmiert, die an einer Erhaltung des Status quo interessiert waren. Ein geläufiges Argumentationsmuster war, durch ein soziales und politisches Engagement entferne sich die Kirche von ihrer "eigentlichen" Aufgabe. Doch dies verrät nur, daß ein zentraler Fortschritt des Konzils und der jüngsten päpstlichen Sozialenzykliken noch

 


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immer nicht verstanden und umgesetzt wurde. So liegt der gesamten Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" die differenzierte Einheit von Weltgeschichte und Heilsgeschichte zugrunde. Papst Paul VI. bekräftigte in seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii Nuntiandi" (1975) den engen Zusammenhang zwischen Evangelisierung und menschlicher Entwicklung und Befreiung.

Der Konflikt um die Theologie der Befreiung ist im März 2007 mit der Lehrverurteilung des salvadorianischen Theologen Jon Sobrino durch die Glaubenskongregation neu aufgebrochen. Doch die vatikanische Maßregelung Sobrinos hat auch positive Folgen gezeitigt. So zeigt die Theologie der Befreiung auch im Raum der deutschsprachigen Theologie wieder deutliche Lebenszeichen. Mehr als 50 Theologen und Theologinnen diskutierten im Oktober 2008 auf Einladung der Steyler Missionare und der Wiener Katholisch-Theologischen Fakultät über die Aktualität der Theologie der Befreiung. Der Wiener Moraltheologe Günter Prüller-Jagenteufel betonte, Theologie komme auch in Europa nicht umhin, sich den ökonomischen und politischen Herausforderungen der Zeit zu stellen. Eine Folgetagung ist für März 2010 geplant. Seit 2007 gibt es die "Plattform Theologie der Befreiung", die der Vernetzung im deutschen Sprachraum dient (www.befreiungstheologie.net.tc). Im Brückenschlag zwischen Europa und Lateinamerika fand im August 2009 eine befreiungstheologische Sommerschule für Theologiestudierende aus dem deutschsprachigen Raum in El Salvador statt.

Für Jon Sobrino geht es in der Theologie der Befreiung letztlich um nichts anderes, als die Armen ins Zentrum der theologischen Reflexion zu stellen und so weit als möglich ihre Perspektive einzunehmen. Von den Armen aus erkenne man die Realität und verstehe man die Offenbarung besser. Die Begründung dafür ist christologisch: Gott hat sich in seinem Sohn radikal auf diese Welt und ihre Geschichte eingelassen, und er hat dies unter dem Vorzeichen der Option für die Armen getan. Wenn die Option für die Armen so von Gott kommt, dann ist sie höchste dogmatische Verpflichtung. Das hat Papst Benedikt XVI. in überraschender Weise in seiner Ansprache an die Delegierten der 35. Generalkongregation des Jesuitenordens am 21. Februar 2008 bestätigt: "Zugleich ermutige ich euch, eure Sendung unter den Armen und für die Armen fortzusetzen und zu erneuern. Leider mangelt es nicht an neuen Ursachen für die Armut und Marginalisierung in einer Welt, die gekennzeichnet ist durch schwere ökonomische Ungleichgewichte, von Globalisierungsprozessen, die mehr vom Egoismus als von der Solidarität gesteuert sind ... Wie ich den lateinamerikanischen Bischöfen, die am Heiligtum von Aparecida versammelt waren, gegenüber betont habe, 'ist die bevorzugte Option für die Armen im christologischen Glauben an jenen Gott implizit enthalten, der für uns arm geworden ist, um uns durch seine Armut reich zu machen' (2 Kor 8,9). Es ist deswegen nur natürlich, daß der, der Gefährte Jesu sein will, auch wirklich dessen Liebe zu den Armen teilt. Für uns ist die Entscheidung für die Armen keine ideologische, sondern sie kommt aus dem Evangelium."

 

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