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Karl-Heinz Menke {*}

Jesus Christus, Gottes Sohn und wahrer Mensch. Theologische Impulse

 

Aus der Zeitschrift der Katholischen Akademie in Bayern 'zur debatte', 5/2009, S. 24-26

Aus: zur debatte, 5/2009. S. 24-26 /2009 S.

 

"Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben oder im Wasser unter der Erde!" (Ex 20,4; Dtn 5,8). Dieses alttestamentliche Bilderverbot wirkte lange Zeit auch im Christentum nach, obwohl Gott doch in der Person Jesu Christi unüberbietbare Anschaulichkeit erlangt hatte. Christus aber ist eine Person, nicht ein auf Leinwand gebanntes Bild. Als Person ist er das Offenbarsein des unsichtbaren Gottes. Doch wie sollen wir, die wir zweitausend Jahre später leben, das Offenbarsein Gottes in Christus darstellen? Nur unter der Gestalt des eucharistischen Brotes? Nur durch das Symbol des Kreuzes? Oder auch durch Bilder, die Christus als einen bestimmten Menschen zeigen?

Verkürzt kann man den Lösungsversuch der frühen Kirche wie folgt skizzieren: Eine Fülle von gleichzeitig verwendeten Christusbildern sollte die Identifikation mit einem einzigen Bild und damit die Festlegung auf ein einziges Bild verhindern. Die Ikonen der Ostkirchen lassen darüber hinaus durch stilisierende Mittel den Eindruck realistischer Abbildung gar nicht erst aufkommen. Beigegebene Schriftzüge verweisen auf den Unterschied zwischen dem Bild und der durch das Bild nur bezeichneten Wirklichkeit. Das Beispiel der Ikonen verdeutlicht also: Das Christusbild macht Gott nicht verfügbar: Im Gegenteil, es ruft in die personale Beziehung zu dem Abgebildeten.

 

(1) "Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes." (Kol 1,15)

Der vom Bilderverbot des Islam evozierte Streit des 8. Jahrhunderts über die Frage, ob Christus, wenn er denn wahrhaft Gott und also "unumschreibbar" ist, in ein ihn "umschreibendes" Bild gefasst werden dürfe, führte 787 zum letzten der großen christologischen Konzilien, nämlich zum zweiten Konzil von Nicäa. Die Spezialfrage nach der Darstellbarkeit Christi war ins Zentrum aller theologischen Debatten gerückt. Johannes von Damaskus ( 749), der unbestritten bedeutendste Theologe des 8. Jahrhunderts, erklärt uns, warum. Biblisch gesehen ist die Materie etwas völlig anderes als in der griechischen Philosophie. Aus der Sicht des Neuplatonismus ist die Materie geradezu das Gegenteil des Göttlichen, des schlechthin Einen. Deshalb kann die griechische Philosophie nicht denken, dass ein Geschöpf qua Geschöpf Offenbarung des Göttlichen ist; ganz zu schweigen von dem, was der christliche Glaube mit dem Dogma von der Menschwerdung Gottes ausdrückt. Johannes von Damaskus kennt das alttestamentliche Bilderverbot. Aber er weiß auch: Dieses Verbot gründet nicht in der griechischen Abwertung alles Endlichen und Materiellen, sondern in der Ehrfurcht vor der Transzendenz des Schöpfers. Wörtlich bemerkt er in einer Rede gegen die zeitgenössischen Ikonoklasten: "In alter Zeit wurde Gott, der keinen Körper und keine Gestalt besitzt, bildlich überhaupt nicht dargestellt. Jetzt aber, da Gott im Fleische sichtbar wurde und mit den Menschen umging, kann ich das an Gott sichtbare Bild darstellen. Ich bete nicht die Materie an, sondern ich bete den Schöpfer der Materie an, der um meinetwillen selbst Materie wurde und es auf sich nahm, in der Materie zu leben, der mittels der Materie meine Rettung ins Werk setzte."

Aus der Sicht des großen Mönchstheologen Theodor von Studion ( 826) verfehlt man den Kern des christlichen Glaubensbekenntnisses, wenn man lehrt, dass die "umschreibbare" und also abbildbare menschliche Natur Christi auf Grund ihrer hypostatischen Union mit der "unumschreibbaren" göttlichen Natur ihrerseits "unumschreibbar" werde. Denn das wahre Menschsein Christi ist nicht die Verhüllung seiner wahren Gottheit, sondern deren Offenbarung. Die Annahme der menschlichen Natur durch die Person des ewigen Logos bedeutet nicht irgendeine Dominanz der Eigenschaften der göttlichen Natur des Erlösers über die Eigenschaften seiner menschlichen Natur, sondern ganz im Gegenteil das Sichtbarwerden der Person des Logos in der menschlichen Existenz des Erlösers. Theodor von Studion kleidet seine Christologie in das Motto: "Der Unumschreibbare wird umschreibbar." Das heißt: "Die Person des ewigen Wortes wird, indem sie Fleisch annimmt, selber Träger und Quelle einer menschlichen Existenz, in ihrer unverwechselbaren Individualität. [...] Gerade in den Jesus als diesen bestimmten Menschen kennzeichnenden Zügen wird seine göttliche Person sichtbar. Das Paradox der Menschwerdung ist es, dass die göttliche Person des ewigen Wortes in den individuellen, persönlichen Gesichtszügen Jesu "umschreibbar" geworden ist."

Joseph Ratzinger formuliert diesen Sachverhalt in seiner "Einführung in das Christentum" so: "Jesus hat Gott wirklich ausgelegt, ihn herausgeführt aus sich selbst, oder, wie es der erste Johannesbrief noch drastischer sagt: ihn unserem Anschauen und unserem Betasten freigegeben, so dass der, den niemand gesehen hat, nun unserem geschichtlichen Berühren offen steht.". Und in seinem "Jesus-Buch" zeigt der Papst, dass jede Szene des Lebens Jesu,

 


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jedes seiner Gleichnisse, jede Zeile der Bergpredigt, sogar jedes Detail seines Lebens, Leidens und Sterbens im wahrsten Sinne dieses Wortes Selbst-Offenbarung Gottes ist.

Damit ist in keiner Weise gesagt, Jesu Menschsein sei identisch mit seinem Gottsein. Denn Gott ist (im Sinne eines Gleichheitszeichens) kein Geschöpf, und ein Geschöpf ist (im Sinne eines Gleichheitszeichens) nicht Gott. Wer solches glaubt, hat aufgehört zu denken, als er angefangen hat zu glauben. Obwohl wir uns - z. B. im Kontext des Weihnachtsfestes - angewöhnt haben, von der "Mensch-Werdung" Gottes zu sprechen, sollte das Uneigentliche solcher Redeweise stets bewusst bleiben. Denn von Gott kann man nicht auf dieselbe Weise wie von uns selbst sagen, er werde etwas oder jemand.

Der biblisch bezeugte Gott verwandelt sich nicht in einen Menschen so wie sich der Zeus der homerischen Epen in einen Stier oder wie sich der Prinz eines Grimmschen Märchens in einen Frosch verwandelt. Dann wäre sein Menschsein die Larve, die Verkleidung, ja geradezu die Verbergung seiner Gottheit. Dann würde er für die Zeit seiner Menschwerdung aufhören, Gott zu sein. Dann wäre das Menschsein Christi nicht die Offenbarung Gottes, sondern geradezu das Gegenteil. Nein, Gott hört im Ereignis der Inkarnation nicht auf, Gott zu sein. Und er versteckt seine Gottheit auch nicht unter dem Mantel eines nur scheinbaren Menschseins. Im Gegenteil, das Menschsein Jesu als solches ist Offenbarung Gottes selbst.

 

(2) Wahrer Gott und wahrer Mensch: unvermischt und ungetrennt

Das Konzil, das mehr als jedes andere zur Klärung der wichtigsten christologischen Frage beigetragen hat, das Konzil von Chalkedon (451), sagt: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch - unvermischt, aber auch ungetrennt.

Warum - so fragen viele - ist es denn so wichtig, dass Christus beides ohne Abstriche war: Gott und Mensch?

Ich möchte auf diese allzu verständliche Frage mit zwei Gegenfragen antworten:

(a) Was wäre, wenn Jesus Christus wahrer Gott, aber nicht wahrer Mensch gewesen wäre?

(b) Was wäre, wenn Jesus Christus wahrer Mensch, aber nicht wahrer Gott gewesen wäre?

 

(a) Die Gnostiker aller Schattierungen und Zeiten stehen für die These, dass Jesus Christus nur wahrer Gott, aber nicht wahrer Mensch war. Sie sprechen von seinem Menschsein wie von einem Kleid, mit dem er sein Gottsein verhüllt habe. Aus ihrer Sicht ist sein Tod nicht der Übergang eines Menschen - in allem uns gleich außer der Sünde - in die Gemeinschaft mit Gott gewesen, sondern lediglich das Abstreifen seiner menschenähnlichen Verkleidung. Aus gnostischer Sicht war das Menschsein Christi nur das Vehikel, nur das instrumentelle Medium einer Anweisung zur Selbsterlösung. Aus gnostischer Sicht gelangen auch wir zur Gemeinschaft mit Gott, wenn wir uns von dieser Welt lösen. Ein gnostisch interpretierter Christus wird zur Aufforderung, dieses irdische Leben möglichst abzustreifen - wenn nicht im wörtlichen Sinn, dann doch wenigstens mental in einer weltflüchtigen, leibfeindlichen und privatistischen "Frömmigkeit".

Wo das Menschsein Jesu nur wie ein äußeres Mittel und Werkzeug Gottes verstanden wird, da kann man die Frage nicht mehr beantworten, was Christus vor zweitausend Jahren für alle Menschen aller Zeiten - also auch für mich - getan hat. Er erscheint wie ein Gesandter Gottes, der uns gelehrt hat, wie man einen guten Weg gehen bzw. sich selbst von dieser Welt und ihren Versuchungen lösen kann - Selbsterlösungslehre statt Erlösungslehre!

Stellen Sie sich vor: Jemand würde Sie unvorbereitet irgendwo in einer Fußgängerzone mit einem Mikrophon in der Hand fragen: "Was hat Christus für Sie vor zweitausend Jahren getan?" - Er ist ja nicht nur ein Beispiel, das man nachahmen sollte. Er ist ja nicht nur ein Weisheitslehrer oder Philosoph. Er ist ja Ihr und mein Erlöser. Deshalb die Frage: Was hat ER vor zweitausend Jahren für Sie getan?

Die Antwort unserer Credo-Formeln auf diese Frage lautet: Er hat den physischen Tod verwandelt. Denn seit Ostern ist der physische Tod nicht mehr das Realsymbol für die Sünde, d. h. für alles, was keine Gemeinschaft mit dem einen und einzigen Gott der Heiligkeit und des Lebens (= JHWH) haben kann. Bekanntlich hat Israel während des babylonischen Exils für das postmortale Dasein der Sünder das Bild von der Schattenexistenz in der sogenannten Sheol übernommen. Jedenfalls unterscheidet das Alte Testament zwischen dem physischen Tod und dem eigentlichen Tod der Trennung von Gott (Sheol). Seit Ostern ist der physische Tod, den wir alle sterben, nicht mehr das Eingangstor in die Sheol, sondern im Gegenteil das Eingangstor zu JHWH, den Christus "Abba" bzw. "Vater" nennt.

Aber, so darf man kritisch weiterfragen: Warum und wie konnte ein Mensch - in allem uns gleich außer der Sünde - den physischen Tod ein für allemal - d. h. für uns alle - verwandeln von dem Tor in die Sheol in den Weg zu Gott dem Vater?

 

(b) Diese Frage ist fast identisch mit der oben schon formulierten Grundfrage Nr. 2: Was wäre, wenn Jesus Christus wahrer Mensch, aber nicht wahrer Gott gewesen wäre? Denn nur weil Jesus als wahrer Mensch zugleich in einer Beziehung zu Gott dem Vater stand, wie sie kein Mensch von sich aus knüpfen oder herstellen kann, war er befähigt, im Erleiden des physischen Todes den eigentlichen Tod, die Trennung von Gott dem Vater, zu besiegen. Wir alle kennen die vordergründig paradoxe Formulierung aus den Osterpräfationen und Osterliedern: "Im Tod (gemeint ist der physische Tod) hat Jesus Christus den Tod (gemeint ist die Trennung von Gott) besiegt."

Jesus war nicht zuerst eine von Josef gezeugte und von Maria geborene menschliche Person, um dann erst nachträglich - etwa bei seiner Taufe im Jordan oder im Geschehen der Auferweckung - zum "Sohn Gottes" erhoben zu werden. Es ist ganz generell unmöglich, dass eine Person eine andere Person wird. Schon deshalb war Christus nicht zuerst nur eine menschliche Person, um dann später göttliche Person zu werden. Es ist einhelliges Zeugnis der gesamten Tradition (aller, auch der ältesten Credo-Formeln und vor allem des Konzils von Ephesus, das Maria als "Gottesgebärerin" bezeichnet), dass Jesus von Anfang an göttliche Person war. Das heißt: Er stand als wahrer Mensch von Anfang an - schon unter dem Herzen seiner Mutter Maria - in exakt derselben Beziehung zu Gott dem Vater wie der innertrinitarische Sohn. So wird deutlich:

  • Nur unter der Voraussetzung, dass Gott selber kein monolithisches Ich, sondern Beziehung zwischen Ich und Du, zwischen Vater und Sohn ist; und nur unter der weiteren Voraussetzung, dass er diese Beziehung, die er ist, auch nach außen mitteilen kann im Heiligen Geist, kann man widerspruchsfrei denken, dass ein Geschöpf, nämlich der Mensch Jesus, die Beziehung des ewigen Logos zum Vater (= die zweite göttliche Person) ist (!).

  • Nur weil Jesus als wahrer Mensch in einer Beziehung zum Vater stand, die alles von Menschen Machbare übersteigt, konnte er das Symbol der Sünde, den physischen Tod (vgl. Röm 6,23), umqualifizieren von einem Realsymbol der Trennung von Gott in ein Realsymbol des Zugangs zu Gott (vgl. 1 Kor 15,54-56; Joh 14,6b).

 

(3) Der Vater ist nicht anders allmächtig als der gekreuzigte Sohn

Jesus ist unendlich viel mehr als ein Prophet, weil er den Willen des Vaters nicht nur interpretiert, sondern "als der am Herzen des Vaters Ruhende" von sich sagen darf: "Ich und der Vater sind eins." (Joh 10,30). Und: "Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen." (Joh 14,9b). Und: "Niemand kommt zum Vater außer durch mich." (Joh 14,6). Papst Benedikt XVI. interpretiert Joh 1,18 durch einen Vergleich mit Ex 33,18-22. Dort erhält die Bitte des Mose "Zeige mir, Herr, deine Herrlichkeit!" (Ex 33,18) die Antwort: "Mein Angesicht kannst du nicht schauen. [...] Du kannst meinen Rücken schauen, doch mein Angesicht darfst du nicht sehen." (Ex 33,20-22). Jesus dagegen kommt "aus der unmittelbaren Berührung mit dem Vater, aus dem Dialog von "Gesicht zu Gesicht" - aus dem Sehen dessen heraus, der an der Brust des Vaters ruhte."

Weil Jesus im Unterschied zu Mose nicht nur Wesentliches über Gott den Vater gesagt hat, sondern das Wort des Vaters selbst war, ist er personal (hypostatisch) derselbe Sohn, der von Ewigkeit her die Selbstaussage des Vaters und also der Logos ist. Oder anders formuliert: Jesus lebte in Raum und Zeit (als wahrer Mensch) dieselbe Beziehung zu Gott dem Vater, die der innertrinitarische Sohn ist.

Wenn wir fragen, wie der den Gesetzen der Zeit unterworfene Mensch Jesus die Beziehung des ewigen Sohnes bzw. Logos zum ewigen Vater offenbart, fällt zuerst und zunächst auf: Seine Beziehung zum Vater ist alles andere als eine Flucht aus dieser Welt heraus in abstrakte Sphären der Tranzendenz hinein. Im Gegenteil: Seine Beziehung zum Vater ist Konkretion, ist Inkarnation, ist Kenosis. Seine Beziehung zum Vater beschreibt eine Bewegung von oben nach unten. "Descendit" - "er ist herabgestiegen" - sagen wir im Glaubensbekenntnis. Als Herabsteigender ist er eins mit dem Vater - so und nur so. Als Herabsteigender ist er der Weg, die Wahrheit und das Leben.

Die Gnostiker aller Schattierungen und Zeiten haben Jesus Christus zu einer Idee erklärt, deren äußere Schale der Leib, das Menschsein, das In-derWelt-Sein ist. Sie haben das wahre, das eigentliche Christentum als Loslösung von dieser Schale, als Loslösung von allem Irdischen und Konkreten, als Weg in die reine Geistigkeit beschrieben.

Aber Jesus Christus ist das Gegenteil dieser Abstraktion - schon seine Geburt irgendwo in einem Viehstall vor den Toren Bethlehems; schon seine Wiege in Gestalt einer Futterkrippe; dann sein dreißig Jahre währender Gang durch das alltägliche Leben eines einfachen Handwerkers, all das ist ein fortwährendes Herabsteigen. Auch nachdem er Nazareth verlassen hat, steigt er herab - hinunter zum Jordan, wo Johannes tauft. Das ist übrigens rein geologisch betrachtet der tiefste Punkt der Erdoberfläche, ungefähr dreihundert Meter unter dem Meeresspiegel. Tiefpunkt aber noch in einem anderen Sinn: Die Leute, die da aus der Umgebung, besonders aus dem nahe gelegenen Jerusalem, hinuntersteigen, lassen sich untertauchen, machen sich klein, bekennen sich als Sünder. Und in ihre Reihe reiht sich der ein, der das ganz und gar nicht nötig hat (Mt 3,13-17; Mk 1,9-11; Lk 3,21f). Papst Benedikt schreibt: "Er eröffnet sein Wirken damit, dass er an den Platz der Sünder tritt. Er eröffnet es mit der Antizipation des Kreuzes. [...] Die Taufe ist Todesannahme für die Sünden der Menschheit. [...] Die Ikone der Taufe Jesu zeigt das Wasser wie ein flüssiges Grab, das die Form einer dunklen Höhle hat. [...] Das Hinabsteigen Jesu in dieses flüssige Grab, in dieses Inferno, das ihn ganz umschließt, ist so Vorvollzug des Abstiegs in die Unterwelt!' Und wie Jesus sich den Sündern aussetzt, so auch dem Versucher. Seine Antwort auf die Versuchungen der Macht (Mt 4,1-11; Mk 1,12f; Lk 4,1-13) ist der Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters. Zeitweilig findet er Beifall. Die Menschen laufen ihm nach und wollen ihn zum König machen. Seine Jünger machen sich Hoffnung auf eine Karriere nach oben. Aber er steigt herab und sieht den, der ganz unten ist. Den blinden Bartimäus z. B. vor dem Stadttor von Jericho (Mt 20,29-34; Mk 10,46-52; Lk 18,35-43); oder die Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll wegen ihrer Sünde (Joh 8,1-11); oder den verachteten Zollbeamten Zachäus (Mt 9,9-13; Mk 2,13f; Lk 5,27f). Der klettert auf einen Baum, weil er so klein ist. Und prompt sieht Jesus ihn, ausgerechnet ihn. Komm, sagt er, steig herab! Wenn du etwas von mir sehen willst, musst du herab- und nicht hinaufsteigen. Das ist eine Lektion, die schwer zu lernen ist, nicht nur für Zachäus, mehr noch für Petrus. In der Nacht vor seiner Verhaftung macht Jesus ihm handgreiflich vor, was er meint; aber Petrus will nicht wahrhaben, dass sein Herr und Meister nicht hinaufsteigt, sondern herab; dass sein Herr und Meister einen Sklavendienst verrichtet. Er schämt sich seiner. Doch Jesus schämt sich nicht, als er seinen Jüngern die Füße wäscht (Joh 13,1-10). Und dann sagt er: Nehmt hin und esst; das bin ich selbst! (Mk 14,24; Mt 26,27f; Lk 22,20; 1 Kor 11,25). Er will für die anderen das Brot sein, das sie essen. Und kurz darauf hängt er zwischen Himmel und Erde, angenagelt. Und es wird makaber. Denn da wird er, der sein Leben lang herabgestiegen ist, aufgefordert, herabzusteigen (Mt 27,39f; Mk 15,31f; Lk 23,37): Wenn du kannst, steig doch herab!, ruft man ihm zu. Abgestiegen bis zur Hölle, sagen wir im Credo. Und wir meinen dann mit dem Wort Hölle das Gegenteil von Weg: nämlich die Gefangenschaft, die jeden Weg, jeden Ausweg, jede Möglichkeit, jede Zukunft versperrt.

Immer wieder sind wir versucht, uns Gott anders zu denken als diesen Jesus - so als sei Gott an und für sich allmächtig, wohingegen Jesus - zumindest am Kreuz - das Gegenteil, nämlich ohnmächtig, ist. Nein, in ihm, in diesem einen und einzigen Menschen hat sich Gott selbst ausgesagt. Wer ihn sieht, sieht den Vater. Der Vater ist nicht anders allmächtig als der Gekreuzigte. Deshalb bemerkt Benedikt XVI.: Gerade am Kreuz wird Jesu "Sohnschaft, sein Einssein mit dem Vater erkennbar. Das Kreuz ist die wahre "Höhe". Es ist die Höhe der Liebe "bis zum Ende" (Joh 13,1); am Kreuz ist Jesus auf der "Höhe" Gottes, der die Liebe ist. Dort kann man ihn "erkennen", kann erkennen, dass "ich es bin". Der brennende Dornbusch ist das Kreuz. Der höchste Offenbarungsanspruch, das "Ich bin es"

 


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und das Kreuz Jesu sind untrennbar."

Nicht unter dem Einfluss der griechischen Philosophie, sondern in Kenntnis der atl. Schriften unterstreichen alle ntl. Autoren die Identität des Handelns Jesu mit dem Handeln JHWHs. Sie zeigen, dass Jesus tut, was nach dem Zeugnis der atl. Schriften einzig und allein JHWH tun kann: Er vergibt Sünden (Mt 1,21; Mk 2,1-12). Er erweckt Tote zum Leben (Mk 5,41f; Lk 7,14f; Joh 11,43f). Er hat Macht über alle Gewalten der Natur (Mk 4,35-41; 6,45-52). Und er wird als "der alleinige Retter" (Apg 4,12), als "der Herr aller Menschen" (Röm 10,12), als "der Herr der Herrlichkeit" (1 Kor 2,8), als "der Erste und der Letzte" (Offb 1,17; 22,13) und nicht zuletzt als "der wahre Gott" (Joh 20,28; 1 Joh 5,20) bezeichnet. Natürlich ist das gleichzeitige Bekenntnis zur wahren Gottheit Christi und zum Monotheismus Israels nur unter der Voraussetzung widerspruchsfrei, dass die von Jesus gelebte "Abba-Beziehung" identisch ist mit der Beziehung des ewigen Logos zum Vater. Anders gesagt: Das "Eins-sein" Jesu mit dem "Vater" (= JHWH) setzt die christliche Trinitätslehre notwendig voraus.

Der Gott Israels ist die trinitarische Liebe, die sich mit dem gekreuzigten Christus identifiziert. Oder anders gesagt: Die im christlichen Credo bekannte Allmacht definiert sich in Jesus Christus, dem Gekreuzigten. Deshalb kann und darf sich der universale Wahrheitsanspruch des Christentums nur in Gestalt jener wehrlosen Liebe durchsetzen, die alles erhofft, aber nichts erzwingt.

Judentum, Christentum und Islam gehen in gleicher Weise davon aus, dass der Einzigkeit Gottes die Einzigkeit der Wahrheit entspricht; dass es nicht mehrere Wahrheiten nebeneinander geben kann; und dass die alle Wirklichkeit begründende Wahrheit offenbar geworden ist in der Endlichkeit von Welt und Geschichte. Allerdings wird die Offenbarung in den drei abrahamitischen Religionen unterschiedlich erklärt.

Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob eine Person oder ob ein Buch als der Weg, die Wahrheit und das Leben für alle Menschen aller Zeiten bezeichnet wird. Wahrheit, die mit einem Buch identifiziert wird, ist immer in Gefahr, mit dem Wortlaut verwechselt zu werden. Wahrheit, die Person ist, wird gerade da verfehlt, wo jemand sie mit heiligen Schriften, mit bestimmten Sätzen, Definitionen oder Interpretationen identifiziert.

 

(4) Die Erkennbarkeit des Sohnes in Jesus

Die historisch-kritische Exegese hat sich weitgehend mit der Forderung durchgesetzt, den Erlöser vor dem Ereignis seiner Auferweckung nur als den Menschen "Jesus" und erst im Lichte seiner Auferweckung auch als den "Christus" zu bezeichnen. Hinter diesem Postulat verbirgt sich die Vermutung, vor Ostern habe niemand Jesus als den Christus erkennen können. Wenn alle vier Evangelien das Gegenteil behaupten, dann aus Sicht der Exegeten deshalb, weil die Evangelisten ihre nachösterliche Sicht dem vorösterlichen Jesus in den Mund gelegt haben. In diesem Zusammenhang sollte man die sachlich unbestreitbare Feststellung des Heidelberger Exegeten Klaus Berger beachten, dass es im gesamten Neuen Testament keine einzige Stelle gibt, die die Erkennbarkeit des Jesus als des Christus erst auf Grund transgeschichtlicher Ereignisse nach Ostern belegt.

Wenn Jesus vor Ostern nicht als der Christus erkennbar gewesen wäre, wäre der entscheidende Akt der Selbstoffenbarung Gottes nicht in den dreiunddreißig Jahren des Lebens Jesu erfolgt, sondern postmortal durch Erscheinungen und Inspirationen. Wenn Gott der Vater andere Möglichkeiten hätte außer denen, die in dem Leben und Sterben Jesu sichtbar wurden, dann hätte er seinem Sohn doch nicht alles mitgeteilt, dann könnte dieser Sohn nicht sagen: "Wer mich sieht, sieht den Vater."

Aus der Sicht des Freiburger Fundamentaltheologen Hansjürgen Verweyen ist die Tatsache, dass Markus dem heidnischen Hauptmann unter dem Kreuz die Worte: "Wahrhaftig, das war Gottes Sohn!" (Mk 15,39) in den Mund legt, von theologisch kaum zu überschätzender Bedeutung. Denn das nach Überzeugung aller christlichen Konfessionen inspirierte und also authentische Zeugnis des ältesten Evangeliums erklärt am Beispiel eines Mannes, der nicht zum Apostel- oder Jüngerkreis Jesu gehörte, die Möglichkeit, nicht erst auf Grund der Erscheinungen des Auferstandenen, sondern gerade da, wo Jesus - vordergründig betrachtet - gescheitert und erledigt scheint, eine Beziehung wahrzunehmen, die stärker ist als die Macht des Todes. Natürlich handelt es sich um eine diesen Hauptmann eher existenziell als intellektuell ergreifende Evidenz. Entscheidend aber ist, dass aus der Sicht des Evangelisten Markus das Osterereignis kein Handeln des Vaters an Jesus ohne Jesus, sondern ein zumindest auch empirisch wahrnehmbares Handeln mit Jesus war.

Alles im Christentum hängt davon ab, dass Gott sich selbst in den dreiunddreißig Lebensjahren eines einzelnen Menschen so ausgesagt hat, dass man nichts über Gott sagen kann, was man nicht auch über Jesus von Nazareth sagen kann. Und daraus folgt: Man kann auch über die Allmacht des Vaters im Himmel nicht anders reden als über die Macht Jesu Christi. Gott der Vater ist nicht anders mächtig als der Gekreuzigte, dem die Schriftgelehrten zurufen: "Steig doch herab, wenn du der Messias bist. Steig doch herab, wenn du bist, was du sein willst!" (Mk 15,31ff.). Nein, er kann nicht herabsteigen; und zwar deshalb nicht, weil der trinitarische Gott sich mit keinen anderen Mitteln als denen der wehrlosen Liebe durchsetzt. Der trinitarische Gott ist unbedingte Liebe. Der trinitarische Gott wollte eine Schöpfung, die wirklich - und nicht nur scheinbar - zur Freiheit bestimmt ist. Und deshalb kann der Jesus, der diesen trinitarischen Gott personal offenbart, die Freiheit derer, die ihn foltern und töten, nicht aufheben.

Ein Gott, der nichts kann; der sich annageln lässt? Ein ohnmächtiger Gott? Ist das nicht das Ende jedes sinnvollen Glaubens und Hoffens, jedes sinnvollen Betens und Bittens? - Ja gewiss! Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass der kreuzigende Hass stärker war als die wehrlose Liebe des Gekreuzigten. Nur unter der Voraussetzung, dass die angenagelte Liebe Jesu am Kreuz erledigt wurde.

Wenn die Christenheit in der Todesstunde Jesu am Karfreitag aufgefordert wird, ein Kreuz zu küssen, dann nicht irgendein Kreuz; das wäre pervers; nein, das Kreuz Jesu, dessen Liebe das Kreuz nicht verhindert und doch besiegt hat. Christen bekennen mit der Kreuzverehrung etwas Ungeheuerliches. Denn sie bekennen sich zu einem Gott, der nicht anders ist als Jesus Christus, und zwar der Gekreuzigte. Sie bekennen sich zu einem Gott, der sich lieber kreuzigen lässt als irgendetwas mit Gewalt zu erzwingen; der aber gerade so - im Modus wehrloser Liebe - auch mein Kreuz verklären, verwandeln und also besiegen kann.

Nicht zufällig ist das Kreuzzeichen die Darstellung Christi schlechthin und das Erkennungszeichen der Christen überhaupt geworden. Keineswegs zufällig stellen Christen das Kreuz nicht nur in ihre Kirchen, sondern auch auf Dächer, Türme und Gipfel. Wäre der Karfreitag die Verborgenheit Gottes unter seinem Gegenteil, dann wäre wohl statt des Kreuzzeichens das V-Zeichen für "Victory" das angemessene Logo der Christenheit. Wäre das Ostergeschehen ein nachträgliches Handeln des Vaters an dem toten Jesus - an ihm, ohne ihn statt mit ihm - dann wäre gerade das Kreuzesgeschehen nicht Offenbarung, sondern Verbergung Gottes. Doch der heidnische Hauptmann, dem der Evangelist Markus unter dem Kreuz die Worte in den Mund legt: "Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn." (Mk 15,39), versteht, wie untrennbar das Handeln des göttlichen Vaters von dem Handeln Jesu Christi ist. Jesus bleibt auch in der Stunde, in der er - als wahrer Mensch - den physischen Tod, das Realsymbol der Trennung von jedwedem Sinn, von jedweder Hoffnung, kurz: von Gott - erleidet, in der klagenden, anklagenden, aber betenden Beziehung zum Vater. Deshalb ist sein physischer Tod, wie die Osterpräfation formuliert, der Sieg über den von der Sünde erwirkten eigentlichen Tod der Trennung von Gott. Oder anders formuliert: Jesus hat in seinem Sterben den von der Sünde bewirkten Nexus zwischen physischem Tod und eigentlichem Tod (Trennung von Gott) zerrissen. Seitdem ist er der Weg zum Vater für jeden, der ihn ähnlich konkret wie der Jude die Tora "hineinlässt" in sein Leben und Sterben.

Wer sich mit dem Kreuzzeichen segnen lässt bzw. selbst bekreuzigt, schreibt über das eigene Leben den Glauben daran, dass die gekreuzigte Liebe stärker ist als alle anderen Mächte. Wer sich mit dem Kreuzzeichen zu Jesus Christus bekennt, erinnert sich nicht nur an Christus, sondern lässt sich im Heiligen Geist einbeziehen in seine gekreuzigte Liebe.

Genau genommen ist das so genannte Fest des Heiligen Geistes gar kein eigenes Fest neben dem Christus-Fest. Denn die Kirche feiert fünfzig Tage das Christus-Fest; und der fünfzigste Tag des Christus-Festes ist Pfingsten. Der Heilige Geist ist ja keine zweite Selbstoffenbarung Gottes neben der in Jesus Christus, sondern auf doppelte Weise deren Ermöglichung. Dass der Vater ganz im Sohn und der Sohn ganz im Vater ist, ohne dass die eine Person die Differenz der anderen Person aufhebt; und dass Gott als Sohn so in dem Menschen Jesus sein kann, dass dieser als wahrer Mensch die Beziehung des ewigen Sohnes zum Vater lebt, das ist das Phänomen des Heiligen Geistes. Aber nicht nur dies, sondern auch das entsprechende "In-Sein" (das entsprechende "Einwohnen") des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus in jedem einzelnen Gläubigen.

Die Geistsendung ist nicht etwas neben dem Ereignis der Inkarnation, sondern geradezu dessen Potenzierung (1 Kor 15,44f; 2 Kor 3,17f). Denn darin erst gipfelt die Bewegung des trinitarischen Gottes von oben nach unten, dass Christus sich nicht ohne das Geben derer verschenkt, die ihn empfangen. Durch die Geistsendung werden die Sünder zu Söhnen, werden die Empfänger zu Akteuren Jesu Christi. Wer sich von Christus im Heiligen Geist ergreifen lässt, verändert die Welt durch dieselbe Proexistenz (Phil 2,3-5; Röm 15,1-3), die sich gerade deshalb als mächtig erwiesen hat, weil sie in den Augen der Welt ohn-mächtig war. Auferstehung, Erhöhung und Geistsendung des gekreuzigten Erlösers sind keine machtvollen Triumphe, sondern das Gegenteil: die bleibende Präsenz jener durchbohrten Liebe, die nichts erzwingt und gerade so stärker ist als der Tod.

 

    {*} Prof. Dr. Karl-Heinz Menke, Professor für Dogmatik und Theologische Propädeutik an der Universität Bonn

 

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