Johannes RöserMit acht Jahren schon Ehefrau?
Aus: Christ in der Gegenwart, 18/2009 S. 187
Die anhaltende Empörung von Medien und Menschenrechtsgruppen in Saudi-Arabien über die traditionelle Verheiratung minderjähriger Mädchen mit erwachsenen - teilweise schon recht alten - Männern hat das Justizministerium wachgerüttelt. Es soll Reformen für ein Ehe-Mindestalter geben. Das berichtete die "Neue Zürcher Zeitung" (18.4.). Beide Ehepartner sollten achtzehn Jahre alt sein, fordert Justizminister Mohammed Eissa. Mit dieser Initiative ist ein Konflikt mit der einflussreichen Geistlichkeit vorprogrammiert, vermutet der Korrespondent. Denn der Großmufti Saudi-Arabiens, Abdelaziz al-Asheikh, erklärte neulich erst, gestützt auf das islamische Recht, es sei falsch zu behaupten, eine junge Frau unter fünfzehn Jahren dürfe nicht verheiratet werden. Das sei unfair gegenüber der Frau. Der Geistliche zog für seine Argumentation naturrechtliche, biologische Gründe heran. Er wies auf Unterschiede beim Einsetzen der ersten Menstruation hin und behauptete ohne jedwede Berücksichtigung der psychischen Verfasstheit, ja faktischen Eheunfähigkeit von Kindern: "Es gibt Mädchen im Alter von zehn bis zwölf Jahren, die durchaus heiratsfähig sind." In Saudi-Arabien brach jedoch vor kurzem ein Aufruhr unter der Bevölkerung aus, weil sich ein Scharia-Richter geweigert hatte, einen Heiratsvertrag zwischen einem achtjährigen Mädchen und einem 47-jährigen Mann zu annullieren. Dieses Urteil, dass der Vertrag rechtskräftig sei und eingehalten werden müsse, wurde zweimal von Berufungsinstanzen gutgeheißen, obwohl der Grund des Vaters für den "Verkauf" seiner Tochter offensichtlich war: Er hatte allein finanzielle Interessen. Gemäß der in Saudi-Arabien geltenden strengen Rechtsauslegung besitzt der Vater ein nahezu absolutes Verfügungsrecht über seine minderjährigen Töchter. Der Richter meinte, das Mädchen könne ja nach Erreichen der Geschlechtsreife den Heiratsvertrag anfechten. Das aber empörte die humanistisch aufgeklärten Teile der Gesellschaft. So meinen verschiedene autoritätstragende islamische Instanzen, es sei nicht länger hinnehmbar, purem Traditionalismus zu huldigen und Kinderehen zu erlauben, die in anderen Weltgegenden als sexueller Missbrauch, als Kinderschändung beurteilt werden. Zum Beispiel ist der Shura-Rat, die Beratende Versammlung Saudi-Arabiens, der Auffassung, dass beim Personenstandsrecht und insbesondere beim Eherecht im Islam dringend Reformen durchgesetzt werden müssen. Auch die Gesundheitsbehörde urteilte, dass bei einer Heirat in jungen Jahren eine Frau gesundheitliche Schäden erleiden könne. Die saudi-arabische Menschenrechtsgesellschaft wiederum stützt sich auf eine "liberalere" Sicht des Islam, wie sie in das Grundgesetz des Königreichs ansatzweise aufgenommen worden ist. So sind auf mehreren Feldern Maßnahmen zugunsten von Frauen entschieden worden - immer gegen massiven Widerstand der traditionalistischen Männer-Geistlichkeit.
Mann und Frau: frei und gleichIm Februar erst hatte König Abdullah die Regierung umgebildet. Als Sensation gilt, dass erstmals eine Frau, die 52-jährige Nura el Fajes, ein Amt bekam. Sie wurde zur Vize-Ministerin ernannt und ist im Kabinett zuständig für Bildungsanstalten für Mädchen. Ihre Berufung sei ein "Wandel zum Besseren", sagte Nura el Fajes der Tageszeitung "Arab News". Kommentatoren sprachen vom "größten Wechsel seit zwanzig Jahren" in Saudi-Arabien. Fajes hatte 1978 ihr Studium an der König-Saud-Universität mit einem Diplom in Soziologie beendet und 1982 einen Master für Bildung in den USA abgeschlossen. Sie ist verheiratet, hat fünf Kinder. Ihre Einsetzung, wenn auch noch auf einem "untergeordneten" Posten, gilt als mutmachendes Signal. Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt zu Zwangsheirat und Ehen mit Kindern: "Das wahre Problem liegt allerdings kaum im Islam selber, sondern in den Sitten der arabischen Stammesgesellschaften." Das zeige unter anderem ein Vergleich mit dem Jemen, der keineswegs der islamisch strengen Auslegungsschule Saudi-Arabiens folgt. Aber auch im Jemen sei das Verheiraten sehr junger Mädchen üblich. Nach Studien des dortigen Sozialministeriums heiraten faktisch achtzig Prozent der Jemenitinnen im Alter zwischen zehn und neunzehn Jahren. Ein Viertel wird bereits zwischen zehn und vierzehn Jahren in den Ehebund gegeben. Das Parlament von Sanaa wollte neulich ein Mindest-Ehealter von siebzehn Jahren einführen. Die Gesetzesvorlage fiel jedoch nach heftigem Widerstand islamisch-konservativer Kräfte durch. Trotzdem drängen in etlichen islamischen Ländern Reformbewegungen weiter darauf, die Rechte insbesondere von Frauen voranzubringen, eine Humanisierung der Geschlechterbeziehung gegen traditionalistische Männerinteressen zu erreichen. In diesem Zusammenhang mag angesichts des vielbeschworenen interreligiösen und interkulturellen Dialogs ein Blick auf die ehelichen Errungenschaften des Christentums erlaubt sein: Es war ein kulturgeschichtlicher Erfolg des Christusglaubens ohnegleichen, einer neuen Sicht von Personalität, der Partnerschaft von Mann und Frau als gleichen Ebenbildern Gottes Bahn gebrochen zu haben. Es dauerte zwar noch lange, durch Jahrhunderte des Feudalismus hindurch, bis die Geschlechterbeziehungen neu geordnet waren im Sinn einer Partnerschaft von Gleichen und Freien. Aber mit der christlichen Hochachtung und Durchsetzung der Einehe, die auf der freien Willenserklärung und Entscheidungsvollmacht von selbstbestimmten Partnern beruht, unabhängig von Interessen der Eltern oder den Sippen der Ahnen, wurden ganze gesellschaftliche Zustände humanisiert. Der Blick auf die fremden, archaischen Gewohnheiten islamischer Länder könnte auch die vermeintlich aufgeklärten Nationen wieder wachrütteln, neu darauf zu schauen, welches hohe humanistische, für die universale Menschheitsgeschichte bedeutende Gut sie womöglich zu verspielen in Gefahr sind, wenn sie fortgesetzt eheliche Treue und Bindung geringschätzen. Der Kampf islamischer Frauenrechtlerinnen und gelehrter Moslem-Männer für eine Humanisierung der Ehe und des ehelichen Lebens fordert jedenfalls zur Gewissenserforschung heraus. Es geht auch bei uns darum, den gesellschaftlich wie individuell hohen Wert und die besondere Würde der auf Lebenszeit geschlossenen Einehe, der ehelichen gegenseitigen Selbstverpflichtung und - in christlicher Hinsicht - ihrer sakramentalen Erhabenheit wiederzuerkennen und neu schätzen zu lernen.
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