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Johannes Röser

Christsein Ost - Christsein West

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 37/2009 S. 411 f.

 

    Während die katholisch-evangelische Ökumene stagniert, scheint vorsichtig Bewegung in die Ökumene mit den Orthodoxen zu kommen.

 

Zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer hätte auch eine religiöse Mauer fallen können. Die Vorzeichen waren günstig, als der Vatikan und der Lutherische Weltbund einen weitgehenden Konsens in der Rechtfertigungslehre erarbeiteten und am Reformationstag 1999 in Augsburg unterzeichneten. Doch stand zuletzt wohl kein guter Stern über dem Unternehmen. Denn das großartige Ergebnis des Dialogs, das endlich einmal auf höchster Ebene vom Vatikan anerkannt worden war und das eine Kernursache der neuzeitlichen Kirchenspaltung theologisch beseitigte, wurde nach Veto-Einwürfen von annähernd 200 evangelischen Theologieprofessoren, die die Evangelischen katholisch über den Tisch gezogen sahen, kleingeredet und schließlich nur noch mit halbem Herzen aufgenommen.

Als "Retourkutsche" folgte nur ein Jahr später ein Mischdokument der römischen Glaubenskongregation, "Dominus Jesus", das in dem Teil, der sich mit den evangelischen Kirchen befasst, ihnen ihr wahres Kirchesein abspricht und damit verheerende Auswirkungen hatte. Diese Aussagen wurden als "Beweis" für die Kontinuität der Kirchenlehre vor und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil schließlich 2007 nochmals bestätigt: durch eine vom jetzigen Papst anerkannte weitere Stellungnahme derselben Kurienbehörde. Dies wiederum geschah nur drei Tage nach der allgemeinen Wiederzulassung der tridentinischen Liturgie, was ebenfalls die "Kontinuität" in der Lehre unterstreichen sollte. Nachfolgende katholische Interpretationen versuchten zwar, die Gemüter zu besänftigen, es handele sich bei den evangelischen Kirchen durchaus um Kirchen, wenn auch um Kirchen anderen Typs. Doch wurde leider auch auf evangelischer Seite ein Neokonfessionalismus wiedergeboren, beschönigend "Ökumene der Profile" genannt.

Inzwischen hat sich die katholische Kirche stärker den Ostkirchen zugewendet - mit negativen Folgen für die West-Ökumene, nachdem sich Protestanten und Katholiken zumindest teilweise die "kalte Schulter" gezeigt hatten. Positiv festzuhalten ist jedenfalls: Die Neuorientierung Roms Richtung Ost brachte einige Lichtblicke. Mit dem Wechsel des Papstes aus Polen zum Papst aus Deutschland, der eine besondere spirituelle Nähe zur ostkirchlichen Spiritualität und zu deren Sinn fürs Mysterium hat und der zudem historisch unverdächtig ist, national-kirchenpolitische katholische Belange gegenüber den orthodoxen Nationalkirchen ins Spiel zu bringen, haben sich Chancen für eine vorsichtige Verständigung eröffnet. Man warb wieder intensiv für einen Brückenbau zu den Schwesterkirchen, die aus der langen Nacht des Kommunismus ihr Haupt erhoben haben. Und theologisch fällt da vieles zudem leichter, weil sie das eigene Amts-, Sakramenten- und Kirchenverständnis sowie alle wesentlichen Dogmen teilen - mit Ausnahme des päpstlichen Jurisdiktionsprimats, also seiner rechtlichen Vorrangstellung vor allen anderen Kirchenleitungen in der Christenheit, und der damit verbundenen Unfehlbarkeit.

 

Ein Mazedonier bittet Paulus

Viel ist dabei dem - nach dem Debakel mit den Lutheranern berufenen - neuen Präsidenten des päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Walter Kasper, zu verdanken. Er hat durch Besuche in der orthodoxen Welt eine Atmosphäre der Glaubwürdigkeit und des Vertrauens geschaffen. Es gelang ihm sogar, tiefsitzende Befürchtungen auf russischer Seite zu entkräften, nach der Auflösung der Sowjetunion werde sich eine katholische Dominanz ins orthodoxe Hoheitsgebiet ausbreiten. Zwar "geistern auch heute, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, nach wie vor viele alteingesessene Vorurteile und Klischees herum", bestätigte Kasper bei einem Kongress des Osteuropa-Hilfswerks "Renovabis". Zum Beispiel herrsche im Osten immer noch die Meinung vor, der Westen sei dekadent, libertinistisch, gottlos, wie man umgekehrt im Westen denkt, der Osten sei rückständig, in einer archaischen Liturgie erstarrt, antimodern. Aber nun sei ein Prozess eingeleitet, sich von Klischees freizumachen.

Ein bedeutendes Forum für die Begegnung und den Dialog zwischen Ost und West, West und Ost in der Breite des Gottesvolkes, für Hierarchen wie für Laien, sind seit über einem Jahrzehnt die spätsommerlichen Kongresse von "Renovabis" auf dem historischen Freisinger Domberg. Diesmal widmete man sich betont der Ökumene-Ost. Dass die Suche nach der Einheit der Glaubenden in der Vielfalt ihrer Kulturen und kirchlichen Traditionen irgendwie "tot" sei, ließ sich hier nicht empfinden. Ganz im Gegenteil: So viele Teilnehmer wie diesmal waren noch nie gekommen: annähernd 400, von Moskau über Kiew, Lemberg und Bukarest bis nach Paris, aus 30 Nationen.

Woher wir kommen, wissen wir. Wohin wir wollen, wissen wir noch nicht so genau. Nur: In die Vergangenheit zurück will eigentlich niemand. In dieser Situation der Selbstvergewisserung - auch einer manchmal müde wirkenden Christenheit - versuchte Walter Kasper, Mut zu entfachen. Das Einende, das Verbindende, sei trotz vielfachen Streits, zahlreicher gegenseitiger Verletzungen und etlicher Trennungen unter den Christen nicht verloren gegangen: ,Wir finden überall, wohin wir auch kommen, das Kreuz, wir finden im Zentrum aller alten Städte Kathedralen. Europa steht auf der Grundlage einer gemeinsamen Kultur, welche in Griechenland und Rom grundgelegt und durch das Christentum geprägt wurde. Jerusalem, Athen und Rom haben Europa geprägt." Für Kasper gibt es Grund zur Hoffnung. Er erinnerte an die Vision des Paulus im sechzehnten Kapitel der Apostelgeschichte: Ein Mazedonier bittet den Völkerapostel: "Komm herüber und hilf uns!" "Paulus versteht das als Wink des Heiligen Geistes und setzt nach Europa über." Damit wurde Europa geholfen. Europa wurde zu Europa, von außen, von einer ihm noch fremden Religion her. Daher ist das gemeinsame Europa für den Kurienkardinal keine geografische oder ethnische, vielmehr eine kulturelle Größe, eine Wertegemeinschaft aus der Kraft des gemeinsamen christlichen Glaubens, den wir in West wie Ost dank des von Osten aufgebrochenen, neugierigen und pflichtbewussten Paulus miteinander haben und teilen.

 

Auch Rom muss sich bewegen

Aus solch ursprünglicher Gemeinsamkeit erwartet Kasper die Kraft, die Entfremdung zwischen West und Ost zu überwinden. Über tausend Jahre Auseinanderleben könne man freilich nicht einfachhin umkehren. Immer noch wird von nicht wenigen Kirchenführern und Gläubigen in den Ostkirchen die ökumenische Idee als "Superhäresie" betrachtet. Kasper: "Aber auch in Rom muss sich noch manches bewegen. Rom muss sich fragen, ob es das für den Osten grundlegende Verhältnis von Primat und Synodalität beziehungsweise Kollegialität über das Zweite Vatikanum hinaus klären kann."

 


412

Der rumänische orthodoxe Metropolit Joseph Pop, der in Paris für West- und Südeuropa zuständig ist, räumte unumwunden ein, dass das geeinte Europa "für uns als Orthodoxe manchmal eine Provokation" sei. Der westliche Pluralismus und Liberalismus ängstigen. Aber das neue Europa, in dem die alten Grenzen gefallen sind, sei "eine Chance, unsere Liebe zu Gott auszudrücken". Joseph Pop verlangt: "Auch die Orthodoxen untereinander müssen sich besser kennenlernen."

 

Sinn für das Mysterium

Der orthodoxe Theologieprofessor Nicolae Achimescu aus Bukarest ließ bei aller Kritik an Relativismus und Individualismus, an einer puren Selbstverwirklichung der Beliebigkeit, die das Gemeinschaftliche gering achte, auch Selbstkritik durchscheinen. Man müsse als Orthodoxer doch auch das Paradox klären, warum überall dort, wo die orthodoxe Kirche mit ihrer angeblich überlegenen kollegial-synodalen Struktur beheimatet war, totalitäre Regime herrschten, während umgekehrt der zentralistische Katholizismus einherging mit Demokratie und Gewaltenteilung. Was kann die Orthodoxie Neues ins europäische Projekt einbringen? Achimescu stellte fest, dass die Präsenz der Orthodoxie im Westen im Zuge der Wanderbewegungen zugenommen hat. Unter der westlichen Bevölkerung wächst ein gewisses Interesse an der "Erhabenheit der Orthodoxie", an ihrer Sensibilität für das Heilige, Sakrale, für das Mysterium. Zumindest unter religiös aufgeschlossenen Menschen erwacht das Bedürfnis nach einer Gottesbeziehung jenseits der Sprache des Rationalen, im Schweigen, im Bildhaften, in der Anbetung. Die Globalisierung und die damit einhergehende Mobilität und Offenheit junger Leute sind von Vorteil. "Ich hoffe in der Ökumene auch auf eine neue Generation", meint Kasper. Reisen und internationale Wohnortswechsel erleichtern die spirituelle Verständigung, das Kennenlernen des Reichtums anderer christlicher Traditionen und Identitäten.

Ernsthafte Ökumene braucht ernsthafte Theologie. Dazu gehört die Bereitschaft, sich in Liebgewonnenem korrigieren zu lassen. Der Theologe Johannes Oeldemann vom Paderborner JohannAdam-Möhler-Institut sieht drei Hauptproblemzonen der West-Ost-Ökumene. Zunächst: Wie hält man es mit dem Verhältnis von Primat, dem rechtlichen Vorrang-Anspruch des Papstes, und Synodalität, der Einbindung der Lehrgewalt ins Bischofskollegium? Wie verbessert die katholische Kirche das synodale Prinzip, oben wie unten? Und müsste nicht ebenso eine Art Primat, also eine gewisse rechtliche Eigenständigkeit und Eigenautorität, auf mittleren, überregionalen Kirchenleitungsebenen eingeführt und gestärkt werden? Oeldemann sieht Voraussetzungen dafür bei den mit Rom verbundenen Ostkirchen, in denen die Leitungen eine gewisse rechtliche Eigenvollmacht haben und wo synodale Strukturen mit Wahlkompetenzen bestehen. Leider gibt es Bestrebungen im lateinischen (römisch-katholischen) Teil der katholischen Weltkirche, Teilautonomien der katholischen Glaubensgeschwister in den Ostkirchen zurückzudrängen und alles stärker an römische Weisung anzubinden. Oeldemann fordert: "Für den ökumenischen Dialog mit der Orthodoxie wäre es ... von Vorteil, die Autorität der katholischen Patriarchen und Großerzbischöfe sowie ihrer Synoden zu stärken. Eine solche Stärkung der Autonomie der katholischen Ostkirchen würde zwar für den Vatikan einen Verlust an Einfluss und Macht bedeuten, der aber durch einen Gewinn an Autorität in den zwischenkirchlichen Beziehungen mehr als ausgeglichen würde."

Ein zweites Problemfeld, das stärker die Orthodoxie herausfordert, ist das Verhältnis von Nationalität und Universalität. Die orthodoxen Kirchen sind als Landeskirchen verfasst, was manche Enge, manchen Provinzialismus bedingt. Doch die Orthodoxie will ja ebenfalls wahrhaft "katholisch", also universal sein. Dazu müssten sich die orthodoxen Nationalkirchen erst einmal untereinander über ihre Einheit und eine Universalität verständigen, die über die Gebietshoheiten, sogenannte kanonische Territorien, hinausreichen. Da aber herrscht innerorthodoxer Streit samt gegenseitiger Verketzerung. Durch die Globalisierung haben sich Gläubige verschiedener Nationalkirchen nebeneinander und miteinander angesiedelt. Wie wird da orthodoxe Einheit sichtbar?

Noch schwieriger ist, wie Reform und Tradition, Erneuerung und Kontinuität der Überlieferung zusammenzubringen sind. Dabei bedrängt alle Christen des dritten Jahrtausends dasselbe: Wie hältst du's mit der Aufklärung, mit der Moderne, mit dem Wandel der Glaubensweisen aufgrund der Entmythologisierung und des Zusammenbruchs mythologisch-magischer Vorstellungen unter dem Druck wissenschaftlicher Welterfahrung? Aus Sorge um den Glauben suchen manche Zuflucht im Traditionalismus, der alt tut, in Wirklichkeit aber oft sehr jung ist, weil er sich willkürlich auf Festlegungen etwa des 16. oder 17. Jahrhunderts bezieht, die selber aus historischem Wandel hervorgegangen sind. Oeldemann: "Eine Tradition, die sich nicht verändert, erstarrt. Ein Glaube, der sich nicht dem jeweiligen historischen Kontext anpasst, stirbt. Viele orthodoxe Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts sprechen daher von der ‚lebendigen Tradition' der Kirche, die aber nur dann lebendig bleibt, wenn sie offen ist für Veränderungen. Wenn wir in der Ökumene über die Tradition der Kirche sprechen, denken wir viel zu oft rückwärtsgewandt. 'Traditio' meint aber im ursprünglichen Sinn ‚Überlieferung', Weitergabe'. Sie ist also auf die Zukunft ausgerichtet."

 

Großer Gott, nicht kleiner Götze

Der Theologe Konstantin Sigov von der orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats in der Ukraine sieht wichtige Schritte auf solche Zukunft hin zunächst einmal im Bemühen, verstärkt theologische Werke des Westens zu übersetzen.

Dazu gehört aber auch, sich redlich der Vergangenheit zu stellen, die Geschichte, die nicht selten Leidensgeschichte ist, aufzuarbeiten. Der aus New York stammende, jetzt in der Ukraine lebende Historiker Borys Gudziak weist auf die Drangsal seiner im Stalinismus verfolgten, der orthodoxen Kirche zwangseinverleibten griechisch-katholischen Glaubensgemeinschaft hin, auf die vielen Toten. Gewalt hinterlasse Narben, auf lange Zeit. Aber bei allem Misstrauen und allem Schmerz dürfe man doch die gemeinsame Wurzel nicht vergessen. "Die Botschaft Jesu gilt doch für alle Zeiten. Der Wille Gottes geht doch über unsere Begrenzungen hinaus." Wir hätten doch ein großartiges Gottesbild, "nicht einen kleinen Götzen". Gudziak machte einen einfachen Vorschlag für Orthodoxe wie Katholiken zum Kennenlernen: "Könnte man nicht einmal eine gemeinsame ökumenische Pilgerwanderung zwischen den Kirchen organisieren, an der auch die Bischöfe teilnehmen?" Und - wie der Kirchenhistoriker aus der mit Rom verbundenen Kirche byzantinischer Tradition augenzwinkernd ergänzte - "mit Kardinälen, wenn der Papst doch einmal jüngere Purpurträger ernennen würde!".

 

Menschenrecht ist Gottesrecht

"Es ist unausweichlich, den Weg des gegenseitigen Verzeihens und Versöhnens fortzusetzen." Dazu rief der griechisch-katholische Weihbischof Bogdan Dzyurakh aus Kiew auf. Aus Erbfeindschaft kann Freundschaft werden, wie die Erfahrungen Deutschlands mit Frankreich und Polen beweisen. Was im säkularen Leben möglich ist, soll kirchlich unmöglich sein?

Der weißrussische Bischof Serafim Belonoiko von Bobrujsk versuchte, Verständnis zu wecken für die Zurückhaltung orthodoxer Gläubiger angesichts der Freiheits-Welterfahrungen, die im Zuge der Wende über sie hereingebrochen seien. "Jetzt müssen die Orthodoxen sich anstrengen und mit einer Situation, die unserer historischen, geistlichen und kulturellen Erfahrung fremd ist, umzugehen lernen." Vorsichtig wendete sich der Bischof gegen eine Haltung, die alles, was aus dem Westen kommt, ablehnt und ein geradezu apokalyptisches Bild vom moralischen Verfall sowie religiösen Niedergang malt, als ob Pluralismus nur Beliebigkeit meine. Serafim möchte allerdings nur jenen Pluralismus gelten lassen, der hilft, sich gegenseitig in den Unterschieden besser kennenzulernen. Das dürfe keine "Kapitulation vor der Wahrheit" sein. Allenfalls in pragmatischer Hinsicht könne man als Orthodoxer den Pluralismus akzeptieren, weil eine Gesellschaft nur so vor Chaos und Fanatismus zu schützen sei. ,Wir lehnen einen Pluralismus ab, der aus dem menschlichen Herzen den Traum von der vollständigen Vereinigung mit Gott tilgt."

In dieser Hinsicht traf sich der orthodoxe Bischof mit Einschätzungen seines katholischen Amtsbruders Gerhard Ludwig Müller aus Regensburg: "Der ideologische Pluralismus, der letztverbindliche Wahrheit und eine normgebende Instanz zugunsten einer Pseudotoleranz aufgeben möchte und die Frage nach Gott mittels eines aggressiven Atheismus beantworten will, ist in erster Linie ein Kampf gegen den Menschen selbst." Müller plädierte für eine Neubesinnung auf die Würde der menschlichen Person, auf eine transzendente Verankerung der Menschenrechte in Gott. Menschenrecht ist in gewisser Weise Gottesrecht. Entsprechend finde sich in der deutschen Verfassung der Hinweis auf die Verantwortung "vor Gott und den Menschen", eine Begründung der Grundrechte sowohl mit der immanenten als auch mit der transzendenten Vernunft. Müller wünscht sich, auch an die Adresse der Orthodoxen gewandt, der pluralistischen Herausforderung nicht nur defensiv gegenüberzutreten. ‚Wir sollten die Möglichkeiten einer pluralen Gesellschaft auch nutzen, um an der Gesellschaftsentwicklung aus christlicher Sicht teilzunehmen."

Solche Partizipation hat nicht nur eine politisch-gestaltende, sondern ebenso eine kontemplativ-betrachtende Dimension. Die rumänische orthodoxe Nonne Dosithea Zaharia erläuterte das im Gespräch mit Ordensfrauen der griechisch-katholischen und der römisch-katholischen Tradition: Sie komme aus einer religiös distanzierten Familie, habe mit 15 Jahren die Schönheit des Gottesdienstes für sich entdeckt und sei mit 27 ins Kloster eingetreten: ,Wir suchen. Ich habe gesucht, sehr viel. Ich habe etwas gesucht, die Wahrheit - oder was auch immer. Ich weiß nicht, warum ich mich für den Glauben interessierte. Gott hat das gemacht." So sei dies ihr Weg geworden, über die Liturgie, über den Gesang die Menschen teilhaben zu lassen an der Freude an Gott. Betend wolle sie für die Menschen da sein. "Wir haben zwar verschiedene Spiritualitäten in Ost und West. Aber beides zusammen ist ein Weg zu Gott." Ähnlich sieht es die ukrainische griechisch-katholische Ordensfrau Jelena Herasym: "Gott ist faszinierend, aber für die, die ihn suchen."

Oft ist der gemeinsame Weg in Vielfalt gar nicht so sehr durch Unterschiede in der Theologie, Spiritualität oder Kultur vermint. Häufig geht es auf dem göttlichen Pfad recht menschlich zu. "Manchmal hat man leider den Eindruck, dass es auch um Macht und Rechthaberei geht", gab Pater Dietger Demuth, der Hauptgeschäftsführer von "Renovabis", zu bedenken. Dass das Eis zwischen Ost und West taut, ist dann weniger eine Frage religiöser als schlichtweg menschlicher Einsicht. Wie der Kiewer Weihbischof Dzyurakh bat: ,Wenn wir nicht miteinander Gottesdienst feiern können, dann können wir doch miteinander beten. Wenn wir nicht miteinander beten können, so können wir doch miteinander Sozialarbeit leisten. Wenn wir das nicht können, können wir doch zumindest eine Tasse Kaffee miteinander trinken. Aber: Wir dürfen nur nicht nichts machen."

 

Mit Hilfe der Materie

Der diesjährige "Renovabis"-Kongress hat beeindruckend gezeigt, welche vielfältigen Netzwerke in den letzten anderthalb Jahrzehnten zwischen West und Ost bereits geknüpft wurden, von Menschen guten Willens, die als Christen hochgradig engagiert sind. Manche Verständigung beginnt recht einfach, durch Begegnung, Reden, Einander-Zuhören und Schauen. Oft hilft dann die Materie nach. Es ist nicht das Schlechteste, wenn die Unterstützung mit Geld zum Katalysator für geistige Erneuerung, für eine neue Sicht auf den anderen wird. Die Leiblichkeit des Menschen ist eben niemals indifferent gegenüber dem Reich Gottes. Im Christsein Ost wie im Christsein West stellen wir die großen Fragen gemeinsam, selbst wenn wir das manchmal nicht voneinander merken. Gott ist unsere gemeinsame, entscheidende Unruhe, der eigentliche Antrieb für die Ökumene und für deren mutige Erneuerung. Die Gottesfrage bleibt die Schicksalsfrage ganz Europas.

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'