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Johannes Röser

Euro-Scharia?

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 38/2009, S. 419 f.

 

    Inkulturieren sich die Muslime in den Westen oder integrieren sie den Westen in den Islam? Das ist eine große Zukunftsfrage Europas - jenseits von Schwarzmalerei und Naivität.

Die beschleunigte Zuwanderung von Muslimen nach Europa und die natürliche Ausbreitung des Islam durch Nachwuchs wird die einst christlichen Gesellschaften nachhaltig verändern. Dabei scheinen weniger spirituelle oder theologische Gegensätze zwischen gläubigen Christen und gläubigen Muslimen das Problem zu sein als vielmehr die Vorstellungen über die Rolle der Religion in Staat und Gesellschaft. Der eigentliche "Zusammenprall der Zivilisationen" ereignet sich zwischen der Illusion, das öffentliche Leben sei eine religionsfreie Zone, und der Erkenntnis, dass das nirgendwo stimmt. Was und wie die Menschen glauben oder eben nicht (mehr) glauben, hat höchste Bedeutung für die politische, ökonomische, soziale und kulturelle Ordnung.

Die machtvolle Allgegenwart des Islam mit seinen manchmal provozierend kopftuchtragenden jungen Frauen im Straßenbild bis zu repräsentativen Moscheebauten verunsichert die alteingesessene Bevölkerung. Wofür ist sie bereit einzutreten, notfalls vehement zu kämpfen mit allein den Waffen des Geistes, des Arguments, des Rechts? Und was machen die Europäer aus dem Erbe der eigenen Religion, dem Christentum? Warum lassen es viele so gedankenlos verkommen? Am Ende siegt immer eine normative Kraft des Faktischen. Minderheiten können zu Mehrheiten werden, wenn sie geistig und geistlich "Power" entwickeln. Und Mehrheiten werden Minderheiten, wenn sie nichts mehr zu bieten haben. Ob eine Religion und mit ihr eine Kultur stark oder schwach ist, hängt einzig und allein vom innovativen geistigen Gewicht ab. Das prägt Sein und Bewusstsein einer Res publica, auch angesichts des Islam: "Nun sag, wie hast du's mit der Religion?" Und was glauben die, die nicht (mehr) glauben?

Die mit dem neuen islamischen Selbstbewusstsein im Westen aufbrechenden Minderwertigkeitsgefühle, die manchmal durch militante antireligiöse Arroganz oder Distanz überspielt werden, lassen tief in unsere wahren Ängste und Unsicherheiten blicken. Sie könnten ein heilsames Signal dafür sein, dass es den Menschen am Ende wohl doch nicht so ganz gleichgültig ist, was aus ihrem Gemeinwesen im Zuge religiöser Transformation wird. Ohne Leitkultur können und wollen die meisten Menschen nicht leben. Welche Leitkultur aber soll und kann es sein? Und welche Art von Toleranz?

 

Volksinitiative Minarettverbot

In der basisdemokratisch uns so oft als Vorbild hingestellten Schweiz wurde eine Volksinitiative über Minarette gestartet. Gemäß dem Wunsch der Initiatoren soll der Bundesverfassung ein Satz hinzugefügt werden: "Der Bau von Minaretten ist verboten." Nach Parlament und Regierung hat sich die katholische Bischofskonferenz der Eidgenossenschaft vehement gegen einen derartigen "religiösen Ausnahmeartikel" gestellt. Ein Minarettverbot wäre hinderlich, um "im Dialog und in gegenseitigem Respekt einen gemeinsamen Weg der Integration zu gehen", heißt es in einer Stellungnahme. "Angst ist auch in dieser Sache ein schlechter Ratgeber." Wie Kirchtürme seien Minarette ein Zeichen der öffentlichen Präsenz einer Religion. Aber Religionsfreiheit ist Religionsfreiheit. Sie gilt für alle gleich. Diese Errungenschaft nach schlimmen historischen Erfahrungen darf auf keinen Fall preisgegeben werden, auch nicht teilweise, auch dann nicht, wenn, wie die Bischöfe betonen, Christen in islamischen Ländern die Religions- und Kultusfreiheit verwehrt wird.

Im Kanton Luzern streben die Muslime bereits die öffentlich-rechtliche Anerkennung an, wie sie für die sogenannten Landeskirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts gilt. Die Muslime wollen "Teil der Luzerner Gesellschaft sein und nicht in den Hinterhöfen agieren", erklärte Petrit Alimi, Vizepräsident der islamischen Gemeinde, die ungefähr 13 000 Muslime des Kantons vertritt. Transparenz also durch Öffentlichkeit, Inkulturation durch rechtliche Gleichstellung.

Was in dieser Hinsicht in der kleinen, "neutralen" Schweiz wie in einem Labor geschieht, ist für die Nachbarn von großem Interesse. Überall in Westeuropa herrscht momentan ja Unruhe über den Weg des Islam. Kann sich ein Euro-Islam liberaler, aufklärerischer Prägung entwickeln? Oder ist solche Hoffnung nichts als Illusion?

 

Schillernde Idee "Euro-Islam"

In der "Frankfurter Allgemeinen" (9. September) ist ein Aufsatz des Islamwissenschaftlers und Politologen Ralph Ghabdan erschienen, der heftige Irritationen ausgelöst hat, weil er einem Vordenker des sogenannten Euro-Islam vorwirft, uns zu täuschen. Der Beitrag befasst sich mit dem Sozialphilosophen Tariq Ramadan, den Ghabdan als "schillernde Figur" kennzeichnet. Ramadan werde als "besonders elegante Erscheinung muslimischer Intellektualität diesseits der Unterscheidung von Fundamentalismus und Säkularität angeschwärmt". Nach Ghabdans Einschätzung verfolgt der angeblich liberale Gelehrte jedoch islamistische Ziele. Seinem Euro-Islam gehe es gar nicht darum, den Islam Europa anzupassen, sondern er wolle Europa in den Islam führen. Dazu sei jedes Mittel recht und das islamische Recht - mit gewissen leichten Anpassungen an hiesige Gegebenheiten - das Mittel.

Die Rotterdamer Universität hat Tariq Ramadan soeben eine Gastprofessur entzogen. Als Entlassungsgrund wurde genannt: Ramadan arbeite als Moderator für einen von der iranischen Regierung finanzierten Londoner Fernsehsender. Der Professor sei also parteiisch und abhängig. Das stehe im Widerspruch zu seinem Lehrauftrag. Ralph Ghabdan sieht allerdings weitaus größere Zusammenhänge. Ramadan stehe in der Tradition einer islamistischen Denkschule, die versucht, islamisches Recht für Muslime im Westen zu entwickeln. Die Grundposition dieses islamjuristischen Ansatzes besage, "dass die Muslime die Integration in die westlichen Gesellschaften vermeiden und ihre eigenen Gemeinschaften auf der Basis der Scharia bilden sollen. Ausgehend von der religiösen Freiheit im Westen fordern sie ihr Recht auf eine islamische Lebensweise und hoffen langfristig, die schariakonforme Änderung unserer säkularen Gesetze zu erreichen."

Dafür sind Ausnahmeregelungen entworfen worden. Zum Beispiel beim Ehe- und Scheidungsrecht. Normalerweise müsste sich eine Ehefrau, die sich zum Islam bekehrt, von ihrem Mann scheiden lassen, wenn er ihrem Schritt nicht folgt. Für den Westen hat man eine Ausnahme vorgesehen: Die Frau darf bei ihrem Mann bleiben in der Hoffnung, dass er ebenfalls konvertiert. Für Ghabdan ist das "eine opportunistische Haltung, um den Westen zu missionieren". Mission sei der "Hauptrechtfertigungsgrund für den Verbleib der Muslime im Westen". Aber: Kann man einem überzeugten Muslim vorwerfen, andere Menschen für seine Glaubensüberzeugung gewinnen zu wollen? Es ist doch eine vergleichbare Grundhaltung des Christentums von Anfang an, im Wettbewerb mit der heidnischen Umwelt die Menschen

 


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für den "unbekannten Gott", den sie in gewisser Weise schon verehren, ohne es zu wissen, sensibel zu machen und sie zur Nachfolge Jesu Christi anzuleiten. Dabei soll das Gute der hellenistischen Kultur durchaus übernommen, zugleich soll sie geläutert, von Schwächen und Fehlern gereinigt werden.

 

Islam ohne Theologie

Für den Autor des FAZ-Beitrags läuft bei Tariq Ramadan jedoch alles darauf hinaus, eine "Scharia im Westen" zu schaffen, die sich selbst genügt und jedwede theologische Innovation von sich weist. Ramadan lehnt nach Ghabdans Auffassung jedwede islamische Theologie ab. Die Glaubenslehre brauche keinerlei Deutung. Sie sei unmissverständlich, definitiv formuliert, die absolute Einsheit Gottes sei klar ausgedrückt. Gott habe im Koran seinen Namen geoffenbart. Gott hänge nicht von menschlichen Interpretationen oder philosophischen Vernunftvorstellungen ab. Ralph Ghabdan meint: "Deshalb ist Ramadan gegen das freie Denken, das er als das größte Risiko für den freien, selbstverantwortlichen Menschen betrachtet, wenn dieser ,denkt, mit seinem Intellekt allein die Welt lesen und verstehen zu können." In Ramadans Sichtweise erscheint demnach der Glaube absolut gesetzt. Er braucht die Vernunft des freien Denkens nicht, um Gott zu begründen, um Gott zu erkennen. Eine Art islamische Fundamentaltheologie kommt für Ramadan nicht infrage. Die islamischen Gelehrten haben sich damit zu begnügen, ihre juridischen Weisungen durch Analogieschlüsse vom alleinseligmachenden muslimischen Glauben abzuleiten.

Ramadans abwertende Sicht der Vernunft trifft aber gewiss nicht auf alle islamischen Schulen zu. Sein Vernunftpessimismus bestätigt freilich jenes Problem, das Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede punktgenau getroffen hat. Dafür erhielt er in der islamischen Welt viel Kritik. Und um des lieben Friedens willen sah er sich zugunsten der Christen in islamischen Ländern zu gewissen Entschuldigungen gezwungen, obwohl er mit seiner kritischen Anfrage an die Rolle der Vernunft im islamischen Offenbarungsverständnis, in der Gotteserkenntnis und bei der gewalttätigen Ausbreitung des Islam Recht hatte. Wie also steht es um die vernunftgemäße Begründung Gottes und des Glaubens im Islam? Und wie ist im Zusammenspiel von Glaube und Vernunft nicht nur die Vernunft, sondern auch der Glaube unter Rechtfertigungsdruck? Wie ist das Gottesverständnis gemäß der Seinserkenntnis immer wieder zu reformieren und zu korrigieren? Allerdings ist einzugestehen: Auf diesem Feld haben nicht nur die Muslime mit ihren Religionsgelehrten, sondern auch die Christen mit ihrem Lehramt immense Herausforderungen erst noch zu bestehen.

Ralph Ghabdan referiert schließlich, wie Tariq Ramadan dem Islam eine globale Universalität unterstellt. "Die Muslime seien zwar zahlenmäßig eine Minderheit im Westen, sagt Ramadan, mit ihren universellen Werten aber eine Mehrheit in der Welt. Die Universalität des Islam bestehe, so seine Überzeugung, in der Fähigkeit, alle Gesellschaften integrieren zu können." Ramadan vertritt demnach fast so etwas wie eine islamisch umgekehrte Theorie des "anonymen Christen". Das würde bedeuten: In gewisser Weise seien alle Menschen doch "anonyme Muslime", nur dass dies ihnen bisher nicht hinreichend zu Bewusstsein gekommen ist. Die islamische Mission hat ein Ziel, so Ramadan: "Der Weg des Glaubens, der Pfad zur Quelle, die Scharia, lehrt uns, alles zu integrieren, was nicht gegen ein etabliertes Prinzip unserer Religion verstößt, und es als eigenes zu betrachten. Es ist schließlich die wahre Universalität des Islam." Dazu sei eine Art "intellektuelle Revolution" unter den Muslimen zu fördern, damit sie sich die universale Dimension ihrer Religion bewusst machten.

Für Tariq Ramadan sind die Muslime im Westen eigentlich längst zu Hause. Sie brauchen keine Integration. Strittige Fragen lassen sich allein durch das islamische Recht regeln, eine Art Euro-Scharia für alle. Ramadan: "Die Anwendung dieser juristischen Instrumente soll ... im Zentrum einer globalen Vision stehen, die den Westen integriert und in ein angeeignetes Territorium umwandelt, ein Land für Muslime." Ralph Ghabdan zieht daraus den Schluss: Was Ramadan vorschlage, meine "nicht die friedliche Eroberung des Westens durch die islamische Welt ..., sondern die Integration des Westens in die Welt des Islam." Eine Integration der Muslime in den Westen ist demnach überflüssig.

 

Wettbewerb Mission

Was heißt das nun für den Islam und für dessen missionarische Präsenz im Westen? Selbst wenn Tariq Ramadan streng islamistischen Vorstellungen anhängen sollte, bedeutet das ja nicht, dass alle Muslime in Europa so denken. Außerdem könnten Aufklärung, Entmythologisierung, Säkularisierung und Individualisierung, die das Christentum schwer erfasst und in Mitleidenschaft gezogen haben, derart mächtig sein, dass sie sich auch den Islam unterwerfen und eine Erosion genauso seiner Glaubenslandschaften auslösen. Oder ist eher das Gegenteil zu erwarten: eine Selbstisolierung und Abschottung des Islam mit verschärftem Hang zu Fundamentalismus, Traditionalismus und Vernunftfeindlichkeit? Worauf läuft die vielbeschworene Integration der Muslime hinaus: auf deren Einbettung in die westliche Leitkultur oder auf eine Transformation des Westens gemäß islamischen Traditionen, abhängig jeweils vom regionalen Bevölkerungszuwachs der Muslime?

Die islamische Welt zeigt sich momentan keineswegs einheitlich. Nicht ein starker Islam mit Missionsabsichten, der im Grunde ja nur das für sich beansprucht, was das Christentum einstmals ebenfalls beabsichtigte, ist daher das Problem, sondern unsere ureigene religiöse Lethargie, gepaart mit politisch-kultureller Naivität, dazu ein schwaches Christentum ohne ernsthafte Missionsabsichten und -aktivitäten. Mission heißt doch: durch Leben und Argument, durch Glauben und Vernunft die Menschen von Besserem überzeugen. Dazu muss man sich erst einmal vom vergessenen, verdrängten, verratenen, achtlos weggeworfenen Eigenen überzeugen (lassen). Das Bessere ist nicht religiöse Gleichgültigkeit, Säkularität genannt, sondern die Nachfolge Jesu Christi, ein neues Christsein in einem neuen Europa, gläubig wie vernünftig, kritisch und treu.

 

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