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Michael Schrom

Der Knecht Allahs und die Verantwortung der Muslime

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 28/2009 S. 315 f.

 

    Welchen Beitrag leistet die islamische Theologie zur Integration? Eine Bilanz der Islamkonferenz im Spiegel der Presse.

 

War die von Innenminister Wolfgang Schäuble ins Leben gerufene Islamkonferenz ein Erfolg oder nicht? Darüber gehen die Meinungen auseinander. "Eigentlich müsste Schäuble vor allem ernüchtert sein. Denn gemessen an den eigenen hochgesteckten Zielen ist das Ergebnis der vorerst letzten Islamkonferenz mager ausgefallen", bilanziert die "Süddeutsche Zeitung". Zwar sagen alle Teilnehmer übereinstimmend, dass sich die zweieinhalbjährige Diskussion "unbedingt gelohnt" habe. Aber in konkreten Projekten ist man kaum weitergekommen.

Keine Einigung gab es über Zulassungsbedingungen für Lehrer oder inhaltliche Vorgaben für Lehrpläne in einem geplanten islamischen Religionsunterricht. Die Hoffnung des Innenministeriums, die Muslime in Deutschland könnten sich zu einer Art Dachverband zusammenschließen, der - ähnlich wie die Juden oder die Kirchen - gegenüber dem Staat als legitimer Repräsentant und Verhandlungsführer auftreten kann, hat sich zerschlagen. Zu unterschiedlich sind die Interessen der Verbände, zu groß die Gräben zwischen Konservativen und Liberalen. Annäherungen erzielte die Islamkonferenz nur bei einigen praktischen Fragen, zum Beispiel beim schulischen Schwimm- und Sexualkundeunterricht, bei Empfehlungen zum Moscheebau und zum muslimischen Begräbnis. Allerdings sind die Formulierungen recht vage. Zum Kopftuch heißt es, dieses sei vor der Pubertät religiös nicht geboten. Die "Zeit" meint: Die Muslime haben "den Staat, aber noch viel mehr einander und ihre Religion" kennengelernt. Das dürfe man nicht gering schätzen. ,Weiterbildungsseminar, Kontaktbörse, selbsternanntes Muslimparlament: Die Deutsche Islamkonferenz war von jedem etwas. Für den Beginn ist das nicht wenig."

Das gilt umso mehr, als eine vom Innenministerium in Auftrag gegebene Studie gezeigt hat, dass weit mehr Muslime in Deutschland leben als angenommen. Ging man bisher offiziell von maximal 3,5 Millionen Muslimen aus, so zeigt die neueste Schätzung, dass bis zu 4,3 Millionen Muslime hier leben. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 5,2 Prozent. Die mit Abstand meisten Muslime sind aus der Türkei zugewandert (63,2 Prozent), gefolgt von südosteuropäischen Ländern (13,6 Prozent), dem Nahen Osten (8 Prozent) und Nordafrika (7 Prozent). Daraus ergibt sich auch das Kräfteverhältnis der inner-islamischen Glaubensrichtungen in Deutschland: Drei Viertel sind Sunniten, sieben Prozent Schiiten und dreizehn Prozent Aleviten, die zwar in den Augen von Schiiten und Sunniten eine Sekte sind, aber dennoch in der Islamkonferenz vertreten waren.

 

Die Rolle der Verbände

Die Islamkonferenz hat die religiösen, meist konservativen Verbände übergebührlich aufgewertet, obwohl nur die wenigsten Muslime in ihnen organisiert sind, kritisiert die Frauenrechtlerin und Publizistin Necla Kelek (in der FAZ), die an den Beratungen teilgenommen hat. Das ist richtig. Auf der anderen Seite muss man jedoch bedenken, dass sich immerhin 78,4 Prozent der in Deutschland lebenden südosteuropäischen und 88,5 Prozent der türkischstämmigen Muslime als "gläubig" oder "sehr gläubig" bezeichnen. Nur eine Minderheit gab bei einer jüngst erschienenen Umfrage an, sie sei "eher nicht gläubig" oder "gar nicht gläubig". Mit wem also soll die Regierung sprechen, gerade wenn es um religiöse Fragen geht?

Umso wichtiger ist es freilich, genau zu beobachten, welche Haltung die Verbände einnehmen. Necla Kelek sieht das kritisch: "Die Verbände wollen Rechte, aber Verantwortung für Dinge, die im Namen des Islam stattfinden, ja sogar die Integration lehnen sie ab." Das zeigte sich immer wieder in verschiedenen Fragen der Werteordnung. Zwar wurde versprochen, dass islamistische Propaganda in Einrichtungen der Muslim-Verbände nicht mehr geduldet wird. Aber ausgerechnet bei den grundlegenden Themen wie Wertekonsens und Integration verweigerte der von der Vereinigung Milli Görüs dominierte Islamrat seine Unterschrift unter ein gemeinsames Positionspapier. Er habe, schreibt die "Süddeutsche Zeitung", bei der geplanten Erklärung den Verdacht gehabt, dass der muslimische Glauben als integrationshemmend angesehen werde - "ein Standpunkt, der von den anderen drei großen Muslim-Verbänden nicht geteilt wird."

Überdeutlich zeigte sich der Unwille, klar Position zu beziehen, auch bei der letzten Zusammenkunft, als die Vertreter über eine Stellungnahme zu den Vorkommnissen im Iran diskutierten. Der Vorschlag für einen zu verabschiedenden Text lautete: "Die in der deutschen Islamkonferenz vertretenen Muslime verteidigen das Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in der Islamischen Republik Iran und verurteilen die Menschenrechtsverletzungen dort." Obwohl dies eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist, verweigerten alle Vertreter der islamischen Verbände mit Ausnahme der Aleviten die Unterschrift.

Die große Scheu und der Unwille, im Namen der eigenen Religion Verantwortung zu übernehmen und die eigenen theologischen Quellen historisch-kritisch zu befragen, hängen mit dem islamischen Verständnis der Beziehung zwischen Gott und Mensch, zwischen der "Allmacht" Gottes und der "Autonomie" des Menschen zusammen. Das erläuterte der angesehene Göttinger Islamwissenschaftler Tilman Nagel in einem Beitrag für die Zeitschrift "Religionen unterwegs" (Mai 2009).

 

Das theologische Grundproblem

Während die biblische Anthropologie ein Staunen darüber kennt, dass Gott den Menschen erhöht, ihn zur Eigenverantwortlichkeit ermutigt und sich seiner - trotz der menschlichen Schwäche und Sündhaftigkeit - annimmt, habe sich in der islamischen Theologie schon früh ein einseitig autoritäres Verständnis vom Menschen als Knecht Allahs durchgesetzt.

Nagel nennt zentrale Aussagen in den Psalmen: "Du hast ihn nur wenig gerin-

 


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ger gemacht als Gott / hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt" (8,6f) und "Was ist der Mensch, dass du dich seiner annimmst, / des Menschen Kind, dass du es beachtest" (144,3). Diese biblische Gott-Mensch-Beziehung vergleicht er mit den Suren des Koran. Dort heißt es zum Beispiel (in Sure 51,56): "Nur um den Einen dankbar zu verehren, wurde der Mensch geschaffen."

Der Knechtsstatus des Menschen ist nach Nagels Auffassung im Koran im Grunde unüberwindbar. Spätestens ab dem zehnten Jahrhundert war man sich in der islamischen Theologie weitgehend einig, dass "die Handlungsfreiheit des Menschen ein absurdes Postulat sei". Zwar gab es einige Denker, die das anders sahen. Doch sie konnten sich wirkungsgeschichtlich nicht durchsetzen. Das hat weitreichende Folgen. ,Wenn Allah alles festlegt und dann ins Werk setzt, bleibt dem Menschen kein Raum für eigenes Handeln - und dies, obwohl er sich im Alltag immer wieder als ein Handelnder erfährt. Sehr früh schon hat man jegliche Versuchung einer Selbstverantwortlichkeit des Menschen mit dem Hinweis abgewürgt, es müsste in diesem Fall zwei eigenständig Handelnde geben, neben Allah den Menschen, und das sei ein verwerflicher Dualismus."

Die Selbstbeschränkung vieler Muslime auf das Befolgen und Auslegen der Scharia und anderer autoritativer, letzten Endes unentschlüsselbarer Texte, habe hier seinen letzten theologischen Grund. Weil der Islam weder die Idee einer gefallenen Welt noch das Konzept einer Welterlösung kenne, weil Allah alles bestens geschaffen habe und im Menschen kein "Mitschöpfertum" angelegt sei, bleibe dem Frommen als Knecht Allahs nur das Befolgen der göttlichen Befehle auf Erden. "Diesem Knecht ein eigenverantwortliches Handeln zuzubilligen, hieße, ihm das Vermögen zuzubilligen, etwas eigenverantwortlich, womöglich gar neben und gegen Allah auszurichten, und damit den Heilszustand des Geschaffenen zu mindern."

Da überrascht es nicht, dass eine von Tilman Nagel in der Islamkonferenz angeregte theologische Diskussion über die autoritativen Texte des Islam bei allen Verbänden (mit Ausnahme der Aleviten) auf Ablehnung stieß.

 

Das Schweigen der Gelehrten

Auf der Suche nach Unterstützung für seine Integrationsbemühungen besuchte Wolfgang Schäuble vor ein paar Wochen islamische Religionsführer und Gelehrte in Ägypten. Er hielt einen Vortrag an der Universität in Kairo und traf mit dem obersten Gelehrten der Sunniten, Großscheich Al Tantawi von der Al-Azhar-Moschee, und weiteren Würdenträgern zu einem theologischen Disput zusammen. Ernüchternd hält der Reporter der "Zeit" das Ergebnis fest: "Drei Muftis in zwei Tagen, neben den beiden Ägyptern noch ein Syrer, hinterlassen beim deutschen Innenminister das Gefühl: Bei diesem Kampf sind wir allein. Auf die arabischen Gelehrten kann er nicht bauen. Verkehrte Welt: Wer dem deutschen Innenminister zuhört, wie er die Würdenträger mit seinen besorgten Nachfragen wachzurütteln versucht, erwischt sich bei der Frage: Wer ist eigentlich der Obermufti? Wer macht sich mehr Gedanken um die Zukunft des Islam?"

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'