Hilfreiche Texte

Link zum Mandala von Bruder Klaus
Jürgen Springer

Welcher Messias rettet uns?

 

Aus: Christ in der Gegenwart, 19/2009 S. 207 f.

 

    Über die Frage christlicher Judenmission und des universalen Heilsanspruchs des Christusglaubens ist es vor der Papstreise nach Israel/Palästina in Deutschland zu einer heftigen Diskussion gekommen.

 

Wenn Papst Benedikt XVI. nun eine gute Woche lang den Nahen Osten besucht, hat er große Herausforderungen zu meistern. Nachdem er die Exkommunikation von vier Bischöfen der Piusbruderschaft, darunter ein Holocaust-Leugner, aufgehoben hatte, war es zwischen Juden und Christen erneut zu heftigen Irritationen gekommen.

Der österreichisch-amerikanische Rabbiner Arthur Schneier sowie Rabbiner David Rosen, Präsident des angesehenen internationalen jüdischen Komitees für den interreligiösen Dialog, stellten sich allerdings demonstrativ hinter Benedikt XVI., dessen theologische Hochschätzung des Judentums und des jüdischen Glaubens außer Frage steht. Sie wiesen zugleich jeglichen Verdacht zurück, die katholische Kirche könne von der dialogischen Linie des letzten Konzils abweichen. Unterdessen entwickelte sich ein heftiger Disput in Deutschland. Anlass war die Veröffentlichung einer Broschüre des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim Zentralkomitee der Katholiken mit dem Titel: "Nein zur Judenmission - Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen" (www.zdk.de).

Das rund dreißigköpfige Gremium, in dem weltweit einzigartig Juden und Christen seit 1971 theologische Grundsatzfragen diskutieren, will dem Eindruck mit aller Deutlichkeit entgegentreten, dass "die katholische Kirche Judenmission für möglich hält". Die von Papst Benedikt XVI. 2008 veröffentlichte Fassung der Karfreitagsfürbitte für die außerordentliche tridentinische Form der Liturgie könne allerdings missverständlich in diesem Sinne gedeutet werden, vermutet der Text des Gesprächskreises. In einer Kernaussage heißt es: ‚Wir ... betonen mit der Kirche des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass der Bund Gottes mit dem jüdischen Volk einen Heilsweg zu Gott darstellt - auch ohne Anerkennung Jesu Christi und ohne das Sakrament der Taufe" (vgl. CIG Nr. 15, S. 162).

Selten hat ein interreligiöses Gesprächsdokument solch eine publizistische Aufmerksamkeit erlangt, was natürlich auch an der besonderen historischen Problematik in Deutschland liegt, an der Verantwortung für die Shoah. Große Tageszeitungen veröffentlichten zum Text zustimmende wie ablehnend-kritische Stellungnahmen von Theologen sowie Leserbriefe. Der Vorsitzende der Ökumene-Kommission der Bischöfe, Gerhard Ludwig Müller von Regensburg, und Kardinal Walter Kasper, Präsident des vatikanischen Einheitsrates, äußerten sich sehr kritisch. Sie sehen theologische Mängel, begriffliche Unklarheiten, falsche Zuspitzungen. Auch der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, hat sich vom aktuellen Text des Gesprächskreises distanziert.

 

Was hofft ihr für uns im Letzten?

Die Broschüre stützt sich in erster Linie auf die Konzilserklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen "Nostra aetate" ("In unserer Zeit") von 1965. Man möchte frühere Äußerungen weiterführen, die auf der jahrzehntelangen Erfahrung im theologischen Dialog zwischen Juden und Christen gründen. Immer wieder war das Problem der christlichen Judenmission erörtert worden. Angesehene theologische Gelehrte wie Bischof Klaus Hemmerle von Aachen und der Baseler Judaist Ernst Ludwig Ehrlich standen - mit vielen anderen - am Anfang des einzigartigen Dialog-Engagements.

Aber die theologische Brisanz bleibt offenbar. Das wird anschaulich an den Worten, die ein jüdisches Mitglied des Gesprächskreises 1981 an die Christen richtete, nachdem zwei Jahre zuvor das Gremium sein erstes wichtiges Arbeitspapier veröffentlicht hatte, das von Fachleuten als eine der besten Aussagen zum Verhältnis von Judentum und Christentum gewürdigt worden war: "So gut wir uns auch verstehen, ich werde das Gefühl nicht los: Ihr sagt uns nicht alles, ihr habt noch einen Joker in der Tasche. Ich möchte wissen: Was hofft ihr im Letzten für uns? Worum betet ihr zu Gott, wenn ihr an uns denkt? Müssen wir - zumindest am Ende der Geschichte - doch daran glauben, dass Jesus der Messias ist?" Ist allein der christliche Heilsweg universal? Der Gott der Juden ist doch der Gott Jesu Christi und damit der Gott der Christen. Oder gibt es historisch und real aus derselben Wurzel zwei gleichberechtigte Wege zum Heil, auch ohne einen Glauben an Christus?

Solche Fragen treffen Christen und Juden immer wieder im Kern ihres jeweiligen Selbstverständnisses. Dem jüngsten Text des Gesprächskreises ist anzumerken, dass in diesem Gremium schon seit langem um Klärung gerungen wird, mit einer Gesprächskultur auf hohem Niveau. Man muss sich dabei nicht nur theologischen und mystisch-spirituellen Verständnisweisen stellen, sondern ebenso der Realhistorie, und das heißt: dem jahrhunderte-, ja jahrtausendelangen Antijudaismus vieler Christen, der auch seine politisch-gesellschaftlichen Wirkungen zeitigte. Wenn es im von Papst Benedikt XVI. formulierten Gebet der "neuen" tridentinischen Karfreitagsliturgie heißt, dass man Gott darum bitte, dass er die Herzen der Juden erleuchte, "damit sie Jesus Christus als Retter aller Menschen erkennen", schwingt für jüdische Ohren eine erschreckende Zweideutigkeit mit.

Wie also stehen Juden und Christen in Bezug auf ihre Erlösungshoffnung zueinander? Theologisch argumentiert der Gesprächskreis mit Hilfe des einzigartigen Verhältnisses von Juden und Christen: eine "geistliche Verwandtschaft der Kirche mit dem bis heute fortdauernden Judentum". Der Bund, den der Gott Jesu Christi mit Abraham und seinen Nachkommen geschlossen hat, wurde niemals gekündigt.

 

Der nicht gekündigte Bund

Der im Neuen Testament bezeugte Bund, wie er besonders in den Abendmahlsüberlieferungen der Evangelien und im ersten Korintherbrief dargestellt wird, deutet den Tod Jesu als gottgewirktes Geschehen universaler Sündenvergebung. Juden können diese Aussage der universalen Heilsbedeutung Jesu Christi nicht teilen, insofern sie weiterhin auf die messianische Erfüllung am Ende der Zeiten hoffen. Der Gesprächskreis weigert sich, darin ‚Verstocktheit" zu erkennen. Der Israelbund bestehe weiterhin. Der neutestamentliche Bundesschluss ersetze diesen nicht. ‚Vielmehr eröffnet er die Heilsgeschichte Gottes mit allen Völkern neu und bekräftigt sie. Israel und Kirche sind gemeinsam und auf je

 


208

spezifische Weise Werkzeuge Gottes für das Kommen seiner universalen Königsherrschaft."

Das Papier geht auf das manchmal widersprüchlich wirkende Hin und Her in den Kapiteln 9 bis 11 im Römerbrief ein. Hier ringt Paulus in paradoxer Sprache mit seiner eigenen Identität als Jude und neuer Christus-Gläubiger - und das im Hinblick auf die Berufung Israels. Scharf gesagt: Er "eiert herum", psychologisch verständlich. Der Völkerapostel und Heidenmissionar hält fest, dass Gott sein Volk Israel nicht verstoßen hat (Röm 11,1) und dass Heidenchristen sich nicht über die Juden erheben dürfen (Röm 11,13-24). Denn: "Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich." Aber es heißt auch: "Ich sage in Christus die Wahrheit und lüge nicht, und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geist: Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz ... Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel ... Wenn du mit deinem Mund bekennst: ‚Jesus ist der Herr' und in deinem Herzen glaubst: ‚Gott hat ihn von den Toten auferweckt', so wirst du gerettet werden." Was heißt das im Umkehrschluss? Hier liegen die großen theologisch vermutlich nie zu klärenden Unschärfen bereits bei Paulus. Wie viel schwerer muss es für uns sein, die Verwerfungen zu glätten?

Weil der Bund Gottes mit Israel bereits das Heil erschlossen hat, braucht die Kirche nicht um Israel besorgt zu sein. Dem alten Heilspessimismus, der sich in dem Satz aus dem dritten Jahrhundert "außerhalb der Kirche kein Heil" ausdrückt, setzt der Gesprächskreis entgegen, dass Gott Heil auf Wegen schafft, die nur er kennt. Wann, wie und ob sich Juden und Christen auf ihrem Weg zum Reich Gottes begegnen, bleibt verborgen, Gottes Ratschluss überlassen.

 

Ein Volk aus Juden und Heiden

Gerhard Ludwig Müller verfasste auf Bitte des Bischofskonferenz-Vorsitzenden hin eine Stellungnahme. Müller unterstreicht, dass die christliche Heilsordnung, genauer der "neue und endgültige Bund", der in Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi begründet ist, "unüberholbar" sei (www. dbk.de/aktuell). Das Alte Testament könne deshalb nicht als Zeugnis einer realen Bundesstiftung Gottes "im Gegensatz zum Neuen Testament" gelesen werden, ohne dass man Jesus wirklich und wahrhaft als das fleischgewordene Wort anerkenne. Die Vorstellung von zwei Heilswegen, wie sie der Text des Gesprächskreises nahelegt, verkürze die Glaubenslehre vom universalen Heilswillen Gottes in Jesus Christus, dem Messias. Der Regensburger Bischof verurteilt zugleich jede Form von Abwertung der Juden ("aber auch der ‚Heiden' "). Judenfeindschaft in (nominell) christlichen Kreisen sei nicht Folge des Christus- Bekenntnisses, sondern Beweis für den Verrat an ihm. Völlig fehl am Platz sei allerdings auch, wenn Christen die Sendung der Kirche zum Zeugnis für Christus durch das negativ besetzte Schlagwort "Judenmission" in Misskredit bringen. Denn der christliche Wille, dass sich alle Menschen zu Christus bekennen, habe mit einer Abwertung des Judentums nichts zu tun.

Energisch tritt Müller dem Argument entgegen, dass der der Alte Bund mit Israel einen eigenen Heilsweg darstelle, dem die gleiche Bedeutung zukomme wie dem christlichen. Dies beschränke aus christlicher Sicht unzulässig und ungeschichtlich das "Erlöserwirken Jesu Christi" auf die Heiden außerhalb des Gottesvolkes Israel, was "das gesamte biblische Zeugnis auf den Kopf" stelle. Denn die ersten Christen waren Juden. Demnach gebe es nach dem Christusereignis nur ein Volk aus Juden und Heiden - "geeint in Christus".

In einer Stellungnahme hat der ehemalige bayerische Kultusminister Hans Maier wiederum den Gesprächskreis verteidigt: "Die universale Heilsbedeutung Jesu Christi steht für jeden Christen außer Frage. Der Gesprächskreis ,Juden und Christen' hat sich in seinen Erklärungen von 1979 und 2005 klar dazu bekannt und dies auch in seiner neuen Erklärung wiederholt. Die Frage ist nur, welche Folgerungen daraus zu ziehen sind. Sind auch Juden um ihres Heiles willen verpflichtet, zu Christus ja zu sagen und an ihn zu glauben? Müssen sie sich taufen lassen, um das Heil zu erlangen? Die übergroße Mehrheit der heutigen Juden lehnt das ab."

Der Ständige Rat der deutschen Bischöfe hat die kritischen Aussagen Bischof Müllers bestätigt. Erzbischof Robert Zollitsch stellt fest, dass die deutschen Bischöfe insgesamt der jüngsten Erklärung zur Judenmission ablehnend gegenüberstehen, weil der Text eine "einseitige Sichtweise und Begrifflichkeit" verwende. Er bleibe hinter den bisherigen hilfreichen Anregungen des Gesprächskreises "Juden und Christen" zurück und enttäusche wegen "theologischer Defizite". Mit Bischof Müller ist man der Ansicht, die Stellungnahme erwecke den Eindruck, der Gesprächskreis könne mit kirchlicher Verbindlichkeit ein theologisches Thema behandeln, dessen Klärung dem kirchlichen Lehramt vorbehalten ist. Und Kardinal Walter Kasper befand den Anlass, die Broschüre des Gesprächskreises zu publizieren, für grundsätzlich gut. Allerdings enthalte der Text eine "Ansammlung von Halbwahrheiten".

Es lässt sich aber auch einwenden, dass die Beteiligten des Gesprächskreises keinesfalls lehramtliche Autorität beanspruchen. Zudem sind unter den Mitgliedern des Gesprächskreises renommierte jüdische wie christliche Persönlichkeiten, die an Universitäten Theologie lehren und an der Abfassung des Textes teilgenommen haben. Was die Mitglieder des Gesprächskreises zutiefst bewegt, ist ein geistliches Interesse aneinander. Juden und Christen bekennen sich - so heißt es im ersten Arbeitspapier von 1979 - zu der gemeinsamen Offenbarung durch eben dieses Interesse. "Ihr Interesse aneinander ist deshalb selbst ein Akt der Verehrung Gottes." In einer Klarstellung hat der Vorsitzende des Gesprächskreises, der Augsburger Pastoraltheologe Hanspeter Heinz, betont, dass man keinen theologischen Traktat vorlegen wollte und dass die Treue zur eigenen Tradition nie in Frage stand.

Der Bochumer Neutestamentler Thomas Söding, Mitglied der vatikanischen Theologenkommission, hat in einem FAZ-Leserbrief zu vermitteln und zu klären versucht: "Die Kernfrage lautet ..., ob Christen den Weg, den Juden in Treue zum Gesetz gehen, ohne Jesus als Christus zu bekennen, aus der Mitte ihres eigenen Glaubens heraus als Weg Gottes mit seinem Volk und deshalb als Weg zu Gott bejahen können. Daran kann es nach dem Neuen Testament keinen Zweifel geben."

Die Debatte erfuhr in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" eine Zuspitzung durch zwei polemische Beiträge. Der Münchner Philosoph Robert Spaemann (20.4.) legte dar, weshalb er einer Kirche, die die Thesen des Gesprächskreises unterstützt, "nicht mehr angehören" wolle. Mit dem Neuen Testament hält er "Dialog ohne Mission" für unbiblisch. Denn der erste Petrusbrief fordere Christen auf, nicht einen blinden Glauben zu bezeugen, sondern "jedermann Rechenschaft zu geben über den Grund unserer Hoffnung": durch Mission. Universalistische Religionen wie das Christentum seien in ihrem Wesen missionarisch. Sie würden sich aufgeben, wenn sie ihre Botschaft nur auf bestimmte Gruppen angewendet sähen.

Der Münchener Judaist und Historiker Michael Brenner schrieb eine Erwiderung (28.4.). Er bescheinigt dem Gesprächskreis, die oftmals tragisch verlaufende Familiengeschichte des Christentums in Bezug auf die Juden richtig gesehen und verstanden zu haben. "Die Frage der Bekehrung der Juden zum Christentum auf ihre theologischen Ursprünge zu reduzieren", komme einer Missachtung der historischen Verhältnisse gleich.

 

Viele Religionen - gottgewollt?

Die Debatte über die christliche Judenmission berührt grundlegende Fragen. Handelt es sich um eine Diskussion, die den interreligiösen Dialog insgesamt in die Tiefe führt? Oder wird sie im Sande verlaufen, wie es gegenwärtig das Schicksal so vieler theologischer Debatten ist?

Religionen suchen nach dem Zeugnis des letzten Konzils Antworten "auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins" und sind Zeichen der "Unruhe des menschlichen Herzens" ("Nostra aetate", 1f). Die theologische Frage, ob die nichtchristlichen Religionen als legitime, also von Gott selbst gewollte Heilswege angesehen werden können, ist im Grunde ungeklärt. Auch geschichtstheologisch. Denn man muss neben dem subjektiven Glaubensbekenntnis und der berechtigten eigenen Heilsmystik - bei Christen eine tiefe, universale Christusmystik - doch auch die objektiven geschichtlichen Realitäten sehen: dass der moderne Mensch, der Homo sapiens, eben 100 000 Jahre lang ohne Christusglauben einen Heilsweg suchen musste und dass auch heute der weitaus größere Teil der Menschheit sich nicht zu Christus bekennt. Ist die Evolution des religiösen Geistes, die in der Schöpfung angelegte Pluralität der Menschheitsreligiosität etwa gottwidrig - wenn doch die Schöpfung angeblich gottgewollt und "gut" ist? Das sind die ungelöst bleibenden großen Fragen des Gottesglaubens, die hier wesentlich mitschwingen.

Auch wenn der Gesprächskreis "Juden und Christen" dieses Rätsel nicht lösen kann und selbst wenn der aktuelle Text ohne die früheren Stellungnahmen missverständlich klingen sollte, ist doch nicht hoch genug zu würdigen, dass hier die Gottesfrage energisch wachgehalten wird - zum Heil der Juden und Christen, ja, universal der Glaubenden.

 

Link to 'Public Con-Spiration for-with-of the Poor'