Michael Fuss {*}Im Spiegelsaal der WahrheitDialog der Religionen als Event des Unbedingten
Aus: zur debatte, 1/2010, S. 29 f.
Das bunte Mosaik von Religionen und Weltanschauungen erweckt den Anschein, als trete die Weltgesellschaft nach den Globalisierungsprozessen im Bereich von Wirtschaft, Finanzen oder Tourismus jetzt in eine entschiedene Auseinandersetzung mit dem Pluralismus der Religionen ein. Der vielfarbige Regenbogen religiöser Wahrheitsansprüche erinnert dabei unwillkürlich an einen verwirrenden Spiegelsaal, in dem sich eben diese Wahrheitsansprüche tausendfach brechen, einander erleuchten, aber letztlich oft ein blendendes Fixierbild zurücklassen.
1. Spiegelsaal der AmalienburgDer berühmte Spiegelsaal der Amalienburg (1739) im Nymphenburger Schlosspark, ein architektonisches Meisterwerk der verspielten Kultur des Rokoko, mag als Beispiel dienen für die Haltung, sich an der Wahrheit und ihren Widersprüchen zu delektieren. Auch der exotische Pluralismus der Religionen hat für viele Zeitgenossen etwas Verspieltes und Verwirrendes; wie aufgesetzte, unterhaltsame Ornamente über einer nüchternen Produktionsgesellschaft erscheinen die religiösen Ausdrucksweisen. Von der Warte einer aufgeklärten europäischen Überheblichkeit aus betrachtet man die Wahrheiten als unterhaltsame Kuriosa, häufig sogar durch eine lokal gefärbte Brille, wie es die weiß-blau gefärbten Kacheln im Spiegelsaal der Amalienburg andeuten. Im Namen einer großmütigen Toleranz nimmt man wahr, wie Religionen als Hort absoluter Wahrheit erscheinen, aber auch als atavistischer Störenfried einer toleranten Weltordnung. Mit gönnerhafter Gelassenheit schaut man darüber hinweg, wie das Christentum seine Offenbarung noch immer als unüberbietbare und erlösende Wahrheit versteht, und man beobachtet süffisant, dass es sich gleichzeitig im globalen Konzert der Religionen in einen nicht selten gewalttätigen Widerstreit von Wahrheitsansprüchen gestellt sieht. Man erinnere sich: Immanuel Kant (1724-1804) war 15 Jahre alt, als die Amalienburg vollendet wurde. So möge - im Bild - der Spiegelsaal für den Wahrheitsbegriff der Aufklärung stehen, nach dem sich in der Vielfalt ihrer Konkretisierungen eine letzte, uneinholbare Wahrheit reflektiert - in der Abstufung zwischen einer natürlichen Wahrheit der "edlen Wilden" und der philosophischen Systematik eines absoluten Christentums abendländischer Spielart. In ähnlicher Weise war 1893 noch das erste Welt-Parlament der Religionen in Chicago organisiert. Die Wahrheit erschien selbstredend wie eine Pyramide mit dem Christentum an der Spitze. In dieser evolutionären Sicht sah die Choreographie vor, dass die anwesenden Vertreter aller religiösen Traditionen unter dem Vorsitz des katholischen Kardinals in das gemeinsame Gebet des "Vater unser" einstimmen, da dieses ja der höchste Ausdruck von "Religion" sei. Dieser Anspruch folgt der evolutionären Sicht seiner Zeit, so wie auch die klassischen Handbücher der Religionswissenschaft in aufsteigender Weise nach "primitiven Religionen" und monotheistischen Hochreligionen mit dem Christentum an der unangefochtenen Spitze konzipiert waren. Aber genau an diesem Anspruch gab es den Eklat. Swami Vivekananda (1863 - 1902), der eloquente Vertreter des Hinduismus, erhebt den Wahrheits-Anspruch seiner Tradition als geschichtlich ältester und daher ursprünglicher Ausdruck von Gottesnähe: "Ich danke Ihnen im Namen der Mutter aller Religionen" - "Ich bin stolz, dass ich einer Religion angehöre, die der Welt sowohl Toleranz wie Annahme aller Religionen gepredigt hat. Wir glauben nicht nur an eine alles umfassende Toleranz, wir erkennen auch alle Religionen als wahr an." Nach seiner Meinung leitet sich die Autorität der Religion als religio perennis oder sanatana dharma (ewiges Dharma) aus ihrem Alter ab. So regeneriere sich Religion ständig aus dem Schoß unverfälschten Menschseins - eine Tendenz, die sich in der heutigen Spiritualität mit einer oftmals künstlichen Wiederbelebung nativer Traditionen fortsetzt (ägyptische Tempelstadt von Damanhur; Neo-Kelten; Neo-Schamanen). Trotz seines Bekenntnisses zu einer Integration aller religiösen Lehren drückt dieses Wahrheitsverständnis eigentlich genau das Gegenteil seiner vorgeblichen Toleranz aus, indem es als wahr nur das gelten lässt, was sich mit der eigenen Tradition vereinbaren lässt und gemäß subjektiver Beliebigkeit oder kolonialer Überheblichkeit logischerweise als sinnvoll erachtet wird. An Prinzipien der Aufklärung orientiert sich auch die Theosophie, 1875 von der Deutsch-Russin Helena P. Blavatsky gegründet mit ihrem Motto: "Keine Religion steht höher als die Wahrheit". Über allen konkreten Religionen wird eine abstrakte und absolute Wahrheit gedacht, die, als solche unzugänglich, sich in geschichtlich unvollkommener Weise zeigt. Mit diesem weit verbreitetem Wahrheitsverständnis kann natürlich keine konkrete Religion leben. Es würde heißen, dass die jeweilige eigene Religion notwendigerweise unvollkommen ist und auf eine hypothetische Universalreligion hin überstiegen werden muss. Mit Recht merkt dazu Kardinal Ratzinger an: "Alles, was an Religion ist, sind danach nur Reflexe, Abbildungen, Brechungen des nie selbst Erscheinenden. Demgemäß kann es also die wahre Religion gar nicht geben. Christus sei hierbei sicher eine große, herausragende Gestalt, aber man müsse ihn doch sozusagen zurücknehmen in das Bewusstsein, dass in ihm erscheint, was auch in anderen erschienen ist." (J. Ratzinger, Salz der Erde (1996), 144) Dieses relativierende Wahrheitsverständnis mit seiner Kapitulation vor der Erkenntnismöglichkeit einer letzten Wahrheit hat jüngst auch Eingang in die pluralistische Theologie der Religionen gefunden, vor allem in den Positionen des britischen Theologen John Hick, im Blick auf eine nebulöse Konvergenz der Religionen in der "Wirklichkeit" (the Real). Aber noch einmal zurück zum 17. Jahrhundert. Mit religiösem Weitblick hat Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 - 1716) eine neue Denkstruktur postuliert. Durch die geistige Auseinandersetzung mit der chinesischen Religion, insbesondere mit dem Yijing-Orakel, hat er ein neues Zahlensystem als Ausdruck ewiger Wahrheit entwickelt. Gemäß der Devise "Ohne Gott ist nichts" setzt er für Gott die Eins und für das Nichts die Null.
2. Im Spiegelsaal der "Strahlen der Wahrheit"Wenn man die Vielfalt der Religionen als Wahrheits-Ansprüche, d. h. als sich eröffnende Wahrheit ernst nimmt, öffnet sich ein weiterer "Spiegelsaal" von durchdringenden Strahlen. Das Zweite Vatikanische Konzil stellt die Kirche ganz unter Christus als dem "Licht der Völker" (Lumen gentium) und sieht sie zu allen Menschen gesandt (Ad gentes). Die Kirche ist ihrer Natur nach missionarisch. Dieser Begriff bezieht sich eher auf die ausstrahlende Dynamik der Wahrheit denn auf die bloß territoriale Ausdehnung der Missionen. Andererseits gewinnt die Kirche nach einem kühnen Wort von Johannes Paul II. ihr Selbstverständnis aus der Begegnung mit fremden Kulturen und Religionen: "[Das] Selbstverständnis der Kirche entwickelt sich »im Dialog«, der, bevor er zum Gespräch werden kann, die eigene Aufmerksamkeit auf »den Anderen« lenken muss, das heißt auf den, mit dem wir sprechen wollen. Das ökumenische Konzil hat einen entscheidenden Impuls gegeben, um das Selbstverständnis der Kirche zu formen, indem es uns in angemessener und kompetenter Weise die Sicht des Erdkreises als einer »Karte« mit verschiedenen Religionen vermittelt hat." (Enzyklika Redemptor hominis (1979), 11). Die Mission des Christentums muss als fortschreitende Selbsterschließung der Wahrheit verstanden werden, die sich im Dialog mit den Kulturen ereignet: "Die Wahrheit erhebt nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt" (Dignitatis humanae, 1). Die Wahrheit ist diffusiv und polyzentrisch, und die Begegnung der Religionen ist als ein authentischer Event zu betrachten, ein lebendiges Ereignis, in dem sich Wahrheit je tiefer zeigt. Wenn der Mensch in der religiösen Wahrheit über sich hinausgreift und diese den Menschen für den Bereich des Unbedingten aufzuschließen vermag, dann zeigt die heutige interreligiöse Perspektive, wie andere Religionen überraschende Wege zum göttlichen Mysterium anbieten können, die diesem ursprünglichen Geschenk des göttlichen Lebens in Christus entsprechen und ihm immer wieder neuen Ausdruck verleihen. Bei der religiösen Wahrheit handelt es sich nicht um vorgefertigte Sätze, die zur Debatte stehen, sondern um ein freies und überraschendes Geschehen, das Beziehung abbildet. Jesus offenbart nicht irgendwelche Wahrheiten über Gott; sein Leben spielt nicht ein ewiges Drama nach einem festgelegten Plan auf einer geschichtlichen Theaterbühne, sondern sein konkretes Leben ist konstitutiv für die göttliche Wahrheit. Gott selbst enthüllt seine Identifikation mit der Geschichte und dem Leiden jedes einzelnen Menschen. Daher ist das geschichtliche Leben Jesu normativer "Event des Unbedingten," Wahrheit, die allen offensteht und im Geheimnis der Auferstehung endgültige Bestätigung findet. Dieses Handeln Gottes kann nicht unabhängig von seiner Verwirklichung in Jesus Christus gedacht und etwa an anderen Heilsfiguren festgemacht werden. Hier könnte man nun in der Tat von der Wahrheit als einer Entsprechung zwischen Intellekt und Sache sprechen (adaequatio rei et intellectus): Die Menschheit Jesu Christi bildet die Mitte der Geschichte als die adäquate Verwirklichung der ursprünglichen Beziehung von Gott und Mensch und stellt gleichzeitig die Wesensnatur des Menschen dar. Gemeint ist das ursprüngliche Sich-Empfangen der Kreatur aus der Liebe Gottes, das Bewusstwerden von der eigenen 'Leere' und seine Öffnung in liebender Hingabe an Andere. Diese Haltung nennt Johannes B. Lotz (1903-1992) die "Grunddynamik des Universums." Sie durchdringt alle Wahrheitsansprüche mit umwandelnder Kraft wie ein Ferment, welches zu je größerer Wahrheit befreit: "Wenn das Christentum von der Gestalt Christi her sich als die wahre Religion in die Religionsgeschichte hineingestellt hat, so will das eben sagen, dass in der Gestalt Christi aus dem Wort Gottes die eigentlich reinigende Kraft erschienen ist. Sie wird nicht notwendigerweise von den Christen immer gut und richtig gelebt, aber sie bringt den Maßstab und die Richtung für die unerlässlichen Reinigungen, damit Religion nicht ein Unterdrückungs- und Entfremdungssystem, sondern wirklich ein Weg des Menschen zu Gott und zu sich selber werde" (J. Ratzinger, Salz der Erde, 26).
3. "Jetzt schauen wir in einen Spiegel" (1 Kor 13, 12)Die gegenseitige Durchdringung der Wahrheitsansprüche macht es möglich, all das zu würdigen, was in den Religionen als wahr und heilig angesehen wird, und gleichzeitig die Überzeugung von dem universalen Heil, das sich in der eigenen Tradition findet, aufrecht zu erhalten. Christliche Theologie vermag paradoxerweise offen zu sein, die Wahrheit noch tiefer unter den Zeichen des wertvollen religiösen Erbes der Menschheit wahrzunehmen, "in dem Bewusstsein, dass jede erreichte Wahrheit immer nur eine Etappe auf dem Weg zu jener vollen Wahrheit ist, die in der letzten Offenbarung Gottes enthüllt werden wird: »Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen (so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.)« (1 Kor 13, 12)" In diesem einleitenden Abschnitt seiner Enzyklika Fides et ratio (1998) betrachtet Johannes Paul II. die Kirche als "Pilgerin auf den Straßen der Welt" und beschreibt ihre Aufgabe als engagierte "Diakonie an der Wahrheit." Nicht nur wird die religiöse und weltanschauliche Pluralität positiv als gemeinsamer "Pilgerweg" gewertet; auch wird das traditionelle Zeugnis der sozialen Diakonie um die selbstlose Verpflichtung zum Dienst an der Wahrheit ergänzt.
30Hinsichtlich einer Charakterisierung der religiösen Wahrheit ist hier festzuhalten, dass es um die eine, gemeinsame Geschichte der Menschheit geht. Die pluralistische Position würde von einem unverbindlichen Nebeneinander von Heilswegen ausgehen, wo jeder nach seiner Façon selig werden kann. Es geht auch nicht um eine zeitliche Priorität (Religionen vor bzw. nach Christus; vor bzw. nach Mohammed), sondern um einen Ursprung der Religion von einem Unbedingten her, das sich in die menschliche Bedingtheit hinein gibt. Damit gewinnt die gesamte Wirklichkeit einen neuen Sinn (Offenbarung) und eine verwandelnde Kraft (Heil). Religion ist der "Bund", in dem der Mensch sich selber aus der göttlichen Selbsteröffnung empfängt. Zwischenreligiöse Begegnung bedeutet dann zunächst nicht ein diskursives und unverbindliches Suchen nach der Wahrheit, sondern ein vertrauensvolles Mitteilen dessen, was die Partner unbedingt angeht. Religiöse Wahrheit, die man allein zu besitzen glaubt, steht konträr zu einer Wahrheit, die man teilt, weil sie sich im Prisma ihrer unterschiedlichen Rezeptionen widerspiegelt. Andere Religionen sind darum eine Kritik an der traditionellen Theologie, wenn diese sich nicht als eine "Dialogie zusammen mit den Religionen" und somit als "Theologie von den Religionen her" im Vertrauen auf das Wirken des Geistes versteht: "Das Verhältnis der Kirche zu anderen Religionen ist bestimmt von einem doppelten Respekt: dem Respekt vor dem Menschen bei seiner Suche nach Antworten auf die tiefsten Fragen des Lebens und vom Respekt vor dem Handeln des Heiligen Geistes im Menschen." (Enzyklika Redemptoris missio (1991), 29)
4. Religionen als "Familie der Wahrheit"In der Zusammenschau dieses ereignishaften und relationalen Wahrheitsbegriffs mit den unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen des heutigen Pluralismus sollte man die landläufige Einteilung in exklusive, inklusive und pluralistische Religionstheologie überwinden, im Blick auf eine theologische Wahrnehmung der "vielfarbigen Weisheit" (Eph 3, 10) der Menschheit, die sich in konkreten Religionen als soziale Wirklichkeiten konstituiert. Solche korporativen Ausprägungen eines Selbst-Bewusstseins-in-Begegnung folgen der Metapher der menschlichen Familie, in die ein Individuum spontan hineingeboren wird und in der es seine persönliche Identität-in-Begegnung lebt und entfaltet. Wo universale Wahrheit postuliert wird, muss sie tatsächlich alle Wahrheiten umgreifen, ohne aber ins unverbindliche Spiel subjektiver Beliebigkeit oder kolonialer Überheblichkeit abzugleiten, oder gar Gewalttätigkeiten im Namen der Religion zu rechtfertigen. Hier bietet sich das Modell einer 'Familie der Wahrheit' an, bei der die Schnittmenge der kontrastierenden Wahrheitsansprüche vom gemeinsamen Respekt vor der Unverfügbarkeit des Lebens gebildet würde. Ebenso finden sich die Religionen in einer universalen "Familie der Wahrheit" wieder und bringen darin gleichzeitig ihre enge Verwobenheit wie auch ihre Identitätsfindung gegenüber allen anderen religiösen Traditionen zum Ausdruck. Gemäß dem Modell der sich gegenseitig durchdringenden "Strahlen der Wahrheit" ermöglicht diese Analogie eine horizontale Verknüpfung der unterschiedlichen Wahrheiten der religiösen Traditionen, ohne den je eigenen vertikalen Wahrheitsanspruch zu relativieren. Gerade weil die jeweils bezeugte Wahrheit universale Geltung beansprucht, schließt sie die ebenfalls universal gedachte Wahrheit der anderen Religionen ein und nicht aus. Entsprechend dem je universalen Anspruch der religiösen Traditionen lässt sie die Religionen ganz sie selbst sein und verwebt sie doch in ein Netz des gemeinsamen Bezeugens der einen Wahrheit vom Menschen. Der Blick auf diese konstitutive Zelle der menschlichen Gemeinschaft eröffnet eine interaktive Perspektive der Religionen-Begegnung. 'Familie' ist ein offenes Lebensprojekt, das die Bezüge des Einzelnen in konzentrischen Kreisen von der familiären Lebensgemeinschaft bis zur universalen Menschheitsfamilie öffnet, aber auch von den gesellschaftlichen Herausforderungen geprägt wird. Sie ist der offene Raum privater und öffentlicher Solidarität, wo 'spielerisch' soziale Verantwortung eingeübt und kulturelle Verhaltensweisen angeeignet werden, wo Wertorientierungen vermittelt und Grenzsituationen des Lebens erfahren werden. Wie verschiedene Mitglieder einer Familie um den gemeinsamen Tisch versammelt und durch Blutsbande verbunden sind, obgleich sie in vielen Dingen ganz verschiedener Ansicht sind und ein je unterschiedliches Verständnis von 'Familie' haben, so teilen die Anhänger der Religionen eine religiöse Weltsicht, ohne jedoch die ausdrücklichen Glaubensinhalte der anderen anzuerkennen. Hier wäre zunächst das entschiedene Zeugnis der Religionen für den transzendenten Grund menschlicher Existenz ins Auge zu fassen, welches heute angesichts eines grassierenden Konsumismus und einer landläufigen Gottvergessenheit ein solidarisches Bewusstsein für das spirituelle Überleben der Menschheit anmahnen muss. Gegenüber allen synkretistischen Versuchen, eine hypothetische Welt-Einheitsreligion zu postulieren oder die bestehenden Unterschiede in irenischer Toleranz zu relativieren, verwirklicht 'Familie der Wahrheit' eine Ontologie der 'Selbst-Identität-in-Beziehung' und besteht vor allen ideologischen, ökonomischen, politischen oder sozialen Zwängen der modernen Globalisierung. Das gemeinsame Eintreten für die Heiligkeit des Lebens wird zur primären Aufgabe der Religionen und muss analog zur lebensbejahenden Atmosphäre menschlicher Familien gesehen werden. Philosophische und psychologische Erkenntnisse zur menschlichen Person als wesentlich familien-bezogen erfordern heute entschieden eine Heranbildung zur interreligiösen Begegnungsfähigkeit. Als wegweisende Vision für diesen Familiensinn der Religionen, deren gemeinsames Heiligtum die Achtung vor der Heiligkeit des Lebens bildet, dürfen die Worte von Johannes Paul II. über ihren unmittelbaren Kontext hinaus verstanden werden: "Die Familie muss wieder als das Heiligtum des Lebens angesehen werden. Sie ist in der Tat heilig: Sie ist der Ort, an dem das Leben, Gabe Gottes, in angemessener Weise angenommen und gegen die vielfältigen Angriffe, denen es ausgesetzt ist, geschützt wird und wo es sich entsprechend den Forderungen eines echten menschlichen Wachstums entfalten kann. Gegen die sogenannte Kultur des Todes stellt die Familie den Sitz der Kultur des Lebens dar." (Enzyklika Centesimus annus (1991), 39) Da die Behauptung einer universalen Gemeinschaft (der buddhistische "Sangha", die christliche "Kirche", die grenzenlose Toleranz des hinduistischen "advaita", die muslimische "umma", die "natürliche Religion" des Neuheidentums usw.) in gleicher Weise von allen Religionen vertreten wird, erhebt sich die Frage, ob dieses Element des Gegensatzes sich nicht paradoxerweise gerade als Punkt der Begegnung zur Schaffung einer fruchtbaren Interkulturalität erweisen könnte. Es scheint, dass der Kern des Problems genau im Zusammenspiel von einem Subjektivismus der eigenen Werte und Glaubensinhalte und der Wir-Gemeinschaft eines fruchtbaren und entspannten Zusammenlebens liegt. Gefordert wäre also ein interaktives und symbiotisches Modell, nach dem alle religiösen Ausdrucksweisen gleichzeitig bestehen. Aber auch philosophisch-theologisch erscheint die problematische "Schnittmenge" gegenseitiger Universalansprüche weder mit einem verabsolutierenden noch mit einem relativierenden Subjektivismus, sondern nur mit einer offenen Transparenz zu lösen. Im Blick auf eine Begegnung der Religionen spricht der buddhistische Religionsphilosoph Masao Abe (1915 - 2006) von einem "standpunktlosen Standpunkt, der jeden anderen Standpunkt so bestehen und wirken lässt, wie er ist, weil er selbst leer ist!" Nur in der Offenheit für den Standpunkt des Anderen, der jenseits einer verwischenden Toleranz sowohl die Anerkennung des eigenen wie des fremden Standpunktes einschließt, vermag sich Begegnung zu ereignen. Der Satz des Apostels Paulus: "Ich erkenne durch und durch, wie auch ich erkannt worden bin", entbirgt in horizontaler und vertikaler Dimension die offene Leere des religiösen Selbstbewusstseins, das sowohl mit dem Anspruch universaler Daseinsdeutung (Wahrheit als ausgrenzender Wettstreit) als auch unter dem Anspruch einer sich selbst erschließenden Wirklichkeit eine heilende, integrierende Begegnung ermöglicht (Wahrheit als relationales Geschehen). Der "Familie der Wahrheit" geht es also nicht um eine Wahrheit im dogmatisch-ideologischen Sinn, sondern um das Ereignis des Unbedingten, das den Menschen in seiner 'nackten' und bedingten Existenz trifft. In einem bewegenden Gespräch mit Vertretern des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog im April 1993 hat Masao Abe selbst sein Wort auf das christliche Heilsereignis bezogen. Im erlösenden Sterben Jesu am Kreuz ereignet sich in unüberbietbarer Tiefe der "standpunktlose Standpunkt" menschlicher Verlassenheit und Leere. Im Dasein zum Tode erstrahlt das Dasein für Alle. In Jesus, der "sich entäußerte und wurde wie ein Sklave" (Phil 2, 7), im tiefsten Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters, leuchtet die Fülle göttlicher Liebe als Ursprung neuen Lebens auf. Im Gekreuzigten sehen Christen nicht ein Zunichte Werden des Gottessohnes, sondern verehren gerade seinen "Standpunkt" einer völligen Offenheit, in der sich das Heilsgeheimnis vollzieht, das in ihm die ganze Menschheit mit dem Vater verbindet. Im Blick auf dieses Ecce homo (Joh 19, 5: "Seht diesen/den Menschen") werden die Religionen füreinander transparent. Den interreligiösen Dialog gibt es nicht um den billigen Preis eines unverbindlichen Gesprächs; er verlangt nach einem gemeinsamen Zeugnis aus der Wahrheit. Wie Benedikt XVI. sagte, schließt jedes Bekenntnis der Wahrheit notwendigerweise einen dialogischen Prozess ein: "Dem anderen wird nicht das gänzlich Unbekannte gesagt, sondern die verborgene Tiefe dessen erschlossen, was er in seinem Glauben schon berührt. Und umgekehrt ist der Verkündiger nicht nur der Gebende, sondern auch Empfangender.... Der Dialog der Religionen sollte immer mehr zu einem Zuhören auf den Logos werden, der uns die Einheit mitten in unseren Trennungen und Widersprüchen zeigt." (Die Vielfalt der Religionen und der Eine Bund, 121).
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