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Hilfreiche Texte
Heinz Gstrein
Blutiges Neujahr:
Christen unter islamischer Gewalt
© 2010 KNA. Alle Rechte vorbehalten.
Aus: Christ in der Gegenwart, 3/2010 S.
Von Algerien im Westen zieht sich eine Spur offener Christenverfolgung über das ägyptische Niltal und den Irak bis in den Fernen Osten. In etlichen islamischen Ländern hatten zum neuen Jahr Christen unter einer Welle von Gewalt zu leiden. Besonders ratlos macht der Brandanschlag auf das Institut der Weißen Väter für Arabische Literatur in Tunis, bei dem der Priester und Bibliothekar Gian Battista Malli ums Leben kam. Die Nachrichtenagentur „AsiaNews" meldete, dass sich die Zahl der Anschläge auf Christen im Irak in den vergangenen Monaten vervielfacht hat. Im algerischen Tizi Ouzou wiederum verwüstete eine Gruppe radikaler Moslems eine evangelische Kirche.
In Ägypten, in Nag Hammadi am oberen Nil, wo die in bald 1400 Jahren muslimischer Herrschaft diskriminierten und bedrängten Christen dennoch die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, eröffneten Fanatiker vor der Bischofskirche das Feuer auf die Besucher der Christmette. Sieben von ihnen sowie ein Polizist waren sofort tot; ein weiterer starb im Hospital, wo noch viele Schwerverletzte um ihr Leben ringen. Die Behörden und die regierungsgelenkten Medien beeilten sich, die eigentliche Schuld an dem Blutbad den koptischen Christen selbst zuzuschieben. Ein junger Kopte habe sich im November einem Moslemmädchen im benachbarten Dorf unsittlich genähert. Ihrer Empörung darüber hätten die sonst friedlichen Muslime jetzt mit dem weihnachtlichen Bestrafungsakt Ausdruck gegeben.
Während auch ausländische Agenturen und Korrespondenten in Kairo diese beschönigende Version verbreiteten, demonstrierten in der ägyptischen Hauptstadt Christen und ihnen wohlgesinnte Moslems vor dem Obersten Gericht gegen eine Justiz, die seit Jahrzehnten nach christenfeindlichen Ausschreitungen die Aggressoren in Schutz nimmt und die Opfer anschuldigt, oft sogar bestraft. So wurden auch jetzt wieder in Nag Hammadi 28 koptische Christen als „Mitschuldige" festgenommen.
Ebenfalls in Kairo wurde am Sitz der ägyptischen Menschenrechtsliga auf die ständige Verschlechterung der Lage ägyptischer Christen unter den Präsidenten Nasser, Sadat und Mubarak hingewiesen: Nasser war ihnen noch weniger feindlich gesinnt. Doch verbündete er sich aus politischen Gründen mit der globalen Islamismus-Bewegung. Anwar as-Sadat ging offen gegen die Kopten vor und ließ ihren Patriarchen Schenudah III. in einem Wüstenkloster inhaftieren. Mubarak wiederum machte und macht den Christen einige kosmetische Zugeständnisse, etwa die Erhebung ihres Weihnachtsfestes am 7. Januar zum Staatsfeiertag. Doch benützt er die christliche Minderheit (fünfzehn Prozent) als Sündenbock, um die wachsende radikal-islamische Bewegung vom eigenen Regime abzulenken.
In Nag Hammadi wird noch immer gegen diese christenfeindliche Haltung der Obrigkeit demonstriert. Es gab zuletzt neue Zusammenstöße, als rund 200 junge Christen vor der Kathedrale in Sprechchören die Polizei kritisierten, Angehörige der christlichen Minderheit als Bürger zweiter Klasse zu behandeln. Der koptische Bischof Anba Kyrollos stellte sich hinter die jungen Leute. Er betonte, dass von einem Vergeltungsakt für ein Sittendelikt an einer Muslimin keine Rede sein könne. Ein solches Vergehen eines Kopten sei nie angezeigt worden. Vielmehr, so der Bischof, seien nicht nur seine Gläubigen, sondern vor allem er selbst Ziel eines Mordkomplotts gewesen.
Druck der islamischen Umma
Viel weiter östlich von Suez, in Malaysia, brannten Kirchen verschiedener christlicher Konfessionen. Unter den 28 Millionen Malaysiern bilden chinesisch- und indischstämmige Christen eine Minderheit von neun Prozent. Mit ein Anlass für die Gewalt dürfte die Kontroverse sein, ob es sich bei „Allah" um den gleichen, einen und einzigen Gott von Juden, Christen und Muslimen handelt. Radikale Moslems wollen - im Unterschied zum traditionellen Islam - verlangen, dass allein ihr Gott „Allah" genannt werden dürfe. Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs hatte zunächst der katholischen Kirche erlaubt, in ihrer Zeitschrift „Herald" den Gottesnamen „Allah" zu gebrauchen. Allerdings hat die Regierung Berufung eingelegt, woraufhin das Gericht - wohl auf Druck traditionell gesinnter Politiker - das Urteil aussetzte (vgl. CIG Nr. 2, S. 22). Nun gilt weiterhin das ursprünglich erteilte Verbot, zu dem christlichen Gott als „Allah" zu beten.
Aus dem weltweit bevölkerungsreichsten islamischen Staat, aus Indonesien, wird berichtet, dass Kirchenvertreter sich aufgrund der Vorfälle in Malaysia sorgen. So erläuterte der Steyler Missionar Georg Kirchberger, dass Indonesien immer „ein bisschen unter dem Druck der muslimischen Welt", der Umma, stehe. Leicht könnten Konflikte, wie die in Malaysia, nun überschwappen. Auf den Philippinen gab es zum Neujahrsbeginn einen Handgranaten-Anschlag auf die Kathedrale von Joli, was der islamischen Terrororganisation Abu Sajaf zugeschrieben wird. Verletzt wurde niemand.
Im Hintergrund der gewalttätigen Entwicklungen vom nordafrikanischen Maghreb über Ägypten bis in den Fernen Osten steht über die jeweiligen lokalen Anlässe hinaus ein gemeinsamer Ursprung: Ein erzkonservativer, aber populärer islamischer Prediger hetzte gegen die orientalischen Christen. Der 83-jährige Scheich Yussuf al-Kardauwi, der auch in Doha, der Hauptstadt des sonst eher gemäßigten Golfemirats Katar, ein islamisches Forschungszentrum führt, sagte: „Wir Muslime dürfen keine Weihnachtsfeste mehr erlauben." Man müsse den Christen in den islamischen Ländern das Christfest verbieten, es notfalls durch „islamischen Volkswiderstand" unterbinden. Al-Kardauwi gilt als einflussreiche „graue Eminenz" in der islamischen Welt. Seine Aufrufe haben mehr Gewicht als die Entscheidungen der meisten offiziellen Vertreter des sunnitischen Islam.
Gerade die koptischen Christen hatten obendrein zu Weihnachten den - natürlichen - Tod eines der aufrechtesten Anwälte für Religionsfreiheit in Ägypten zu beklagen: Adly Abadir Youssef, der fast neunzigjährig gestorben ist, hatte sich vorrangig für Menschenrechte in seiner Heimat eingesetzt und zu diesem Zweck eine Stiftung gegründet. Er geriet in Konflikt mit Präsident Nasser und floh 1961 in die Schweiz. Dort machte sich Youssef zunehmend auch als Helfer von Entbehrenden, Entrechteten und Unterdrückten jeder Art einen Namen, zuletzt durch eigene Kopten-Symposien, die 2004 und 2006 auch international Beachtung fanden.
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