Werner Hörtner {*}Drogenmacht und Droge Macht
Aus: Christ in der Gegenwart, 6/2010 S. 57-61
Wohin man in Kolumbien auch kommt, ob nach Bogotá oder Medellín, nach Popayán oder nach Santa Marta - eins findet man überall im Straßenbild der Städte: Polizei. Im Zentrum stehen an jeder Straßenecke Polizisten. Keine Fahrt auf den Überlandstraßen ohne Polizei- oder Militärkontrollen. Das Verteidigungsbudget hat sich unter Präsident Álvaro Uribe verdreifacht. Über 400 000 Personen sorgen für die "demokratische Sicherheit" im Land, dazu ein Netz von über vier Millionen Informanten. Für einen Europäer fühlt sich das unheimlich an. Doch zweifellos hat der Präsident erreicht, wofür ihm die Bevölkerung sehr dankbar ist: Die Zahl der Morde und Entführungen ging insgesamt stark zurück, auch wenn sie im vergangenen Jahr in den Großstädten wieder angestiegen ist. Aber man kann im Land wieder von einer Stadt in die andere fahren, ohne allzu großes Risiko, unterwegs ausgeraubt oder gekidnappt zu werden. Die Guerilla ist in unwegsame Berg- oder Urwaldregionen zurückgedrängt. Auch die Wirtschaft freut sich, denn durch die verbesserte Sicherheitslage fließen wieder mehr Auslandsinvestitionen ins Land. Noch im Februar 2002, nach der Ermordung einer Senatorin und der Entführung Ingrid Betancourts, schrieb die "Frankfurter Allgemeine": "Ist der zerfallende kolumbianische Staat überhaupt noch zu retten?" Heute ist Ingrid Betancourt nach sechs Jahren Geiselhaft im Dschungel wieder frei - und von einem zerfallenden Staat spricht nach Jahren des starken Wirtschaftswachstums niemand mehr, wenngleich nach dem Zusammenbruch von illegalen Finanzanlagesystemen Hunderttausende kolumbianischer Kleinanleger um ihre Ersparnisse gebracht wurden. Der Präsident fühlt sich in seiner historischen Rolle als Retter des Vaterlandes wohl. Er verfügt über eine stabile Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments und will bei den Wahlen Ende Mai erneut antreten, für eine dritte Amtszeit. Zwar ist in Kolumbien, wie in den meisten lateinamerikanischen Ländern, die direkte Wiederwahl des Staatschefs von der Verfassung untersagt. Doch auf dem ganzen Kontinent wurde dieses Verbot in den letzten Jahren zunehmend aufgeweicht, wie Entwicklungen in Ecuador, Bolivien, Venezuela und Nicaragua zeigen. Kolumbien feiert 2010 den 200 Jahrestag der Staatsgründung - auch wenn die erste Republik nur sechs Jahre lang dauerte. Am 20 Juli 1810 kam es in Bogotá zu einem Aufstand gegen die spanischen Kolonialherren und in der Folge zur Ausrufung der Republik. Doch 1816 eroberten die Spanier das Land wieder zurück. Über 7000 "Separatisten" wurden hingerichtet. Andere landeten in Gefängnissen. Damals schlug die Stunde des berühmtesten Freiheitshelden Südamerikas, Simón Bolívar. Unter seiner Führung konnten die Kolumbianer 1819 der spanischen Kolonialarmee eine verheerende Niederlage beibringen. Noch im selben Jahr wurde neuerlich die Republik Kolumbien ausgerufen, die auch das heutige Venezuela, Panama und Ecuador mit einschloss. Doch bereits nach einem Jahrzehnt zerbrach durch interne Streitigkeiten die Republik Großkolumbien. Venezuela und Ecuador spalteten sich ab und erklärten ihre Unabhängigkeit. Gewalt, Spaltungen und innere Zerrissenheit prägten auch nach der Unabhängigkeit die Geschichte des Landes. Es bildeten sich die beiden Großparteien, Liberale und Konservative, heraus, die bis vor wenigen Jahren die Geschicke des Landes bestimmten.
58Die Liberalen orientierten sich an Europa. Sie standen für Föderalismus, strenge Trennung von Staat und Kirche und Reformorientierung. Die Konservativen bauten ihre Macht auf der Oligarchie und der katholischen Kirche auf Sie vertraten ein zentralistisches und autoritäres Staatsverständnis. Das ganze 19 Jahrhundert hindurch kam es zu blutigen Konflikten zwischen den beiden Parteien. Ein wesentliches Thema war die sogenannte religiöse Frage: der Streit über die Stellung der katholischen Kirche in der Gesellschaft. Zeiten der offenen Kirchenfeindschaft - 1863 gab sich das Land sogar eine atheistische Verfassung, welche aber bereits 1886 wieder aufgehoben wurde - wechselten sich ab mit Perioden, in denen die Kirche als die moralische Autorität schlechthin galt.
Rebellen und RevolutionäreDer verlustreichste Konflikt war der nach seiner Dauer benannte "Krieg der tausend Tage" (1899-1902), in dem an die hunderttausend Menschen ums Leben kamen - bei einer Gesamtbevölkerung von damals knapp vier Millionen. Heute zählt das Land 45 Millionen Einwohner. 87,5 Prozent von ihnen sind katholisch. Der letzte, besonders grausam geführte Bürgerkrieg, die Violencia (Gewalttätigkeit) von 1948 bis 1957, brach nach einem Mord an einem populären liberalen Führer aus und forderte zwei- bis dreihunderttausend Todesopfer. Das führte die beiden Großparteien schließlich zur Überzeugung, dass es besser sei, zusammenzuarbeiten. Diese an sich lobenswerte Einsicht ist jedoch hauptverantwortlich für einen Dauerkonflikt, in dem das Land seither lebt. Liberale und Konservative führten ein Proporzsystem ein, stellten abwechselnd den Präsidenten und teilten sich alle wichtigen Posten und Institutionen untereinander auf, was zu Ämterpatronage, Klientelpolitik, Korruption und dem Verlust jeglicher demokratischen Kontrollmöglichkeit führte. Kandidaten anderer Parteien durften lediglich auf den Listen der beiden Großparteien kandidieren. In den sechziger Jahren wuchs auf dem Land, an den Universitäten und in den Intellektuellenkreisen die Unzufriedenheit. Soziale Unruhen waren die Folge. Die Wahlbeteiligung sank auf unter dreißig Prozent. In jenen Jahren entstanden die drei historischen linksgerichteten Guerillabewegungen. Die FARC (die »Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens") orientierte sich an der Sowjetunion, die ELN (das "Nationale Befreiungsheer") an Kuba und die von ihr abgespaltene EPL (das "Volksbefreiungsheer") am maoistischen China. Die FARC hatte lange Zeit einen starken Rückhalt in der Landbevölkerung, die ELN vorwiegend in der städtischen Mittelschicht. Durch ihre kriminellen Finanzierungsmethoden - unter anderem Entführung, Erpressung, Drogenhandel - haben sie jedoch in letzter Zeit viele Sympathien eingebüßt. Auch für die kolumbianische Kirche waren die sechziger Jahre nach dem Konzil eine Zeit der Umwälzung. Die Armut und die soziale Ungerechtigkeit wurden als theologische Herausforderungen stärker erkannt und als politisch-spirituelle Aufgabe gesehen. Der aus einer vornehmen Familie stammende, im belgischen Löwen ausgebildete Priester und Soziologieprofessor Camilo Torres, der als Studentenpfarrer in Bogotá wirkte, begriff die Armut der Menschen als größte Herausforderung für den Glauben. Er wollte die unerträglichen ideologischen Gräben im Land überwinden und suchte daher den Dialog zwischen Christen und Marxisten. "Warum sollen wir streiten, ob die Seele sterblich oder unsterblich ist, wenn wir beide wissen, dass Hunger tödlich ist?" Mit großem Erfolg und starker Sympathie seitens der Bevölkerung begann Torres, die Frente Unido, die Einheitsfront, aufzubauen. Jedoch wurde er mehr und mehr zu einer tragischen Figur. Nach internen Streitereien schloss er sich enttäuscht der ELN-Guerilla an und starb bei einem Gefecht mit dem Militär im Februar 1966. Der Ort seines Grabes ist bis heute unbekannt. Zwei Jahre später fand in Medellín die berühmt gewordene zweite Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe statt. Die Kirchenführer unterstützten den Aufbau von Basisgemeinden, forderten eine entschiedene Option für die Armen als Ausgangspunkt jedes seelsorglichen Handelns und prangerten scharf Korruption und Drogenhandel an. Wegen dieser mutigen Worte und den wegweisenden Initiativen galt die lateinamerikanische Kirche gerade in Europa als prophetisch, jung und wegweisend für den "Kontinent der Hoffnung". Allerdings gab und gibt es auch eine starke restaurative Gegenbewegung. Mit einigem Erfolg versuchte die herrschende Oberschicht in Verbindung mit einflussreichen Geistlichen, die autoritär-konservative Linie der Kirche wiederherzustellen. Seit damals hat sich in Kolumbien kaum etwas geändert. Die extrem ungleiche Landverteilung führt immer noch zu einer massiven Landflucht. Guerilla und staatliche Sicherheitskräfte zermürben sich in einer militärischen Pattstellung. Friedliche Versuche einer Gesellschaftsveränderung werden mit legalen oder auch kriminellen Mitteln unterbunden. Ein besonderes Übel ist die Existenz zahlreicher gut gerüsteter, militärisch ausgebildeter Banden. Bewaffnete Gruppierungen, mit deren Hilfe sich die Großgrundbesitzer vor den sozialrevolutionären Forderungen der Landbevölkerung schützten, gab es schon immer. Doch dann begann die Regierung auf Druck der USA im Sinne ihrer "Doktrin der nationalen Sicherheit", illegale bewaffnete Gruppen im Kampf gegen die Guerilla, aber auch gegen tatsächliche und vermeintliche Oppositionelle einzusetzen. Und schließlich riefen vermögende Personenkreise und Drogenhändler paramilitärische Gruppen ins Leben, um sich vor Entführungen und Erpressungen zu schützen. Aus diesen Wurzeln kristallisierte sich in den achtziger Jahren jener Paramilitarismus heraus, wie wir ihn heute kennen: illegale bewaffnete Verbände im Dienste des Staatsterrorismus, im Dienste von - auch multinationalen - Unternehmen, um Land zu annektieren und gewerkschaftliche Bewegungen auszulöschen, und immer wieder auch im Dienst des organisierten Verbrechens, der Drogenmafia. Dem Wüten dieser skrupellosen Todesschwadronen sind in den letzten 25 Jahren mindestens 25 000 Zivilpersonen zum Opfer gefallen.
Der Aufstieg des PräsidentenDer derzeitige Präsident Álvaro Uribe ist einer der schillerndsten Amtsinhaber in der 200-jährigen Geschichte des unabhängigen Kolumbien. Bereits 1982, im Alter von dreißig Jahren, errang der Jurist das Bürgermeisteramt von Medellín, der zweitgrößten Stadt des Landes, Hauptstadt des wichtigen Departements Antioquia und damals Sitz des berüchtigten Drogenkartells von Pablo Escobar. Präsident Belisario Betancour setzte ihn allerdings schon nach wenigen Monaten wieder ab - wegen seiner guten Verbindungen zur Drogenmafia, wie es inoffiziell hieß.
59In einem Dokument des amerikanischen Verteidigungsministeriums von 1991 werden 106 Personen angeführt, die nach Ansicht der Behörde mit dem Drogenkartell von Medellín zusammenarbeiten. Unter der Nummer 82 findet sich folgender Hinweis: "Álvaro Uribe, kolumbianischer Politiker und Senator, arbeitet von einer hohen Regierungsebene aus mit dem Medellin-Kartell zusammen." Derselbe Politiker ist heute der treueste Verbündete der Vereinigten Staaten in Lateinamerika. Im vergangenen Jahr errichteten die USA fast ein Dutzend Militärstützpunkte im Land, darunter einen in unmittelbarer Grenznähe zu Venezuela. 1986 wurde Uribe in den Senat gewählt. In seiner Amtszeit als Gouverneur von Antioquia (1995 bis 1997) förderte er die Schaffung von sogenannten Sicherheitskooperativen, einer Art privater Milizgruppen, durch die das paramilitärische Modell einen enormen Aufschwung erlebte. Als 2002 der Versuch der konservativen Regierung unter Andrés Pastrana scheiterte, eine Aussöhnung mit der größten Guerilla-Bewegung des Landes, der FARC, zu erreichen, war dies das größte Wahlgeschenk für Álvaro Uribe Vélez. Er verließ die Liberale Partei und bewarb sich als unabhängiger Kandidat. Er versprach den gnadenlosen militärischen Kampf gegen die Guerilla und gewann die Wahlen mit absoluter Mehrheit, allerdings bei einer Wahlbeteiligung von weniger als fünfzig Prozent. Seither hat sich das starre Parteiensystem Kolumbiens stark gewandelt. Die beiden Großparteien sind an den Rand gedrängt. Die politische Struktur ist stark auf die Persönlichkeit eines Caudillo, eines charismatischen Führers, aufgebaut, eine Rolle, die Uribe glänzend ausfüllt. Die Machtfülle des Präsidenten ist beträchtlich. Große Teile der Wirtschaft und der Medien stehen hinter ihm. Gustavo Gallón Giraldo, Direktor der kolumbianischen Juristenkommission, kritisiert: "Es gibt einen ganzen mafiösen Sektor, der sich eines großen Teils des Staates bemächtigt hat. Eine Vielzahl von Skandalen betrifft direkt den Staatschef. Zahlreiche Personen aus dem unmittelbaren Umfeld des Präsidenten und Mitarbeiter aus seiner Wahlkampagne sind in schwerwiegende Kriminalfälle verwickelt." Gerade kam wieder einmal ein Skandal ans Tageslicht. Aus einem Fonds zur Förderung kleinbäuerlicher Produktion des Landwirtschaftsministeriums wurden Dutzende große Agrarunternehmen mit hohen Beträgen gesponsert, die ihrerseits von diesem Geld für die Kampagne zur Wiederwahl Uribes "spendeten". Der "Fischer Weltalmanach 2010" beobachtet eine ausufernde Bespitzelung. In großem Umfang wurden ranghohe Militärs, Pressevertreter, Staatsanwälte, Richter, aber auch Regierungsmitglieder vom Geheimdienst illegal überwacht und abgehört. Immer wieder wird der Vorwurf laut, der Präsident habe dies selbst angeordnet. Auch die Situation der Flüchtlinge ist nach wie vor besorgniserregend. 2008 wurden 290.000 Personen gewaltsam von ihrem Wohnort vertrieben, im Jahr zuvor waren es 305.000. Etwa drei bis vier Millionen Kolumbianer gelten als Flüchtlinge im eigenen Land.
MacondianischIn seinem Weltbestseller "Hundert Jahre Einsamkeit" erzählt der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez von dem imaginären Dorf Macondo, dessen Bewohner nach einer langen Zeit der Isolation in den Kampf Lateinamerikas um Freiheit und Gerechtigkeit hineingezogen werden. Macondo ist zu einem Symbol für den magischen Realismus geworden, jene Kunstform, in der die reale Wirklichkeit mit dem Fantastischen und Wunderbaren verbunden wird, um eine tiefere Schicht der Wirklichkeit offenzulegen. Durch García Márquez ist "macondianisch" ein Synonym für "kolumbianisch" geworden, zumindest für jenes Kolumbien, das für Einfallsreichtum, Vorstellungskraft, Improvisationstalent, sprühenden Witz und auch etwas Verrücktheit steht, all das vermischt mit einem kräftigen Schuss Aberglauben, wundersamen Vorfällen und mythischen Geschichten. García Márquez ist aber auch so etwas wie das soziale Gewissen der Kolumbianer, zumindest jener, die sich für ein demokratisches, menschenwürdiges Land einsetzen. Der Schriftsteller blieb politischen Versammlungen fern und vermied revolutionäres Pathos ebenso wie marxistische Ideologien.
60Dennoch bargen seine Reportagen ein größeres revolutionäres Potenzial als die politische Arbeit der meisten seiner Zeitgenossen. Weil seine Berichte sorgfältig recherchiert waren, bildeten sie keine Angriffsfläche für die Zensur. Und die Leser erkannten in jeder Zeile die kolumbianische Wirklichkeit wieder. Auch seine späteren Erzählungen und Romane behielten - im übertragenen Sinne - diese politische Komponente bei. Von García Márquez stammt auch der Satz: "Die lateinamerikanische Unwirklichkeit ist eine so eine wirkliche und alltägliche Angelegenheit, dass sie vollständig mit dem verwechselt wird, was man unter Wirklichkeit versteht." So mutet es auch irgendwie macondianisch - unwirklich - an, dass Präsident Uribe trotz der vielen Skandale, die immer wieder auf ihn als Mitwisser oder Beteiligten hinweisen, in der Bevölkerung erstaunlich hohe Sympathiewerte genießt. Ob allerdings der geplante Volksentscheid für eine Verfassungsänderung, die ihm den Weg für eine dritte Amtszeit freimachen soll, vom Verfassungsgerichtshof gebilligt wird, ist noch offen. Kritiker trauen ihm alles zu, um an der Macht zu bleiben. Der Jesuit Fernando Torres ist Mitarbeiter der Organisation "Kairos Educativo", einer von Salesianern vor mehr als dreißig Jahren - damals unter dem Namen "Dimensión Educativa" - gegründeten Einrichtung, die, ökumenisch ausgerichtet, sich an der Befreiungspädagogik von Paulo Freire orientiert. "Kairos Educativo" arbeitet theologisch-reflexiv wie auch praktisch. Man engagiert sich in der Jugendarbeit und bildet Erzieher und Erzieherinnen aus. Torres nimmt mich mit zu einer Demonstration von Frauen aus ganz Kolumbien, wo wir Gloria Cuartas treffen. Sie war in den neunziger Jahren die berühmteste und gefährdetste Bürgermeisterin Kolumbiens. Die damals 33-jährige Sozialarbeiterin wurde 1994 an die Spitze der Bürger von Apartadö im Norden des Landes, im karibischen Streifen des Departements Antioquia, gewählt, eines der schlimmsten Zentren von Gewalt und Terror in jenen Jahren. Ihre Wahl war eine Verlegenheitslösung - alle anderen (männlichen) Kandidaten hatten Angst vor diesem Posten und lehnten ab. Die junge Bürgermeisterin wurde mitten hineingezogen in den Kampf zwischen Paramilitärs und Guerilla um die Vorherrschaft in der Region. Sie bemühte sich, in einer Atmosphäre brutalster Gewalt ein Klima der Solidarität und der Friedfertigkeit zu schaffen. 1200 Menschen wurden während ihrer dreijährigen Amtszeit in Apartadó ermordet, davon siebzehn ihrer engen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. "Ich habe erlebt, wie rund um mich herum Kinder enthauptet und Frauen vergewaltigt wurden. Ich werde nie mehr dieselbe Frau sein können wie früher, denn was ich erlebt habe, führte mich zu einem Punkt, von dem es keine Rückkehr in ein bürgerliches Privatleben mehr gibt." Die Politik war der einzige Weg, die "inneren Schmerzen" zu verarbeiten, erzählt Gloria Cuartas, die nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt für das Unesco-Netzwerk "Städte für den Frieden" tätig war. Bei den Parlamentswahlen Mitte März bewirbt sie sich auf der Liste der linken Oppositionspartei Polo Democrático um einen Sitz im Senat.
61Auch der Jesuit Javier Giraldo, Mitarbeiter der ökumenischen Kommission "Justicia y Paz" (Gerechtigkeit und Frieden), klagt seit Jahren unermüdlich und unerschrocken die Menschenrechtsverletzungen an. Er begleitet und beschützt gefährdete Personen und Gemeinschaften, wie die Friedensgemeinde San José de Apartadó, ein Modellprojekt, in dem die Bewohner sich strikt der politischen Neutralität und der Gewaltlosigkeit verschrieben haben und beharrlich und systematisch die Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen und anderen Verbrechen verlangen. Giraldo wird immer wieder aufgrund gefälschter Zeugenaussagen wegen Verleumdung oder angeblicher "Zusammenarbeit mit der Guerilla" angeklagt. Das Verhältnis von Kirchenführung und Staatschef sei zu unkritisch, klagt Javier Giraldo. "Bei der letzten Bischofskonferenz haben sie den Geburtstag von Uribe gefeiert, haben den Präsidenten beglückwünscht und ihm ein Ständchen gesungen!" Kolumbien ist eine formale Demokratie mit einem rechtsautoritären System und einer sehr langen Tradition, Gewalt als Mittel der politischen Konfliktlösung einzusetzen. Die Drogenmacht und die Droge Macht bedrohen immer wieder zivilgesellschaftliche Weiterentwicklungen. Doch ebenso gibt es immer wieder religiös oder humanistisch gespeiste Bewegungen für Frieden, für die Einhaltung des Rechts und der demokratischen Spielregeln und für eine menschenwürdige, soziale Gesellschaft. Die Europäische Union könnte eine wichtige Rolle dabei spielen, diese Bewegung zu unterstützen und zu schützen, denn Kolumbien legt großen Wert auf sein Image im Ausland. Bis jetzt waren aber die entsprechenden Bemühungen aus Europa noch zu zaghaft.
Weiterführende Literatur:
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