Matthias Hofmann {*}Iran: Die Demokratiebewegung und die Rolle der Bildung
Vielen von uns ist die islamische Revolution im Iran 1978/79 noch in guter Erinnerung. Anfänglich war die Welt schockiert über das streng religiös ausgelegte neue Staatsregime und die Welt nahm nach der Revolution nur sehr wenig Notiz von dem Gebaren vor Ort. In den drauffolgenden Jahren lasen wir lediglich noch Nachrichten, die sich mit dem Iran/Irak- Krieg (1980-88) beschäftigten. Was allerdings innenpolitisch passierte, nahm Europa nur noch am Rande wahr. Die Situation verbesserte sich auch nicht wirklich, als Ayatollah Khomeini 1989 verstarb. Also verpasste Europa den innenpolitischen Wandel, der sich vor allem im Bildungssystem des Irans vollzog. Das neue System schaffte es, die breite Masse der Bevölkerung in einen zum größten Teil kostenlosen Bildungsapparat hinein zu bugsieren, sicherlich mit einem dominanten religiösen Charakter, aber dennoch: die Masse der Perser konnte nun erstmals von einem breit angelegten Bildungsangebot profitieren, ein Umstand, den der Schah trotz aller Bemühungen nicht erreichen konnte (1957 gingen 30 % zur Schule, 1977 45 %, 1996 80 % und heute 93 %) {1}. Das Bildungsangebot bzw. die Bildungsausrichtung veränderte sich nach dem Tode Ayatollahs Chomeinis, da die Perser nicht länger gewillt waren, die Dominanz der Religion innerhalb des Bildungswesens hinzunehmen. So wurde in der 1. Hälfte der 90er Jahre ein neues Bildungssystem mit einer 8 Jahre währenden allgemeinen Schulpflicht eingeführt. Nach der Orientierungsstufe hat auch jeder Perser nun die Möglichkeit bekommen, sich mittels Berufsschule oder Abitur weiter zu qualifizieren. Zudem wurden die Unterrichtsinhalte säkularisiert. Aber so etwas will man scheinbar in Europa nicht wahrhaben, da es ja so überhaupt nicht in das vorgezeichnete Bild des Irans in der europäischen Gesellschaft passen will. Letztendlich ist es dieses, durch die Revolution injizierte Bildungssystem, dass die Menschen im Sommer 2009 auf die Straßen hat gehen lassen, um für ihr Verständnis von Demokratie einzustehen, trotz aller Repressalien, die der Staat angedroht und auch durchgeführt hat. Sicherlich ist das iranische Demokratieverständnis nicht unbedingt mit dem europäischen kompatibel, aber wer sagt denn, dass die europäische Sichtweise der Dinge der „Weisheit letzter Schluss“ sein muss? Nicht mehr lange wird das derzeitige Regime die Rufe der Demonstranten ignorieren oder niederknüppeln können, außer ... außer der Westen würde den fatalen Entschluss fassen, einen militärischen Schlag gegen den Iran zu führen, da sich dann das Regime der Nationaltreue aller Iraner und der Exilanten sicher sein könnte und sie ihre Sichtweise und Negierung der Demokratiebewegung bis auf weiteres Einhalt gebieten könnten, um gemeinsam vereint den äußeren Feind zu bekämpfen. Geben wir doch den Iranern die Chance, ihr Verständnis von Demokratie einzufordern und zu leben!
{1} Mahdiroody, Shodja: Entwicklung und Struktur des Ausbildungswesens im Iran; Osnabrück 1980, S.77 und Kehribar, Pinar, Erziehung und Bildung in Iran; Dokument Nr. V94258; http://www.grin.com {*} Matthias Hofmann, MA (geboren 1969); hat Geschichte und Orientalistik in Stuttgart und Tübingen studiert, freiberuflich. www.imago-mundi.info
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