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Matthias Hofmann {*}

Die Taliban, Symbol des afghanischen Freiheitskampfes?

 

Aus: Dokumentation, Evangelischer Pressedienst, Frankfurt am Main 2010, Nr.27-28. Seite 102-107.

Gerne betrachten wir die Taliban aus der Sicht der Europäer, aber werden wir ihnen damit überhaupt gerecht, müssen wir sie nicht vielmehr aus der Betrachtungsperspektive der Afghanen selbst wahrnehmen, um ihr Ansehen in der afghanischen Bevölkerung genauer beurteilen zu können?

Aus der Sicht der Europäer sind die Taliban ganz klar als eine islamistische Terrorgruppe zu definieren, die vor allem mit Unterstützung aus Saudi-Arabien und Pakistan einen islamischen Staat in Afghanistan errichten wollen. Sollte dieser Fall eintreten, weiß Europa schon, was man dann in Afghanistan zu erwarten hat, nämlich ein ähnliches Staatsgebilde, wie es von 1996 bis 2001 in Afghanistan bestand. Eine Staatsform die sehr stark religiös geprägt sein wird und wo Menschenrechte – nach europäischen Maßstäben – nicht wirklich Geltung haben werden. Auch bestände die Gefahr, dass dann in Afghanistan wieder terroristische Gruppierungen Unterschlupf gewährt würde, die die Absicht hätten, in der übrigen Welt Anschläge zu verüben.

Nichts desto weniger müssen wir uns dennoch die Mühe machen, das Phänomen "Taliban" aus der Perspektive der afghanischen Bevölkerung zu betrachten, um sie besser bzw. eindeutiger identifizieren und in einem zweiten Schritt Maßnahmen ergreifen, um sie in das bestehende afghanische Staatssystem integrieren zu können, denn ohne die politische Integration der Taliban wird das jetzige Staatskonstrukt nicht bestehen können.

Sind nun die heutigen afghanischen Taliban wirklich Terroristen oder sind sie afghanische Freiheitskämpfer?

Wenn man Afghanen bezüglich der Taliban befragt, bekommt man zumeist – als Europäer – die Antwort, dass diese selbstverständlich Terroristen seien. Jedoch müssen diese diesbezüglichen Antworten eher kritisch gesehen werden, da man nie weiß, ob es sich hierbei wirklich um ihre Meinung handelt oder antworten sie so, weil es ihr Gastrecht von ihnen verlangt, den Gast auf keinen Fall zu verärgern?

Um die afghanische Sichtweise bzw. Definition von Freiheitskämpfer eindeutiger erfassen zu können, ist es notwendig ein wenig auszuholen:

Spätestens seit der sowjetischen Besatzungszeit – ab Ende des Jahres 1979 – kennen wir den massiven Freiheitsdrang der afghanischen Stämme. In Ablehnung und Abscheu der diktatorischen Ungläubigen, die sich jetzt in Kabul wie auch im übrigen Land Afghanistan ausbreiteten, entfaltete sich nun ein energischer Freiheitskampf, der vor allen von den Mujahedins {1} geführt wurde. Die Schlagkraft dieser größeren und kleineren "Privatarmeen" wurde nachhaltig bestimmt durch die jeweilige Bündnispolitik jedes einzelnen Mujahed. Ihr Kampf galt der persönlichen Freiheit und die ihrer Familien und Stämme {2}.

Der Freiheitsgedanke war ihnen so wichtig gewesen, dass sie es vermieden, sich längere Zeit an einen einzelnen Bündnispartner – oder an eine Bündniskoalition – zu binden, sondern es vorzogen, in unregelmäßigen Abständen ihre Loyalität zu wechseln. Ein für uns nur schwer nach zu vollziehender Schritt, aber ein durchaus in den afghanischen Kulturen verbreiteter gesellschaftspolitischer Ansatz. Somit kam und kommt es in Afghanistan vor, dass ein heutiger Erzfeind des Staates morgen schon ein Verbündeter des Staatsregimes sein kann, aber genauso selbstverständlich auch umgekehrt {3}.

Einen Mujahed deshalb aber als illoyal zu bezeichnen trifft die Sache nicht, da hier wiederum auch das Loyalitätsverständnis aus der Sicht der Afghanen herangezogen werden muss und nicht unsere Sichtweise. Für die Afghanen ist dieses Loyalitätsverständnis ein durch Vasallentum bestimmtes Gesellschaftsmodell, welches uns Europäer auch aufzeigen sollte, dass ein demokratischer Staatsgedanke in weiten Teilen der afghanischen Kulturen noch nicht gereift ist {4}.

Für die freiheitsliebende Bevölkerung Afghanistans waren die Mujahedins in dieser Zeit Widerstandskämpfer, die "zu Recht" das kommunistische Regime in Kabul, sowie die sowjetischen und islamfeindlichen Besatzer vertreiben wollten {5}. Für das Abschütteln des verhassten sowjetischen Besatzers, nutzten die Mujahedins auch gerne die Unterstützung der USA, obwohl man auch in ihnen nicht unbedingt den "besten" Freund sah, da sie ebenfalls in ihren Augen Ungläubige waren. Nichts desto weniger nutzten sie diese "unheilige" Beziehung, um ihr Ziel "der Befreiung Afghanistans" schneller zu erreichen. Aber auch die USA wusste zu diesem Zeitpunkt von den wechselnden Loyalitäten der Afghanen und benötigten deshalb einen Mittelsmann der sich sowohl in der afghanischen, wie auch in der amerikanischen Kultur bewegen konnte, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, dass ihre "Unterstützungen" in die falschen Hände gerieten. Der Mann der Stunde hieß "Harmid Karsai."

Die Tragweite des gängigen Loyalitätswechsels bei den Mujahedins wurde der Welt wahrscheinlich erst so richtig klar, als die UdSSR im Februar 1989 Afghanistan verlassen hatte und es den Mujahedins erst nach weiteren drei Jahren gelang, die Regierung in Kabul zu stürzen. Jetzt bekam der Freiheitskampf der Mujahedin seine ersten Blessuren, da die Freiheitsideale aller Mujahedins nicht untereinander kompatibel waren und man somit wiederum gezwungen war, neue Kompromisslösungen einzugehen.

Nachdem nun die Mujahedin 1992 Kabul erobert hatten, übernahmen sie Macht im Staat. In der Folge der "Rabbani-Regierung" – ab Juni 1992 – brachen nun die Differenzen der verschiedenen Mujahedins wieder auf und man begann erneut damit, sich über die verschieden Staatsansichten kriegerisch auseinander zu setzen {6}. Vor allem tolerierten die afghanischen Paschtunen {7} kein Mitglied der Ethnie der Tadjiken {8} als Präsident über – wie sie es gerne ausdrücken – ihr Afghanistan. Also beinhaltet es für die Verwirklichung des paschtunischen Freiheitsgedankens, dass der künftige Präsident Afghanistans selbstverständlich ein Paschtune sein müsse, was natürlich ganz im Gegensatz zu dem Freiheitsgedanken der Tadjken wie auch aller anderen Ethnien Afghanistans stand.

In den nun folgenden Monaten kämpften die Mujahedins der verschiedenen Ethnien Afghanistans nicht mehr für den Freiheitsgedanken an und für sich, sondern zur Durchsetzung der jeweiligen ethnischen Ansprüche. Vielerorts war nun das gesellschaftliche Leben durch die ständig wechselten Loyalitätsbekundungen der unterschiedlichen Mujahedins geprägt. Die Territorien der einzelnen Mujahedins umfassten in jener Zeit meist nicht mehr als ein paar Dörfer. Die Bewohner der Dörfer waren zwar nun auf eine sehr direkte Art und Weise frei, jedoch endete diese sehr individuelle Freiheit des Einzelnen zumeist bereits an der jeweiligen Dorfgrenze. Dieser Umstand wiederum brachte das öffentliche Leben quasi zum Stillstand, da bereits der Versuch, das benachbarte Dorf zu besuchen mit der Erschießung des "Besuchers" enden konnte, wenn er aus einem Dorf stammte, mit dem man bzw. mit dessen Mujahedin/Warlord, man verfeindet war. Im Westen aber auch im Osten der Welt {9} wurden aus den stolzen und freiheitsliebenden Mujahedins nach und nach "Warlords," die nun ihrerseits damit begannen, ihre persönliche Freiheit über alles andere und alle anderen zu stellen. Der Staat Afghanistan selber war nicht viel mehr als ein Statist in einem ganz anderen Spiel geworden bzw. existierte eigentlich nicht mehr.

Dieses Chaos in Afghanistan beflügelte nun wiederum die pakistanischen Paschtunen jenseits der afghanischen Grenze, in der gesellschaftlichen Form der Taliban (talib = Schüler) {10}, ab 1994 zu Gunsten ihrer paschtunischen Brüder in Afghanistan einzugreifen {11}.

Diese Taliban "der ersten Stunde" hatten wohl verschiedene Unterstützer aus Nah und Fern, die ihre Vorhaben in Afghanistan nicht nur finanziell und materiell unterstützen, sondern ihnen zugleich auch noch ihre strenge Religiosität als verbindendes und straff strukturiertes Konzept zugestanden. Neben den USA waren auch die Saudis wie auch der ehemalige Präsident Pakistans Pervez Musharraf {12} dabei, mittels der von ihnen unterstützen Taliban eine neue Führungselite in Afghanistan zu injizieren, die den Machtkämpfen der Mujahedins/Warlords ein schnelles Ende zu Gunsten eines straff und religiös geführten Regimes bereiten sollte.

Die Mujahedins von einst hatten nun mittlerweile ihr heroisches Antlitz aus der Widerstandsbewegung gegen die sowjetischen Besatzer verloren und wurden von den meisten Afghanen nicht mehr als Freiheitskämpfer, sondern als bloße Verbrecher wahrgenommen.

Die Taliban erledigten ihren Auftrag gut. Sie vermochten es nicht nur gegen die rivalisierenden Warlords zu bestehen, sondern wurden ebenfalls als die "Retter in der Not Afghanistans" von der afghanischen Bevölkerung willkommen geheißen. Die afghanischen Stämme hatten ihre neuen Freiheitskämpfer, die sie aus dem Joch der Mujahedin-Herrschaften befreiten.

Die Taliban beendeten in weiten Teilen des Landes in den Jahren bis 1996 die Herrschaft der diversen Mujahedin-Territorien. Auf Grund der wechselnden Loyalitäten schloss sich auch eine nicht zu geringe Zahl der einstigen "freigeistigen" Mujahedins der neuen, aus Pakistan injizierten Bewegung der Taliban an.

Hier darf die Frage gestellt werden, in welchen Bereichen sich die Taliban von den Mujahedin im Wesentlichen unterschieden haben.
Mujahedin wie auch Taliban sahen ihre Legitimation in einer vom Islam ausgehenden Initiative. Die Mujahedin kämpften einst gegen die "gottlosen" Kommunisten und die Taliban sahen sich als Schüler einer bestimmten Auslegung des Korans. Allerdings kämpften die Mujahedins vor allem für sich (und ihre Familie/Clan) und für ihre jeweilige Kultur, die Taliban hingegen waren ein Kollektiv mit stark religiösem Element.
Die Mujahedins die sich im Laufe der Kämpfe den Taliban anschlossen, verzichteten in dem "Kollektiv" Taliban auf ihre jeweilige eigene Freiheit zu Gunsten des größeren Ganzen.

Nach der Eroberung Kabuls, Ende September 1996, übernahmen die Taliban in Afghanistan die Macht. Sofort nach ihrer Machtübernahme erklärten sie den Staat zum islamischen Emirat Afghanistan {13}. Auf Grund ihrer Anmaßung, nur sie alleine würden die richtige Auslegung des Korans praktizieren, wurde das Taliban-Regime nur von drei islamischen Ländern diplomatisch anerkannt (Saudi-Arabien, Pakistan und den Vereinigten Arabischen Emiraten) {14}.

Der Plan der Initiatoren der Taliban war zwar aufgegangen, dass aus dem in verschiedene Territorien zerfallenem Afghanistan wieder mehr oder weniger ein zusammenhängendes Staatsgebiet geworden war – nur der Norden und Nord-Osten des Landes leistete immer noch Widerstand – aber zu welchem Preis. Denn die Talibs verkündeten nun sehr direkt und konsequent ihre Vorstellungen eines islamischen Staates. War ein ziviles Leben vor ihnen wegen der rivalisierenden Mujahedins nicht mehr möglich gewesen, so wurden nun die persönlichen Freiheiten des Einzelnen – und vor allem die der Frauen – massiv eingeschränkt. Das führte vor allem zur massiven Verschlechterung des Verhältnisses zu den USA, die sogar nach der Machtergreifung der Taliban die afghanische Botschaft in Washington schlossen {15}.

Das Ziel des einstigen Freiheitskampfes der Taliban erwies sich nun als eine "Terrorherrschaft" unter religiösem Diktat. Daraufhin verloren die Taliban innerhalb der afghanischen Bevölkerung sehr schnell ihre einstige breite Zustimmung, da sich sicherlich viele Afghanen etwas anderes unter Freiheit vorgestellt hatten, als diese, welche sie unter den Taliban geboten bekamen. Somit konnten nun die eigentlich unter sich zerstrittenen Mujahedins und ihre Parteien im Norden und Nord-Osten des Landes unter ihrer neuen Bezeichnung "Nordallianz" {16} wieder als afghanische Freiheitskämpfer auftreten. Der Nordallianz gelang es sogar, ein mehr oder weniger stabiles Bündnis über mehrere Jahre (1997-2001) hinweg einzuhalten.

Link zum Wikipedia Artikel: Nationale Islamische Vereinigte Front zur Rettung Afghanistans (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Talibanfront_April_1997.png&filetimestamp=20090218085714)

Ihr Anführer wurde der charismatische Achmad Shah Massoud oder auch "Löwe des Panshir-Tals" genannt, der heutige Nationalheld Afghanistans. Dieser neuerliche Freiheitskampf stand aber anfänglich unter keinem guten Stern, da die Taliban es fertig brachten, das Widerstandsnest im Norden auf den Teilbereich der Provinz Badakshan (Nord-Osten) zurückzudrängen. Je stärker die Taliban jedoch gegen die Nordallianz vorging, desto größer wurde ihr Ansehen als Freiheitskämpfer in und für Afghanistan.

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001, sahen sich die USA wiederum genötigt, in den Konflikt in Afghanistan aktiv eingreifen zu müssen, diesmal wieder auf der Seite der Nordallianz bzw. der Mujahedins. Gemeinsam kämpfte man nun ab Oktober gegen die Taliban und bereits am 12. November 2001 marschierten die Truppen unter großem Jubel der Stadtbevölkerung in Kabul ein, das zuvor von den Taliban verlassen worden war {17}.

Link zum Wikipedia Artikel: Nationale Islamische Vereinigte Front zur Rettung Afghanistans (http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Taliban_Front_Oktober_2001.png&filetimestamp=20090129180624)

Nun zeigte sich aber wieder, dass sich die einstigen Freiheitskämpfer der Nordallianz, wie schon zuvor, schnell wieder zerstritten und nur unter dem massiven Druck der Enduring Freedom Operation, sowie auch von Seiten der ISAF die Mujahedin mehr oder weniger bereit waren und sind, ihre gegenseitigen Rivalitäten nicht in groß angelegten Gefechten zu "zelebrieren," sondern diese nur in kleineren, aber dennoch richtungsweisenden "Scharmützeln" auszutragen.

Die internationale Staatengemeinschaft die angetreten war, Ruhe und Stabilität nach Afghanistan zu bringen, konnte ihr Ansinnen nicht so umsetzen, wie man sich dies im Vorfeld des Einsatzes vorgestellt hatte. Zu viele verschiedene Interessen sowohl auf der Seite der internationalen Staatengemeinschaft, wie auch auf der Seite der neuen Repräsentanten des afghanischen Staates trafen und treffen aufeinander, um daraus ein gängiges Konzept zu erstellen. Somit wurde und werden nun wieder einmal die einstigen Befreier der Afghanen als Belastung für den Staat angesehen – hiermit sind nur die internationalen Kräfte gemeint – die auf Grund ihrer Unkenntnis der afghanischen Kulturen dazu verdammt sind, den sich jetzt abspielenden innenpolitischen Prozessen mehr oder weniger hilflos zuzuschauen {18}.

Viele Afghanen die einst gejubelt hatten, als die Taliban flohen und Afghanistan zu einem Interessenfeld der internationalen Staatengemeinschaft aufstieg, sind nun mehr als enttäuscht, da sich die versprochene Hilfe, wenn überhaupt wahrnehmbar, nur in Kabul zeigt. In den Provinzen und einzelnen Distrikten, fern ab der Hauptstadt, spürt man nur sehr wenig von der neuen Zeit. Man erkennt hingegen, dass die internationale Staatengemeinschaft scheinbar nicht Willens ist, Afghanistan in kürzester Zeit zu einem modernen Land, selbstverständlich unter Einbehaltung aller kulturspezifischen Aspekte, auf- und auszubauen. Man erkennt, dass die einstigen Mujahedins/Warlords wieder oder immer noch an den entscheidenden politischen Stellen sitzen – ob nun als Politiker in Kabul oder aber auch als Warlord in den Provinzen – und man "spürt" den versprochenen neuen Staat nicht. Alles was man erfährt, sind Enttäuschungen und leere politische Versprechungen in vielen Bereichen des täglichen Lebens {19}.

In so einer von Enttäuschung geprägter Stimmung ist es nur allzu verständlich, dass nun wiederum die Taliban, die zwar einst viel Schrecken im Land verbreitet hatten, aber auch dennoch einmal mehr für die Freiheit der Afghanen standen wieder Zulauf (Loyalitätswechsel) bekommen.

Vor allem müssen wir erkennen, dass die heutigen Taliban in Afghanistan in zwei unterschiedlichen Daseinsformen auftreten:

  • Zum einen handelt es sich immer noch um pakistanische Paschtunen, die allerdings – auf Grund ihres "ausländischen Charakters" – nur auf wenig Unterstützung aus den Reihen der afghanischen Bevölkerung hoffen können und deshalb meistens alleine agieren. Ihr Aufenthalt in Afghanistan beschränkt sich so nur auf die Zeit ihrer jeweiligen Operation, anschließend – wenn sie es überlebt haben sollten – kehren sie wieder nach Pakistan zurück.
  • Zum anderen handelt es sich um so genannte Neotaliban. Diese setzen sich aus den meisten in Afghanistan vertretenen Ethnien zusammen, außer der Ethnie der Hazara {20}. Sie können sich in vielen Fällen auf die uneingeschränkte Loyalität der afghanischen Bevölkerung stützen, da sie als die Ihren angesehen werden.

Taliban dehnen Einfluss auf fast ganz Afghanistan aus (11.09.2009); Link zu Spiegel online; http://www.spiegel.de/politik/ausland/bild-648413-13428.html

Die Bevölkerung sieht vor allem, dass diese Neotaliban die westlichen Alliierten ablehnen und sie aus ihrem Land entfernen wollen, zudem sehen sie aber auch, dass sie den pakistanischen Taliban die Unterstützung verweigern. Die Idee die sie antreibt, ist sicherlich wieder die Errichtung eines Gottesstaates, aber auch alle fremden ungebetenen "Gäste", die Afghanistan nichts, außer ein schon bekanntes politisches Chaos, gebracht haben, zu vertreiben. Die Fremden sollen gehen. Für diese Überzeugung ist der Neotalib auch bereit, den ungleichen Kampf, der in vielen Fällen seinen Tod bedeuten kann, aufzunehmen.

Der Neotalib steht "ungeschützt" für seine Ideale – einen freien und unbeeinflussten Staat zu schaffen – bis in den Tod ein. Die internationalen militärischen Kräfte hingegen verbarrikadieren sich hinter hohen Mauern und wenn sie das Lager verlassen, dann nur noch in gepanzerten Fahrzeugen, wie es einst die Sowjetunion auch getan hat. Die Frage, die sich sicherlich viele Afghanen stellen lautet: Ist die internationale Staatengemeinschaft noch ein Freund oder sind sie schon Besatzer?

Die Afghanen wissen auch, dass die internationale Staatengemeinschaft in absehbarer Zeit das Land wieder verlassen wird und was kommt dann? Ein erneuter Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Mujahedins? Wäre es da nicht besser eine zwar islamische, aber dafür stabile Staatsführung zu besitzen?

Die Vorstellungen der Neotaliban, wie ein perfekter Staat ihrer Ansicht nach aussehen müsste, sind mit den europäischen Überlegungen bezüglich Afghanistan nicht kompatibel, aber wahrscheinlich vielen Afghanen näher, als ein europäisch-demokratisches System.

Viele der modernen Staatsideologien, die von den unterschiedlichsten Strömungen nach Afghanistan getragen wurden, konnten sich doch nur im Großraum Kabul und einigen anderen wenigen Orten Afghanistans ausbreiten und etablieren. Die Mehrheit der Afghanen ist immer noch in der Abgegrenztheit ihres jeweiligen Stammesdenkens "gefangen", was wiederum nur durch ein allgemeinbildendes Schulsystem aufgebrochen werden könnte {21}. Ein solches aber in einer modernen Demokratie einzuführen ist bisher noch nicht gelungen.

Der Begriff "Freiheitskämpfer" ist, so glaube ich, in den afghanischen Kulturen bei weitem nicht so eng gefasst wie in Europa. Eine eindeutige Definition wer oder was ein Freiheitskämpfer sein soll oder wer es sein darf, kann bezüglich der afghanischen Kulturen nicht klar definiert werden. Vielmehr scheint es jeden zu bezeichnen, der sich anstrengt, die jeweilige verhasste Regierung in Kabul – egal wer die Macht vor Ort ausübt (König, Diktator, Mujahedin oder auch Taliban) – zu stören oder bestenfalls auch abzulösen. Erst wenn der einstige "Freiheitskämpfer" selbst die Regierung in Kabul, und somit zu mindestens theoretisch die Macht ergriffen hat und diese wieder nicht die von der Bevölkerung erhoffte Staatsqualität beschert, verliert er das Ansehen und den "Glanz" eines "Freiheitskämpfers" der Afghanen und wird über kurz oder lang selbst von einer neuen Generation von Mujahedins, Taliban oder wem auch immer in einem neuerlichen Freiheitskampf bekämpft.

Somit kommt man zu dem Schluss, dass es sich bei den heutigen Neotaliban – aus afghanischer Perspektive – in weiten Teilen um "befristete" Freiheitskämpfer handelt. Die pakistanischen Taliban hingegen werden oftmals wirklich als Terroristen gesehen, weil sie wieder einen anderen fremden – pakistanischen – Einfluss geltend machen wollen.

 

Anmerkungen

{1} Arabisch: diejenigen die den "Heiligen Kampf" betreiben.

{2} Vgl.: Schetter, Conrad, Kleine Geschichte Afghanistans, München 2004. Seite 102f.

{3} Hierbei ist es dienlich sich die Person des Usbeken Generals Abdul Rashid Dostum und dessen Loyalitätswechsel während der letzen drei Jahrzehnt etwas intensiver zu betrachten. Auch die Versuche des afghanischen Präsidenten Harmid Karsai den Führer der Hizbe-i-Islami Gulbuddin Hekmatyar – auch Staatsfeind Nr. 1 – als Minister für sein Kabinett zu gewinnen, oder ihn im Sinne der "nationalen Aussöhnung" zu begnadigen, zeigen dies deutlich (2005, 2009, 2010).

{4} Ein diesbezügliches Umdenken, kann eigentlich nur ein flächendeckendes durchgesetztes Schulsystem mit einheitlichem Lehrplan erreichen.

{5} Die Sowjetunion waren auf der einen Seite Besatzer, aber auf der anderen Seite verhalfen sie - zumeist mit militärischem Nachdruck – vielen Afghanen sich durch ein vorübergehendes eingeführtes säkulares Schulsystem – teils mit brachialer Gewalt – über neue Gesellschaftsmodule zu informieren. Vor allem da sie die gesellschaftsprägende Religion – den Islam – versuchten mit alle seinen Diktaten und Normen in eine Außenseiterrolle zu drängen. Vgl.: www.initiative-afghanistan.de/bildung/ (25.05.2010)

{6} Vgl.: Chiari, Bernhard (hrsg.), Afghanistan, Paderborn, München, Wien, Zürich, 2006. Seite 69ff.

{7} Die Paschtunen stellen mit 38-43% die stärkste Ethnie in Afghanistan.

{8} Die Tadjken stellen mit 25-29% die zweit stärkste Ethnie Afghanistans

{9} Mittlerweile war der Ost-West-Konflikt beigelegt.

{10} Die Taliban gründeten sich Ende der 80er Jahre aus den Reihen der paschtunischen Pakistani, die sich an den Madrassen des Landes trafen und eine politisch-religiöse Vereinigung mit militärischen Charakter ausbildeten.

{11} Vgl.: Chiari, Bernhard (hrsg.), Afghanistan, Paderborn, München, Wien, Zürich, 2006. Seite 74f.

{12} Taleban in Texas for talks on gas pipline; BBC News, 04.12.1997; http://news.bbc.co.uk/2/hi/world/west_asia/37021.stm

{13} Vgl.: Schetter, Conrad, Kleine Geschichte Afghanistans, München 2004. Seite 131f.

{14} Vgl.: Chiari, Bernhard (hrsg.), Afghanistan, Paderborn, München, Wien, Zürich, 2006. Seite 75f.

{15} Vgl.: Schetter, Conrad, Kleine Geschichte Afghanistans, München 2004. Seite 126f.

{16} Eigentlich: Nationale islamische Vereinigte Front zur Rettung Afghanistans aber in den westlichen Medien allgemein Nordallianz genannt. Vgl.: Schetter, Conrad, Kleine Geschichte Afghanistans, München 2004. Seite 127.

{17} Vgl.: Schetter, Conrad, Kleine Geschichte Afghanistans, München 2004. Seite 136.

{18} Engel, Joachim, Afghanistan und wir – einige kulturelle Aspekte; in: Afghanistan – Land ohne Hoffnung?, hrsg. von H. Schuh / S. Schwan, Brühl 2007. Seite 103.

{19} Hofmann, Matthias, Afghanistan – Aufbruch am Hindukusch?; in: Stimmen der Zeit, Freiburg i. Br., 2009. Band 11, Seite 730.

{20} Die Hazara sind von ihrer islam. Glaubensausrichtung her Schiiten im Gegensatz zu fast allen anderen in Afghanistan lebenden Ethnien. Deshalb wurden und werden sie bei sich jeder bietenden Gelegenheit von den sunnitischen Stämmen Afghanistans verfolgt und massakriert.

{21} Laut afghanischer Verfassung (Artikel 17, Kap 1, Absatz 17; Artikel 43, Kap. 2, Absatz 22; Artikel 45, Artikel 46, Kap 2, Absatz 24) hat die Regierung den Auftrag ein allgemein bildendes Schulsystem einzuführen.

 

    {*} Matthias Hofmann, MA (geboren 1969); hat Geschichte und Orientalistik in Stuttgart und Tübingen studiert, freiberuflich. www.imago-mundi.info

 

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