Stephan U. Neumann & Jürgen Springer {*}Katholisch-synodale Kirche
Aus: Christ in der Gegenwart, 44/2010 S. 491 f.
Eine Stärkung der kollegialen Mitsorge und Mitverantwortung für die Gesamtkirche" und gleichzeitig "eine Stärkung der orts- und regionalkirchlichen Zuständigkeit der einzelnen Bischöfe in ihrer uneingeschränkten Verantwortung als Hirten ihrer Teilkirche" - dafür sprach sich der Wiener Kardinal Franz König bereits 1999 aus ("Herder Korrespondenz", April). So könne nach einem Jahrhundert römischer Zentralisierung das Anliegen des Zweiten Vatikanischen Konzils verwirklicht werden, dass die Gemeinschaft der Bischöfe und eben nicht die römische Kurie allein den Bischof von Rom in der Ausübung seines Petrusamts zum Wohl der Gesamtkirche unterstützen. Königs Forderung nach mehr Mitsprache in der Weltkirche und mehr Eigenverantwortung in der eigenen Diözese war ein zweijähriger "Dialog für Österreich" vorausgegangen, der auf die Affäre um Königs Nachfolger als Wiener Erzbischof, Hans Hermann Groër, reagierte. Dieser war nach Pädophilie-Vorwürfen und einem bis dahin nicht gekannten Ansteigen der Kirchenaustritte zum Rücktritt gedrängt worden. Bei der abschließenden Versammlung 1998 zeigten "die Delegierten, die ja allesamt direkt oder indirekt von den Bischöfen vorgeschlagen oder nominiert wurden, ein beeindruckendes Verlangen nach Erneuerung, einen entschlossenen Willen zur Reform der Kirche, der quer zu allen Einzelthemen in fortlaufenden Zweidrittel- bis Dreiviertel-Mehrheiten sichtbar wurde", schrieb die "Herder Korrespondenz" seinerzeit (Dezember 1998). So sollten nach dem Willen der Versammelten Viri probati, also in Beruf und Familie bewährte Männer, zum Priesteramt, Frauen zum ständigen Diakonat und wiederverheiratete Geschiedene zum Sakramentenempfang zugelassen werden. Außerdem verlangten die Delegierten mehr Mitbestimmungsrechte für die Pfarrgemeinderäte auch bei der Bestellung eines neuen Pfarrers und mehr Mitwirkung der Ortskirchen bei der Ernennung neuer Bischöfe. Fast zwei Jahrzehnte und etliche weitere römische Zentralisierungstendenzen später geben Initiativen, das synodale Prinzip in Orts- und Weltkirche zu verwirklichen, ja zu leben, Anlass zu neuer Hoffnung. So wie Franz König das Mitwirken jedes einzelnen Bischofs am Wohl der Gesamtkirche betonte, sprachen sich bei der am letzten Sonntag in Rom zu Ende gegangenen Synode die Patriarchen der Kirchen im Nahen Osten für die Bildung eines Patriarchenrats aus, der auch an der Wahl des Papstes beteiligt sein soll. Und so wie König die uneingeschränkte Verantwortung des Ortsbischofs anmahnte, nimmt der heutige Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, das Leben, die Strukturen und die Organisation seines Bistums in einem synodalen Prozess unter die Lupe.
"Apostelgeschichte 2010"Im Rahmen der "Apostelgeschichte 2010" sollten die bis zu 1400 Delegierten aus Pfarrgemeinden, Verbänden, Bewegungen, Orden und auch Dienststellen des Bistums auf insgesamt drei Versammlungen bewusst ungezwungen miteinander feiern, beten und mit einem Kardinal "auf Augenhöhe, mit Herzensnähe und mit Bodenhaftung" sprechen, so Schönborn. Entgegen den vielen Stapeln Papier, welche der schlussendlich im Sand verlaufene "Dialog für Österreich" produziert habe, sollten die Diözesanversammlungen "papierfrei und begeistert sein; kein McKinsey von außen, sondern ein eigener, ‚geistlicher Kick-off' für einen späteren, tiefergehenden Strukturprozess", fasste die Katholische Nachrichten-Agentur zusammen. "Eine Horizontverschmelzung zwischen der Zeit der Apostelgeschichte und dem Heute (in Wien)" hat der Schweizer Pastoraltheologe Leo Karrer als Beobachter der ersten Diözesanversammlung im Oktober 2009 erlebt. Geprägt vom Dreiklang Gebet und Meditation - Begegnung und Diskussion - Vorträge und Impulse habe sich die Kirche als eine Deutungsgemeinschaft dargestellt, "die in einer dialogischen Atmosphäre die Geschichte und die Tradition selbst als Phantasieschmiede für die heutigen Herausforderungen und als Ermächtigung zum Handeln im Jetzt der Gegenwart in Anspruch nimmt", schrieb Karrer in der Zeitschrift "Diakonia" (Januar 2010). Bewusst wurde am Beginn der ersten dreitägigen Versammlung im Stephansdom erörtert, was die Glaubenden im Bistum freut, was sie trägt, was sie verbindet. "Nur wenn wir diesen Schritt schaffen, können wir es auch aushalten, dass es Probleme und Schmerzliches gibt und dass wir womöglich bei Lösungsansätzen auch zu anderen Meinungen kommen", betonte Projektleiterin Andrea Geiger. Dass spirituelle Vertiefung und Erlebnisse den Delegierten wichtig waren, beobachtete auch Karrer. Dennoch sei der Beifall "noch massiver" gewesen, "wenn es um Reformprobleme beziehungsweise heiße Eisen in der Kirche ging". Bei allem lebendigen Glaubensleben vor Ort müssten die Reformanliegen auch "gegenüber einer reformresistenten oberen Kirchenleitung mit ihrem patriarchalen und zentralistisch übersteuerten System vertreten werden". Dass die "Apostelgeschichte 2010" durchaus nachhaltig wirken kann, liegt in der Anlage - zunächst auf ein ganzes Jahr. Die zweite Versammlung im März stand im Zeichen der Mission: Wie können wir Christen unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen den Glauben in den Pfarrgemeinden so leben, dass er auch nach außen anziehend wirkt? Und wie können wir mit den suchenden, aber auch anders- oder nichtgläubigen Menschen über Gott und die Welt ins Gespräch kommen? Während der "Missionswoche", die am Pfingstmontag begann, konnten die insgesamt 660 Pfarrgemeinden die verschiedenen vorgestellten Ansätze und Projekte selbst verwirklichen und mit Leben füllen.
"Jetzt haben wir die Chance"Mit der Ankündigung, einen "Masterplan" - wörtlich übersetzt einen übergeordneten Plan - kirchlicher Strukturreformen zu erarbeiten, überraschte Schönborn zu Beginn der dritten Diözesanversammlung vom 14. bis 16. Oktober so manchen Beobachter. Bei der Vorstellung wurde auch die Motivation dafür deutlich. Derzeit erlebe man die "größte Austrittswelle der Geschichte unseres Landes seit der Nazizeit", so Schönborn. Bevor das Volk mit den Füßen abgestimmt und Fakten geschaffen hat, soll nun also gehandelt werden: "Jetzt ist der Moment, Veränderungen aktiv anzugehen. In zehn Jahren können wir sie nur mehr erleiden. Jetzt haben wir die Chance, aber auch die Aufgabe, selber mitgestaltend in diesem beschleunigten Umwandlungsprozess beteiligt zu sein", mahnte Schönborn. Neben eher vage formulierten Punkten, wie einem "Ja zur Welt", also der Bereitschaft, sich mit der säkularen Welt auseinanderzusetzen, sowie einer bewussten Wahrnehmung der "Vielfalt der Religionen, wie sie bei uns leben", und der Vielfalt der christlichen Konfessionen erregte besonders die Ankündigung, künftig auch Laien an der Leitung von Gemeinden zu beteiligen, Aufsehen. Schönborn: "Vielleicht war ich da in den letzten Jahren zu ängstlich bei der Zulassung und Förderung des Miteinanders in der Leitung unserer Gemeinden." So wie bereits in Lateinamerika und anderen Regionen der Welt könnten in Pfarrverbänden mit mehreren Gemeinden die Laien an der Leitung vor Ort beteiligt werden, wie das auch das Kirchenrecht (Canon 517, §2) vorsieht. Konkret werden beispielsweise im schwer zugänglichen Amazonasgebiet drei bis vier Ordenspriester nicht selten mit der Betreuung von hundert und mehr weit verstreuten Gemeinden beauftragt. Katecheten und Gemeindeleiter werden meist in der größeren Stadt, wo die Patres wohnen, geschult. Auf wochenlangen Reisen besuchen die Priester jede Gemeinde einmal im Vierteljahr, feiern die Eucharistie, taufen und halten eine Gemeindeversammlung ab. In der übrigen Zeit stehen die Gemeindeleiter - nicht selten Frauen - den sonntäglichen Gottesdiensten mit Kommunionausteilung vor. Die Katechetinnen bereiten auf Sakramente vor …
Gemeindeleitung durch LaienEignet sich dieses Modell aus der lateinamerikanischen Provinz aber für eine europäische Großstadt wie Wien, wo weite Wege in kaum zugängliche Dörfer mit einigen wenigen Familien kaum das Problem sind? Innerhalb des Projekts hatte es bereits einen Tag zum Thema "Gemeinden" gegeben, auf dem das Zusammenlegen von Pfarreien bei Beibehaltung lebendiger Gemeinden besprochen wurde. Doch "eine Frage wurde dabei umschifft: Wer soll diese Gemeinden leiten?", klagte Pfarrer Gerald Gump, der zum Vorstand der reformorientierten "Pfarrer-Initiative" gehört, in der österreichischen Wochenzeitung "Die Furche". Sollen die Gemeinden katholisch bleiben, brauche es eine sakramentale Grundstruktur. Diese werde zerstört, wenn "den Gemeinden die Sakramente deshalb entzogen werden, weil die Kirchenleitung menschliche Regelungen wichtiger einschätzt als das Grundrecht der Gemeinden auf Sakramente, wie die Eucharistie". Der Vorstoß einer Gemeindeleitung von Laien ist - wie der Blick auf Lateinamerika zeigt - nicht neu, und vor allem erscheint er als eine Notlösung. Nach wie vor fehlt die Bereitschaft, offen und lehramtlich über die Ursachen des aktuellen Priestermangels zu sprechen oder gar die Zulassungsbedingungen zur Priesterweihe zu bedenken. Dieser Einwand stellt jedoch nicht den von Kardinal Schönborn begonnenen Prozess der "Apostelgeschichte 2010" infrage. Die Ankündigung, bis Ostern den "Masterplan" konkret auszuarbeiten und regelmäßig alle zwei bis drei Jahre eine Diözesanversammlung abzuhalten, ist wegweisend - nicht nur für die Bistümer im deutschsprachigen Raum. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hatte ja ebenfalls neulich energisch eine Dialoginitiative vorgeschlagen, die in seiner Diözese Freiburg nun anläuft. Tatsächlich könnte Wien mit dieser Mischung aus Glaubensstärkung durch Gebet und Meditation einerseits und dem kontroversen Ringen um Strukturen für eine zukunftsfähige Kirche "eine neue bewährte Form von Synodalität" gefunden haben, wie Schönborn mit Anspielung auf die diözesanen Versammlungen der frühen Kirche sagte.
Synode der OstkirchenAuch die römische Synode der mit dem Papst verbundenen Ostkirchen war ein lebendiges Forum des Dialogs, bei dem viele Fragen und Themen angesprochen wurden, welche die Katholiken jener Weltregion betreffen, was oft in der Enge unseres bloß römisch-katholischen, also lateinischen Blickwinkels ausgeklammert bleibt. Was von den vorgetragenen Ideen letztlich umgesetzt wird, hängt freilich allein von der römischen Kirchenleitung ab. Zum Beispiel der Vorschlag, dass alle sieben Patriarchen der katholischen Kirchen des Nahen und Mittleren Ostens an der Papstwahl teilnehmen sollten. Diese innovative Initiative, die auch eine gewisse "Autonomie" der Ostkirchen würdigt, ist am Ende unter den Tisch gefallen. Insgesamt 44 Vorschläge wurden dem Papst unterbreitet. Benedikt XVI. soll sie zur Grundlage eines Schlussdokuments machen, das noch erstellt werden muss. Mit der Veröffentlichung dieser sogenannten Propositiones, einem Gottesdienst im Petersdom sowie mit einer abschließenden, eher politischen "Botschaft an das Volk Gottes" wurde die Synode für den Nahen Osten beendet (vgl. CIG Nr. 41, S. 469 und Nr. 43, S. 482). Die Bischöfe riefen die Vereinten Nationen auf, alles zu tun, damit die israelische Besetzung palästinensischer Gebiete endlich beendet und Frieden geschlossen wird. Eindringlich mahnte Benedikt XVI.: "Resigniert nie vor dem Mangel an Frieden!" Die internationale Presse bewertete die Ergebnisse unterschiedlich. So sprach die französische Tageszeitung "Le Figaro" von einer "Synode für die Freiheit". Die Schweizer "Neue Zürcher Zeitung" sowie die amerikanische "International Herald Tribune" betonten den Friedensappell. Die "Frankfurter Allgemeine" wiederum lenkte den Blick auf die mögliche kirchliche Wirkung: "Die Teilnehmer waren sich einig, dass sie enger zusammenwachsen müssen." Zwei Wochen lang haben die katholischen Patriarchen, fast alle Bischöfe der Region - 165 Personen - und auch etliche Berater mit den Kurienvertretern über die heikle Lage der vierzehn Millionen Christen beraten, die unter einer überwiegend muslimischen Bevölkerung leben. Die menschliche wie kulturelle Vielfalt der Ostkirchen wurde auch in den Gottesdiensten spürbar. Täglich feierte man die Eucharistie in einem anderen Ritus. Obwohl die Beratungen der Synode einen stark seelsorglichen Akzent hatten, berichteten Beobachter, dass während der Pausen intensiv über politische Themen diskutiert wurde. Die Bischöfe schilderten ergreifend die bedrückende Minderheitssituation. So sprach der melkitische Patriarch Gregorios III. Laham von Damaskus von einem drohenden "Kampf der Kulturen". Der syrisch-katholische Erzbischof von Mossul, Basile Georges Casmoussa, kritisierte, dass die Synode leider "allzu behutsam" diplomatisch berate. Drastisch verglich er die Lage der Christen im Irak mit dem Völkermord der Türken an den Armeniern. Was heute im Zweistromland passiert, "lässt uns an das denken, was in der Türkei während des Ersten Weltkriegs geschehen ist". Dass die Kirchen des Nahen und Mittleren Ostens ein falsches Konkurrenzdenken überwinden müssen, betonte Bischof Paul Hinder, der für Christen in Saudi-Arabien, in den Emiraten, in Katar, Jemen und Oman zuständig ist. "Gerade in dieser Region gibt es Dritte, die sich ins Fäustchen lachen, wenn wir selbst nicht imstande sind, unsere Konflikte zu lösen." Der Schweizer beklagte, dass insbesondere die römisch-katholischen Gastarbeiter aus Fernost, vor allem von den Philippinen, mit ihren religiösen Bedürfnissen in den angestammten katholischen Kirchen wenig Verständnis finden. Mit einem Blick auf die Beziehungen zum Judentum und zum Islam eröffnete David Rosen, Rabbiner und Direktor für interreligiöse Angelegenheiten des American Jewish Committee, seine Rede vor den Synodenvätern. Ihm hörten, wie die FAZ beobachtete, die Teilnehmer leider eher "teilnahmslos zu". Und dies, obwohl er die jüdisch-katholischen Beziehungen lobte und die 120 000 christlichen israelischen Araber als eine "besonders erfolgreiche Minderheit" in Israel kennzeichnete. Doch Rosen wurde unter den arabischen Bischöfen zu sehr als Vertreter Israels gesehen, das den Friedensprozess behindert. Wie schwerwiegend der palästinensisch-israelische Konflikt über der Synode lag, zeigte eine Debatte über das Selbstverständnis Israels. Der aus dem Libanon stammende melkitische Erzbischof Cyrille Salim Bustros von Newton/USA kritisierte, dass die biblische Rede vom "verheißenen Land" zur Begründung von Siedlungsaktivitäten Israels im Westjordanland missbraucht werde. Die ganze Erde sei jedoch verheißenes Land. Das israelische Außenministerium verurteilte daraufhin die Bischofsversammlung pauschal als "anti-israelische" Veranstaltung. Indes erklärte der Vatikan-Botschafter Israels, Mordechai Lewy, dass man nicht die Haltung des Vatikans kritisiere, sondern die Botschaft der Synode. Der koptisch-katholische Patriarch Antonios Naguib wies im Auftrag des Vatikans den Vorwurf energisch zurück. Die Versammlung habe das Existenzrecht Israels ausdrücklich bestätigt und das Recht Israels auf ein Leben in Frieden und Sicherheit unterstrichen.
Christlich-arabische Identität"Mit versteinerten Mienen" - so heißt es - hörten die Bischöfe dem schiitischen Gelehrten Seyed Mustafa Mohaghegh aus Teheran zu. Dieser legte dar, dass der Koran gebiete, die Beziehungen der Muslime zu Christen und Juden freundschaftlich und respektvoll zu gestalten. Er räumte ein, dass es in der Geschichte auch "dunkle Momente" gegeben habe und dass weiterhin "reaktionäre Ansichten" von Fundamentalisten ein normales Verhältnis behindern. Gegen diese Beschwichtigung protestierte der libanesische Bischof Raboula Antoine Beylouni von Antiochia. Der Koran sei keinesfalls so friedliebend, wie behauptet wird. Das heilige Buch der Moslems rufe geradezu zur Gewalt auf und lasse keinerlei Religionsfreiheit zu. Der Vatikan versuchte später, diese Aussage als "einzelne Stimme" abzuwerten. Applaus erntete allerdings der sunnitische Professor Mohammed el-Sammak aus Beirut, als er sagte: Die Christen gehören wesentlich zum Nahen Osten. Die arabische Identität würde verarmen, wenn die Christen aus der Region verschwinden. Innerhalb der Kirchen - darauf wird in den Vorschlägen hingewiesen - wollen die Bischöfe Liturgie, Jugendarbeit, Priesterausbildung reformieren und auch die Laien stärker einbeziehen. Sie beabsichtigen ein pastorales Bibelprogramm und die Einrichtung von bischöflichen Kommissionen zur sozialen Frage und zum Mediengebrauch.
"Wir sind zu sehr Alt-Orthodoxe"Der koptische Bischof Youhanna Golta von Alexandrien sagte, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils haben "die orientalischen Ufer längst noch nicht" erreicht, weil das Gewicht der eigenen Traditionen so groß sei. Auch viele getaufte arabische Jugendliche wollen - ähnlich wie die jungen Leute im Westen - mit der Kirche nichts mehr zu tun haben, weil sie ihnen als starr, antimodern, zu traditionell erscheint. Ebenso spüren die Kirchen des Ostens immer heftiger die Säkularisierung und die Entmythologisierung bisheriger Glaubensweisen. Und auch in den patriarchalischen Ordnungen des arabischen Raums kritisieren die Frauen ihre noch starke Diskriminierung in kirchlichen Institutionen. Die Synoden-Teilnehmer wünschen sich, dass ein gemeinsames Priesterseminar gegründet und caritativ besser zusammengearbeitet wird. Zudem solle der Papst erlauben, dass die verheirateten Priester, die bisher nur innerhalb eines Patriarchats eingesetzt werden, künftig auch in anderen Kirchen tätig sein dürfen. Außerdem sei eine Erneuerung auch der ostkirchlichen Liturgien notwendig "in einer zeitgemäßen Sprache". Bisher halten viele katholische Kirchen des Orients daran fest, Gottesdienste in zumeist fremd wirkenden alten Kirchensprachen - auf Koptisch, Aramäisch, Syrisch, Griechisch - zu feiern. Ein Anfang wäre, wie vorgeschlagen wird, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser auf Arabisch zu sprechen. Eine weitere Empfehlung will ein einheitliches Festdatum von Ostern und Weihnachten. Wie "La Croix" berichtet, wurde die Ökumene jedoch eher "auf Sparflamme" gehalten. Ein Teilnehmer bemängelte den zu starken Traditionalismus orientalischen Denkens in Welt wie Kirche. "Wir sind alle noch zu sehr Alt-Orthodoxe." Der Stolz der Mutterkirchen aufs Althergebrachte bremse Reformen, zum Schaden des Glaubens. Welche Synoden-Vorschläge von der obersten römischen Kirchenleitung gebilligt werden, ist derzeit offen. Die Getauften des Nahen Ostens haben durch die Synode jedoch Selbstwertgefühl gewonnen. Reformen sind in der katholischen Kirche überall notwendig, in den westlichen wie in den östlichen Teilen, in Rom, Berlin, New York und São Paulo genauso wie in Jerusalem, Damaskus, Ankara, Bagdad, Kairo… Solidarität zwischen Okzident und Orient heißt eben immer auch: das synodale Prinzip stärken, im gemeinsamen Glauben, bei aller Vielfalt der Wege.
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