Johannes Röser {*}Das Demonstrative: Kultur und Religion
Aus: Christ in der Gegenwart, 23/2010 S. 251 f.
Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat entschieden, dass ein Schüler außerhalb des Religionsunterrichts keinen Rechtsanspruch hat, in der Schule oder auf dem Schulgelände öffentlich zu beten. Damit ist das Urteil einer Vorinstanz vom letzten September zurückgewiesen. Diese erlaubte einem sechzehnjährigen Muslim, sein Ritualgebet ungestört im schulischen Umfeld zu praktizieren. Der Schüler hatte gegen die Leitung seines Gymnasiums geklagt, die ihm die kultische Betätigung verbieten wollte. Der Jugendliche hatte zusammen mit Gleichgesinnten eines Tages begonnen, auf dem Flur seinen Anorak als Gebetsteppich auszubreiten und darauf - gegen Mekka gewandt - seine religiöse Pflicht zu erfüllen. Zwischenzeitlich stellte die Schule dem Jungen dafür einen Computerraum zur Verfügung. Allerdings soll der Betroffene dieses Angebot nur gut ein dutzendmal genutzt haben. Das nährte den Verdacht, dass Yunus M. - so sein Name - das Gebet nur für einen demonstrativen Akt missbrauchen wollte. Dies gefährde den Schulfrieden. Das Gebet erhalte so einen "politisch werbenden Charakter". Die weltanschauliche Neutralität, der ungestörte Schulbetrieb und das Elternrecht anderer seien im Konflikt höher zu bewerten als die Religionsfreiheit. Bei der großen Zahl von Schülern unterschiedlicher Nationen, Kulturen und Religionen sei es zudem für eine Schule unmöglich, allen die angemessene kultische Betätigung zu ermöglichen. Dieser Sicht hat sich nun das Oberverwaltungsgericht angeschlossen. Auch scheint eine Rolle gespielt zu haben, dass der Islam durchaus flexibel Ausnahmen ermöglicht. Zum Beispiel können die vorgeschriebenen fünf Gebete täglich zusammengelegt werden. Der renommierte Göttinger Islamwissenschaftler Tilman Nagel stellte unter Berufung auf "autoritative Quellen des Islam" sogar fest, dass die fünf Gebete gar "nicht absolut verbindlich" seien. So reichten "plausible Entschuldigungen" aus, um sie nicht verrichten zu müssen. Außerdem soll es bereits Streit zwischen muslimischen Jugendlichen darüber gegeben haben, ob jemand, der nicht betet, überhaupt rechtgläubig sei. Die Gebetsaktion von Yunus M. hatte also sehr wohl einen demonstrativen, provozierenden Sinn und entsprechende Wirkung. Allerdings hat das Oberverwaltungsgericht Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig zugelassen.
Das Schulgebet des Yunus M.Die Meinungen über das Urteil gehen auseinander. Die "Badische Zeitung" meint, das Gebetsverbot sei "unverhältnismäßig". Es sei "sachlich und auch juristisch falsch". So habe das Gericht nicht belegt, "dass die Gebete des Schülers zu konkreten Auseinandersetzungen" führten. Selbst wenn es Konflikte gegeben habe - vom Kopftuchtragen bis zum Fasten: ‚Warum muss sich der Schüler das alles zurechnen lassen? Er will ja nur beten. Das deutsche Grundgesetz ist ja auch durchaus wohlwollend gegenüber den Religionen. Die staatliche Neutralität verlangt nur Gleichbehandlung. Dass die Religion im öffentlichen Raum nichts zu suchen habe, ist einfach falsch." Die "Frankfurter Allgemeine" dagegen vermutet, dass die Absichten des Schülers doch noch andere seien: "Hier geht es um weit mehr als um individuelle Religionsfreiheit." Aus "neutralem" Schweizer Blickwinkel beobachtet die "Neue Zürcher Zeitung" ein Dilemma: Das jetzige Urteil werde zwar in der Bevölkerung auf weit mehr Zustimmung stoßen als die Gebetserlaubnis der Vorinstanz, denn die Öffentlichkeit sei, "was die Einrichtung separater Gebetsräume an Schulen angeht, ausgesprochen skeptisch eingestellt". Aber in der Praxis herrsche nun doch "enorme Konfusion". Natürlich schlägt das Urteil insbesondere auf das Christentum zurück. Faktisch werden damit Ansprüche der Kirchen in die Schranken gewiesen, dass der persönliche Glaube im Kontext des staatlichen Bildungs- und Erziehungsauftrags besonderen Respekt und fördernde Anerkennung erhalten müsse. Die Niederlage des jungen Muslim ist genauso eine Niederlage christlicher Präsenz im öffentlichen Raum. Allerdings sind die Getauften, die ihr Christsein nicht ernst nehmen, selbst mit schuld an der Verdrängung und Privatisierung des Religiösen. Mit den Berliner Geschehnissen verbindet sich zweifellos der Wille von Muslimen, ihren Glauben nicht mehr im Hinterhof, sondern vor den Augen aller zu leben und damit in einer durch und durch säkularisierten, christlich nachlässig gewordenen, religiös distanzierten Gesellschaft ein Zeugnis für die Gegenwart Gottes zu geben. Es handelt sich natürlich auch um eine Demonstration von Macht und Übermacht, um starke Selbstdarstellung, wenn eine gesellschaftliche Minderheit auf diese Weise symbolisch kundtut, dass es für sie noch andere Ziele im Leben gibt als Geld, Karriere, Konsum und Spaßhaben. Das gibt Anlass zur Gewissenserforschung: Wie wirkt das auf uns? Was bewirkt das in einer Kultur, die keine christliche Kultur mehr sein will beziehungsweise als christliche Kultur auf vielen öffentlichen Feldern abgedankt hat? Religion und Kultur können auf das Demonstrative nicht verzichten, wenn sie sich behaupten wollen. Dabei ist selbstverständlich auf eine gesunde Balance zu achten und Triumphalismus fehl am Platz. Dieser wird bereits biblisch fein seziert und kritisiert, etwa im Lukasevangelium bei der Erzählung vom Zöllner und Pharisäer im Tempel: "Der Pharisäer stellte sich hin und sprach leise dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort. Ich faste zweimal in der Woche und gebe dem Tempel den zehnten Teil meines ganzen Einkommens. Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden." Trifft das Gleichnis auch auf die bundesrepublikanische Situation zu? Dann müsste man allerdings fragen, wo die christlichen "Zöllner" sind, die sich noch zum Gebet des Sündigseins aufmachen.
Islamisches SelbstbewusstseinTatsächlich drängt der Islam in der allgemeinen Wahrnehmung nach vorn. Er beansprucht zunehmend Rücksichtnahme, etwa in der Schule, am Arbeitsplatz, auch bei Feiertagsregelungen. Der Fastenmonat Ramadan ist im »christlichen Abendland" als kulturelles Ereignis inzwischen auf allen Medienkanälen gegenwärtig, während die christliche Fastenzeit trotz aller Wiederbelebungsversuche öffentlich ein Kümmerdasein führt. Der Islam beansprucht nach seinem Gründungsselbstverständnis, über das Religiöse hinaus das gesamte gesellschaftliche und damit politische Leben zu umfassen. Die Umma, das Kollektiv, lässt sich nicht aufteilen in "öffentlich" und "privat",
252"allgemeinverbindlich" und "bloß persönlich". Das Religiöse ist politisch, und das Politische ist religiös. Die westliche Meinung, diese Sphären trennen zu können, kann der Islam niemals teilen, ohne sich zu verraten. Mit dieser Überzeugung wird der Westen im Zuge der Zuwanderung und Ausbreitung muslimischer Lebensstile konfrontiert. Das macht die hiesige Unsicherheit aus und stärkt umgekehrt das islamische Selbst- und Machtbewusstsein.
Die Burka des SexuellenDie Überlegenheitsgefühle drücken sich auch im Selbstwertgefühl islamischer Frauen und Mädchen aus, die sich bewusst freiwillig anders kleiden als die Umwelt. Sie tragen gewollt den Schleier oder verhüllen sich noch mehr, um so zu demonstrieren, dass sie besser sind als die in ihren Augen verachtenswerte lasziv-libertinistische, moralisch dekadente, zur Selbstverteidigung unfähige westliche "Leitkultur", die nicht mehr leitet, sondern den geistig-geistlichen Zerfall zulässt Das mag nicht unsere Sicht der Fakten sein, aber es ist, auch wenn es uns nicht gefällt, eine unter gläubigen Muslimen verbreitete Überzeugung, die eine Wirkungsgeschichte auslöst - mit Wechselwirkungen. Nicht umsonst wird die betont andere islamische Kleiderordnung von der einheimischen Bevölkerung als aufdringlich und bedrohlich empfunden. Nicht zufällig werden von Belgien über Frankreich bis in die Schweiz und anderswo Maßnahmen diskutiert, wie man gesetzlich zum Beispiel die Burka oder andere Formen der Ganzkörperverschleierung verbieten könnte, selbst wenn es bisher nur Minderheiten sind, die sich dazu bekennen, darunter allerdings hochgebildete Frauen, Wissenschaftlerinnen, Ärztinnen usw. Es hilft außerdem wenig, wenn wir feststellen, dass manche islamische Verhüllungsordnung erst aus späterer islamischer Zeit stammt. Sie steht freilich für ein archaisches Männlichkeitsbild, wonach der Mann als potenzieller Unterwerfer und Vergewaltiger betrachtet wird, der eigentlich nichts anderes im Sinn habe, als sich Frauen gefügig zu machen - weshalb natürlich vor allem der Mann mit seiner Ehre wie seinem Besitzanspruch geschützt werden muss, damit seine Frauen seine Frauen bleiben und nicht von anderen Männern begehrt oder gar verführt werden. In der Konsequenz muss sich die Frau möglichst unattraktiv, geschlechtslos machen, um ihre Reize zu verbergen. Nicht um die Frau dreht es sich also, sondern um den Mann, wenn sich Frauen des Islam verhüllen. In Umkehrung der üblichen Sicht müsste man daher sagen, dass der Islam - insbesondere arabischer Prägung - alles andere als prüde oder gar sexualfeindlich ist. Im Gegenteil: So viel archaisches, atavistisches Sexdenken herrscht nirgendwo wie dort, wo man ständig Gefahr wittern muss, seinen sexuellen Besitz zu verlieren, allein schon durch fremde männliche Blicke. Der Islam hat sich aus nomadischer Zeit ein sexuell geradezu neurotisch wirkendes Besitztumsdenken des Mannes bewahrt. In derartiger Ausprägung von Religion und Kultur ist der Mann die Leitfigur des Sexuellen, mit allen Facetten der Sexualität, die vom betörend Schönen bis zum Bedrohlichen, ja bis zur abgrundtiefen Verlustangst reichen. Der Mann aber ist Dreh- und Angelpunkt der Lust. Man lese nur einmal jenseits politischer Korrektheit und Schönfärberei die entsprechenden Stellen im Koran und in der sogenannten Überlieferung der Äußerungen Mohammeds nach. Dass dem Mann vier Frauen und eine unbeschränkte Zahl von Sklavinnen zugebilligt werden zu seinem Vergnügen, spricht Bände. Und dass Mohammed als sogenannter "Prophet" und als Stimme Gottes von diesem sogar höchst sakral das Privileg erhält, darüber hinaus als einziger noch weitaus mehr Frauen besitzen zu dürfen, so viel, wie er will, sagt erheblich mehr über das Männer- als über das Frauenbild innerhalb des Islam aus. Dagegen hat sich in unserer westlichen Kultur auf der Grundlage des jüdisch-christlichen Ein-Gott-Glaubens die Einehe und - damit verbunden - ein aufklärerischer Personalismus durchgesetzt. In diesem Horizont wird der islamische Drang zur Verhüllung der Frau durchschaut als das, was er ist: die Symbolik männlichen Sexualbesitzanspruchs, das Gegenteil jedenfalls von personaler Partnerschaftlichkeit und Gleichberechtigung. Das heißt nicht, dass der Westen - weil christlich - sexuell moralischer sei. Wir hatten auch im christlichen Kontext bis zum höchsten kirchlichen Lehramt unsere Unsitte und Unkultur in diesem Bereich, Haupt- und Nebenehen sowie weitere Nebenbeziehungen vom mittelalterlichen Feudalismus über die Renaissance-Familiensippen bis in unsere Zeit, in der jeder Bürger, jede Bürgerin postfeudalistisch die "Privilegien" des einstigen Adels demokratisiert sexuell genießen kann. Trotzdem bleibt es dabei: Wir wollen nicht hinter den aufklärerischen Personalismus zurück, den der Islam nicht kennt. Wir wollen, dass jeder Mann jeder Frau und jede Frau jedem Mann von Person zu Person offen ins Angesicht schauen kann, partnerschaftlich, in gleichberechtigter Verantwortlichkeit. Das ist der Kern der Abneigung gegen die islamische Verhüllung der Frau. Auf der Offenheit in der Öffentlichkeit zu beharren - notfalls per Gesetz und Strafandrohung - das ist unsere säkular-liberale wie sakral-christliche Demonstration für das Personale und damit für eine Kultur der Gleichberechtigung.
Fronleichnam ohne ÖffentlichkeitAuch auf religiösem Feld sollte man die Herausforderung des Islam, als Religion öffentlich zu sein, erkennen, verstehen, annehmen. Ja, es ist eine Provokation für die Gesellschaft, in der das Christentum öffentlich fast nicht mehr in Erscheinung tritt. Ganz ohne Zwang ist der Glaube an den Erlöser Jesus Christus zu einem Sakristei-Christentum herabgesunken. Selbst die leitenden Funktionäre und Funktionärinnen der Kirche wie ihrer Institutionen werden selten noch als religiöse Autoritäten, als Glaubensautoritäten, als Männer und Frauen Gottes wahrgenommen. Vielmehr treten sie - abgesehen vom Spartenprogramm gottesdienstlicher Fernsehübertragungen - fast nur noch als sozial-moralische Appellierer oder allgemeine Lebensberater in Erscheinung, als vage Werteprediger, selbst zu Hochfesten. Faktisch stellt das Christliche keine kultisch-liturgische Öffentlichkeit mehr her, außer vielleicht bei den seltenen Ausnahmen der Kirchentage oder an Fronleichnam. Allerdings erscheint dieses Fest, das einmal mit einem real demonstrativen Charakter das Geheimnis des Glaubens auf die Straßen und Plätze der Weltöffentlichkeit trug, dem Volk allenfalls noch als ein folkloristisches Relikt, das häufig etwas amüsiert zur Kenntnis genommen wird. Außerdem findet so manche Fronleichnamsfeier nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, in abgegrenzten Arealen, Parks, auf Kirchengelände. Zum Teil wird Fronleichnam samt Rumpfprozession auf den nachfolgenden Sonntag verlegt, so dass dies nicht einmal mehr den Alltag unterbricht. Dabei ist genau das der Sinn von Kult, Religion, Gebet: um Gottes und seiner Präsenz willen Unterbrechung des Alltäglichen, Gewohnten, Üblichen. Gott selbst bricht über unser Feiern, Glauben und Denken ein in die Routine der Welt. Könnte es sein, dass uns der Islam da inzwischen um Meilen voraus ist - und dass wir uns aus gutem Grund um Verlorengegangenes für unsere Gesellschaft und Kultur sorgen müssen? Wir verteidigen unsere Freiheit angeblich am Hindukusch, wo wir und unsere Soldaten in fremder Kultur allerdings überhaupt nichts verloren haben, wo sich hingegen die Bewohner jener fernen Weltgegend gegen die als Besatzer empfundenen Truppen auflehnen. Nein, unsere Freiheit, unsere Kultur, unsere Demokratie und unsere Überzeugung, eine gute, vielleicht doch bessere Religion zu haben, müssen wir hier bei uns verteidigen, nicht militärisch, sondern geistig. Allein durch Geist überzeugt Wahrheit. Und Geist meint Praxis mehr als Theorie, vor allem religiöse Praxis.
Afghanistan oder Deutschland?Der an der Kölner Katholischen Fachhochschule lehrende Politikwissenschaftler Heinz Theisen schrieb in einem sehr beachtens- und diskussionswürdigen Beitrag der von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebenen Zeitschrift "Die politische Meinung" (Mai): "Es ist an der Zeit, die Strategien des Westens auf eine größere Selbstbegrenzung nach außen und auf mehr Selbstbehauptung nach innen auszurichten." Theisen sieht einen großen Widerspruch darin, dass wir nach außen universalistische Ziele erheben, die Welt mit unseren Ansichten von Liberalismus und Demokratie beglücken wollen, während wir nach innen alles laufen lassen und inzwischen den Relativismus pflegen, der alles irgendwie beliebig und gleich-gültig macht. Doch "weder der Kulturrelativismus noch der politische Universalismus passen zur Wiederkehr von Kulturen. Europas Kulturrelativismus hilft nicht bei der Integration von Einwanderern und auch nicht bei der Suche nach der neuen Rolle des Westens in der multikulturellen Welt. Er nimmt weder die eigenen Werte noch die anderer Kulturen ernst. Auch deren Werte erscheinen ihm relativ, jederzeit integrierbar, manipulierbar und änderbar. Doch je mehr die Globalisierungsprozesse eine Weltzivilisation ausprägen, desto mehr bestehen Kulturen auf ihrer Eigenwertigkeit. Kulturen sind nicht gleich und wollen es nicht sein." Diese Einsicht hat Folgen für die Frage, wie Menschen verschiedener Kulturkreise auf engstem Raum, innerhalb eines staatlichen Gebildes zusammenleben können. Theisen spricht sich für Koexistenz aus. Man solle sich nicht gegenseitig mit zu viel Gemeinsamkeiten überfordern, sondern über ein gewisses Minimum an Gegenseitigkeiten verständigen. Dazu gehören Toleranz, Religions- und Meinungsfreiheit, soziale Rechte und Pflichten. In der Religion und in ihren Wahrheitsansprüchen kann es demnach keine echte Verständigung und also keinen wirklich interreligiösen Dialog geben. Man müsse sich auf interkulturellen Dialog beschränken. Als Beispiel erwähnt der Politikwissenschaftler den Westfälischen Friedensschluss, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, als man darauf verzichtete, die eigene religiöse Wahrheit über andere ausbreiten zu wollen, und stattdessen das Nebeneinanderher des Konfessionellen akzeptierte. Also: Integration allenfalls als Koexistenz von Kulturen.
Koexistenz oder Inkulturation?Das allerdings wirft Fragen auf. Schon der Vergleich mit dem Westfälischen Frieden hinkt, insofern Katholiken und Protestanten nicht aus verschiedenen Kulturen, sondern aus derselben christlich-abendländischen Kultur kamen. Es wurden auch nicht verschiedene Bekenntniskulturen in einem Herrschaftsgebiet vereint. Ganz im Gegenteil spaltete man sich nach landesherrschaftlicher Bekenntnisorientierung auf und ging politisch auseinander, getrennte Wege. Das jedoch kann nicht der Weg eines modernen Staatswesens sein. Es braucht da wohl doch mehr als nur pure Koexistenz, mehr als Integration: wirkliche Inkulturation. Wie aber soll das gelingen, einerseits mit Blick auf den Islam, der seine eigenen Präsenz-Vorstellungen hat, und andererseits mit Blick auf ein Christentum, das in seiner gesellschaftlichen Realität wie geistigen Potenz schwach geworden ist? Welche "eine" Kultur könnte sich herausbilden, in die sich alle inkulturieren müssten? Oder kommt es doch zum Kulturkampf, zum Zusammenprall der Zivilisationen, spätestens wenn eine Kultur, die aufstrebt wie der Islam, mehr will als Koexistenz - nämlich Dominanz? Oder wird ganz im Gegenteil das westliche Modell der Freiheit und Freizügigkeit auf junge Musliminnen und Muslime derartige Faszination ausüben, dass sie ebenfalls auf Distanz zu ihrem angestammten religiösen Erbe gehen und sich säkularistisch assimilieren? Schließlich: Erreicht früher oder später den Islam ebenfalls jene Entmythologisierung und Emanzipation von magischen Vorstellungen, die einem reformunwilligen Christentum so schwer zu schaffen macht? Das alles ist offen. Geschichte ist nie das, was Menschen erwarten oder sich wünschen. Appelle machen keine Geschichte. Geschichte geschieht einfach. Darauf haben wir Einfluss, aber nicht uneingeschränkt. Geschichte ist Prozess, Spiel mit vielen Unbekannten. Wenn wir allerdings die christliche Religion mehr und mehr ebenfalls zur großen Unbekannten werden lassen, helfen uns selbst christliche Fassaden und letzte Sonntagsreden nicht mehr. Das Schicksal des Christentums wird über das Schicksal unserer Kultur und unserer Nachkommen bestimmen. Das bedeutet nicht Fatalismus. Es verlangt vielmehr entschiedene Aufklärung - auch über unsere Pflicht, das wehrhaft zu verteidigen und wahrhaft reformierend weiterzuentwickeln, was uns und unseren Ahnen einmal religiös wie kulturell sehr viel wert war. Glauben heißt weiterhin auch: sich zeigen, bekennen, Zeugnis geben von dem, was man erhofft, liebt, worauf man sein Leben setzt.
|