Johannes Röser {*}Der "Heilige Krieg" ist auch Krieg
Aus: Christ in der Gegenwart, 38/2010 S. 419 f.
In Deutschland halten sich momentan über 400 extrem radikale islamische Fanatiker auf, von denen eine ernste Anschlagsgefahr ausgeht. Das hat soeben das Bundeskriminalamt bekanntgegeben (vgl. CIG Nr. 37, S. 410). Ein harter Kern von hundert bis zweihundert Personen ist demnach als Terrorist bereits einsatzbereit. Dazu sollen an die dreihundert weitere kommen, die als Führungsleute selbst zwar kaum in Erscheinung treten, jedoch das Netzwerk spinnen, organisieren und sich um finanzielle Quellen, technische sowie logistische Aufgaben kümmern. Über zweihundert Personen, die aus Deutschland stammen, haben schon eine paramilitärische Ausbildung in Trainingscamps zwischen Pakistan und Afghanistan, im Jemen, in Somalia oder anderswo erhalten. Mehr als 350 Ermittlungsverfahren sind anhängig. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes wirken sogar noch weit mehr Personen im Nahbereich der Aktivisten des "Heiligen Krieges", des Dschihad: um die 3000. Von den rund vier Millionen Muslimen in Deutschland werden etwa 32 000 als extremistisch eingestuft, mit unterschiedlichen Graden. Von den 2900 Moscheen der Bundesrepublik sind hundert terroristischer beziehungsweise entsprechend hetzerischer Umtriebe verdächtig. Das berichtet der stellvertretende Direktor des Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen, Kai Hirschmann. In einem erhellenden Beitrag der "Auslandsinformationen" der Konrad-Adenauer-Stiftung (8/2010) weist er darauf hin, dass es sich zwar um ein "absolutes Minderheitenphänomen" handle. Allerdings sei festzustellen, dass sich in den letzten Jahren "die Fälle von Dschihad-Fanatikern aus Deutschland häufen". Besondere Aufmerksamkeit gilt den zornigen jungen Männern, die hier geboren wurden oder aufwuchsen und aus islamischen Zuwandererfamilien stammen. Zusehends werden Leute angeworben, die zum Islam übergetreten sind, darunter vermehrt Frauen. Jeder fünfte gewaltbereite "Gotteskrieger" in unserer westlichen Gegend soll bereits ein Konvertit sein. Die islamischen Terroristen müssen also gar nicht mehr von außen eingeschleust werden, sie kommen aus unserer Mitte. Ein englischer Fachausdruck bezeichnet sie als "Homegrown Jihadists", was soviel heißt wie: selbstgezogene, einheimische Dschihadisten.
Von der Party ins ParadiesWie Hirschmann aufgrund internationaler Studien, unter anderem aus Großbritannien, zu diesem Phänomen feststellt, kommen nicht wenige der neuen islamischen Krieger aus Familien, die ihre überlieferte Religion eher lasch oder gar nicht praktizierten. Nicht wenige haben einen völlig säkularisierten Hintergrund. Sie lebten in gutbürgerlichen Verhältnissen der gehobenen Mittel- oder sogar Oberschicht, übten einen Beruf aus oder studierten, waren gesellschaftlich integriert, oftmals schon in der dritten Zuwanderergeneration. Das wirft ein eigenes Licht auf die aktuellen Integrationsdebatten. Denn Integration an sich schützt offenbar keineswegs vor einer möglichen Radikalisierung. Der fanatische Umschlag erfolgt meistens in einem Alter zwischen 15 und 35 Jahren. Er kann mit Lebenskrisen verbunden sein, mit Konflikten in der schulischen, universitären, beruflichen Laufbahn oder in der Herkunftsfamilie. Auch der Zusammenbruch einer Liebesbeziehung oder eine Ehescheidung löst so manche tiefe geistige Wende aus. Denn um eine solche handelt es sich - und nicht bloß um Politisierung. Fast alle, die zu Kämpfern werden, tun dies nicht um einer gerechten säkularen Sache willen, sondern um Gottes, um des Glaubens, um der Religion willen. Viele suchen eine Alternative zum bisherigen eher gedankenlosen Dahinleben. Der deutsche Konvertit und Dschihadist Eric Breininger aus Neunkirchen, der Ende April bei einem Gefecht mit pakistanischen Soldaten im Grenzgebiet zu Afghanistan erschossen wurde, schrieb vier Monate nach seiner Hinwendung zum Islam in sein Tagebuch: "Ich lebte genau das Leben, welches sich ein Jugendlicher in der westlichen Welt wünscht zu leben. Jedoch konnte ich mir den Sinn des Seins nicht erklären." Ein pakistanischer Arbeitskollege bei einem Logistikunternehmen habe ihn zum Glauben gebracht, nachdem er in der Jugend den "Weg des verfluchten Satan" eingeschlagen, "die Zeit mit Frauen verbracht, Partys gefeiert und noch viele andere schlechte Dinge" getan habe. In einem über Internet verbreiteten Terror-Werbevideo erklärte er 2008: "Wenn ihr Gott und seinen Gesandten liebt, dann kommt zum Dschihad, denn das ist der Weg zum Paradies." Es geht also im Kern um Bekehrung zu Gott, um die Suche nach dem wahren, dem reinen Glauben. Hirschmann: "Fundamentalisten sehen sich selbst inmitten eines 'Religionskrieges'. Die als alleinige Wahrheit begriffene eigene Glaubensinterpretation muss verteidigt werden. Die eigenen Interpretationen und Überzeugungen werden als 'gottgewollt' angesehen, wobei der eigene 'gute Glaube' vom 'Bösen' abgegrenzt werden muss." Diese tiefreligiöse Motivation sollte erkannt und nicht als bloß politisch beschwichtigt und abgetrennt werden, wie es oft geschieht. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass in unserem religionsdistanzierten Umfeld für jene radikalen Moslems oft der Ausdruck "Islamisten" gebraucht wird, als ob es sich nicht um Angehörige des Islam handele. Jener künstliche Begriff nimmt jedoch das Selbstverständnis jener Männer und Frauen, die bewusst als Dschihadisten in einen realen und nicht nur spirituellen Krieg ziehen wollen, nicht ernst. Sie verstehen sich ja als Verteidiger des Islam, des echten Islam - und nicht als eine exotische Gruppe, die man vom Islam abtrennen, in eine andere Geisteswelt stecken könnte. Möglicherweise liegt dem europäisch-amerikanischen Bestreben, den Islamismus vom Islam abgrenzen zu wollen, sogar eine typisch säkularistische Verblendung zugrunde: Wir wollen nicht wahrhaben, was nicht sein darf, dass auch heutzutage, im dritten Jahrtausend, Menschen für Gott und für das ewige Leben - das Paradies - militärisch mit Leib und Leben streiten möchten. Für das in deren Sicht Wahre, Gute und Schöne treten sie sogar mit aller zur Verfügung stehenden Waffenmacht ein. Die westliche Sicht unterliegt hier einem gravierenden Trugschluss, einer Selbsttäuschung, wenn sie meint, das sei kein "Religionskrieg". Sie unterschätzt gefährlich das gewaltige geistige Potenzial, das bereits im Ursprung des islamischen Glaubens für jene Art des Dschihad steckt.
Religionsstifter und KriegsherrDenn Dschihad meint eben nicht nur - was viele muslimische und nichtmuslimische Ausleger des Koran immer wieder betonen - etwas Spirituelles, dass man sich innerlich bemühen, mit sich selber ringen und kämpfen soll, um Gott zu gefallen. Vielmehr schließt das durchaus ganzheitliche Initiativen bis zur Gewaltanwendung mit ein, jedenfalls in der Ausrichtung vieler einflussreicher Imame wie ihrer gelehrigen Schüler. Der "Heilige Krieg" ist da eben auch wirklicher Krieg, in seiner wortwörtlich engsten Bedeutung. Dieses Fakti-
420sche sollte nicht schöngeredet, nicht weichgespült werden. Hier hat der heutige Islam teil an einer langen Tradition, hier knüpft die Wirkungsgeschichte nahtlos an ihrer Ursprungsgeschichte an, vor allem daran, dass der Religionsstifter Mohammed in krassem Gegensatz etwa zum pazifistischen Jesus selber ein Kriegsherr war, der durch Gewalt seine Glaubenserkenntnis anderen Stämmen - "Ungläubigen" - aufzwang. Anfänge prägen Bewegungen, Institutionen, Ideen, Religionen auf Dauer, auch wenn sie sich im Lauf der Zeit "vergeistigen" mögen. Weil das historisch schon immer so war, hegen verständlicherweise viele Nichtmuslime weiterhin ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber dem Islam, selbst wenn sie viele muslimische Nachbarn als sehr liebenswerte, friedliche, gottesfürchtige und tüchtige Menschen kennenlernen. Das ständige Beteuern, Islam bedeute Frieden - Salam - hilft nicht weiter, solange Christenverfolgung, Diskriminierung Andersgläubiger, Ehrenmorde, Attentate, Steinigungen, Hand abhacken, Unterdrückung der Frau, Hetzpredigten usw. zum Repertoire muslimischer Gläubigkeit und Gelehrsamkeit gehören.
Muslimische High-SocietyTatsächlich richtet sich die überwältigende Mehrheit der Anschläge der Dschihadisten gegen Glaubensbrüder und -schwestern, gegen Muslime. Neunzig Prozent der Terrorakte betreffen Pakistan, Afghanistan, den Irak und weitere arabische beziehungsweise islamische Staaten. Der "Heilige Krieg" soll in erster Linie offenbar jene treffen, die als Abtrünnige Gott verraten haben. Dazu gehören bevorzugt arabische Herrschersippen, die in Saus und Braus leben, korrupt sind, selbstgefällig und eitel, während ihre Völker weiter in Unterentwicklung verharren und den armen Massen der islamischen Welt solidarische Unterstützung zu Entwicklung und Fortschritt verweigert wird. Diese falsche "Elite" der muslimischen High-Society ist den Dschihad-Kämpfern, die sich als die wahre Elite Gottes fühlen, ein Gräuel. Ganz besonders verachtet werden jene, die mit dem verderbten Westen, mit den "Ungläubigen", paktieren. Gegen die westlichen Nationen richtet sich der Zorn der Dschihadisten bisher erst nachrangig. Der Westen ist in den Augen jener Fanatiker moralisch verkommen, arrogant, gottlos - und trägt wesentlich Mitverantwortung für die Unterjochung der islamischen Völker, nicht erst seit den Kreuzzügen. Als gottgesandte Rächer der "Verdammten dieser Erde" sehen sich die Dschihadisten hineingenommen ins Heilswerk Gottes, als seine willigen Vollstrecker. Hier - und nicht in einer bloß säkularen Ideologie - liegt die Stärke des gotteskriegerischen Willens. Sie fürchten den Tod nicht, denn sie erwarten das ewige Leben. Sie verstehen sich als Verteidiger, nicht als Angreifer. Ihr "Heiliger Krieg" ist in dieser Sicht eine Verteidigungs- und keine Angriffsschlacht. Der Angriff auf den Islam komme vielmehr von außen. Deshalb sind Friedensappelle islamischer Autoritäten wie die des verstorbenen Großscheichs Tantawi von der Kairoer Al-Azhar-Universität immer so ambivalent, wenn die Gelehrten einerseits zwar den Terrorismus gegen Unschuldige verurteilen, andererseits aber den Verteidigungskrieg rechtfertigten. In den Augen der Dschihadisten ist das, was sie tun, nicht verbrecherisch, sondern Gott wohlgefällig. Die "heiligen Krieger" - so beobachtet der Terrorismusexperte - "grenzen sich aus und akzeptieren, von der Mehrheit abgelehnt und verfolgt zu werden. Dies gehört für sie zur Vorreiterrolle im Namen des Glaubens." Aus der ganzen muslimischen Weltgemeinschaft - der Umma - sollen Freiwillige als Elite, als Vorhut, zusammengeführt werden, um als "internationale Mudschaheddin" zur "Verteidigung gegen die Feinde und ihre Angriffe ... ihrer religiösen Pflicht nachzukommen". Dazu nehmen die Beteiligten entbehrungsreiche, lange Wege in Kauf, vom Arabischlernen über intensive Koranstudien bis zum Umgang mit Waffen. Die schärfste Waffe der globalen Organisation und informativen Vernetzung wie Rekrutierung ist das Internet, das kurioserweise die Amerikaner erfunden und bereitgestellt haben. Es gehört ohnehin zur Ironie der schrecklichen Geschichte, dass die westliche Allianz zwar Afghanistan bombardiert, dass die schlimmsten Aktivisten als "Homegrown Jihadists" jedoch unter uns aufwachsen. Für das Steuern eines Flugzeugs ins World Trade Center brauchte man keine Bomben oder Maschinengewehre, allenfalls ein Taschenmesser. Seine Terrormethode erlernte Mohammed Atta nicht in Dschihad-Camps Asiens, sondern in Flugschulen mitten in den USA. Die neuen Terroristen haben keine fremden, sondern einheimische Pässe, deutsche, britische, spanische, französische, amerikanische usw. Vielfach unerkannt leben sie wie gewöhnliche harmlose Bürger hier und dort, pendeln mal da und dann dahin. Niemand in Washington käme auf die Idee, ähnlich wie in Afghanistan in Deutschland, Frankreich, England usw. zu intervenieren oder gar diese befreundeten Staaten mit Raketen zu beschießen, obwohl die eigentliche Gefahr der Zukunft vermutlich von hier ausgeht. Dies zeigt nochmals, wie absurd jene militärische Aktion im Mittleren Osten war und ist. Sie hat nicht mehr Frieden, sondern mehr Unfrieden geschaffen und Provokation gestiftet. Sie hat erreicht, dass sich das Netzwerk Al Qaida jetzt noch viel schneller und effektiver dezentralisiert und global vernetzt. Nicht einmal das rhetorische Propagandaziel, Osama bin Laden zu fangen und auszuschalten, wurde nach neun Jahren Kampf erreicht.
Tarnung mit SchweinefleischDeutschland wird am Hindukusch verteidigt? Die "Homegrown Jihadists" führen uns die Absurdität dieser Phrase vor. Nein, Deutschland wird in Deutschland verteidigt! Viele Menschen sind irritiert, warum nicht energischer, schneller und schärfer gegen auffällig gewordene Moscheen und mutmaßliche Dschihadisten vorgegangen wird. Schützt der Rechtsstaat, über dessen "Schwäche" sich diese Leute nur amüsieren und den sie mit juristischen Tricks ausnutzen, die Verbrecher mehr als seine Bürger? Die größte internationale Gefahr für Deutschland droht, wenn man den Bekanntmachungen von Kriminalamt und Verfassungsschutz trauen kann, mittlerweile aus Deutschland selbst. Denn die Tarnung der einheimischen "Gotteskrieger" ist effektiv. Die Täuschungsmanöver sind beträchtlich. Um als radikale, zum Terrorismus angeworbene Muslime nicht aufzufallen, wird von den Führern sogar empfohlen, sich dem hiesigen Lebensstil anzupassen, Schweinefleisch zu essen, Alkohol zu trinken, sexuell ausschweifend zu leben und die verhassten Jeans als Symbol des satanischen Amerika zu tragen. Verstellung als Strategie für Massenmord. Hier kommt, wie unter anderem der Politikwissenschaftler Bassam Tibi untersuchte, jene Tradition der Taqiyya (Vorsicht, Furcht) ins Spiel, wonach der Koran empfiehlt, in Notsituationen den Glauben zu verheimlichen und sich zu verstellen. Wie menschenverachtend und wie gewaltig groß der Zynismus der Eiferer ist, zeigt ein Drohvideo von Bekkay Harrach alias "Abu Talha, der Deutsche" mit dem Titel "Ein Rettungspaket für Deutschland". Unter anderem heißt es da: "Unsere Atombombe ist eine Autobombe, jeder Muslim kann sie sein." Und: "Die Taliban und Al Qaida sind wie eine Primzahl: nur durch 1 und sich selbst teilbar." Solche Gewalttäter sind keine "Irren", sie sind oft hochintelligent, sie handeln rational, logisch, cool. Man kann sie nur mit energischsten Mitteln bekämpfen. Den geistigen humanen Dschihad gegen den realen gewalttätigen Dschihad können allerdings nur die Muslime selber führen, indem sie selbstaufklärerisch ihre Glaubensvorstellungen neu bedenken, entmythologisieren, reinigen und spirituell vertiefen. Nur die Muslime können - mit ihren verantwortungsbewussten Gelehrten - die Eiferer in den eigenen Reihen von einem "Gotteswahn" zu Gott führen, zu einer Verehrung des Heiligen in Respekt vor dem Heiligen Andersgläubiger, die keineswegs "Ungläubige" sind. Von der geistig-religiösen Stärke unserer ureigenen Kultur, von der Kraft überzeugenden Christseins wiederum hängt ab, was sich im Wettbewerb der Ideen und Lebensziele für unser Staatswesen als tragend erweisen wird. Wer seine einstmals christlich geprägte Leitkultur vernachlässigt oder wegwirft, muss sich nicht wundern, wenn sie zerschlissen wird und an Plausibilität verliert. Das fremde Christliche wurde unseren Ahnen einmal zum Einheimischen, Vertrauten. Eine Gesellschaft, die will, dass sich das Christliche mit der davon getragenen Kultur weiterentwickelt, muss dafür etwas investieren, kollektiv wie individuell: Neugier, Leidenschaft, vor allem religiöse Nachdenklichkeit. Auch die Islamfrage der Integration ist nicht bloß eine pragmatische, soziale, politische, bildungstechnische, säkulare, sondern eine wesentlich religiöse.
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