Jürgen SpringerTauwetter am Bosporus?
Aus: Christ in der Gegenwart, 1/2010 S. 5-9
In der Fünfzehn-Millionen-Metropole Istanbul wird Allah täglich millionenfach angerufen. Regelmäßig hört man die Muezzins. Ihr lang gezogener Sprechgesang des "Allahu-akbar" ("Gott ist groß") vermischt sich je nach Standort zu einem modern-dissonanten Klang, mitunter in gewaltiger Lautstärke. Die sunnitische Mehrheit gibt den Ton an. Moscheekuppeln und Minarette sind ungezählt. Die muslimische Minderheit der Aleviten trifft sich in ihren Kulturzentren zum Cem (wörtlich übersetzt: Versammlung) und feiert dort Gottesdienst mit rituellen Tänzen und gemeinsamen Gesängen. Daneben gibt es den privaten Lobpreis unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit, wie er von Juden oder Christen in den Synagogen oder in den Kirchen angestimmt wird. Und schließlich finden sich auch nicht wenige Menschen, denen jede Form der Religion fremd ist. Obwohl sich 99 Prozent der Bevölkerung zum Islam bekennen, gibt es gerade in Istanbul eine große Zahl säkular denkender Muslime, die zu ihrer Religion ein distanziertes Verhältnis haben. Sie beobachten die Renaissance des öffentlichen Bekennens, die durch die Regierung Erdogan gezielt gefördert wird, nicht selten mit einer Mischung aus Befremden und Faszination.
Der Chefredakteur pilgertZum Beispiel Ertugrul Özkök. Der 61-jährige Chefredakteur von "Hürriyet", der drittgrößten türkischen Tageszeitung, hatte sich im September erstmals zur islamischen Pilgerfahrt nach Mekka, der Hadsch, aufgemacht, nachdem er zuvor auf der berühmten amerikanischen Route 66, in Kathmandu und in Tibet unterwegs war. "Ich bin Muslim, aber das Leben hat mich erst jetzt auf die Suche nach der geheiligten Erde des Islam geschickt." In seiner Zeitung hat er darüber berichtet. Die Aktion ist ungewöhnlich, denn "Hürriyet" ist liberal ausgerichtet und gilt mit einer Auflage von 450000 Exemplaren als Hort des Kemalismus, also jenes Ordnungsverständnisses Kemal Atatürks, wonach Religion und Staat strikt getrennt sein sollten. Özkök bekennt in seiner Zeitung, dass er an Gott glaubt und dass es sinnvoll sein kann, sich auf eine Pilgerfahrt zu begeben. Doch aufgrund seiner "sehr individualisierten Seele" habe er allergrößte Schwierigkeiten mit religiösen Massenveranstaltungen. Ob sich ihm die Rituale der Hadsch erschlossen haben, lässt er offen. Er will auch weiterhin nicht fasten oder opfern. Aber im "geordneten Chaos" der Pilgermassen, die unruhig unterwegs sind, habe er sich als unruhig Suchender wiedergefunden. Das religiöse Leben in der Türkei beschäftigt auch den Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk in zahlreichen Büchern. Der wohl bedeutendste zeitgenössische Dichter seines Landes hat sich immer wieder mit seiner Heimatstadt Istanbul auseinandergesetzt, ihre Gegensätze aus westlich-europäischem Lebensstil und traditionell-islamischer Orientierung regelrecht besungen. Die überbordende Fülle dieser Stadt, ihre pulsierende Vitalität beschreibt er einmal mit einem Blick von seinem Stadtviertel über das Meer: "Ich meine die ... über Nacht entstandenen Bauten, die Verkaufsbuden, Bars, Pavillons und Nachtlokale, die Lunaparks mit ihren Karussells, die Spielkasinos, Moscheen, Derwisch-Gemeinden und Nester marxistischer Fraktionen, die illegalen Plastikateliers und Nylonstrumpffabriken. Auf der Seite ruhende Wracks der Gemeinnützigen Dampfschifffahrtsgesellschaft und weite Felder, bestellt mit Quallen und Brauseflaschendeckeln werden in diesem ... Hexenkessel zu sehen sein." In Pamuks Familie spielte der Glaube keine Rolle. Doch man ist Religiösem gegenüber nicht ignorant. Im "Spiegel" hat er sein Verhältnis zur Religion erläutert: "Ich bezeichne mich selbst als jemanden, der aus einer muslimischen Kultur stammt. Ich würde jedenfalls nicht sagen, dass ich ein Atheist bin. Also, ich bin ein Muslim, den mit dieser Religion vor allem historische und kulturelle Identifikation verbindet. Für mich gibt es keine persönliche Verbindung zu Gott; da wird es transzendent. Ich identifiziere mich mit meiner Kultur, freue mich aber, auf einer toleranten geistigen Insel zu leben." Ganz ähnlich hat Hasan Aka, einer der türkischen Redakteure, der uns auf unserer Reise begleitet hat, geantwortet. Das Alkoholverbot erscheint eher als kulturelle Sitte denn als religiöse Pflicht. Die türkischen Kollegen wurden in Gastarbeiterfamilien in Deutschland geboren und arbeiten bei türkischen Medien im Rhein-Main-Gebiet, bei den Zeitungen "Hürriyet", "Türkiye", "Milliyet", "Zaman" oder auch bei elektronischen Medien. Es war ihnen ein Anliegen, ihren deutschen Kollegen ihr Heimatland zu präsentieren, seine Politik, seine Religionen, seine gesellschaftlichen Entwicklungen. Beim runden Tisch war der Wunsch entstanden, in die Türkei "einzutauchen", zu zeigen, dass sich am Bosporus ein Tauwetter anbahne, das alle Schichten der Gesellschaft erfasst habe.
In der ReligionsbehördeDie neunzehnköpfige Gruppe begab sich folglich zuerst nach Ankara, ins organisatorische Herz des Staates, wo seit der Gründung der modernen Türkei Parlament und Regierung, Diplomatie und Militär ihren Hauptsitz haben. Auch die staatliche Religionsbehörde ist dort angesiedelt. Wir treffen Ali Dere, einen der führenden islamischen Theologen dort. Er ist verantwortlich für die Ausbildung der Imame und deren Entsendung ins Ausland. Der Islamgelehrte hat in Göttingen promoviert und hat in Ankara seit 1999 den Lehrstuhl für Hadithwissenschaften, also die Lehre von der Auslegung der Sprüche Mohammeds (Hadithe), inne. Das "Diyanet Isleri Baskanligi", wie das "Präsidium für religiöse Angelegenheiten" auf Türkisch heißt, ist die Religionsbehörde des laizistisch ausgerichteten Staats. Eigentlich ein Widerspruch in sich. Dafür dass die Verfassung eine strikte Trennung von Staat und Religion vorsieht, übt die Regierung eine starke Kontrolle über die Religion aus. Atatürk wollte so bei der Staatsgründung 1923 islamistische Strömungen überwachen und vermeiden, dass diese die Modernisierung des Landes, etwa durch die Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, unterlaufen. Die Behörde ist ein gewaltiger Apparat. Offizielle Zahlen von 2007 geben an, dass mehr als 84 000 Menschen dort beschäftigt sind, davon 60 641 Imame, die für mehr als 79 000 Moscheen im Inland zuständig sind. Hinzu kommen 1804 Gotteshäuser im Ausland. Das Amt gestaltet die Korankurse in den Moscheegemeinden, verfasst Freitagspredigten, entsendet Prediger, Rechtsgelehrte und Hilfskräfte und finanziert den Unterhalt der Sakralbauten. "Hassprediger akzeptieren wir nicht", sagt Ali Dere. Theologisch betrachtet, gibt sich das Diyanet, verglichen mit anderen islamischen Ländern, eher gemäßigt. So wurden in Kayseri und Istanbul 2005 erstmals zwei Frauen zu verantwortlichen Gelehrten ernannt, wenn auch nur als Stellvertreterinnen des jeweiligen Muftis. Doch die Zahl der Frauen, die als Islam-Gelehrte in den Moscheegemeinden arbeiten, nimmt langsam, aber
6stetig zu. Ali Dere gibt zu, dass bei der Entsendungspolitik in der Vergangenheit, insbesondere was Deutschland angeht, Fehler gemacht wurden. "Wir haben leider nicht immer die besten Leute ins Ausland geschickt, wie man es eigentlich erwarten darf." Heute aber hegt er keinen Zweifel daran, dass die religiösen Leiter vor Ort eine enorme Anstrengung in der Integrationsarbeit leisten. Tatsächlich durchlaufen die Theologen, die ins Ausland möchten, ein Auswahlverfahren, das auch von Fachleuten hierzulande als beachtlich eingestuft wird. Eine wesentliche Frage neben der theologischen und charakterlichen Eignung ist die Fähigkeit, sich in einer Fremdsprache auszudrücken. Wer nach einer Prüfung und einer Befragung durch eine Theologenkommission als geeignet befunden wird, durchläuft einen entsprechenden Sprachkurs, der auch mit dem kulturellen Umfeld des Gastlandes vertraut macht.
Koran und DemokratieDere berichtet, dass man seit fünf Jahren verstärkt türkischstämmige junge Leute im Ausland anwirbt, die einen Schulabschluss mit Studienberechtigung erworben haben und sich für den Imam-Beruf interessieren. Es sind in der Regel Nachkommen der Gastarbeiter-Generation. Derzeit studieren mehr als hundert junge Leute aus Deutschland in Istanbul und Ankara. Insgesamt liege die Studentenzahl jener, die extra zum Islam-Studium in die Türkei kommen, bei 240. Bewerber, so Dere, gebe es gut dreimal so viel. Und welche Theologie, welches Denken wird vermittelt? Dazu treffen wir an einer der herausragenden islamischen Forschungseinrichtungen des Landes, dem "Institut für Islamforschung", kurz Isam (Islam Araetirmalari Merkezi), Tahsin Görgün. Das Institut versteht sich als eine reine Forschungsstätte, die der Lehre an den Universitäten zuarbeitet. Hauptaufgabe ist die historische, soziale und theologisch-philosophische Erforschung des Islam. Am Isam befindet sich die umfassendste Bibliothek der Türkei, die auch von Islamgelehrten anderer Länder geschätzt wird. Der 49-jährige Wissenschaftler ist eine Kapazität, wenn es um die Frage geht, wie modernes westliches und orientalisches Denken sich gegenseitig befruchten können. Lange hatte er einen Lehrauftrag in Berlin und Frankfurt am Main. Er weist darauf hin, dass es am Institut auch fächerübergreifende Studien gebe, etwa zu Themen der Religionspsychologie, Literaturwissenschaft oder Religionssoziologie. Grundsätzlich verstehe man sich aber als Institut für islamische Theologie, was nicht vergleichbar sei mit der Islamwissenschaft in Deutschland, die vor allem Orientalistik betreibe. Diese, wiederholt er eine altbekannte Kritik, sei eher ein historisches Herangehen "über den Islam", aber keine Forschung "aus dem Islam". Görgün schätzt Heidegger und Habermas - und er vertritt die Meinung, dass der Koran keine staatliche Ordnung vorgibt. Wer den Koran als Verfassung sieht, missbraucht ihn." Wie aber kam es dann zur Politisierung der Religion? Es seien vor allem die politischen Umstände des 19. Jahrhunderts, nicht zuletzt die Kolonialisierung durch westliche Mächte gewesen, die das Leben vieler Muslime politisiert hätten. "Der Islam, wie ich ihn verstehe, behindert eine Vielfalt der Ordnungen nicht. Diese war und ist ja auch Bestandteil des islamischen Glaubens." Auf die Frage, ob Islam und Demokratie miteinander vereinbar seien, sagt Görgün: Weder schreibe der Islam die Demokratie vor noch verbiete er sie. Görgün arbeitet für eine Modernisierung seiner Religion, dafür dass der Glaube sich vor der Vernunft verantworten muss. Er möchte die politische Seite des Islam, seine Unmittelbarkeit in Fragen politischer Ordnung, eingebettet sehen in eine neue kritisch-aufklärerische Reflexion. Das sei aber noch ein langer Weg. Wie aber sieht die Wirklichkeit aus? Die Begegnung mit Kurden, Aleviten und Christen in Istanbul lässt die Bruchstellen hervortreten, lässt erkennen, dass im Nachgang des "Tauwetters" am Bosporus immer auch neue Unwetter drohen. So hat der EU-Beitrittsprozess zwar manches in Bewegung gebracht. Doch mitten in die politischen Bestrebungen der islamischen Regierungspartei, ein neues Verhältnis zu den Minderheiten zu finden (vgl. CIG Nr. 50, S.563), platzt die Nachricht vom Verbot der wichtigsten kurdischen Partei DTP durch das türkische Verfassungsgericht. Nicht nur "Spiegel online" befürchtet, dass dadurch der erst zarte Demokratisierungsprozess massiv infrage gestellt wird. Die elf Richter, die einstimmig geurteilt haben, sehen die Kurdenpartei als politischen Arm der verbotenen Arbeiterpartei PKK, die sich nicht ausreichend von Gewalt distanziert habe. Zumindest hat die DTP nie eindeutig den Terror der PKK verurteilt. Deshalb erhielten die 21 gewählten DTP-Parlamentarier jetzt ein fünfjähriges
7Politikverbot - ein Affront auch gegen die Regierungspartei AKP, weil sie es war, die den jüngsten Dialog mit den Kurden angestoßen hatte. Der Kurdenkonflikt reicht weit in die Geschichte vor Atatürk zurück. Heute gehören fast zwanzig Prozent der türkischen Bevölkerung - rund dreizehn Millionen Menschen - dieser Volksgruppe an. Es ist die größte ethnische Minderheit der Türkei. Premierminister Recep Tayyip Erdogan hatte überraschend im August eine "kurdische Initiative" angekündigt, um den seit 25 Jahren dauernden blutigen Konflikt zu beenden. Es war eine mutige politische Willenserklärung, die sich von allem abhob, was türkische Regierungen zur Lösung des Kurdenkonflikt bisher unternommen hatten: die politischen Rechte stärken, die kurdische Sprache legalisieren, eine Amnestie für PKK-Kämpfer, die der Gewalt abgeschworen haben. Ob es je dazu kommen wird, ist allerdings zweifelhaft. In einem Gedicht hat die kurdische Dichterin Bejan Matur (geboren 1968), eine Schriftstellerin, die vor allem in der jungen Generation von Türken und Kurden große Beachtung findet, die Lage ihres Volks in poetische Bilder verdichtet: "All die roten Steine auf Erden sind beschmutzt / mit dem Blut Gottes / Und deshalb erziehen uns rote Steine / in unserer Kindheit / Solange wir Kinder sind, begleitet / uns Gott / Er berührt unsere Ohrringe / und Halsketten / Er dringt ein und versteckt sich in unseren glänzenden Schuhen / und in den Falten unserer kindischen Bänder / / In der Welt sein ist Schmerz - / das habe ich gelernt." Als Bejan Matur in der Istanbuler "Schriftsteller- und Journalistenvereinigung" zum Interview kommt, merkt man ihr anfangs nichts von diesem Schmerz an. Die aus einer alevitischen Familie stammende Juristin kennzeichnet das Vorgehen der AKP-Regierung als Existenzfrage der türkischen Republik überhaupt, weil der Modernisierung des Staates unbedingt eine Versöhnung mit den Kurden vorausgehen müsse. Nas erwarten Sie?", fragt ein türkischer Journalist. Antwort: "Dass endlich in der Verfassung die Rechte der Kurden gleichberechtigt mit anderen Minderheiten genannt werden." Die jetzige Fassung stamme von 1982 und sei aufgrund der damaligen Militärdiktatur "faschistisch". Oktay Eksi, langjähriger Hauptkolumnist der Zeitung "Hürriyet", bestätigt die Notwendigkeit, die Verfassung neu zu formulieren. Doch die Kurden müssten nicht eigens erwähnt werden, weil Türken und Kurden die jetzige Republik gemeinsam gegründet haben. Das Problem müsse auf einer anderen Ebene gelöst werden, und die Kurden müssten sich vom Terrorismus distanzieren, fordert Eksi der die Initiative der Regierung eher kritisch sieht. Bejan Matur veröffentlicht ihre Texte auf Türkisch. Aber sie fordert vehement, dass die kurdische Sprache endlich vom Staat gefördert wird. In den Augen vieler Volkstürken habe sie lediglich das Niveau örtlicher Folklore. "Es ist dringend geboten, entsprechende Institutionen aufzubauen, die Filme, Literatur und Kompositionen in Kurdisch fördern." Bejan Maturs Lyrik bewegt sich in der Spannung zwischen kurdischem Denken und Fühlen und türkischer Sprache: "Manchmal spricht sie in ihren Gedichten davon, dass ihre türkische Ausdrucksweise stärker ist als ihre kurdische. Und dann wieder spricht sie davon, wie sich eine scheinbar tote Sprache versteckt hält in der lebendigen: Doch Worte vergessen ihre spirituelle Herkunft niemals", heißt es in einer Rezension.
Bei den AlevitenAuch die Aleviten, jene religiöse Minderheit im Islam, zu deren Glauben sich auch viele Kurden bekennen, wurden bis vor kurzem noch gänzlich vom Staat ignoriert. Schätzungen zufolge - genaue Zahlen gibt es nicht - sind mindestens zehn Millionen Menschen in der Türkei Aleviten; manche sprechen sogar von zwanzig Millionen. Sie verstehen sich wie die Schiiten im Iran und im Libanon als Nachkommen Alis, des Cousins und Schwiegersohns Mohammeds. Der Unterschied zur sunnitischen türkischen Mehrheit ergibt sich sowohl aus der eher individualistischen Theologie als auch aus der Praxis des gelebten Glaubens. Aleviten vertreten eine mystische Gottesbeziehung, die jedem Menschen individuell zukomme. Der Einzelne müht sich um Wachstum im religiösen Leben und begegnet Gott vor allem im Nächsten. Die gegenüber dem sunnitischen Glauben eher "liberale" Praxis, welche die Aleviten oftmals im Urteil anderer Moslems als Schismatiker, als Glaubensabtrünnige, erscheinen lässt, betont die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sieht die Einehe als höchsten Wert und befürwortet demokratisches Handeln Auch in der gemeinschaftlichen Form der Gottesverehrung underscheiden
8sich die Aleviten. Sie versammeln sich dreimal pro Woche zu Cems. Während Männer und Frauen beim Freitagsgebet der Sunniten traditionell getrennt beten und dem Prediger zuhören, sitzen Aleviten gemeinsam im Gebetsraum am Boden, singen und beten, tanzen. Die Predigt hält der Gemeindevorsteher. Aleviten gehen auch nicht zur Hadsch, sondern besuchen stattdessen die Gräber ihrer Heiligen, um dort zu beten. Im Istanbuler Stadtteil Üsküdar befindet sich das Grab des Ali-Nachfolgers Sultan Karacaahmet. Als der Gemeindevorsteher Muharrem Ercan im alevitischen Kulturzentrum zum Gespräch bittet, betont er die caritative Ausrichtung seiner Gemeinschaft, zu der etwa 6800 Gläubige zählen. Dreimal in der Woche gebe man an Bedürftige kostenlos Essen aus. Das Kulturzentrum bietet alevitischen Religionsunterricht an. Es ist auch der Ort für die rituelle Beschneidung männlicher Säuglinge. Zu den Diensten gehört ebenso eine Bücherei mit religiöser Literatur sowie Beratung in Familienangelegenheiten. Es gibt Kurse für rituellen Tanz, wie er in den Cems praktiziert wird, und auch Musikunterricht. Das Gemeindezentrum trägt sich ausschließlich durch Spenden. Obwohl die Aleviten Steuern zahlen und als Soldaten in der Armee dienen, gebe es vom Staat kein Entgegenkommen, moniert Ercan. Selbst die Energiekosten, die in sunnitischen Moscheen von der Religionsbehörde bezahlt werden, müsse man selbst aufbringen. ‚Wir erwarten, dass der Staat zu allen Religionen den gleichen Abstand und die gleiche Nähe pflegt." Auch wünscht sich Ercan, dass die Aleviten namentlich in der Verfassung als zu schützende Minderheit aufgenommen werden. Das würde bedeuten, dass der sunnitische Religionsunterricht kein Pflichtfach mehr wäre für alevitische Kinder. Am wichtigsten jedoch sei für alle Aleviten, dass es endlich einen Gedenkort gebe für das erlittene Unrecht, das den Aleviten angetan wurde. Ercan erinnert an einen Vorfall im zentralanatolischen Sivas. Dort hatte ein aufgestachelter Mob 1993 ein Hotel überfallen und es in Brand gesteckt. 37 alevitische Künstler - Schriftsteller, Musiker, Sänger - kamen ums Leben. ‚Wir erwarten, dass die Regierung endlich die Genehmigung für eine Gedenkstätte erteilt." Dies wäre ein wichtiges Signal für die offizielle Anerkennung der alevitischen Minderheit.
Christen als "Staatsfeinde"?Gleichermaßen zurückhaltend und skeptisch wie die Aleviten sind auch die Christen in der Türkei, für deren Rechte immer wieder westliche Regierungen, Weltkirchenrat, der Papst und Menschenrechtler eintreten. Nach Einschätzung von Otmar Oehring, Leiter der Fachstelle Menschenrechte beim Hilfswerk "Missio Aachen", gibt es derzeit keine Anzeichen für eine grundlegende Veränderung. Unter den 72 Millionen Türken leben nur 150 000 Christen. Vor hundert Jahren noch lag der Anteil bei zwanzig Prozent. Der gewaltige Schwund ergab sich aus staatlich angeordneter Vertreibung und Umsiedlung. Hunderttausende Armenier und orthodoxe Griechen aus Anatolien gingen ins Ausland. Für die im Land verbliebenen armenischen Christen zum Beispiel, die zahlenmäßig größte christliche Gruppe, ist die Lage immer noch bedrückend. Zwar betreiben die Armenier fünfzehn Schulen und ein Krankenhaus im Land. Der stellvertretende Patriarch konnte seine Sorgen vor kurzem immerhin persönlich der Regierung vortragen. Doch gebe es, wie Gorgun Feneriya, Pfarrer in Istanbul erzählt, viel Misstrauen den Christen gegenüber. Immer noch würden sie in Schulbüchern als "Staatsfeinde" bezeichnet. Und obwohl man mit den muslimischen Nachbarn im
9Alltag oft zusammenkommt, höre bei der Religion der Dialog auf. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit Vertretern christlicher Gemeinden in Istanbul ist der armenische Pfarrer zu höflich, um die tiefe Wunde seines Volkes offen anzusprechen: den Völkermord 1915, als mindestens 800 000 Armenier von Türken planmäßig umgebracht wurden. Bis heute stellt sich die türkische Regierung nicht ihrer Verantwortung. Allerdings gibt es einige Signale, die aufhorchen lassen. So haben die armenische und die türkische Regierung beschlossen, diplomatische Beziehungen aufzunehmen. Nach jahrzehntelangem Schweigen wird dies international als ein wichtiger Baustein zu einer Normalisierung der Verhältnisse gewertet. Beide Länder haben zudem eine Historikerkommission eingesetzt, die sich mit dem Genozid befasst. Und Staatspräsident Abdullah Gül besuchte demonstrativ im Sommer ein Fußballspiel - Armenien gegen die Türkei - in der Hauptstadt Eriwan. Die aufsehenerregende solidarische Internet-Versöhnungsinitiative (vgl. CIG Nr. 52/ 2008, S. 576) türkischer Intellektueller wurde jedoch verboten, und der Mord an dem armenischen Journalisten Hrant Dink zeigt, welchen Hass die Versöhnungsinitiativen überwinden müssen. Ob die erfreulichen Entwicklungen, wie so vieles, auf halbem Weg steckenbleiben oder langfristig Frucht tragen, muss sich erst noch zeigen. Mit Blick auf die Rechte der christlichen Minderheiten wird immer wieder der Vorwurf laut, Christen dürften in der Türkei keine Kirchen bauen. Faktisch hat die Regierung 2003 das Baurecht gelockert. Seitdem dürfen auch "Gebetsstätten" errichtet werden. Doch weil die nichtmuslimischen Religionen in der Türkei weiterhin keinen Rechtsstatus haben, müssen christliche Gemeinden, die sich versammeln möchten, Wohnungen oder Ladengeschäfte durch Privatpersonen anmieten, um dort Gottesdienste zu feiern - oft unter polizeilicher Beobachtung. Otmar Oehring: Neue Versammlungsorte dürfen nur von einem Trägerverein beantragt werden. Das Vereinsgesetz verbietet es jedoch, Vereine zu gründen, die eine religiöse Grundlage haben. Zumeist ende das juristische Verwirrspiel deshalb in lähmender Resignation. Zudem weigern sich meist Gouverneure oder Bürgermeister, Baugenehmigungen für christliche Gebäude zu erteilen. Das ist auch eine Überlebensfrage für die griechisch-orthodoxen Christen. Ihre bedrohte Existenz kam - immerhin - soeben während der aufgeregten Debatte um das Schweizer Minarett-Referendum in einigen türkischen Zeitungen zur Sprache, etwa in der liberalen "Sabah". Die bekannte Kolumnistin Nazli Ilzak schrieb: "Aber wenn wir ein Referendum gegen Kirchenglocken abhalten würden, dann würden wohl neunzig Prozent für ein Verbot stimmen - und das Land der Schande wären wir." Noch weiter ging der Publizist Mehmet Barlast "Haben wir vergessen, dass man bei uns Andersgläubige abgeschlachtet hat? Dass das Priesterseminar auf Chalki immer noch geschlossen ist?" Dieses Einfühlungsvermögen für Minderheiten in der sonst nicht gerade zimperlichen und von Nationalismus erfüllten türkischen Presselandschaft macht Hoffnung. Der nachdenklichen Avantgarde von Intellektuellen, die den Blick nach Europa gerichtet haben, ist zuzutrauen, den Spagat zwischen Tradition und Reform auszuhalten und das Land geistig zu erneuern.
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